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Full text of "Heraldik in Diensten der Shakespeare-forschung"

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Heraldik 



in Diensten der 



Shakespeare-Forschung. 



Selbststudien 



von 



Alfred von Mauntz. 



BERL.IN. 
MAYER X. MÜLLER. 

1903. 



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Alle Rechte, insbesondere jede Übersetzung 
in andere Sprachen vorbehalten. 



Inhalt 



8«ite 

Inhalts -Terzeichnis in— IV 

Vorwort V— XI 

Erste Stadie. 

Allgemeines 1—21 

Zweite Studie« 

Der Familienname Shakespeare 22 — 32 

Dritte Studie. 

Das Wappen Shakespeare's 33—73 

Yierte Sindie. 

Die Abstammung Shakespeare's 74 — 107 

Fünfte Stndie. 

Die heraldische Ansärncksweise Shake- 

speare's 108—162 

Beispiele 111—123 

Von Grefiihlsäusserungen, Schilderungen und Ver- 
gleichen 111—128 

Von Wortspielen und Witzeleien 124—127 

Verzeichnis einiger Einzelausdrücke • • 127 — 148 

Genealogische Aufzählungen 148 — 152 

Bin scharfes Turnier 152-160 

Ansprüche an Adlige und Ordensinhaber 160 — 162 

Sechste Stndie. 

Leuchtfeuer oder Irrlichter 163 — 311 

Der Phönix und Turteltaube 163—242 

Allgemeines 163—179 

Das Gedicht selbst 179—182 

Einleitendes zur Erklärung des Gedichts 183 — 184 

Alte Phönixsagen ' 184—187 

Heraldische Bemerkungen 187 — 196 

Worterklärungen 196—197 



IV 

Seite 

Weitere Schlüsse aus Vergleichen u. s. w. 197 — 240 

Die Überschrift 197—198 

Die ersten fünf Verse • 198—226 

Anthem und Threnos 226—237 

Der innerste Sinn des Gedichts 237 — 240 

Folgerungen 240—242 

Äusserungen von Zeitgenossen Shakespeare's • • • 242 — 311 

a) Robert Greene 242—247 

b) Thomas Nash 247—265 

c) Henry Chettle 255—275 

d) Gabriel Harvey 275—297 

Harvey's Anspielungen auf Shakespeare 297 — 305 

Harvey's „PMeldame" 305-312 

Siebe^e Studie. 

Proben auf die Exempel 312—325 

Nachwort 327-330 

Berichtigungen 331 



♦■♦•» 



Vorwort 



Wenn ich meine Studien über „Heraldik in Diensten 
der Shakespeare-Forschung" veröffentliche, so schwebt mir 
dabei ein doppeltes Ziel vor Augen. 

Einerseits möchte ich gern dem gebildeten Deutschen, 
der nicht Zeit noch Müsse hat, sich durch Berge von 
Büchern hindurch zu arbeiten, einen kurzen Einblick geben 
in die Schwierigkeiten, welche die Forschung nach Shake- 
speare's Abstammung und Aufkommen bei der Dürftigkeit 
des vorhandenen Nachrichten-Materials zu überwinden hat. 

Je mehr die unsterblichen Werke des grössten Dichters, 
den die Germanische Welt hervorgebracht hat, von Jahr- 
hundert zu Jahrhundert an Wertschätzung gewannen und 
sich zum Gemeingut aller civilisierten Völker auswuchsen, 
desto mehr drängte sich eine Frage auf, die leider kaum 
jemals genügend beantwortet werden wird, die Frage, auf 
welchen Wegen ein solcher Qeistesheroe zu seiner Grösse 
gelangt sein konnte? 

Die Blätter seiner Lebensgeschichte, von seiner Taufe 
an bis zu der Zeit, in der er die ersten Dichterlorbeeren 
um seine Stirne zu winden begann, weisen an zuverlässigen 
Nachrichten gar zu grosse Lücken auf. Aber man hat 
wenigstens zwei Behauptungen daraus löschen können, die 
ganz willkürUch hinein geschrieben waren und aus denen 



VI 

etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts jene exotische 
Amerikanische Pflanze — die Baconfrage — empor- 
wucherte. Nach Deutschland verirflanzt, fährt sie merk- 
würdiger Weise auch heute noch fort, immer neue phan- 
tastische Blüten zu treiben. 

Ein alter Beamter der Stratforder Kirche — höchst 
wahrscheinlich derselbe, auf dessen Erzählungen die 
Aubrey'schen Nachrichten über Shakespeare fussen — 
hat 1693 einem Herrn Dowdall, der Warwickshire bereiste 
und Nachrichten über Schlösser u. s. w. sammelte, erzählt, 
Shakespeare wäre in Stratford bei einem Fleischer in die 
Lehre gegeben worden, sei aber von seinem Meister weg- 
gelaufen nach London, dort Arbeiter bei einem Theater 
geworden und hätte so Gelegenheit gefunden, das zu 
werden, was er schliesslich wurde. 

Der Mann, welcher dieses erzählte, war 1693 über 
80 Jahre alt, jedenfalls bei Shakespeare's Tode noch ein 
kleines Kind. Er kann also nur Gerüchte erzählt haben, 
die über den Dichter im Umlauf gewesen sind. Ob diese 
auf Wahrheit beruhten oder nicht, ist nicht mehr fest- 
zustellen. Bejahenden Falles würden sie nur beweisen, 
was schon anderweitig bekannt ist, dass die Vermögens- 
verhältnisse seiner Familie zurückgegangen waren und dass 
der junge Mann vielleicht beim Eintritt in's Leben seinen 
Unterhalt mit Handarbeit verdienen musste, ehe es ihm 
glückte, auch seine Geistesprodukte zu verwerten. 

Aus diesen Schwierigkeiten, in denen er sich mög- 
licher Weise eine Zeit lang befunden haben kann, folgerte 
man, dass er von ganz niederer Herkunft gewesen sein 
müsse und dass er gar nicht soviel Schulbildung erworben 
haben könne, um die ihm zugeschriebenen Werke ver- 
fassen zu können. 



vn 

Beide Behauptungen entsprechen nicht den Thatsachen. 
Shakespeare; entstammte väterlicherseits einem wohl- 
habenden landeingesessenen, angelsächsischen Freisassen- 
Qeschlechte und mütterlicherseits aus einer Adelsfamilie, 
die zu den ältesten und vornehmsten Englands zählte, 
und was seine Schulbildung anbetrifft, so hatte sein Vater 
als Oberbürgermeister und langjähriger Eatsherr von 
Stratford reichlich Gelegenheit, seinem Sohne eine vor- 
treffliche Erziehung zu geben, denn thatsächlich gehörte 
die Schule in Stratford zu den besten Lehranstalten, die 
in jener Zeit in England vorhanden waren. 

Der heranwachsende Knabe hat in seiner Heimatstadt 
Alles lernen können, was die Lehrkräfte jener Zeit zu 
bieten vermochten, und dass er es gethan hat, kann aus 
seinen frühesten Arbeiten geschlossen werden. — Die 
Schulen legten damals dem Lateinischen hervorragenden 
Wert bei. Besonders Ovid wurde viel gelesen und Shake- 
speare's Bekanntschaft mit diesem Dichter kann an un- 
gezählten Stellen seiner Werke deutlich erkannt werden. 
Die Schilderung des Holofernes in „Verlorene Liebesmüh'" 
zeigt, dass er einen ähnlichen Schulmeister näher kennen 
gelernt haben muss und der Gebrauch des Wortes honori- 
ficoMlündinitatibits in diesem, vermutlich seinem ersten 
Lustspiel, deutet an, dass ihm auch Johannes de Balbi's 
Catholicon, das älteste lateinische Lehr -Wörterbuch, nicht 
unbekannt gewesen sein dürfte, insofern er dieses Wort, 
welches in jenem Buche als die „longissima dictio" der 
lateinischen Sprache bezeichnet wird, genau im ent- 
sprechenden Sinne verwertet. — 

Das ihm von der Natur verliehene Talent, welches bis 
in späte Lebensjahre hinein von ihm ausgebildet wurde, muss 
ein eigenartiges gewesen sein. Er muss von Jugend auf 



PRESCOTT HALL 
CAMBRIDGE. 






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Heraldik 



in Diensten der 



Shakespeare-Forschung. 



SelbststDdien 



von 



Alfred von Mannte. 



BERLIN. 
MAYER & MÜLLER. 

1903. 



Erste Studie. 



Allgemeines. 

Bei Shakeapeare's Geburt war das Mittelalter vorüber- 
gerauscht, die Zeit entflohen, in der — wie romantische 
Sagen berichten — einzelne Eecken durch ihre Kraft 
und ihre Waffengewandheit entscheidenden Binfluss auf 
den Gang der Männerschlachten ausüben konnten. 

Seit mehr als 200 Jahren donnerten Kanonen auf den 
Schlachtfeldern Englands und Pulverrauch hatte immer 
dichter sich ballende Dunstringe um den Glorienschein des 
alten Rittertums gelegt 

Mit der Erkenntnis, dass Rüstungen, Schilde, Lanzen 
und Speere Feuerschlünden gegenüber machtlös seien, 
hatte sich bei dem Adel — den Nachkommen der Ritter — 
die Einsicht Bahn gebrochen, dass seine heranwachsende 
Jugend anders erzogen werden müsse als bisher, wenn 
seine anererbten Vorrechte und sein Einfluss auf Bürgertum 
und Volk nicht ernstlich gefährdet werden soUtem So 
wurden denn die Enkel und Urenkel der alten Ritter in 
die Schule geschickt, um mit der Feder in der Hand* ajn 
Tisch zu sitzen und in Wissenschaften unterrichtet zu 
werden, anstatt in den Turnierhof, um, in Eisen gehüllt. 
Rosse zu tummeln und Lanzen zu brechen. Ungezählte 
Seufzer mögen hierbei von den vornehmen Herrchen gen 
Himmel geschickt worden sein vom Ertönen des ersten 
Palverschusses an bis zu unserem Zeitalter, dem es vor- 
behalten sein sollte, Massentödtungen auf weite Entfernungen 

in das Gebiet der Kriegskunst einzuführen! — 

1 



Wer wollte es unternehmen, die Verwünschungen, die 
das Grab des Pulver -Erfinders umschweben, zu zählen! 

Shakespeare giebt diesen Gefühlen des jungen Adels 
— vielleicht seinen eigenen -—Ausdruck, indem er eine 
seiner Lieblingsfiguren in fl 4 A. 1, 3, Heinrich Percy 
(Heisssporn) bei Wiedererz'ähluag der ihm in hohen Massen 
verächtlichen Anrede des faden Höflings, den einen Satz 
bestätigen lässt, der auf Erfindung des Pulvers anspielt: 

„Es wäre jammerhaft — und das ist wahr! — 
Dass man aus unsrer guten Erde Schoss 
Den schändlichen Salpeter graben musste, 
Der hinterrücksch viel Brave schon gemordet. — " 

Das Einschalten der drei kurzen Worte „so it was" er- 
zielt hier einen jener entzückenden Gedankenblitze, die 
wir an dem Dichter so sehr lieben, und die uns das 
Dunkel seiner Zeit für einen kurzen Augenblick zu er- 
hellen scheinen. 

Zur Zeit der Königin Elisabeth war es bereits Ge- 
brauch des hohen Adels geworden, die Söhne, vor Eintritt 
in den Staatsdienst, eine Universität besuchen und einige 
Jahre an den hohen Gerichtshöfen in London arbeiten zu 
lassen. Wenn nun auch diese Erziehung schon früh — 
meist bald nach dem 20. Lebensjahre — beendet war, 
mithin die Anforderungen an die Lernkraft der jungen 
Lords nicht gar zu bedeutend gewesen sein können, so 
muss diese Ausbildung immerhin ein wesentlicher Fort- 
schritt genannt werden gegen die Vernachlässigung der 
wissenschaftlichen Erziehung in früheren Generationen. 
Ausserdem war es Mode der hohen Herren geworden, auf- 
strebende Künstler und Dichter unter ihren persönlichen 
Schutz zu nehmen. Auch Shakespeare erfreute sich eines 
solchen Kunstmäcens in der Person von Henry Wriothesley, 
Earl Southampton, Baron von Tishfield, dem er die ein- 
zigen beiden Dichtungen, welche er persönlich in Druck 
gegeben hatte, widmete. Höchst wahrscheinlich war dieser 
Earl auch der schöne, junge Freund, den der Dichter in 



— 3 — 

einigen Sonetten feiert '), mit dem er wenigstens drei Jahre 
hindurch auf sehr vertrautem Fuss verkehrt zu haben 
scheint und von welchem er im Sonett 78 sagt: 

„Du bist meine ganze Kunst; Du hebst meine rohe Un- 
wissenheit hoch bis zur Gelehrsamkeit empor." 2) 

Diese Worte, denen noch viele ähnliche Dankesergüsse 
des Dichters beigereicht werden könnten, zeigen uns m. E. 
des letzteren Erkenntlichkeit dafür, dass die Persönlichkeit, 
die ihn unter ihren literarischen Schutz genommen hatte 
{his love)^ ihm Bildungs- und Lehrmittel zugüngig gemacht 
hat, die er sonst bei seiner Lebensstellung nicht hätte er- 
reichen können, wenigstens nicht, wenn wir der Verzagtheit 
Glauben schenken, die er im Sonett 29 ausströmt: 

„Wenn in der Menschen Ungnad' und des Glücks 
Ich weinend, ausofestossen, ganz aUein 
Zum tauben Himmel flehe — trüben Blicks 
Mich selbst verfluche und das Schicksal mein." 

Wir wissen nicht sicher, welcher Art die Unterstützungen 
Ovaren, welche der Dichter genossen haben mag, auch nicht, 
ob nur eine oder mehrere Personen ^) ihn beschützten, aber 
seine dialektfreie vornehme Schreibweise, seine Bekannt- 

1) Es ist der Forschung bisher nicht gelungen, unzweifel- 
haft sichere Beweise für diese von alter Zeit überlieferte und 
wahrscheinlichste Annahme beizubringen. — Seit länger als einem 
Jahrhundert sind scharfsinnisfe Mutmassungen in Masse aus- 
gesprochen und die gewagtesten Theorien darauf aufgebaut worden 
Southampton könnte der Freund nicht gewesen sein, viel eher 
müsse man Pembroke oder gar Essex darunter suchen u. d. m.; 
— aber nach Ansicht bedeutender englischer und deutscher 
Shakespeare - Gelehrten der heutigen Zeit ist die Southampton - 
Theorie die natürlichste und die bei weitem am besten bewiesene. 
Vgl. meine Übersetzung der Gedichte Shakespeare's, Seite 303, 305, 
306, 307. 

2) Es sind Anzeichen vorhanden, die dafür sprechen, dass er 
den ersten literarischen Schutz von einer klugen älteren Dame 
erhalten hat, die ihn kurz vor der Zeit, in welcher sich Earl 
Southampton seiner annahm, im Stiche gelassen zu haben scheint, 
auf welche sich obige Stelle auch beziehen mag. Vgl. letzte Studie. 

1* 



— 4 — 

Schaft mit höfischen Sitten, aristokratischen Umgangs- 
formen, Sprache, Turnierregeln und Wappenzeichen sowie 
seine Verwendung heraldischer Ausdrücke werden wol 
anstandlos auf den Verkehr mit hochstehenden Persönlich- 
keiten zurückgeführt werden können. Sicherlich hat er 
von solchen in diesen Eichtungen Anregungen oder Be- 
lehrungen empfangen. Und Shakespeare dürfte ein auf- 
merksamer Schüler gewesen sein, denn wo immer er von 
diesen Dingen oder von Rittern, hohen Lords u.s.w. schreibt, 
merkt man eine hellere Tonart in seinem Stil — man fühlt 
gewissermassen, dass er niederschreibt, was ihm vom 
Herzen zu kommen scheint. Den Wert hoher adliger 
Geburt weiss er tiberall hervorzuheben, besonders, wenn 
der Betreffende von edler Gesinnung ist, aber auch hoch- 
stehenden Persönlichkeiten von minderwertigem Charakter 
unterlässt er nicht, immer einige ritterliche Züge zu- 
zusprechen. In Sonett 70 giebt er unumwunden seiner 
Hochschätzung vornehmer Geburt Ausdruck: „Der Wert 
derjenigen, welche von der Zeit umworben werden, 
ist nur um so grösser." Bei solcher Verehrung des Adligen 
und Bitterlichen versteht es sich fast von selbst, dass er 
sich auch um den Wissenszweig gekümmert haben wird, 
welcher seine hauptsächhchste Förderung, ja — soweit er 
heute in Betracht kommt — seinen eigentlichen Ursprung 
aus der Zeit der Kreuzzüge herleitet, nämlich um die 
Heraldik, d. h. um die Lehre von den Unterscheidungs- 
zeichen der Völker, der Volksstämme, der Familien, der 
einzelnen Personen untereinander, und von Wappen, Wappen- 
zeichen, Waffen, sowie von deren Verwendung und Be- 
schreibung in Fachausdrücken. In den andern Ländern 
(wenigstens bis zum 17. Jahrhundert) führte nur der Adel 
Wappen, in England dagegen war das Führen eines 
Wappens notwendig, um überhaupt für einen „wohl- 
geborenen" Mann (gentleman) gelten zu können, was zui' 
Folge hatte, dass die Heraldik dort früher volkstümlich 
wurde, als auf dem Continent. Auch aus dieser Thatsache 
lässt sich schliessen, dass Englands grösster Dichter die 



— 5 — 

Strömung seiner Zeit, aus welcher später die moderne 
Heraldik entstehen sollte, nicht unbeachtet gelassen 
haben kann. 

Wenn die alten Ritter ins Feld zogen, hüllten sie sich 
von Kopf bis zu Puss in Eisen. Um sich von einander 
zu unterscheiden, belegten sie ihre Schilde mit 'gewissen 
Zeichen, Figuren oder Tierbildern. Diese wurden später 
auch im Frieden bei den Turnieren und anderen feierlichen 
Gelegenheiten zu Kennzeichen der betreffenden Familien, 
wurden im Laufe der Zeit erblich und schliesslich auch in 
die Handsiegel aufgenommen. — So entstanden die Wappen 
(arms). Solche stickte man später auf die Wämser über 
den 'Rüstungen, daher der Name „coats armour"^ und auf 
die Belegdecken der Streitrosse — foot'Clothes — . — 

Wenn der Mensch eine bestimmte Kulturstufe erreicht 
hat, wird ihm Familienstolz mit angeboren und anerzogen ; 
die Thaten seiner Ahnen werden ihm immer und immer 
wieder erzählt und als Beispiele zur Nachahmung vor- 
gehalten. Diesem Gefühle giebt unser Goethe den Ausdruck: 

„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, 
Der froh von ihren Thaten, ihrer Grösse 
Den Hörer unterhält." 

Dann wurde es Sitte der Fürsten und hohen Führer, sich 
im Kampfe noch besonders kenntlich zu machen. Sie 
steckten entweder ihr Schildbild oder ein anderes Zeichen 
hoch oben auf den Helm und so entstand der Helmschmuck, 
das Helmkleinod, die Zimier — er est — , in der englischen 
Heraldik das wichtigste Wappenzeichen. 

Ausserdem wurde häufig die Gefolgschaft eines Eitters 
durch Kleider von bestimmtem Schnitt oder Farbe oder 
durch gewisse sichtbar zu tragende Abzeichen — badges — 
gekennzeichnet. 

Die in hohem Familienstolz erzogenen Söhne der 
alten Ritter behielten, um das Andenken an ihre Väter zu 
ehren, die von letzteren gebrauchten äusseren Abzeichen 
bei. So wurden die Wappen u. s. w. erbliche Kenn- 
zeichen der Familien. 



— 6 — 

In der Folge vergrösserte sich die Zahl der Wappen- 
berechtigten, je nachdem mehr und mehr Familien dieses 
Eecht für sich in Anspruch nahmen. Dies führte zur Ein- 
führung von Wappen-Gesetzen und deren Aufrechterhaltung 
machte die Anstellung von Wappen -Offizieren notwendig. 
So entstanden die Herolde, Heroldskönige — Wappenkönige 
— ofßcers of arms oder at arms — . 

In. England wurden die Handsiegel erst aus Frankreich 
von den Normannen miteingeführt. 

Unter Richard I. (1189—99) erschienen die ersten 
Wappenzeichen in den Siegeln. 

Eduard HI. (1327 — 77) ernannte vier Herolde. Dies 
war die erste geschichtlich nachweisbare Ernennung von 
Wappenoffizieren, obgleich z. B. ein Heroldkönig schon 
früher unter Eduard I. erwähnt wird. In einer Quittung 
aus 1275 lautet es: „Rex hyrcmdorum citra aquam de 
Trent ex parte Boreale^^ worunter der heutige Norroy- 
Wappen-König und dessen Bezirk zu erkennen ist. — Die 
Würde des Earl- Marschalls ist sogar schon von Wilhelm 
dem Eroberer (1066—1087) gestiftet worden. 

Heinrich V. (1413—22) vereinigte die Wappenoffiziere 
in ein CoUegium — College of Arms oder Office at arms — . 
Letztere Behörde wollen wir hinfort „Wappen -Amt" 
nennen. 

Eichard III. (1483— 85) stattete diese, dem Earl-Marschall 
unterstellte Behörde mit besonderen Vorrechten aus. 

Etwa ein Jahrhundert vor Shakespeare erreichte das 
Wappen -Amt seinen Höhepunkt an Macht und Ansehen. 
Die Personen, deren heraldische Ehrenrechte durch die 
Herolde anzuordnen und zu überwachen waren, konnten 
ihrer Zahl nach leicht übersehen werden und das Volk, 
in welchem das Gefühl für persönliche Freiheit noch 
schlummerte, empfand die Ausübung der heraldischen 
Eechte nicht als Willkür. 

Indessen der Unabhängigkeitstrieb sollte bald in der 
Menge — in dem „plumpen Ungetüm mit ungezählten 
Köpfen" — erwachen. Ein wohlhabender aind einfluss- 



— 7 — 

reicher Mittelstand war erstanden, der nicht mehr geneigt 
war, die Autorität der Herolde blind anzuerkennen. — 
Etwa um 1500 begann ein 150 Jahre und länger dauernder 
Krieg der Wappenamtsbeamten mit den zum Wappenführen 
Berechtigten und mit den Angehörigen jenes Mittelstandes, 
welche die Schranken der heraldischen Standesunter- 
scheidungen zu überschreiten versuchten, indem sie, ohne 
die Herolde zu fragen, oft in direktem Ungehorsam, eigen- 
mächtig Änderungen an ihren Wappen vornahmen oder 
sich gar neue Wappenzeichen anmassten. 

Die geschichtlichen Vorgänge, welche das Empor- 
wachsen dieses Mittelstandes in England begünstigt hatten, 
schildert Macaulay höchst treffend im 1. Kapitel seiner 
Geschichte Englands: 

„Nach Beendigung dieser beiden Umwälzungen" 
(Magna Charta und Aufhebung der Leibeigenschaift) 
„waren unsere Vorväter unzweifelhaft das bei Weitem 
„am besten regierte Volk in Europa. Drei Jahrhunderte 
„hindurch hatten sich die socialen Verbältnisse in stetig 
„besserndem Aufschwünge befunden. Unter den ersten 
„Plantagenets gab es Barone, die ihrem Könige trotzen 
„konnten, und Bauern, die mit den Schweinen und Ochsen, 
„welche sie hielten, auf die gleiche Lebensstufe herab- 
„gedrückt waren. 

„Die übermächtige Stellung der Barone war schritt- 
„weise zurückgedrängt, die Lage der Bauern war schritt- 
„weise verbessert worden. Zwischen der Aristokratie 
„und den Arbeitern war ein Landwirtschaft und Handel 
„treibender Mittelstand ins Leben getreten." 

und an anderer Stelle: 

„Nach den Kriegen zwischen York und Lancaster, 
„wurden die Glieder, welche Adel und Bürgerschaft mit 
„einander verbanden, enger und zahlreicher, als je früher. 
„Die Grösse des Niedergangs der alten Aristokratie lässt 
„sich aus folgenden einzelnen Thatsachen ermessen. 1451 
„berief Heinrich VT. 53 weltliche Lords ins Parlament. 



— 8 — 

„Hcörnrioh VII. konnte in das Parlament von 1485 nur 29 
„weltliche Lords berufen und von diesen 29 waren mehrere 
„erst neuerdings zu Peers ernannt worden. Während des 
„folgenden Jahrhunderts wurde der hohe Adel reichlich 
„aus den Reihen des niederen ergänzt. Die Verfassung 
„des Hauses der Gemeinen trug nur dazu bei, die segens- 
„reiche Vermischung der verschiedenen Stände zu fördern. 
„Das Parlamentsmitglied {Kmght of the shire) war das 
„Bindeglied zwischen Baron und Ladenbesitzer. Auf den- 
„selben Bänken mit Goldschmieden, Tuchmachern und 
„Krämern sassen Mitglieder, welche in jedem andern Lande 
„hohe Edelleute genannt worden wären, erbliche Lords 
„mit Landsitzen, berechtigt, Hof zu halten, Wappen zu führen 
„und ihre adlige Abkunft viele Geschlechter aufwärts 
„nachzuweisen. Einige von ihnen waren jüngere Söhne 
„und Brüder grosser Lords. Andere konnten sich sogar 
„königlichen Blutes rühmen. Demnächst bot sich der älteste 
„Sohn des Earls von Bedford, der, wie gebräuchlich, den 
„zweiten Titel seines Vaters führte, als Candidat für das 
„Haus der Geraeinen an und seinem Beispiele folgten bald 
„mehrere. Sassen die Erben der Grossen des Königreichs 
„erst im Hause der Gemeinen, so wurden sie naturgemäss 
„ebenso eifrige Verteidiger der Vorrechte desselben, als 
„die niederen Bürger, mit denen sie sich zusammen befanden. 
„So war unsere Demokratie von frühen Zeiten her die 
„aristokratischste und unsere Aristokratie die demokratischste 
„der Welt, — eine Eigentümlichkeit, die bis zu heutiger 
„Zeit gedauert und viele moralische und politische Erfolge 
„gezeitigt hat." — 

Bei zunehmendem Wohlstande musste auch das Be- 
streben wachsen, in eine höhere sociale Stellung zu gelangen, 
um so mehr, wenn man erwägt, wie strenge die Standes- 
Unterscheidungen im Verkehr der Menschen zum Ausdruck 
kamen und wie weniger Rechte sich die niederen Stände 
den höheren gegenüber erfreuten. Obgleich erstere nicht 
mehr Leibeigene waren, so könnte doch aus Wort, Schrift 
und Umgangsformen, wie sie damals herrschten, beinahe 



— 9 — 

geschlossen werden, sie wären es noch gewesen, das Ver- 
hältnis der Freien zum Unfreien, des Herren zum Diener, 
wie es sich bei Entwicklung des Menschengeschlechts in 
verflossenen Jahrtausenden herausgebildet hatte, wirkte 
eben im Stillen weiter fort — kein Wunder, denn selbst 
in den freisten und fortgeschrittensten Ländern lassen sich 
die Spuren dieser Unterscheidungen noch heute unschwer 
verfolgen. 

Für Aufrechterhaltung der Standesunterscheidungen, 
besonders der Vorrechte des hohen Adels, «orgte in England 
die Stemkammer in allen den Fällen, in denen die Landes- 
gesetze nicht ausreichten. 

Die Stufenleiter der gesellschaftlichen Eangordnuug in 
England war zu Shakespeare's Zeit, von unten beginnend, 
etwa folgende: 

1. Auf niederster Stufe stand der Mann, der seinen 
Lebensunterhalt durch physische Körperkraft, oder Hand- 
arbeit erwerben musste. Er wurde schriftlich wie mündlich 
bei seinem Vor- und Zunamen, ohne jeden Zusatz genannt; 
wollte man ihn von Gleichnamigen unterscheiden, so fügte 
man wol sein Handwerk oder seine Beschäftigung hinzu. 

2. Wer ein Stück Land mit einem Häuschen darauf 
sein eigen nennen konnte^), wurde je nach der Grösse 
seines Besitztums Yeoman — yeoman — ^) „oder Freisasse 
— freeman, freeholder, frankelein, franklin^) genannt und 



"i) Zur Zeit Karls n., also etwa 50 Jahre nach Shakespeare 
bildeten die kleinen ^ßig^ntümer, die ihre Felder mit eigener 
Hand bebauten und sich eines bescheidenen Einkommens er- 
freuten, ohne Anspruch auf Wappen und Helmschmuok zu er- 
heben, oder auf der Richterbank sitzen zu wollen, einen grösseren 
Teil der Nation, als jetzt: etwa 160000 Eigentümer mit einem Bin- 
komm«in von 60 — 70 £ jährlich (Macaulay Geschichte Englands, 
Kap. 3. Seite 329). 

2) „y«o" zusammenhängend mit dem deutschen Worte y,Gau". 

8) Leistete ein Preisasse freiwillige Bürgschaft (frankpledge) 
füT das Wohlverhalten der übrigen Freisassen in seiner Zehntschaft, 
so wurde er: „frankpleffger^. Aus diesen setzte sich unter dem 



— 10 — 

diese Stellung meist als Titel seinem Namen vor- oder 
nachgesetzt". 

3. Auf nächsthöherer Stufe stand der „Herr", *) oder 
„Meister", „Magister", „Maister", „Master", „Mister". Ein 
solcher erhielt im mündlichen, wie schriftlichen Verkehre 
das Prädikat „Mr." vor den Namen gesetzt. Er war 
gemeiniglich der Oberleiter von Erwerbszweigen, in denen 
mehrere Arbeiter beschäftigt wurden, oder der Besitzer 
von so viel Vermögen, dass er und seine Familie nicht 
mehr auf Handarbeit angewiesen waren. 

Im Laufe der Zeit hat sich das Prädikat „Mr." ver- 
allgemeinert und steht heut zu Tage Jedermann zu, aber 
zu Shakespeare's Zeiten bedeutete es den Titel, mit welchem 
eine Persönlichkeit zuerst aus der groben Masse des Volks 
herausgehoben wurde, wie Kircheneintragungen, Gerichts- 
akten, Strafverfügungen, Kauf- und Pachtverträge und 
sonst erhalten gebliebene Schriftstücke beweisen. 

Shakespeare's Vater scheint solche Standeserhöhung 
erfahren zu haben. Nachdem er 10 Jahre im Dienste der 
Stadt Stratford und zwar in Stellen, welche von dem „Leet 



königlichen Gerichtsverwalter (steward of the leet) eine Gerichts- 
commission zusammen, um über die Angelegenheiten der Freisassen 
zu urteilen. Das war der „Court Leet in View of Frank -Pledge*^. 

^) Das Wort ,,Herr" als Titel erscheint im Englischen in 
Schattierungen, die sich im Deutschen nur dujch Zusätze wieder- 
geben lassen. Ich wähle folgende Übersetzungen: 

„Mister = Mr."^ durch „Herr", — „Gentleman*^ durch „Wohl- 
geborener Herr**, — „Eaquire*^ nach dem Namen durch „Hoch- 
wohlgeborener Herr**, — w^***" vor dem Vornamen durch Hoch- 
und Wohlgeborener Herr**. 

Diese Übersetzungen decken, wie ich ausdrücklich 
hervorheben muss, die Begriffe nicht vollständig, aber der 
Wert der englischen und deutschen Titulaturen kommt einander so 
nahe, wie es m. E. bei der Verschiedenheit der beiden Sprachen 
möglich ist. 

Auch im Englischen hat man analoge Zusätze, z. B. most 
honorable, right honorahle, honorable = ehrenwertest, recht ehren- 
wert, ehrenwert, aber nur, wenn von Angehörigen des hohen 
Adels, nobüity, die Bede ist. 



— 11 — 

in View of FrankpUdge" zu besetzen waren, gestanden hatte 
und nachdem in dieser Zeit sein Name stets ohne Prädikat 
geführt worden war,') erscheint er zuerst 1567 auf der 
Anwärterliste zum „high bailif^ (Ober Stadt- Vogt oder 
Bürgermeister) und dann immer weiter bis zu seinem Tode 
als „Mr," Auch die Taufeintragungen seiner ersten fünf 
Kinder sind ohne, die der letzten drei mit diesem Prädikat 
eingetragen, z. B.: 

1569. April 15. Jone the daughter of Jon Shakspere 
1571. Sept. 28. Anna filia Magistri ShaJcspere 

und aus den Sterbelisten: 

1601. Sept. 8. Mr. Johannes ShaTcspeare^), 

Obgleich dieses Mr, vor dem Namen von Behörden 
und Volk hoch geachtet wurde und sehr häufig nachweisbar 
ist, so wird es dennoch in den heraldischen Werken, welche 
mir zugänglich waren, als Standesunterscheidung nicht 
aufgeführt. Das Wort Master kommt allerdings darin vor, 
aber nur in Verbindungen, die den Titel eines hohen Amtes 
bilden, wie „Marter of the horse^^ Oberstallmeister, „Master 
of the Eolls" Urkundenbewahrer, „Master of Arts (M. A,)^ 
Magister der schönen Künste u. s. w. Den Grund hierfür 
möchte ich darin suchen, dass die Herren — Misters — 
sobald sie in entsprechende Lebensstellung gelangten, sich 
wohlgeborene Herren — gentlemen — nannten und that- 
sächlich von anderen so genannt wurden. Die Hofrang- 
Ordnung aller Männer Englands in „Grund züge der Heraldik" 
von M. A.Porny 1795 führt als drittletzte Klasse ihrer langen 
Eeiheauf: „Durch Amt, oder Erwerbsart wohlgeborene 
Herren — gentlemen hy office or profession^. Neben andern 
dürften unter dieser Bezeichnung auch die Leute gemeint 
sein, die mit dem Prädikat „Mr." vor dem Namen eine 



1) Vorausgesetzt, dass die alten Aufzeichnungen über Jöhn 
Shakespeare sich auf ihn beziehen, was aber unsicher ist, insofern 
mehere John Sh.'s gleichzeitig in Stratford und Umgegend nach- 
gewiesen werden können. 



— 12 — 

Lebensstellung einnahmen, wie sie von wohlgeborenen 
Herren — genflemen — beansprucht wurde. 

4. Auf nächsthöherer Stufe stand der wohlgeborene 
Herr — gentleman — . Er erhielt in Schriftstücken das 
Prädikat „gen^^ oder „gent" hinter seinem Namen. Jetzt 
wird dieser Titel, wie auch jyMrJ^ allgemein gebraucht und 
jedem gegeben, der unabhängig und anständig zu leben 
scheint. 

Ursprünglich gab es keinen Unterschied zwischen 
„gentle^^ edel und „mbl&^ doch im Laufe der Zeit trennten 
sich die Begriffe, so dass man jetzt ungefähr *) verdeutschen 
kann: zum niederen und zum hohen Adel gehörig. 

„Ein gentleman ist derjenige, dessen Namen und 
Wappen in den Matrikeln der Herolde eingetragen steht", 
so erklärte rundweg ein alter Wappenkönig und auch 
das heutige Wappenamt hält noch mehr oder weniger an 
diesem Satze fest. Freilich hat er keinen reellen Wert 
mehr, denn die Bedingungen die er stellt, sind zu reinen 
Geldfragen geworden. Für 1600—2000 Mark kann Jeder- 
mann ein Wappen kaufen, das mit seinem Namen in 
die Matrikeln eingetragen wird; für eine weitere Abgabe 
von 41 — 42 Mark jährlich darf er dann dieses Wappen 
überall führen. Dagegen darf sogar ein ererbtes Wappen 
so lange nicht öffentlich geführt werden, als letztere Steuer 
nicht gezahlt wird. 

Zur Gerechtsame einiger Ämter gehört es, dass ihre 
Inhaber teils auf Lebenszeit, teils für die Dauer ihres 
Amtes ex officio „gentlemen^' tituliert werden. 

Die „wohlgeborenen Herren mit einem Wappen" bilden 
also die unterste Rangklasse, welche das Wappenamt als 
solche heraldisch anerkennt. 

Auch diese Klasse zerfiel früher ihrem heraldischen 
Werte nach in mehrere Stufen. Die niederste wurde spott- 



1) Ungefähr ; denn auch der wohl geborene Herr mit einem 
Wappen — gentleman bearing coat annour — nimmt in England 
nicht ganz die SteUung ein, wie der niedere Adel in andern Ländern. 



— 13 — 

weise j^aper and loax gentlemen, — edel durch Papier und 
Siegellack" genannt. Es waren Männer, die ohne persön- 
liche Verdienste ein Wappen erworben hatten (zu vergleichen 
mit dem käuflichen Briefadel anderer Länder). Dann folgten 
die gentlemen, denen die Krone ein Wappen und die Stellung 
eines wohlgeborenen Herren verliehen hatte, als Belohnung 
für von ihnen selbst, oder von einem ihrer Vorfahren 
geleistete, meist militärische Verdienste. Dann folgten 
Herren, „wohlgeboren durch Verjährung — gentlemen hy 
prescription^^ d. h. solche, die von ihrer Geburt an wohl- 
geboren zu sein behaupteten, ohne es beweisen zu können, 
aber auch ohne dass es ihnen bestritten wurde; dann folgte 
schliesslich die am höchsten geschätzte Art — die „durch 
Geburt wohlgeborenen Herren — gentlemen of blood^^ 
d. h. solche, die 4 Generationen aufwärts von wohlgeborenen, 
Wappen führenden, Ahnen abstammten, d. h. eine Ahnen- 
tafel von 16 zur Wappenftihrung berechtigten Ahnen nach- 
weisen konnten. 

5. Die dann folgende Stufe der Rangordnung nahmen 
die Esqmres^ hochwohlgeborene Herren, ein. Dieser Titel 
gebührte: 

a) Den ältesten Söhnen der Knights-^iii^r — und 

b) den jüngeren Söhnen der Nobility — des höheren 
Adels. — 

Ausserdem führten ihn die Inhaber gewisser civiler 
und militärischer Ämter zum Teil auf Lebenszeit, zum Teil 
auch nur für die Dauer der Anstellung. 

Ursprünglich nannte man die Schildträger der Fürsten 
und Eitter Esquires, hochwohlgeborene Herren, deren 4 dem 
Könige folgten, während die anderen ritterlichen Herren 
sich mit einer Gefolgschaft von 2 zu begnügen hatten. In 
dieser alten Zeit wurden Esquires auch durch Königliches 
Patent ernannt und dadurch ausgezeichnet, dass sie silberne 
Sporen anlegen durften. Ausserdem wurden sie mit einer 
besonderen silbernen Kette geschmückt — einer sogenannten 
S. S. Kette, d. h. sacrosancta^ weil dieser Schmuck für 



— 14 — 

ritterliche Männer und Frauen ursprünglich religiösen Ur- 
sprungs gewesen war. 

In der Jetztzeit hat der Titel Esquire seine besonders 
ehrende Bedeutung verloren. Man setzt ihn in Brief- 
aufschriften hinter die Namen aller Gebildeten. 

6. Auf nächsthöherer Stufe standen die Knights^ Ritter. 
Sie hatten das Prädikat „Sir" vor dem Namen — Hoch- 
und wohlgeborener Herr — . Den Titel „Knight" setzte 
man immer noch hinter den Namen, auch wenn die vorher- 
gehenden Titel u. s. w. in der Rangordnung höher galten. 
Es gab 2 Klassen von Knights ''Rittern — . Die untersten 
bildeten die Knights -bachelor -'Ritter auf Lebenszeit, wie 
man wohl übersetzen muss, denn mit bachelor^ Junggesell, 
hatte der Titel nichts zu thun'); er stand dem Träger 
für die Dauer seines Lebens zu, war aber nicht erblich. 
Diese Klasse lebt fort in Gestalt der Ritter von solchen 
Orden, wie sie in den meisten Ländern von den Häuptern 
der Regierung noch heute verliehen werden. 

Die höheren Klassen bildeten die Knights -bannet-et, 
die gebannerten Ritter, ein Titel, der nicht vererbbar, aber 
in alter Zeit hoch geachtet war. Sie folgten dem Range 
nach unmittelbar hinter den Baronen. 

Die Krone hatte das ihr zugehörige Land in Knights- 
fees^ Ritterbesitze eingeteilt. Jeder Besitzer, den sie ein- 
setzte, sollte sich zum Knight-banneret schlagen lassen und 
übernahm damit, neben anderen Lasten, auch die Ver- 
pflichtung, im Falle eines Krieges mit einer bestimmten 
Anzahl streitbarer Männer auf festgesetzte Zeit Kriegs- 
dienste zu leisten. 

Je höher die Kultur des Landes stieg, desto schwerer 
wurden die Lasten empfunden, welche dieser Ritterdienst 
— Jmights- Service — r egale seriyitlum mit sich brachte. 
Kosten und Aufwand beim Besitzantritt und bei der Reise 
nach London zum feierlichen Ritterschlag, hohe Steuern 



^) Das "Wort „bachelor^ in diesem Gebrauch soU aus dem 
französischen „bas Chevalier^ entstanden sein. 



-- 15 ~ 

im Frieden und grosse Opfer im Elriege entpuppten sich 
allmählig als Nachteile, denen als Vorteile eigentlich nur 
die Ehrungen der Hofrangordnung gegenüber standen. 
Kein einziger Morgen des Ritterbesitzes durfte ohne be- 
sondere, teuer zu bezahlende Erlaubnis veräussert werden. 
Starb der Besitzer, und der Sohn war minderjährig, so 
übernahm die Krone die Vormundschaft und den grössten 
Teil der Einkünfte bis zur Grossjährigkeit. Starb er ohne 
Nachkommen, so fiel der Besitz an die Krone zurück. Im 
Laufe der Zeit mehrten sich die Fälle, dass die minder 
begüterten Anwärter das „regale servitium" nicht antraten. 
Auch die für solche Fälle festgesetzten Abstandsgelder 
wurden immer mehr und mehr widerwillig gezahlt. 

Königin Elisabeth konnte diese Gelder noch eintreiben 
lassen, aber als König Karl I. dasselbe thun wollte, erregte 
die Anordnung schon so viel böses Blut, dass er Abstand 
davon nehmen musste. König Karl II. hob das missliebige 
Gesetz und damit die Würde der gebannerten Ritter de factu 
auf. De jure besteht selbige jedoch noch heute fort. ') 
Praktische Bedeutung hat letzteres nicht, denn alle Ehrungen 
der gebannerten Ritter sind auf die 1611 geschaffenen 
Baronets — Baronets, übergegangen, letztere also an Stelle 
der ersteren getreten. 

Die Baronets stehen zwischen dem niederen und hohen 
Adel und unterscheiden sich von letzteren wesentlich nur 
dadurch, dass sie nicht Mitglieder des Hauses der Lords 
sind. Sonst aber vererbt Titel und Besitztum, wie beim 
hohen Adel. 

So ist es nur natürlich, dass die gebannerten Ritter, 
welche es erschwingen konnten, die Spesen zu zahlen, 
gerne den Baronetsrang für sich erwarben, um sich und ihre 
Nachkommen dem „regale servitium" zu entziehen, ohne 
dabei eine Einbusse an äusseren Ehrungen zu erleiden. 



1) -König Wilhelm IIL hat 1764 den letzten Knight banneret 
ernannt. 



— 16 — 

7. Weiter aufwärts in der Rangordnung steht die« 
noUlity, peerage — der hohe Adel, nämlich die Barons 
Barone, Viscounts Vicegrafen, Earls Grafen, Marquess 
Marquis und DuJces Herzöge.*) 

Wesentliche Änderungen in der Stellung und Ver* 
fassung des hohen Adels seit Shakespeare's Zeiten sind 
mir nicht bekannt geworden. 

Ein, vom Parlamente genehmigtes, die heraldischen 
Verhältnisse regelndes Gesetz gai) es nicht und so wurde 
es möglich, dass zwischen Publikum und Herolden Zwistig» 
keiten, wie die- oben erwähnten, das ganze 16. Jahrhundert 
und die erste Hälfte des 17. ausfüllen konnten. 

Besonders bei Leichenbegängnissen, bei denen heral* 
discher Prunk sehr beliebt war, hatten die Provinz- 
Wappenkönige und ihre Abgesandten häufig einen schweren 
Stand, wobei es ihnen nicht immer gelang, Ehrungen, die 
sie für unberechtigt hielten, hintan zu halten. Das Tage- 
buch eines Herolds — eines Sir William Dugdale — aus 
dem Anfänge des 17. Jahrhunderts ist erhalten geblieben. 
Darin wird ergötzlich geschildert, wie er in seinem Be- 
zirke oft sunmiarisch, aber ohne Erfolg gegen unberechtigte 
Wappenzeichen eingeschritten sei. So oft er auch letztere 
zerstören oder unkenntlich machen liess, so oft wurden sie 
auf Geheiss der heraldischen Frevler wiederhergestellt.^) 

Dieses unerquickliche Verhältnis dauerte noch so lange, 
bis Cromwel's Republik mit anderen Feudal -Vorrechten 
auch die Gerechtsame des „Earl Marshai" weggefegt hatte. 

Erst einer späteren Zeit sollte es vorbehalten sein, 
das Wappen -Amt, d. h. also die Office of Arms unter 
dem Ea^l Marshal^ auf gesetzlicher Grundlage und nach 
modernen Anschauungen wieder aufzurichten. 



1) über den Herzögen aufwärts folgten: a) Verschiedene 
höchste Staats- und Kirchen -Würdenträger, b) der Regent, faUs 
solcher vorhanden, c) die Prinzen von königlichem Blut nach 
dem Grade ihrer Verwandtschaft, d) der Prinz von Wales, e) der 
König. 

2) Encyclopaedia Reraldica, Introducüon pag. IV, 



— 17 — 

Zu Shakespeare's Zeiten war das Bestreben, auf der 
heraldischen Leiter emporzuklimmen, bereits in die Wünsche 
weiter Kreise vorgedrungen. Dafür sprechen viele An- 
zeichen, abgesehen von den Schritten, die des Dichters 
Vater, bezw. er selbst in dieser Beziehung gethan haben 
und die in einer folgenden Studie behandelt werden sollen. 

Die Literatur z. B. fing an, sich der Heraldik zu be- 
mächtigen.. Die ersten heraldischen Werke erschienen in 
England im Druck. Durch dieselben wurden bestimmte 
Ausdrücke und Redensarten für die heraldische Fach- 
sprache festgelegt, welche bis dahin nur zum Sprachschatz 
der vornehmen Engländer gehört hatten. Die Fachausdrücke 
der Heraldik — der Jagd — des Krieges — der Turniere und 
— der sonstigen Kampfspiele stammen in überwiegender 
Mehrzahl " von den Normannen her, sind also fast sämtlich 
französischen Ursprungs und mussten in alter Zeit denen 
geläufig sein, welche einen Anspruch auf den Titel 
„Oentleman" im modernen Sinne erhoben. Mit dem Ver- 
falle des Rittertums drohten diese Fachausdrücke in Ver- 
gessenheit zu geraten und es wäre auch wol geschehen, 
wenn nicht die nun beginnende Pflege einer mehr wissen- 
schaftlich betriebenen Heraldik veranlasst hätte, dass sie 
erhalten blieben und jetzt dem Geschichtsschreiber will- 
kommenen Anhalt für seine Beweislieferungen bieten 
können. 

Man kann wol behaupten: Das Ende des mittelalter- 
lichen Rittertums und der Anfang der Pflege der modernen 
Heraldik fallen zusammen. 

Soviel ich ermitteln konnte, sind grade zu Shake- 
speare's Lebzeiten die ersten englischen heraldischen Werke 
gedruckt und veröffentlicht worden ; Werke, deren ich hier 
in Deutschland nicht habhaft werden konnte, z. B.: 

1586. Sir John Ferne — Ohry of Oenerosity (Lob des 
Adels). 

1592. William Wirley — The True Armory (die wahre 
Wappenkunde). 



— 18 — 

1610. John Guillim — Display of Heraldry (Erklärung 
der Heraldik*). 

Letzteres Werk ist in den nächsten Jahrhunderten 
das massgebende Lehrbuch der englischen Heraldik ge- 
worden. — Ein literarischer Zwist ist darüber entstanden, 
ob Guillim der richtige Verfasser ist. Er soll die Hand- 
schriften eines Dr. John von Barkham (Dechant von Bucking) 
vielfach benutzt und nur mit Zusätzen versehen haben. 
Wäre dem so, so wäre Barkham also der vierte heraldische 
Schriftsteller aus Shakespeare's Zeit gewesen, ein Finger- 
zeig dafür, dass sich das Publikum schon damals für 
heraldische Fragen interessiert haben dürfte. 

Frau C. C. Stopes hat im Mai 1897 im „Oenealogical 
Magazine" aus dem Werke des Sir John Ferne eine Stelle 
abgedruckt, welche diese Auffassung bestätigt. Selbige 
lautet in Übersetzung: 

„Wenn Jemand zu einem Amt, oder einer Würde der 
„öffentlichen Verwaltung, sei es im Kirchen-, Militär- oder 
„Civildienst, gelangt ist, so dürfen, falls solche öffentliche 
„Persönlichkeit ein Wappen nachsucht und vorwurfsfrei 
„zu führen verspricht, die Herolde nicht verweigern, für 
„ihn eins auszudenken und ihn mit allen seinen Heiraten 
„und Nachkommen in den Matrikeln des niedern und 
„hohen Adels — Register of the Oentle and Noble — auf- 
„zunehmen. — Im Civil- und Verwaltungsdienst stehen 
„Wappen den Inhabern verschiedener Würden- und Ehren- 
„ämter zu, z. B. den Vögten (oder Bürgermeistern — 
^^bailiffs — ) von Städten, alten Burgen und mit Corpo- 
„rationsrechten versehenen Flecken." 

Ein weiterer Beweis für die Beliebtheit heraldischer 
Beförderungen zu des Dichters Zeit lässt sich aus dem 
raschen Anwachsen der Zahl der Baronets herleiten, ob- 
gleich allerdings, wie schon oben erwähnt, das Bestreben, 



1) Die 4. Auflage dieses Werkes von 1660 habe ich einsehen 
können. 



— 19 — 

das lästige regale servitium los zu werden, hiezu viel bei- 
getragen hat. 

König Jakob I. nämlich hatte, um Geld zur Be- 
siedelung der Provinz Ulster in Irland zu beschaffen, im 
Jahre 1611 die zwischen hohem und niederen Adel stehende 
Erbwtirde der Baronets gestiftet, die für Personen, welche 
gewisse Bedingungen erfüllen konnten, käuflich war. Ur- 
sprünglich wollte er nur 200 Bewerber berücksichtigt 
wissen, aber bald musste vor dem wachsenden Andrang 
diese Zahl vermehrt werden. Unter Karl I. gab es bereits 
458 und bei der Zählung von 1878 deren 698. Die Ba- 
ronets traten an die Rangstelle der gebannerten Ritter, 
ohne deren Lasten mit zu übernehmen. Durch die Er- 
legung der festgesetzten Spesen war die Familie von 
letzteren befreit. 

Shakespeare spielt in Othello DI, 4 auf Schaffung 
dieser Würde an und lässt dabei durchfühlen, dass für 
ihn der wahrhaft Adlige auch das Herz auf dem richtigen 
Fleck haben solle. 

Jeder neugeschaffene Baronet erhielt als Beizeichen 
in sein Wappen die „Ulster -Badge"^ d. h. in silbernem 
Schild eine rote offene Unke Hand {arg. a gory hand 
sinister), die Handfläche nach aussen. 

Der Dichter lässt nun Othello zu Desdemona sagen: 

„Eine freigebige Hand: in alter Zeit gaben Herzen 
„die Hände; aber unsere neue Heraldik heisst: — Hände, 
„nicht Herzen." 

Da der Mohr schon unter der giftigen Wirkung von 
Eifersucht ist, als er dieses ausspricht, so kann man 
daraus schliessen, dass Shakespeare das mit der Baronet- 
würde getriebene Kaufgeschäft nicht aus günstigen Augen 
angeschaut hat. 

Welche Ansprüche die Herolde an die Bewerber um 
Wappen stellten, lässt sich aus dem Wortlaute der alten 
Wappenbriefe erraten. In erster Linie stand ein Gnaden- 

2» 



— 20r — 

beweis der KIrone, der Quelle der Ehrungen, sei es an 
den Bewerber selbst oder an einen seiner Vorfahren; 
dann scheint ein selbstständiges Besitztum oder einiges 
Vermögen erforderlich gewesen zu sein; ferner suchte 
man Beziehungen durch Blutsverwandtschaft oder Heirat 
mit guten Familien nachzuweisen und schliesslich gaben, 
wie wir durch Sir John Ferne wissen, gewisse öffentliche 
Ämter Anwartschaft auf ein Wappen. 

Wenn man nun weiss, dass zu Shakespeare's Zeit 
die Erwerbung heraldischer Ehren von immer mehr an- 
wachsenden Kreisen erstrebt wurde, dergestalt, dass selbst 
vor eigenmächtiger Annahme von Wappen u. s. w. nicht 
zurückgeschreckt wurde; dass schliesslich die Wappen- 
Könige schon ein halbes Jahrhundert hindurch gegen 
diese Übergriffe in ihre alten Rechte gekämpft hatten, 
so scheint der Schluss berechtigt, dass die Bewilligungen 
neuer heraldischer Ehrungen von den damaligen Herolden 
gewiss nicht leichtsinnig ausgestellt worden sind, um nicht 
Präcedenzfälle zu schaffen, die ihnen bei der herrschenden 
Strömung höchst unbequem werden konnten. Im Gegen- 
teil: die dargelegten Verhältnisse sprechen dafür, dass 
die heraldischen Schriftstücke aus jener Zeit einen 
grösseren Anspruch auf Zuverlässigkeit haben, als die- 
jenigen, welche man in den goldenen Tagen der Herolde 
niederschrieb, als noch ein Auflehnen gegen ihre Autorität 
kaum denkbar schien. 

Freilich wird man diese Schriftstücke nicht mit dem 
Massstabe messen können, den wir jetzt an Dokumente 
zu legen gewöhnt sind. Die Zeit war eben eine andere, 
die Leichtgläubigkeit grösser, die allgemeine Schulbildung 
geringer, die Fähigkeit kritischer Beurteilung, wie wir 
sie heute verlangen, war noch nicht ausgebildet. So 
kommt es, dass Dinge, die für uns Nebensachen sind, 
damals mit ermüdender Breite behandelt, Angaben hin- 
gegen, welche nach jetzigem Ermessen gerade die wich- 
tigsten sind, mit fast unbegreiflicher Flüchtigkeit und 
Ungenauigkeit abgefertigt werden. 



— 21 — 

Diesen Schwächen muss Eechnung getragen werden, 
wenn man solche Schriftstücke als Quellen benutzt. 
Dann aber werden sie der Forschung willkommene 
Fingerzeige geben, weil nichts uns berechtigt, die uns 
fremd anmutenden Anschauungen früherer Jahrhunderte 
für wissentlich beabsichtigte Fälschungen oder für lächer- 
liche Behauptungen zu erklären, wie dieses von englischen 
Shakespeare-Forschern geschehen ist. 



Zweite Studie. 



Der Familienname Sliaicespeare. 

Die Herleitung eines alten Namens von einer be- 
stimmten Person oder von einer geschichtlich beglaubigten 
Thatsache wird nur in den seltensten Fällen gelingen. 

Je weiter man in's Altertum zurückgeht, desto spär- 
licher und unzuverlässiger gestalten sich natürlich alle 
Angaben und Nachrichten über die Träger des Namens, 
bis vielleicht nichts, als nebelhafte Sagen oder Vermutungen 
an deren Stelle treten, die oft mythischen Wert für die 
betreffende Familie haben mögen, sonst aber zu objektiven 
Beweisführungen nicht herangezogen werden können. 

In der Eegel wird die Annahme genügen müssen, 
dass der erste Träger eines Namens in irgend einer Be- 
ziehung gestanden haben muss zu dem Sinn der Sprach- 
stämme, aus welchen sich sein Name zusammensetzt. 
Wenn letztere mit einiger Sicherheit noch erkannt werden 
können, so muss das schon als erfreulich gelten, denn oft 
sind die Silben des Namens durch Sprachwandlung im 
Volksmunde so verschlissen oder durch ungebildete Schreiber 
so verdreht und entstellt worden, dass die Sprachwissen- 
schaft ihre ursprüngliche Form und Bedeutung kaum mehr 
zu erkennen vermag. Es gab eben in alter Zeit keine 
Rechtschreibungsregeln und die Berufschreiber erfreuten 
sich nicht annähernd der Schulbildung, die heute von ihnen 
gefordert wird. 

Der Name des grossen Britten bietet solche Schwierig- 
keiten nicht. Er erscheint schon sehr früh und sehr oft 
gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden Englands 



_j 



— 23 — 

und zwar in vielerlei Schreibweisen, die jedoch fast aus- 
nahmslos die Stämme, aus denen er sich zusammensetzt, 
ohne Weiteres erkennen lassen. 

Bisher sind folgende Buchstabierungen ermittelt 
worden: 

Vom 13. Jahrhundert bis zur Jetztzeit immer wieder- 
kehrend: 

Shakespere ; im 15. Jahrhundert: Schakespeire, Shakspere, 
Shakespeyre, Chacsper, Schakspere; im 16. Jahrhundert: 
Shaksper, Sakespere, Shaxespere, Shokyspere, Shakysper, 
Shakesspere, Shakspeyr^ Shakispere, Shcuicpere, Shakespeare, 
Shaxper, Shaxpeare, Shakspeer^ „Shagspere", Shahspeyre, 
Shaxsper, Shaacspere, Shaxkspere, Shackspire, Shaxkespere, 
Saocspere, Shackspear, Shaxeper, Shakspeere, Shackespere, 
Shadspere; im 17. Jahrhundert: Sheakspeare, Sackesper, 
Shakespeere, Schackspeare, Sheocpere, „Shaxberd", Shakspear, 
Shakespear, Shakesphear, Shakeseper, Sha^kespeare, „{by me, 
William) Shakspeare", Shackspare, Shakspurre, Shakespar, 
Shakesper, Shaxpeer, Shackspeer, Shackspeere, Shakaspeare, 
Shakesphere. 

Alle diese Lesarten stammen aus alten Testamenten, 
Strafverfügungen, gerichtlichen Verurteilungen, Pacht- und 
Kauf-Verträgen, Kircheneintragungen u. d. m. Bei Auf- 
findung weiterer Urkunden mögen sich dieselben noch 
vermehren lassen.') 

Bisher ist es m. W. noch von keiner Seite angezweifelt 
worden, dass es sich hier immer um ein und denselben 
Familiennamen handelt. — Dieser dürfte sich aus den 
Stämmen „shake" und „spear" zusammensetzen, was trotz 
einiger grober Verunstaltungen doch immer erkennbar 
bleibt. Versuche, andere Stämme dafür einzusetzen, sind 
mehr als genügend gemacht worden, aber man kann sie 
nur durch die Retorten vieler Sprachverschlechterungen 
herausdestillieren. Man wird dabei — um einen Scherz 



1) Sidney Lee erzählt, dass der Name auf 4000 verschiedene 
Arten buchstabiert und ausgesprochen werden kann. 



— 24 — 

aus Notes and Qiteries wieder anzuwenden — an einen 
Mann erinnert, der Thür an Thür mit einem Lichthändler 
wohnt, aber nach Timbuktu schicken will, um sich 1 Pfd. 
Lichte holen zu lassen. Wir werden einige Beispiele 
weiter unten kennen lernen. 

,^ShaJce"f angelsächsisch „sceacan'^ oder „scacan" = „in 
zitternde Bewegung versetzen", und „s^pere", ,,speare", 
jjSpear", angelsächsisch „spere" = „Speer". Das Ganze 
bedeutet also „Speerschüttler", möglicher Weise auch 
ursprünglich: „derjenige, welcher durch Schütteln mit dem 
Speere droht", denn unter den vielen Möglichkeiten, die 
zur Entstehung des Namens führen konnten, erscheinen 
zwei besonders natürlich und wahrscheinlich. Entweder 
mag ein Mann, der besonders gut mit dem Speer umzu- 
gehen verstand, als Auszeichnung so genannt worden sein, 
oder auch aus Spott in verhöhnender Weise, wenn er 
z. B. als Unterbeamter öfters genötigt gewesen wäre, an- 
dringendes Volk, unter Anwendung seines Speeres, von 
einer abgesperrten Stelle zurückzuweisen. Wir haben es 
bei dieser Namen-Entstehung nicht mit einem einzelnen 
Falle zu thun, sondern im Englischen giebt es eine zahl- 
reiche IQasse von Eigennamen von ganz ähnlichem Ur- 
sprung, die zum Teil noch heutigen Tages geführt werden. 
Einige in die Augen fallende Beispiele seien hier auf- 
geführt: 

jjWagspere^^ ebenfalls „Speerschüttler", oder „Speer- 
beweger" {jjWag", angelsächsisch „wegan" --^ „bewegen"), 
„Breakspeare" „Speerbrecher", „Fewtarspeare^^ „Speerein- 
leger" (vom Alt-Französischen feutrer\ „ Winspear^^ „Speer- 
gewinner", „Shaheshaft" „Schaftschüttler", „Shakehck" 
„Schlossschüttler" (von einem Gefangenenwärter), ;, Wagge- 
staf „Stabschüttler", „Waghom" „Hornschüttler", „Wag- 
feather'^ „Federschüttler" oder „Federwieger", .^Wagtaü^ 
„Schwanz wipper", einerseits die Bachstelze, andererseits 
für ein weibliches Wesen mit nachschleppenden Gewändern 
als Spottname noch jetzt gebraucht u. s. w. u. s. w. 

Diese Fälle genügen für unsere Ausführung, sonst 



— Ö5 — 

könnten sie durch alle diejenigen Eigennamen vermehrt 
werden, die aus Verbindung eines Zeit- und eines Haupt- 
wortes entstanden sind. 

Auch die Zeit, in welcher der Name entstand oder 
wenigstens sich zuerst nachweisen lässt, bietet nichts Un- 
gewöhnliches. 

In Deutschland begann der Adel im 12. Jahrhundert 
sich nach seinen Landsitzen zu nennen. Die Sitte wurde 
immer allgemeiner, bis im 14. Jahrhundert auch der kleine 
Bürgersmann einen bestimmten Familiennamen annahm. 
In England fällt die Entstehung der Eigennamen etwa in 
dieselbe Zeitperiode, nur scheint der Bürgerstand dort 
etwas früher Familiennamen geführt zu haben. 

Wüliam Henry Hart (F. S. A.^) hat das erste Vor- 
kommen des Namens Shakespeare nachgewiesen und 
zwar aus Prozessakten des Jahres 1278 (Fleas of 
the Rolls 7 Edward I). Es heisst da: jjEt Wills fuit 
attach.^ p, Petr.^ Fabru et Johem ShaJcespere" . Der Name 
erscheint also im 13. Jahrhundert in, einer Form, die über 
die beiden Wortstämme, aus denen er entstanden ist, 
keinen Zweifel lässt. Dieselbe Art der Namenbildung 
findet sich sogar noch ein Jahrhundert früher geschichtlich 
festgestellt. Der 1154 zum Papst erwählte Hadrian IV. 
war ein Angelsachse und hiess: Nikolaus Breakspear 
(Speerbrecher). Auch der Name Fewtarspeare muss in 
der Zeit bald nach der Eroberung Englands durch die 
Normannen gebildet worden sein, denn das französische 
Wort „feutre" „die Speereinlage (am Ritterharnisch)" hat 
diese Bedeutung längst verloren und „fetvtar" dürfte aus 
„feutre" entstanden sein. 

Die Gründe, welche für Entstehung von Shakespeare 
aus shahe und spear anzuführen sind, zählt Charles 
W. Bradley (in Notes and Queries V, 3, S. 137) wie 
folgt auf: 

1) D. h. „Mitglied der Schottischen Akademie der Wissen- 
schaften." 



— 26 - 

a) Er (d. h. der Name Shakespeare) gehört zu einer 
ganz bestimmten Klasse von Eigennamen. 

b) Er passt genau zu der Mode, allegorische Spott- 
namen zu erfinden, welche gerade in der Ent- 
stehungszeit der Eigennamen herrschte. 

c) Er entsteht in der Zeit, in welcher das feudale 
ünterbeamtentum, das durch den Namen be- 
zeichnet wird, in seiner vollsten Blüte stand. 

d) Hauptsächlich aber — soweit dieser Name auch 
in den Urkunden verfolgt werden kann — immer 
erscheint er in seiner einfachen Schreibweise, nur 
mit der leichten Veränderung von Buchstaben, 
über welche Literaturfreunde so viel streiten. 

Indessen, trotz obiger stichhaltiger Gründe sind auch 
andere Entstehungsarten des Namens gemutmasst worden, 
welche zwar dem sprachlichen Spürsinn Ehre machen 
mögen, aber ohne objektive Beweise in die Welt ge- 
schleudert worden sind. Der Absonderlichkeit wegen seien 
einige angeführt. 

Shakespeare soll durch Verderbung der Aussprache 
entstanden sein aus: 

Sigishert; also: Sigsbert, Sigsber, Sichsper, Shiicsper, Shah- 
sper u. s. w. 

Jaques Pierre; diese beiden Apostelnamen wären bei den 
Franzosen, also auch Normannen, sehr beliebt ge- 
wesen; das „J*' wäre früher wie „/S%" ausgesprochen 
worden, so dass unser Dichtername durchaus ent- 
stehen konnte. 

ShaC'speir; dieses sei ein Celtisches Wort und habe die 
Bedeutung „Trocken-Bein". Veranlassung zu dieser 
Theorie dürfte die vorkommende falsche Buch- 
stabierung des Namens als „CÄaifcsper" gegeben haben. 

(ShacJc?) ShucJc'burgh ; so soll eine Burg in Warwickschire 
heissen und zwei Kirchspiele danach benannt sein. 

Von allen diesen Möglichkeiten hat vielleicht die letzte 
einen Schein von Wahrscheinlichkeit für sich. 



— 27 — 

Der Wert oder Unwert dieser scharfsinnigen sprach- 
lichen Untersuchungen hat auf unsere Betrachtungen 
keinen Einfluss;. uns genügt es, zu wissen, dass zu des 
Dichters Lebzeiten sein Name mit der Lanze (dem Speer) 
in Beziehung gebracht worden ist, dafür liefert sein Wappen 
den Beweis. Dieses wird in einer späteren Studie aus- 
führlicher behandelt werden. Es ist ein sogenanntes 
„redendes Wappen" — „ällrmve^^ or „eanting arms^' — 
d. h. ein Wappen, dessen Zeichen — charges — in Be- 
ziehung zu dem Namen stehen. Eedende Wappen sind 
in der Heraldik aller Länder sehr häufig; höchstwahr- 
scheinlich haben sogar die allerältesten Wappen immer in 
Beziehung gestanden zum Namen — zu einem charakte- 
ristischen Merkmal — oder zu einer besonderen That eines 
Ahnen des Inhabers. 

In Shakespeare's Wappen kommt der Speer zweimal 
und zwar in der Form, welche die deutsche Heraldik mit 
„Tournierlanze" bezeichnet, vor; 1) als Belag des schwarzen 
rechten Schrägbalkens im goldenen Schilde und 2) in der 
Kralle des Falken der Zimier — crest — . Ersterer mag 
das Wappen von anderen ähnlichen unterscheiden sollen, 
aber letzterer ist unzweifelhaft das „redende" Zeichen. 
Die Zimier oder Helmzier*) ist besonders in der eng- 
lischen Heraldik ein wichtiger, meist emblematischer oder 
symbolischer Teil, d. h. der Teil des Wappens, welcher 
eine Beziehung zum Namen oder eine thatsächliche Er- 
innerung festhalten soll, und so können wir das Wappen 
als Beweis dafür ansehen, dass das Wappen-Amt die 
Turnierlanze in Beziehung zu Shakespeare gebracht hat, 
als es das Wappen — übrigens noch zu des Dichters 
Lebzeiten — aufriss und verlieh. 

Als Shakespeare die 3. Scene des 4. Aktes von 
John verfasste, muss er ein Wappen im Sinne gehabt 
haben, das ähnlich seinem eigenen, in Schild und Ziemier 
das emblematische Zeichen aufweisen sollte. Diese Stelle 



1) Auch Helmkleinod, Helmzeichen, Helmschmuck genannt. 



— se- 
ist nicht nur heraldisch wichtig, sondern auch besonders 
interessant dadurch, dass man aus derselben ersehen kann, 
in welcher tibersprudelnden Fülle dem Dichter bei seiner 
Arbeit die Gedanken zuflössen und wie er sie* alle seinen 
Zwecken dienstbar zu machen verstand. 

Earl Salisbury und andere Edle finden die Leiche des 
vom Thurm gestürzten Prinzen Arthur und glauben, dass 
der König selbst diese Blutthat angestiftet habe. 

Salisbury soll seine, sich bei jedem Schritt mehrende 
Entrüstung in sich stetig steigernden Ausdrücken kund 
thun, und, wie der Dichter oft und gern behufs Ver- 
anschaulichung solcher Gedanken Naturbilder zu Ver- 
gleichen heranzieht, so geschieht dieses auch hier. Zu- 
nächst wird die Steigerung des Entsetzens verglichen mit 
der Steigerung wuchtiger Bergmassen übereinander. Die 
Worte top Gipfel, height Höhe, crest Höhenrücken (-kämm, 
Krete) veranschaulichen dieses Bild. Dann aber bietet 
das Wort crest Gelegenheit zum Spiel mit verschiedenen 
Bedeutungen und eine solche lässt sich Shakespeare nicht 
leicht entgehen. 

Orest bedeutet nämlich noch in heraldischer Auf- 
fassung: 1. Schildzeichen, 2. Helm, 3. Zimier. Alle drei Be- 
deutungen werden ausgenutzt in den Worten: „crest, or 
crest unto the crest". Das erste crest bedeutet einerseits 
den äussersten Höhenkamm und schliesst die Bergvergleiche 
ab, andererseits aber auch Schildzeichen und spielt so von 
Naturvergleichen in heraldische, erstere fortsetzend, über; 
das zweite crest bedeutet die Zimier, die zum (unto) dritten 
crest — Helm gehört. 

Diese heraldischen Vergleiche setzen die angefangenen 
fort und führen sie auf den Gipfelpunkt in zwei- 
facher Beziehung: Einmal wird die räumliche Bewegung 
von unten nach oben beibehalten, bezw. neu fortgesetzt, 
denn das erste „crest" — das Schildzeichen — befindet sich 
unten, der Helm in der Mitte und die Zimier hoch über 
emd Wappen. Zum andern Mal liegt in den heraldischen 
Worten eine wol zu beachtende Steigerung. Das Schild- 



— 29 — 

zeichen stimmt nicht immer tiberein mit dem Zeichen der 
Zimier; aber wenn dieses auch, wie hier und in Shake- 
speare's Wappen, der Fall ist, stellt es doch nur einen 
Schmuck — einen Belag — ein Zeichen im untersten Haupt- 
teile, dem Schilde, vor; der Helm aber steht höher im 
heraldischen Eange, er ist selbst ein Hauptteil. (Warum 
er vom 16. Jahrhundert ab bis zur Jetztzeit in englischen 
Wappendarstellungen so häufig ganz fortgelassen und durch 
eine Wulst ersetzt wird, habe ich nicht ermitteln können.) 
Die Zimier schliesslich ist in England der allerwichtigste 
Teil des Wappens, der immer geschichtlichen oder emble- 
matischen Wert hatte. Die andern Zeichen unterlagen 
Änderungen, je nach Erbschaften und Heiraten, die Zimier 
blieb dieselbe. Sie war an Stelle des Feldzeichens ge- 
treten, das weiland ein Heerführer hoch oben am Helm 
trug, um sich seinem Heere schon von Weitem kenntlich 
zu machen. 

Diese Stelle in John beweist, wie eingehend sich 
Shakespeare mit Heraldik beschäftigt haben muss. Er 
lässt Salisbury noch als Ritter sprechen, dem die heral- 
dischen Gesetze das höchste sind, was er kennt. Die 
äusserste Brandmarkung des frevlen Prinzenmordes findet 
er darin, wenn das Bild dieses Mordes auch die Zimier — 
das symbolische Erinnerungszeichen — eines zu gründenden 
Mörderwappens bilden würde. 

In Prosa verdeutscht lautet die ganze Stelle: 

Salisbury: „Sir Richard, was denkt Ihr davon? Habt Ihr 
so etwas schon gesehen? gelesen? gehört? Könnt Ihr 
Euch so etwas vorstellen? überhaupt nur ausdenken? 
obgleich Ihr seht, was Ihr seht? Könnten unsere Ge- 
danken überhaupt auf etwas derartiges kommen? wenn 
es ihnen nicht handgreiflich vor Augen gestellt würde? 
Dies hier ist ein (Sünden)-Hügel-Berg-Gebirge 
— das Schildzeichen — die Zimier am Helm für 
ein Mörderwappen. — Es ist die blutigste Schmach, 
die wildeste Wildheit, der niederträchtigste Streich, den je 



— 80 ~ 

staarblinde Wut oder starräugiger Zorn den Thränen 
sanfter Gewissensangst bieten konnte." 

Die im Druck hervorgehobenen Worte lauten englisch: 

Th%8 is the top 
The height, the crest, or crest unto the creat 
Of murderer*8 arms, 

Schlegel übersetzt die Stelle: 

^ es ist der Gipfel, 

Der Helm, die Helmzimier am Wappenschild 
Des Mordes." 

Die Zimier „am" Schild ist ein heraldischer Fehler. 
Ausserdem fehlt die von Shakeßpeare beabsichtigte Stei- 
gerung und deren abschliessender Höhepunkt, welcher 
gerade durch die Heraldik zum Ausdruck gebracht wird, 
indem die Zimier das wichtigste und an höchster Stelle 
zu führende Wappenzeichen darstellt. 

Ich möchte deshalb folgende Verdeutschungen der 
Stelle vorschlagen, entweder: 

Dies ist ein Berg, ein ganz Gebirg' (von Sünden) 
Das Zeichen auf dem Schild -^ die Helmzimier 
In's Mörderwappen. 

oder unter Weglassung der Bergvergleiche, indem man 
„top" und „heigth" lediglich auf „arms" bezieht: 

Dies ist ein hohes, ja das höchste Zeichen 
Der Schildbelag, die weh'nde Helmzimier 
Des Mörderwappens. 

Die Entstehungszeit von John wird in die Jahre 1592 
bis 1599 gelegt, also in eine Zeit, in der sich auch das 
Wappenamt mit den Shakespeare's beschäftigte.*) Da 
ist es wol kein Zufall, wenn sich der Dichter auch 
viel mit Heraldik beschäftigt und bei dieser Stelle an 
dieselbe Art von Wappen gedacht hat, die seiner 
Familie verliehen wurde, d. h. an ein redendes Wappen 
mit einer Zimier und mit dem Zeichen der Zimier als 
Beizeichen im Schilde. 



*) Vergl. die dritte Studie. 



— 31 — 

Die Turnierlanze als Zimier ist ein sicherer Beweis 
dafür, dass Shakespeare's Name und Wappen mit den 
militärischen Verdiensten eines seiner Vorfahren in Ver- 
bindung gebracht wurde. Dafür, dass auch seine Zeit- 
genossen diese Ansicht teilten, hat Frau C. C. Stopes im 
Genealogischen Magazin (Mai 1897, S. 30) eine Stelle aus 
Spencer's Colin Cloufs Come Home Again (1595) heran- 
gezogen. Es heisst da von Äetion^ einem Pseudonym, das 
allgemein auf Shakespeare bezogen wird: 

„Dessen Muse, voU Erflndungsgabe hoher Gedanken, 
„So, wie er seihst, heroisch klingt." 

Frau Stopes führt dann aus, was sehr wahrscheinlich 
klingt, dass kein anderer zeitgenössischer Dichter einen 
Namen gehabt habe, der heroisch klänge, mithin eben nur 
Shakespeare gemeint sein könne. 

Wie verschieden der Name buchstabiert worden ist, 
haben wir oben gesehen. Es hing das jedesmal vom 
Geschmack und Gehör des Schreibers ab. 

Rechtschreiberegeln gab es noch nicht und der immer 
gleichlautenden Unterfertigung des eigenen Namens wurde 
noch kein Wert beigelegt. Im Gegenteil; es lässt sich 
nachweisen, dass häufig dieselbe Person ihren Namen 
auf derselben Seite mehrere Male schrieb und jedesmal 
anders buchstabierte, so dass man beinahe folgern 
könnte, es wäre eine Art Modesache gewesen, seinen 
Namen auf alle mögliche Weise zu schreiben. So 
zeigen auch die erhalten gebliebenen fünf Unter- 
schriften des Dichters Verschiedenheiten. Die deutlichste 
zeigt „Shakespere" , aber die letzte (im Testament: hy 
me William Shakespeare) lässt sich ziemlich deutlich für 
„eare^'y jedenfalls für „ear" entziffern. Die Widmungen 
zu Venus und Adonis und Lucretia buchstabieren „eare^\ 
desgl. die erste Erwähnung des Schauspielers Sh. im Jahre 
1594 in den Hof- Kassen -Rechnungen, desgl. in der von 
seinen Freunden und Mitschauspielern Heminge und 
Coundell 1623 herausgegebenen Polio -Ausgabe seiner 



— 32 — 

Werke. Von den Widmungen kann man annehmen, dass 
der Dichter ihren Druck überwacht hat und die beiden 
Schauspieler, die seine Werke herausgaben, werden doch 
seinen Namen so haben drucken lassen, wie dieser von 
ihm selbst und von seinen Mitmenschen am öftesten ge- 
schrieben und gesprochen wurde. Die Deutsche Shakespeare- 
Gesellschaft hat deshalb auch nic}it die überkommene und 
liebgewordene Schreibweise geändert, während in England, 
unter Berufung auf die erwähnte Unterschrift*), vielfach 
die Schreibart „ere*' angewendet wird. Für uns soll der 
grosse Dichter seinen Namen so behalten, wie ihn die 
Mitwelt ihm verlieh und die Nachwelt ihn uns überlieferte: 
„Shakespeare^^ . 



1) Auch in den alten Akten des Wappen- Amtes — Offiice of 
Aiftia — in London wird „Shackspere" geschrieben, aber nicht aus- 
schliesslich, sondern abwechselnd mit „Shakespeare*^, Sogar in 
einem und demselben Schriftstück finden sich beide Lesarten. 



Dritte Stadie. 



Das Wappen Shakespeare's. 

In der Dreieinigkeitskirche zu Stratford a/Avon ruhen 
die Gebeine des grossen Britten. Über dem Karnies, der 
die Grabschrift umgiebt, steht sein Wappen mit Helm und 
Zimier, darüber ein Todtenkopf, in Stein gemeisselt. 

Wann dieses Wappen aufgestellt worden und wer es 
hat setzen lassen, weiss man nicht sicher. Überlieferung 
und Wahrscheinlichkeit sprechen dafür, dass es bald nach 
des Dichters Tode von seinem Schwiegersohn Dr. John 
Hall errichtet wurde: es soll bei der heraldischen Rund- 
reise des Wappenkönigs — i4sitation — in Warwicischire 
im Jahre 1619 bereits fertig dagestanden haben. J^^en- 
falls entnehmen wir dem Vorhandwseiii dieses Grabdenk- 
mals den Beweis, dass Shakespeare zu^ Führung des dazu 
gehörigen Wappens berechtigt gewesen ist. Aus dem 
Umstand ferner, dass dieses Wappen allein dasteht, nicht 
vejreipigt oder yerschränkt — impaled — ipit einem sondern, 
können wir ersehen, dass die Göttin des Dichters l^ein 
Wappen geführt hat, denn wer zu jener Zeit eine wappen- 
berechtigte Frau, die Erbin oder Miterbin einer edlen 
Familie geheiratet hatte, nahm auch ihr Wappen an, indem 
er letzteres mit dem seinen pfalweise — by impalement — 
verschränkte. Besonders bei Wappen, die zu Leichen- 
begängnissen oder Grabdenkmälern Verwendung ftn4en 

3 



— 34 — 

sollten, hielt man diese heraldischen Ehrungen gerne ein,0 
und dieVerwandtenShakespeare's,deren wappengeschmückte 
Grabdenkmäler neben dem seinigen stehen, würden sicher 
nicht versäumt haben, das Wappen ihrer Mutter und Qross- 
mutter mit anzubringen, wenn letzere berechtigt gewesen 
wäre, eins zu führen.*) 

Südlich anschliessend an des Dichters Grabmal be- 
findet sich ein anderes, welches wahrscheinhch seine helle 
heraldische Freude erregt haben würde, hätte er noch so 
lange gelebt, um es sehen zu können. Es ist das Grab- 
mal von Thomas Nash (f 1647), des Gatten von Shake- 
speares Enkeltochter Elisabet Hall. Zwei der 8 Felder, 
welche auf dem Grabmal die pfalweise Verschränkung 
zweier gevierter Wappen darstellen, enthalten das Wappen 
Shakespeare's. 

Eine Person nämlich, deren Vorfahren Wappen ge- 
führt hatten, konnte von dem Wappenamte die Berechtigung 
erhalten, die ererbten Wappen zu vieren — to quartet' — 

imi und dann in 1 und 4 das väterlicherseits, in 2 und 3 

das mütterlicherseits ererbte Wappen in ihren Schild zu 
setzen. Heirateten nun zwei Personen, die beide zu 
solcher Vierung berechtigt waren, so konnten beide das 
Recht erwerben, ihre schon gcvierten Wappen in eine 
Doppelvierung zu vereinen, d. h. noch einmal zu ver- 
schränken*) — to impale oder to quarter hy impalement. 

Das Grabmal des Thomas Nash zeigt folgende Doppel - 
vierung: 



1) Anna Shakespeare, geb. Hathaway, stammte also wahr- 
scheinlich nicht von Zweigen der Familie gleichen Namens ab, 
die, nach Guillim's Display of Heraldry, wappenberechtigt waren, 
oder sie hat solche Abstammung nicht nachweisen können. 

2) Alle diese heraldischen Ehrungen unterstanden der Ge- 
nehmigung des Wappen-Amtes. 

3) Heraldisch rechts befanden sich die ge vierten Wappen des, 
Mannes, links die der Frau. Dieselben stiessen in der Mittel- 
(Pfal-)Linie des Schildes zusammen. 



— 86 — 

I. Die Wappen des Mannes (Nash und Bulstrode). 
Feld 1 und 4: Blau, belegt 

mit einem silbernen Sparren 
zwischen üsilbernen, am Halse 
ausgerissenen ßabenköpfen, 
der Sparren belegt in der 
Spitze mit schwarzer Kugel, 
auf den Schenkeln mit je 
2 schwarzen Wiederkreuzen 
(eross-crosslets). 

Feld 2 und 3: Schwarz, 
ein silberner halsloser, in's 
Visier gestellter Hirschkopf 
mit goldenem Schaufelkreuz 

(eross patiie) zwischen goldenem Geweih, durch'e Maul ein 
goldener nach rechts fliegender Pfeil. 

II. Die Wappen der Frau (Hall und Shakespeare). 
Feld 1 und 4; Schwarz, drei 2 — 1 gestellte goldene, 

am Halse ausgerissene ßüdenköpfe. 

Feld 2 und 3: Gold, ein schwarzer rechter Schräg- 
balken, von goldener Turnierlanze mit scharfer Spitze belegt. 

Thomas Nash muss die Berechtigung zur Führung der 
gevierten Wappen Nash und Bulstrode bereits vo» seinem 
Vater Anthony, wohlgeborener Herr aus Welcombe, geerbt 
haben, der aiese Berechtigung 1619 beim Besuch des 
Wappenkönigs in Warwickshire erworben haben wird, als 
Wappen und Abkunft der Familie Nash in die Adels- 
Matrikeln eingetragen wurde. Die Anna Nash, geborene 
Bulstrode, von der das Frauen -Wappen stammt, war nicht 
die Mutter dieses Thomas Nash, wie man glauben sollte, 
sondern seine Grossmutter, die Frau eines älteren wohl- 
geborenen Herrn Thomas Nash (f 1587 in Ailesbury). 
Seine Mutter Mary, geb. Baugh, scheint nicht wappen- 
berechtigt gewesen zu sein. Das Wappen der Nash war 
sicher schon von Vater und Grossvater geführt worden, 
denn beide werden „wohlgeborene Herren — Oentlemen" 
genannt. 



— 9« — 

Slldtich an das Grabmal mit 
obiger Doppelvierung anachliessend 
befinden sich noch die Grabdenk- 
mäler des Dr. John Hall (f 1635) 
und seiner Ehegattin, der Tochter 
Shakespeare's Susanna (f als Lady 
Barnard 1649). An beiden befindet 
sich das HalPsche Wappen, pfal- 
weise verschränkt mit dem Shake- 
speare'schen, das der Susanna, wie 
es bei Frauen heraldischer Brauch 
war, auf einem Rautenschild <>. 
Für uns haben die vorerwähnten Grabdenkmäler ge- 
schichtlichen Wert.') Die auf ihnen ausgeübte Heraldik 
liefert den Beweis, dass: 

a) Shakespeare ein von den Herolden anerkannter 
wappenberechtigter wohlgeborener Herr — a 
gentlemcm beanng coat-armour — gewesen ist; 

b) seine Kinder auch sein Wappen ererbt hatten; 

c) seine Frau Anna geb. Hathaway nicht von den 
Hathaway's abstammte, welche zur Führung eines 
Wappens berechtigt waren, oder wenigstens diese 
Abstammung nicht hat nacliweisen können. 

Das Dokument, mittelst dessen der Familie Shake- 
speare die Berechtigung zur Führung eines Wappens 
erteilt worden ist, d. h. ihr Wappenbrief, scheint verloren 
gegangen zu sein — hat sieb wenigstens bisher nicht 
finden lassen. Dagegen lagern in London in den Aktem 
des Wappenamts — Office of Arms — 5 in den Jahren 
1596 und 1599 beschriebene Blätter, die Auskunft über 
die Erwägungen geben, welche damals in dieser Wappen- 
frage gepflogen worden sind. 

Man sollte glauben, dass diesen aus jener Zeit er- 
halten gebliebenen Schriftzeugnissen von Shakespeare- 

') Vergl. A. Brandl's Buchbeapreehung im Jahrbuch der 
deutschen Shakespeare- GleseUschatt, Bd. XXXIV, 8. 396. 



— 37 — 

Gelehrten und -Forschern ein« ganz besondere Bedeutung 
hätte beigelegt werden müssen, aber aus, wie mir scheiiit, 
nicht recht stichhaltigen Gründen ') ist beinahe das Gegen- 
teil der Fall. Die Schriftstücke werden zwar erwähnt, 
aber ohne dass ihr Inhalt auf den Gang der Forschungen 
einen erkennbaren Einfluss ausgeübt hätte. Männer wie 
Malone, Halliwell- Philipps und neuerdings Sidney Lee 
legen den Angaben keine Wichtigkeit bei. Halliwell- 
Philipps erklärt einige als Thatsachen niedei^sfehriebene 
Sätze für lächerliche Behauptungen — ridieidons Statements 
— weil er selbige mit seinen sonstigen Forschungen nicht 
in Einklang zu bringen weiss. — Auch die Ausführungen 
Sidney Lee's, des Verfassers der neuesten Lebensbe- 
schreibung Shakespeare's, machen den Eindruck, als ob 
er der Meinung wäre, dass die Beamten des Wappenamts 
in alter Zeit die Fälschung ihrer Angaben gewissermassen 
als Sport betrieben hätten, denn er sagt z. B.: „Auf die 
biographischen oder genealogischen Angaben in Wappen- 
Verleihungen kann man sich sehr wenig verlassen — Utile 
relianee need be placed on fhe biographical Statements aUeged 
in grants of arms. — 

Sind wir berechtigt, fragt treffend Frau C. 0. Stopes, 
den 3 Wappenkönigen Cook, Dethik und Camden, ferner 
dem Vater Shakespeare's und dem grössten Dichter, den 
die Welt hervorgebracht hat, die Unterschiebung zu 
machen, dass sie falsche Thatsachen erfunden und amt- 
lich beglaubigt hätten, nur um eine Begründung für eine 
Wappenverleihung zu erfinden? — Wie die Fragestellerin, 
antworte auch ich hierauf mit einem unbedingten „Nein"; 
gehe aber in meinen Folgerungen noch weiter. 

Bereits in Studie 1 wurde angeführt, dass zu Shake- 
speare's Zeit für das Wappenamt grosse Vorsicht geboten 



1) Ungenauigkeiten, ja, nach unseren jetzigen Begriffen kaum 
verzeihliche Fehler, finden sich allerdings in den Angaben der 
alten englischen Herolde. Diese haben das Vertrauen der Forscher 
so erschüttert, dass letztere infolge dessen allen diesen Angaben 
ein m. E. gar zu grosses Misstrauen entgegenbringen. 



— 38 — 

war. Ein Unterschieben erdichteter Thatsachen als Be- 
gründung für Neuverleihung heraldischer Ehrungen konnte 
grade damals höchst unangenehme Folgen für die Herolde 
haben. Wenn nun auch die in den Akten des Wappen- 
amts vorhandenen Schriftstücke keine unterschriebenen 
Dokumente darstellen, sondern höchstens als Entwürfe im 
Unreinen zu solchen betrachtet werden können, so möchte 
ich doch glauben, dass die darin übereinstimmend ge- 
machten Angaben nicht nur nicht als nebensächlich bei Seite 
geschoben werden dürfen, sondern dass sie im Gegenteil 
als den wahren Thatsachen mit hoher Wahrschein- 
lichkeit entsprechend, zur Grundlage weiterer For- 
schungen gemacht werden müssen, und dass jedes Ergebnis, 
welches mit ihnen nicht in Einklang steht, als eine un- 
richtige Spur zu betrachten ist. 

Stephen Tucker hat ein Facsimile der betreffenden 
Aktenblätter ^) fertigen lassen und mit einer Entzifferung 
in modernen Druck herausgegeben. Ich habe den Text 
dieser 5 Blätter*), welche nachstehend mit Blatt A. bis E. 
bezeichnet werden, wortgetreu übersetzt unter thunlichster 
Berücksichtigung der durch Ausstreichen, Überschreiben 
u. s. w. in den Originalen vorgenommenen Änderungen. 



*) G. R. French bringt noch den Abdruck von 2 weiteren 
Blättern, die ebenfalls in den Akten vorhanden sein sollen, näm- 
lich: a) dii vollständige Erwiderung des Wappenamts in der 
„Shakespeare — Lord Mauley'schen Wappenfrage" ; b) eine noch- 
malige Skizze der verschränkten Wappen Shakespeare's und 
Arden's, jedoch ohne Farbenangabe. 



Blatt A. 



Non Sanz Droict. 
(durchstrichen) 



CO 



Erster nicht unterschriebener Entwurf von 1696 zu einem 
Wappenbrief für John Shakespeare mit vielen Durch- 
streichungen und einigen nicht vollständig entzifferten 

Änderungen. ') 

NON SANZ DROICT, Shakespere 1596. 

Non Sanz Droict, 

Allen, und Einzelnen, Edlen 
und Wohlgeborenen Herren, wel- 
chen Standes und Grades sie 
immer seien, denen dieses Gegen- 
wärtige vor Augen kommt, sendet 
Wilhelm Dethick, alias Hosen- 
band - Hauptwappenkönig Grüsse. 
Wisset, dass ich hier handle kraft 
^ der Machtbjöfugnis, des alten Vor- 
rechts und der Gewohnheit, die 
auf mein genanntes Amt als Haupt- 
Wappenkönig von Ihrer Erhaben- 
sten Majestät der Königin und von 
Ihrer Hoheit hochedlen und sieg- 
reichen Vorfahren überkommen sind. 
Ich habe im Allgemeinen zur Kenntnis zu nehmen, in 
Worten auszudrücken und behufs Bekanntgabe an die 
Öffentlichkeit zu bezeugen: alle sich auf Wappen und auf 
den niedern Adel — gentrie — beziehenden Angelegen- 
heiten in Ihrer Majestät Königreichen, Herrschaften, 
Fürstentümern, Inseln und Provinzen. In Anbetracht, 
dass gewisse Persönlichkeiten in Folge ihrer alten Namen, 
Verwandtschaften und Abkunft Flaggen und Wappen 




^) GeweUt ^^- unterstrichene Worte sind im Original über- 
oder zwischen geschrieben. 



— 40 — 

führen und sich daran erfreuen, so sollen auch andere 
Personen für wackere Thaten, Grossherzigkeit, Tugend, 
würdevolles Auftreten und Verdienste solche Kenn- und 
Abzeichen ihrer Ehre und Würdigkeit erhalten. Denn 

dadurch soll ihr Name und guter Ruf 

und verbreitet, und ihre Kinder, sowie ihre Na-chkommen- 
schaft, in aller Tugend zum Dienste ihres Fürsten und 
Vaterlandes angemuntert werden. Da ich nun diescrhalb 
ersucht worden bin und mir von glaubwürdiger Seite mit- 
geteilt ist, dass John Shakespeare von Stratford a/Avon, 

in der Grafschaft Warwick — — dessen 

Voreltern — parents — und verstorbene Ahnen — late 
antecessors — , für brave und treue Dienste, von dem hoch- 
weisen Fürsten, König Heinrich VII, glorreichen Ange- 
denkens, befördert und belohnt wurden, seit welcher Zeit 
sie in jener Gegend geachtet und in gutem Ruf geblieben 
sind, und dass obiger John die Tochter und eine der 
Erbinnen des Wohlgeborenon Herrn Robert Arden von 
Wilmcote in genannter Grafschaft, Mary geheiratet 
hat In Anbetracht dieser Umstände und um seine Nach- 
kommenschaft zu ermuntern, habe ich ihm folgendes 
Wappen überwiesen und durch Gegenwärtiges bewilligt, 
videlicet: In Gold auf schwarzem rechten Schrägbalken 
eine goldene Turnierlanze mit scharfer Spitze *); als Zimier 
oder Helmzeichen: ein silberner Falke mit offenem Flug, 
der auf einer Wulst in seinen Farben steht und eine 
goldene, wie schon erwähnt, scharfe Turnierlanze hält; 
das Ganze wird auf einen Helm mit Helmdecken und 
Quasten gesetzt, wie es gewohnter Gebrauch ist und deut- 
licher auf umstehender Randmalerei 2) erscheint. Hiedurch 
wird festgesetzt, dass es für genannten Wohlgeborenen 



^ The point steeled. Da die Grabmomimente keine besondere 
Farbe der Spitze zeigen, so lese ich „io steel'^ = zn bewaffnen, 
i. e. schärfen. Bs soU wol bedeuten, dass die Lanze keinen Knopf 
{cronall, comel oder coronel) haben soll. 

^ Die Bl&ttar enöialten keine Malereien, nur Skiezen, auf 
denen allen der Helm fehlt. 



— 41 — 

Herrn John Shakespeare, seine Kinder, Sprossen und 
Nachkommen gesetzlich und für alle Zeit statthaft sein 
soll, dieses so angesprodiene oder aufgerissene Wappen 
(Blazon or Atchevement) zu zeigen und zu führen auf 
Ejiegs- und Tumiersdiilden, als Wappen, Zimier und 
Helmzeichen, oder auf grossen und kleinen Siegeln, 
Ringen, Plaggen, Bannern, Ghebäuden, Geschirren, Diener- 
kteidern, Grabsteinen, Denkmälern, oder anderweitig, zu 
jeder Zeit, bei allen gesetzlichen Kriegsthaten oder bei 
privaten GebrtUicfaen und Übungen — OiuMe vse «nd exercises 
— nach den Wappengeseteen, ohne Hinderung oder Unter- 
brechung durch eine Perts»on oder mehrere Personen, welche 
dasselbe führen. Um 

dieses su bezeugen, habe ich hierunter meinen Namen 
unterschrieben und mein Amtssiegel, durch mein persön- 
liches Wappensiegel bestätigt — endorsed — , daran be- 
festigt. Im Wappen-Amt London, den 20sten Tag des 
October -- SQ^te^i Jahr der Regierung Unserer souverainen 
Lady Elisabeth^ von Gottes Gnaden Königin von Eng- 
land, Prankreich und Irland, Verteidigerin des Glaubens 
u. 8, w. 1596. 

Rechts unten in der Ecke ist dann noch von einer 
deutlicheren Hand folgender Vermerk zugefügt: 

»An die dieses Wappen — achivments — nach alter 
Sitte und Wappengesetz fallen muss.^ 

Akteneeichen: Vincent, 157, 23. 



Blatt B. 



Shakespere. 
Non aanz droict 



Wappenskizze. 



Zweiter nicht unterschriebener Entwurf von 1596 zu 
einem Wappenbrief für John Shakespeare, mit Durch- 
streichungen und Änderungen, die zwar entzifferbar, aber 
nicht vollzählig sind, weil zwei Stücke aus dem Original- 
blatt fehlen. 

Allen und Einzelnen, Edlen 
und Wohlgeborenen Herren jeden 
Standes oder Grades, die Wappen 
führen, denen dieses Gegenwärtige 
vor Augen kommt, sendet Wil- 
helm Dethick, tlosenband-, Haupt- 
wappenkönig, Grüsse. Wisset, 
dass ich kraft der von der Königin 
Allerhöchster Majestät und der 
von Ihrer Hoheit Hoch -Edlen 
und Siegreichen Vorfahren mir 
übertragenen Amtswürde und 
kraft der alten Vorrechte meines 
Amtes im Allgemeinen Kenntnis 
nehme, in Worte kleide, erkläre 
und bezeuge: alle die Wappen 
und den niedern Adel betreffenden Angelenheiten in Ihrer 
Majestät Königreichen, Herrschaften, Fürstentümern, Inseln 
und Provinzen. In Anbetracht, dass viele Wohlgeborene 
Herren in Folge ihrer alten Familiennamen, Verwand- 
schaften und Abkunft gewisse Flaggen und Wappen führen 
und sich daran erfreuen, so ist es zu allen Zeiten sach- 
gemäss — eocpedient — , dass auch andere Personen für 
ihre braven Thaten, Grossherzigkeit, würdevolles Ver- 
halten und für ihre Verdienste solche Ehren- und Würdig- 
keits-Zeichen führen und gebrauchen dürfen. Wodurch 
ihr Name desto besser bekannt, ihr guter Ruf weiter ver- 
breitet sowie ihre Kinder und Nachkommen (zu jeder 



— 43 — 

Tugend im Dienste ihres Fürsten und Landes) ermuntert 
werden mögen. Da ich nun dieserhalb ersucht bin und 
mir von glaubwürdiger Seite versichert worden ist, dass 
John Shakespeare aus Stratford am Avon in der Graf- 
schaft Warwick 

Voreltern Grossvater^ Ahnen, für seine 

^ — Fürst, König Heinrich VII. 

(dieser Gegend) fortgesetzt in dieser 

Gegend von gutem Ruf gewesen ist 

genannter John heiratete die Tochter 

Grafschaft, Hochwohlgeborenen 

Herrn, und zur Ermunterung seiner Nachkommenschaft, 

an die solche altem 

Brauch des Wappengesetzes fallen muss. Ich, genannter 
(Haupt) Wappenkönig habe aufgerissen, bewilligt und durch 
Gegenwärtiges bestätigt folgenden Wappenschild videlicet: 
Gold, auf schwarzem rechten Schrägbalken eine goldene 
Turnierlanze mit silberner, scharfer Spitze. 2) Und als seine 
Zimier oder Helmzeichen: einen silbernen Falken mit 
offenem Flug, der auf einer Wulst in seinen Farben steht, 
eine goldene, wie schon erwähnt, Turnierlanze mit silberner 
scharfer Spitze *) hält und auf einen Helm mit Helmdecken 
und Quasten gesetat ist, wie es gewohnter Brauch ist und 
deutlicher auf nebenstehender Randmalerei') erscheint. 
Hierdurch zeige ich an und bestätige ich kraft meines 
oben erwähnten Amtes, dass es gesetzmässig sein soll für 
den genannten Wohlgeborenen Herrn John Shakespeare, 
seine Kinder, Sprossen und Nachkommen (passend für 
alle Zeiten und für alle Orte) dieses nunmehr aufgerissene 
und so angesprochene Wappen zu führen auf Kriegs-, 
Turnier- und Wappenschilden — Shieldes, Targuetes, escutch- 
eons — Wappenröcken, Flaggen, Bannern, Siegeln, 
Ringen, Gebäuden, Häusern, Geschirren, Dienerkleidern, 



*) „grandfather" über „antecessors" geschrieben, ohne dass 
letzteres ausgestrichen wurde. 
2) steekd argent 
*) Fehlt. Die zugehörige Skizze entspricht der von Blatt A; 



— 44 — 

Gräbern^ Defikmälern und so&dt bei all^n gesetxndijssigen 
Krtegshanditiügen oder privaten Gebräuchen nach den 
Wappeagesetaen ußd der Anwendung, die Wohlgeborenen 
Herren zusteht; ohne Hinderung oder Unterbrechung von 
einer Person oder von mehreren Personen, die dasselbe 
Wappen führen oder gebrauchen. Um Solches zu be- 
zeugen und für immer der Erinnerung einzuprägen, habe 
ich meinen Namen hierunter unterschrieben und mein 
Amtssiegel, bestätigt durch mein Wappensiegel, hieran 
befestigt Im Wappen-Amt, London, den 20. Tag des 
Oktober im 38t«a Jahre der Regierung Unserer Souverainen 
Lady Elisabeth, von Gottes Gnaden Königin von England, 
Frankreich und Irland, Verteidigerin des Glaubens 
u. s. w. 1596. 

Dieser John zeigt *) einen Aufriss ^) davon in Clarenc' 
Cook's ') Handschrift, in einem 20 Jahre alten Papier. 

Ein Friedensrichter; und war Bürgermeister, Beamter 
und Oberhaupt der Stadt Stratford am Avon, vor 
:* 15 oder 16 Jahren. 



O 



Jzj Dass er Ländereien und Häuser hat, von gutem 
Reichtum und Wert, 500 £. 



Dass er heira 

Aktenzeichen 157,24. 



^) Das Wort ist von St. Tucker nicht entziffert Es soU 
„shoeth^^ sein, 

2) Desgleichen. Die Engländer lesen „patieme*^ als damalige 
Schreibart für ,.pattern**. Es mag aber auch „paüence** heissen 
sollen. Ersteres würde mit „Vorgang", „Abschrift** oder „Exem- 
plar*', letzteres mit „Erlaubnis** übersetzt werden können. Da es 
sich hier kanm um etwas Anderes, als um den ersten Entwurf 
zu dem Wappen handeln kann, so halte ich den deutsch-heral- 
dischen Fachausdruck „Aufriss** für statthaft. 

3) Abkürzung für „des Clarmtieidx-King'Of'arms (Robert) Cooke^, 
Derselbe war 1561 „Bose-blanche-Puratävcmt*^, IbQQ^^Chester- Herald'^, 
1667 „Clarendeulx-King-of-Ärms" , was er bis zu seinem Tode 1692 
verblieb. 



Blatt G. 

Ein nicht unterschriebener Entwurf von 1599 zu einem 

Wappenhrief, welcher deo Wohlgeborenen Herrp John 

Shakespere ermächtigen soll, sein Wappen mit dem 4er 

Ardens von Willingcote pfalweise zu verschränken. 

Ein Wort ist ucleserlich. Datum und einige Angaben bei 

dem Königlichen Titel fehlen. 




Allen und Einzelnen, Edlen 
und Wohlgeborenen Herren 
jeden Standes und Grades, die 
Wappen führen, denen dieses 
Gegenwärtige vor Augen 
kommt , senden Wilhelm 
Dethiek, Hosenband- Haupt - 
Wappenkönig von England und Wilhelm Camden, alias 
darentieulx W^appenkönig für die südlichen, östlichen und 
westlichen Teile dieses Reich's ihre Grüsse. Wisset, dass 
in allen Nationen und Königreichen die Anrechnung — 
Meoord -r— und die Erinnerungen braver Thaten und 
— tugendhafter Veranlagungen — vertitot^ di^ositions — 
braver Männer gekennzeichnet und bekannt gemacht 
worden siad durch gewisse Wappe^ischilde und Abdeichen 
der Ritterücbkeit. Die Bewilligung und Bezeugung der- 
selben gebührt uns kraft unseres Amtes, das uns von der 
Königin Allerhöchster Majestät und von Ihrer Hoheit 
hochedlen und siegreichen Vorfahren übertragen wurde. 
Da wir nun dieserhalb ersucht und von glaubwürdiger 
Seite vejr»iehwt worden sind, dass der Wohlgeborene 
Herr John Shakespere, jetzt in Stratford a/Avon in der 



— 46 — 

Grafschaft Warwick; dessen Vorfahre, Urgross vater ') und 
verstorbener Ahn für seine dem verstorbenen, hochweisen 
Fürsten, König H. VII., glorreichen Angedenkens, er- 
wiesenen treuen und erprobten Dienste befördert und be- 
lohnt worden ist mit Ländereien und Heusern, die ihm in 
jener Gegend von Warwickshire gegeben wurden, wo sie *) 
mehrere Geschlechter hindurch in dauerndem guten Euf 
und Ansehn geblieben sind und weil der genannte John 
Shakespere die Tochter und eine der Erbinnen des Eobert 
Arden von Wellingcote in genannter Grafschaft geheiratet 
hat, und auch dieses sein altes Wappen vorgezeigt hat, 
das ihm überwiesen — assigned — wurde, als 
er noch Ihrer Majestät Beamter (ein unleserliches 
Wort), Bürgermeister — baylefe — dieser Stadt war. 
In Anbetracht des Vorausgeschickten und zur Ermunterung 
seiner Nachkommen, auf welche das solchermassen an- 
gesprochene Wappen und vererbbare heraldische Errungen- 
schaften — suche Blazon of Arms and Ätchevementes of inher- 
itance — von Seiten ihrer genannten Mutter nach altem 
Brauch und Wappenrecht fallen mögen. So haben wir, 
die genannten Hosenband- und Clarentieulx *) dem ge- 
nannten John Shakespere und seinen Nachkommen fol- 
genden Schild und Wappen überwiesen, bewilligt, bestätigt 
and durch Gegenwärtiges als Beispiel aufgestellt, videlicet: 
In goldenem Schild auf schwarzem, rechtem Schrägbalken 
eine goldene Turnierlanze mit silberner, scharfer Spitze*); 
und als Zimier oder Helmzeichen: einen Falken mit 
offenem Flug, der auf einer Wulst in den Schildfarben 

1) Die verschiedene Bezeichnung des Ahnen Shakespeare's 
auf Blatt J^ mit „parenV^ Blatt B mit „grand father" und Blatt C 
mit „great-grandfather'*, sowie der Umstand, dass man keinen 
Nachweis von einem Gnadenbeweise Heinrichs VII. an einen 
Shakespeare, auffinden kann, sind Veranlassung geworden, dem 
Wappenkönig Dethik direkt eine Fälschung der Thatsachen in 
obigen Blättern zuzuschreiben. 

2) Sic, im Originaltext: they. 

8) Nämlich Wappenkönige. (Anm. des Übersetzers.) 
^) hedded otj steded 9ylver, 



— 47 — 

steht, eine scharfe goldene Turnierlanze mit silberner 
scharfer Spitze hält und auf einem Helm mit Helmdecken 
und Quasten befestigt ist, wie es deutlicher in beistehender 
Randmalerei erscheinen soll. Und wir haben gleicherweise 
auf einem andern Schild dasselbe mit dem alten Wappen 
der genannten Arden von Willingcote pfalweise verschränkt. 
Und zeigen hiermit an, dass es für den genannten Wohl- 
geborenen Herrn John Shakespere gesetzmässig sein mag 
und soll, diese Wappenschilde einzeln oder, wie beschrieben, 
verschränkt für Lebenszeit zu führen. Und dass es für 
seine Kinder, Sprossen und zu Eecht erzeugten Nach- 
kommen gesetzmässig sein soll, diese Wappen mit den 
zugehörigen Unterscheidungen — differences — zu führen, 
zu vieren und öffentlich zu zeigen bei gesetzlichen Kriegs- 
thaten und bei privaten Gebräuchen oder Übungen nach 
dem Wappenrecht und Brauch, wie sie Wohlgeborenen 
Herren zustehen, ohne Hinderung oder Unterbrechung 
durch eine Person oder mehrere Personen, welche dieselben 
Abzeichen führen oder gebrauchen. Um dieses zu bezeugen 
und zu bescheinigen, haben wir unsern Namen unter- 
schrieben und unsere Amtssiegel hierunter befestigt. Ge- 
geben im Wappen- Amt zu London, den 

im 42. Jahre der Regierung unserer Alier- 
gnädigsten Souverainen Lady Elisabeth, von Gottes Gnaden 
Frankreich und Irland, Ver- 
teidigerin des Glaubens u. s. w. 1599. 

Aklennummer R. 21 285. 
1) Fehlt; nur die gebrachte Skizze ist vorhanden. 



Blatt D. 

Ein längliche? Blatt Pa,pieT ohne XJ^te^se^nift und Zeit- 
angabe, nach der Sorgfalt ^u urteilen^ welche auf die 
Schrift und die farbigen 4 Wappenscbüdsl^izzen yerwendet 
ist, eine Reinschrift, welche voj Augen fuhren soll, wie 
die Wappen, welche schwarze rechte Schrägbalk^n in 
goldenem Felde zeige^, von einander unterschieden wurden^ 



An der Unl^en Scbi^alseite steht Sh^l^^s^P^i^^i darunter 
sein Wappenschild, die scharfe Turoierlanze ganz gold, 
nicht mit Stahl- oder Silberspitze. 

Auf der rechten Schmalseite ist Lord Mauley's 
Wappenschild, in Gold ein schwarzer Schrägbalkeji ; da- 
neben ein Schild, in welchem 2 schwar:^e Fäden — cotti^ 
— den Schrägbalkeu begleiten und unter diesen ei^ (4ter) 
goldener Schild, auf dem der schwarze Schrägbalken von 
3 silbernen Hufeisen belegt ist, — Die 4 Schildsk^^zep 
sind sauber in Farben angeJlegt. 

Zwischen den Wa|>penschUden, die Mitte des Zetteis 
einnehmeiid, steht in grosser, deutlicher Schrift: 

„Ebenso gut könnte gesagt werden, dass Hareley, der 
den schwaraen Feebtoa Sehrägbalken vor zwei sehwarzen 
Fäden begleitet, ') führt, und alle andern, die in Gold oder 
Silber einen schwarzen rechten Schrägbalken führen, sich 
das Wappen des Lord Mauley anmassen. Was die 
Turnierlanze auf dem Schrägbalken betrifft, so bildet 

1) Hier fehlen die Worte: „oder Perrers** (in der Randzeich- 
nung Gold, schwarzer von 3 silbernen Hufeisen belegter Schräg- 
balken). Vergl. Shakeapeareana Genealogica hy G. B. French, 1861^ 
par 517, 



— 49 — 

sie ein Unterscheidungszeichen, welches als heraldisch 
genügend bezeichnet werden muss — As for the spear in 
bend is a patible difference — . Und die Persönlichkeit, 
der Solches bewilligt wurde, ist Magistratsbeamter und 
Friedensrichter in Stratford am Avon gewesen; er hei- 
ratete die Tochter und Erbin von Arderne und vermochte 
sich in seinem Stande zu erhaltep — to maintaine that 
estate — ." 

Aktenzeichen W. Z. 276 b. 



Blatt B. 

Eine Federskizze, die Wappenschilder Shakespeare und 
Lord Mauley nebeneinander zeigend. Der Zettel ist ganz 
klein und wie folgt beschrieben: 

Shakespeare 
Siehe Buch der Untersch: 61/ 
Siehe Ritter von E. J. S. 2. 28. 

Lord Mauley 

Aktenzeichen R. 21285. 



— 51 — 

Die Übertragung alt- englischen Kanzleistyles in eine 
moderne Sprache hat immer etwas Missliches an sich. 
Übersetzt man ganz wortgetreu, so wird der Sinn schwer 
verständlich und schleift man die alten Fachausdrucke 
und unbeholfen an einander gereihten Satzbildungen in 
modernisierender Weise ab, so verwirft sich natürlich das 
eigentliche Bild des Schriftstücks. Ich habe versucht, eine 
massvolle Mitte zwischen beiden Wegen einzuhalten, die 
dem Shakespeare-Studierenden freilich nicht genügen kann; 
er wird genötigt sein, auf die Originale zurückzugreifen, 
die in Facsimile jetzt auch in Deutschland leichter zu- 
gänglich sind.') 

Zu Blatt A: Der erste Entwurf von 1596 ist nur in- 
sofern wichtig, als daraus die fehlenden Stellen in Blatt B. 
ergänzt werden können. Anscheinend ist Blatt A nur die 
Arbeit eines ungeübten Schreibers, der den Auftrag eines 
Vorgesetzten gehabt haben mag, nach mündlichen Angaben 
den Wappenbrief für John Shakespeare zu entwerfen. 

Gleich bei Beginn scheinen ihm die altfranzösischen 
Worte .Mon sanz droict"^ welche wahrscheinlich das Motto 
oder die einleitende Überschrift bilden sollen, gut gefallen 
zu haben. Er hat sie drei mal in verschiedenen Buch- 
staben voran geschrieben, ein mal sind sie durchstrichen. 

Die Schrift selbst ist voller Durchstreichungen, Ände- 
rungen und Berichtigungen auch an solchen Stellen, die 
schematisch festgestellt hätten sein müssen und einem 
Schreiber im Wappen -Amte keine Schwierigkeiten machen 
durften. 

Für einige Namen ^) hat er die Stellen ursprünglich offen 
gelassen; dieselben sind ersichtlich später mit stumpferer 
Feder von ihm oder einem Anderen nachgetragen worden. 
Stephen Tucker hält es für möglich, dass Shakespeare 



1) The assignment ofArms to Shakespeare and Arden, hy Stephen 
Tucker Esq., Sommerset Herald in Ordinary, London, Mitchell and 
Huyhcs, 140 Wardour Street W. 1884. 

2) Vergl. oben in der llbersetzung von Blatt A S. 40 die im 
Druck hervorgehobenen vier Worte. 

4* 



— 52 — 

selbst die fraglichen vier Worte geschrieben habe und sieht 
im Geiste, wie der Dichter im Geschäftszimmer des Wappen- 
Amtes dasitzt, um mit den Herolden bezw. Wappenkönigen 
den Aufriss seines Wappens zu beraten. Der Herr 
Somerset- Herold wolle uns verzeihen, wenn wir dem Fluge 
seiner Phantasie in dieser Beziehung nicht folgen können. 
Shakespeare mag ins Amt bestellt worden sein, um noch 
diese oder jene Frage zu beantworten, aber in heraldische 
Beratungen mit ihm hat sich der hohe Herr Hosenband- 
Haupt- Wappenkönig schwerlich eingelassen. Ebenso wenig 
wird er ihm erlaubt haben, Namen in die Amts -Akten 
einzuschreiben. 

In Blatt A fehlt die nähere Bezeichnung des Ahn- 
herrn Shakespeare's, der von König Heinrich VH. aus- 
gezeichnet sein soll. 

Das Eegierungsjahr der Königin Elisabeth ist falsch 
angegeben. Der 20. October 1596 fiel noch in das 38. Re- 
gierungsjahr; das angegebene 39. begann erst am nächst- 
folgenden 11. November. 

Der Ansprache des Wappens nach soll die Spitze der 
goldenen Turnierlanze steeled, also bewaffnet -^ geschärft 
sein, während selbe auf Blatt B. als silbern geschärft be- 
zeichnet wird ') (d. h. mit silberner Spitze). 

Die Eandzeichnung auf Blatt A^) zeigt die Turnier- 
lanze ohne Farbenangabe. 

Schliesslich fehlt die Bestimmung, dass das Wappen 
auf die Nachkommen vererbbar sein soll. Diese wichtige 
Festsetzung ist als nachträgliche Bemerkung von anderer 
Hand in die untere rechte Ecke geschrieben worden. 

Die angeführten Mängel lassen darauf schliessen, dass 
dieses Schriftstück nicht weiter gebraucht und wol über- 
haupt nur aus Zufall nicht vernichtet worden ist. Blatt B 
hat es vollkommen ersetzt. Dennoch druckt Halliwell- 



1) Vergl. Anm. zu S. 65. 

2) Shakespeare's Wappen, jedoch ohne Helm, Helmdecken und 
Quasten. 



— 53 — 

Philipps nur dieses Blatt A ab, hingegen das, wie wir 
gleich sehen werden, wichtigere Blatt B nicht. 

Zu Blatt B: Der zweite Entwurf von 1596 ist besser 
geschrieben, enthält aber auch Durchstreichungen und 
berichtigende Änderungen. Das Papier ist nicht gut er- 
halten; es scheint von Mäusen angefressen zu sein oder 
ist vielleicht zusammengefaltet gewesen und beim Öffnen 
zerrissen worden. In der Mitte fehlen zwei Stücke, ein 
grösseres rechts, ein kleineres links, die sich allerdings 
beide nach Blatt A ergänzen lassen. 

Die in Blatt A gemachten Berichtigungen sind auf 
Blatt B. berücksichtigt, aber zum Teil noch einmal wieder 
verändert. 

Das „non sam droict" erscheint nur ein mal links 
seitwärts unter dem Namen Shakeg^ere. 

Ob die auf den offen gelassenen Stellen des Blattes A 
nachträglich eingeschriebenen Namen auf Blatt B richtig 
eingetragen waren, kann nicht mehr festgestellt werden, 
weil grade dieser Teil der Schrift fehlt. Ergänzt man das 
Fehlende nach dem Wortlaute von Blatt A, so stellt sich 
heraus, dass Robert Arden aus Willingcote vom Wappen- 
Amte nicht als wohlgeborener Herr — gentleman — , sondern 
als hoch wohlgeborener Herr — Esquire — bezeichnet wurde. 

Der von König Heinrich VH. ausgezeichnete Ahnherr 
Shakespeare's wird als John's Grossvater (also als des 
Dichters ürgrossvater) bezeichnet. 

Dasßegierungsjahr der Königin EUsabeth war ursprüng- 
lich abermals falsch (39.) geschrieben, aber durch Aus- 
streichen und Überschreiben berichtigt (38.). 

In der Ansprache des Wappens ist die Turnierlanze 
silbern geschärft — steeled argent — , also mit silberner 
Spitze, was auch aus der zugehörigen Randzeichnung*) 
ersichtlich ist. 



*) Shakespeare's Wappen ohne Helm,Helnidecken und Quasten, 
Vergl. im Übrigen Anm. auf S. 65. 



— 54 — 

Dass die Bemerkung unter dem Text von Blatt A 
berücksichtigt war, ist erkennbar, doch ist der Anfang 
mit weggerissen, und das Ende enthält die Änderung 
„Brauch des Wappengesetzes" anstatt „Brauch und Wappen- 
gesetz". 

So könnte der Text des Wappenbriefes selbst nach den 
beiden Entwürfen im Ganzen wortgetreu wiederhergestellt 
werden, wenn sich irgend ein Beweis finden liesse, dass 
dieses Dokument thatsächlich im Jahre 1596 verfasst wurde. 
Hierfür ist aber gar kein Anhalt vorhanden, im Gegenteil: 
Die unter Blatt B befindlichen Aktenvermerke lassen die 
Vermutung gerechtfertigt erscheinen, dass ein älteres 
Dokument im Verlaufe der Wappen -Amts -Verhandlungen 
zum Vorschein gekommen ist, welches die neu gefertigten 
Entwürfe zu einem Wappenbrief überflüssig machte. 

Dass heraldische Angaben aus der Zeit, um welche 
es sich hier handelt, eher unser Vertrauen als unser Miss- 
trauen verdienen, wurde schon erwähnt. ') Verstärkt wird 
ersteres im vorliegenden Falle noch dadurch, dass in den 
fraglichen Aktenvermerken zwei Handschriften erkennbar 
sind, mithin zwei Beamte des Wappen-Amtes daran ge- 
arbeitet haben, was jede Fälschung wesentlich erschweren 
musste. 

Aus den Vermerken unter Blatt B^) geht hervor: 

a) Dass John Shakespeare ein 20 Jahre altes Papier 
vorgezeigt haben muss, welches von dem Clarencieux- 
Wappenkönig (Clarenc.') Cook an ihn gerichtet worden ist. 
Ob nun die leider höchst undeutlich geschriebene Benennung 
dieses Schreibens als „patierne'^ (= pattem) Vorgang, oder 
als ;,patience" Erlaubnis entziffert wird, oder ob gelehrte 
Sachverständige noch ein anderes Wort dafür herauslesen 
können — thatsächlich kann dieses dem Wappen -Amte als 



1) Vergl. Seite 20. 

2) Sidney Lee nennt dieselben: „zusammenhanglose Notizen, 
deren Wahrheit nicht nachweisbar ist — diaconnected and unveri- 
fidble memoranda^. 



— 55 — 

Belag vorgelegte Papier kaum etwas Anderes gewesen 
sein, als der Wappenbrief. Sollte der Wappenkönig einen 
andern Brief eigenhändig an John Shakespeare ge- 
schrieben haben, den das Wappen -Amt als zu beachtendes 
Dokument behandeln konnte? — Die Mutmassung der Frau 
C. 0. Stopes, die sich auf die andere Bedeutung „Muster" 
des Wortes pattem stützt, dass der Clarencieux Gook 
seiner Zeit an John Shakespeare gewissennassen Wappen- 
proben geschickt und letzterer seine Entscheidung bisher 
verzögert haben könnte, — ebenso die von anderer Seite 
in Betracht gezogene Annahme, dass die Entscheidung des 
Wappenamts auf das bereits 1569 eingereichte Gesuch erst 
im Jahre 1596 getroffen worden sei, halte ich für ganz 
unwahrscheinlich. Die in jener Zeit um eine Wappeji- 
verleihung Bittenden werden sicherlich bei Einreichung 
ihrer Gesuche auch ihre einschlägigen Wünsche haben 
aussprechen dürfen; dann aber werden die Herolde ihre 
Erkundigungen eingezogen und ihre Entscheidung getroffea 
haben, indem sie entweder das Gesuch ablehnten oder für 
den Betreffenden das Wappen aufrissen und ihm den 
Wappenbrief zustellten. 

Zu einer Übersendung von Wappenproben vor Aus- 
stellung des Wappenbriefs dürfte sich ein Wappehkönig 
kaum herbei gelassen haben und für eine fast' 30jährige 
Verschleppung der Antwort auf Johns Bitte um Verleihung 
eines Wappens lässt sich auch kein Grund finden. 

Wenn also John Shakespeare einen „Vorgang " auf- 
weisen konnte^), so wird dadurch höchst wahrscheinlich, 
dass eine Wappenverleihung an ihn bereits früher erfolgt 
war und dass es sich 1596 gar nicht um den Neuaufriss 
eines Wappens gehandelt hat, sondern nur um Wieder- 
aufnahme eines früher bewilligten Wappenrechtes, 



*) Dass er ein ihm „früher'* verliehenes Wappen vorgezeigt 
hat, wird auch in Blatt 0, dem Entwurf von 1599 gesagt (s.S. 46). 
Oh aher damit 1596 oder eine noch frühere Zeit gemeint ist, ist 
leider zweifelhaft. 



— 56 — ^ 

das aus irgend welchen, uns unbekannten Gründen geruht 
zu haben scheint'), vielleicht aber auch nur um Erwerbung 
des Eechts, ein auf Lebenszeit verliehenes Wappen in der 
Familie weiter vererben zu dürfen. 

Dem Schreiben, welches im Laufe der Verhandlungen 
vorgezeigt sein dürfte, werden auch die Angaben der Akten- 
vermerke entnommen sein, durch deren Inhalt beide Ent- 
w^ürfc von 1596 überflüssig wurden, weil nunmehr ihr 
Wortlaut nicht mehr zu brauchen war. Das Wappenamt 
hatte nach Einsicht in das „20 Jahre alte Papier" nur zu 
bescheinigen, dass die Hemmnisse beseitigt seien, die John 
Shakespeare an der Führung des Wappens behindert hatten. 

Meine persönliche Auffassung ist die, dass der ganze 
Wirrwarr dieser Angelegenheit dadurch entstanden ist, 
dass das Cooksche Schreiben an John nicht zur Stelle 
war, als 1596 wahrscheinlich von dem Dichter selbst ein 
neuer Antrag eingereicht wurde, sondern erst nachträglich 
im Laufe der Verhandlungen vorgezeigt werden konnte. 
Ferner möchte ich glauben, dass es sich bei den heraldischen 
Vorgängen von 1596 lediglich um eine Geldfrage gehandelt 
hat. Wahrscheinlich hatte John Shakespeare in früheren 
Jahren irgend welche Gelder nicht an das Wappenamt 
gezahlt und damit das Recht eingebüsst, sein Wappen 
führen zu dürfen. Sein grosser Sohn beschaffte dann die 
rückständigen Summen und beantragte die Wiederverleihung 
des Wappenrechts an seinen Vater ^), zunächst ohne Vor- 
zeigung des alten Wappenbriefs, was irgend einen nur 
oberflächlich mit der Sache bekannten Beamten des Wappen- 



1) Die drei Wappenkönige, welche die Verleihung, Aufhebung 
und Wieder Verleihung des Wappenrechts verhängt haben müssten, 
werden von G. R. Prench (S. 519) die drei besten Heroldfe genannt, 
welche je den Heroldsmantel geziert hatten. Es waren Cooke, 
Dethik und Camden. 

^) Möglicher Weise handelte es sich darum, ein dem Vater 
nur für die Dauer seines Amtes als Bürgermeister oder für seine 
Lebenszeit verliehenes Wappen als vererbliches Familien wappen 
bp'^illis't 711 erhalten. 



— 57 — 

amts veranlasst haben mag, den Entwurf zu einem neuen 
Wappenbrief in die Wege zu leiten. Die so entstandenen 
Entwürfe würden bei Vorzeigung des alten Wappenbriefs 
überflüssig geworden sein; denn der Wappenkönig Dethik 
brauchte dann nur die Erlaubnis an John Shakespeare zu 
erteilen, dass von Cook verliehene Wappen führen oder 
seinen Nachkommen vererben zu dürfen. 

Die überflüssig gewordenen Blätter scheinen nur durch 
Zufall nicht vernichtet, sondern in den Akten erhalten 
geblieben zu sein. 

Dass die Vorgänge sich so, oder in ähnlicher einfacher 
Weise abgespielt haben, lässt sich freilich nicht beweisen, 
aber solche Lösung scheint mir natürlicher, als dass die 
Herolde nur eigene Phantasiebilder entworfen, oder 
Fälschungen geplant hätten, auch lassen sie sich gut in 
Einklang bringen mit anderen Thatsachen: 

a) Der erste Aktenvermerk auf Blatt B giebt das Alter 
des Cook'schen Schreibens auf 20 Jahre an — XX 
years past — das führt ins Jahr 1576, in dem John 
Shakespeare als Ratsherr — aldermcm — allen Eats- 
versammlungen in Stratford beiwohnte. Er führte 
damals das Prädikat „Mr," oder „Magister ^^ — „Herr" 
vor seinem Namen. Im Jahre 1580 steht sein Name 
in einem Verzeichnis der Wohlgeborenen Herren — 
gentlemen — und Preisassen von Warwickshire. Er 
könnte also sehr wol bereits 1576 im Besitz des 
Oook'schen Wappenbriefs gewesen sein. Indessen auf 
Blatt C — dem Entwurf von 1599 — steht ausdrücklich, 
dass er sein Wappen erhalten habe, während — 
whilest — er Bürgermeister — bailefe — war und so 
möchte ich glauben, dass die XX im Aktenvermerk 
„ungefähr 20" oder „20 und etliche" bedeuten soll, 
was für die damaligen Aktenzwecke genügt haben 
dürfte. Eine derartige Benutzung von Zahlwörtern 
ist in jener Zeit vielfach und auch bei Shakespeare 
selbst nachweisbar, z. B. für die Zahlen 40 und 500. 
Man darf also m. E. der „20" ohne Gewissensbisse 



Blatt D. 

Ein längliches Blatt PapieT ohne U^tersc^lrift und Zeit- 
angabe, nach der Sorgfalt zu urteilen^ welche auf die 
Schrift und die farbigen 4 Wappenschildsl^izzen verwendet 
ist, eine Reinschrift, welche voj Augeu fuhren soll,, wie 
die Wappen, welche schwarze rechte Schrägbalk^n in 
goldenem Felde zeigen, vqu einander unterschieden wurden. 



An der linl^en Schi^alseite steht Sh^H^spere, darunter 
sein Wappenschild, die scharfe Tur^ierlanze ganz gold, 
nicht mit Stahl* oder Silberspitze. 

Auf der rechten Schmalseite ist Lord Mauley's 
Wappenschild, in Gold ein schwarzer Schrägbalkei^ ; da- 
neben ein Schild, in welchem 2 schwar:^e Fäden — coUi^ 
— den Schrägbalken begleiten und unter diesen eip (4ter) 
goldener Schild, auf dem der schwarze Schrägbalken von 
3 silbernen Hufeisen belegt ist^ — Die 4 SchUdskl^ßzen 
sind sauber in Farben ajigejegt 

Zwischen den WajppensQhilden, die Mitte de^ Zettels 
einnehmend, steht in grosser, deutlicher Schrift: 

„Ebenso gut könnte gesagt werden, dass Hareley, der 
den schwaraen reebten SchFägbalken ven zwei gehwarzen 
Fäden begleitet, ') führt, und alle andern, die in Gold oder 
Silber einen schwarzen rechten Schrägbalken führen, sich 
das Wappen des Lord Mauley anmassen. Was die 
Turnierlanze auf dem Schrägbalken betrifft, so bildet 

1) Hier fehlen die Worte: „oder Ferrers** (in der Randzeich- 
nung Gold, schwarzer von 3 silbernen Hufeisen belegter Schräg- 
balken). Vergl. Shctkeapeareana Genealogica by G. B. French, 1861^ 
par 517. 



— 49 — 

sie ein Unterscheidungszeichen, welches als heraldisch 
genügend bezeichnet werden muss — Äs for the spear in 
bend is a patible di/ference — . Und die Persönlichkeit, 
der Solches bewilligt wurde, ist Magistratsbeamter und 
Friedensrichter in Stratford am Avon gewesen; er hei- 
ratete die Tochter und Erbin von Arderne und vermochte 
sich in seinem Stande zu erhaltep — to maintaine that 
estate — ." 

Aktenzeichen W. Z. 276 b. 



Blatt E. 

Eine Federskizze, die Wappenschilder Shakespeare und 
Lord Mauley nebeneinander zeigend. Der Zettel ist ganz 
klein und wie folgt beschrieben: 

Shakeipeare 
Siehe Buch der Untersch: 61/ 
Siehe Ritter von E. J. S. 2. 28. 

Lord Mauley 

Aktenzeichen R. 21285. 



— 51 — 

Die Übertragung alt -englischen Kanzleistyles in eine 
moderne Sprache hat immer etwas Missliches an sich. 
Übersetzt man ganz wortgetreu, so wird der Sinn schwer 
verständlich und schleift man die alten Fachausdrücke 
und unbeholfen an einander gereihten Satzbildungen in 
modernisierender Weise ab, so verwirft sich natürlich das 
eigentliche Bild des Schriftstücks. Ich habe versucht, eine 
massvolle Mitte zwischen beiden Wegen einzuhalten, die 
dem Shakespeare-Studierenden freilich nicht genügen kann; 
er wird genötigt sein, auf die Originale zurückzugreifen, 
die in Facsimile jetzt auch in Deutschland leichter zu- 
gänglich sind.*) 

Zu Blatt A: Der erste Entwurf von 1596 ist nur in- 
sofern wichtig, als daraus die fehlenden Stellen in Blatt B. 
ergänzt werden können. Anscheinend ist Blatt A nur die 
Arbeit eines ungeübten Schreibers, der den Auftrag eines 
Vorgesetzten gehabt haben mag, nach mündlichen Angaben 
den Wappenbrief für John Shakespeare zu entwerfen. 

Gleich bei Beginn scheinen ihm die altfranzösischen 
Worte .Mon sanz droicf^ welche wahrscheinlich das Motto 
oder die einleitende Überschrift bilden sollen, gut gefallen 
zu haben. Er hat sie drei mal in verschiedenen Buch- 
staben voran geschrieben, ein mal sind sie durchstrichen. 

Die Schrift selbst ist voller Durchstreichungen, Ände- 
rungen und Berichtigungen auch an solchen Stellen, die 
schematisch festgestellt hätten sein müssen und einem 
Schreiber im Wappen -Amte keine Schwierigkeiten machen 
durften. 

Für einige Namen ^) hat er die Stellen ursprünglich offen 
gelassen; dieselben sind ersichtlich später mit stumpferer 
Feder von ihm oder einem Anderen nachgetragen worden. 
Stephen Tucker hält es für möglich, dass Shakespeare 



1) The a88ig7iment of Arms to Shakespeare and Ar den, hy Stephen 
Tucker Esq., Sommerset Herald in Ordinary, London, Mitchell and 
Huyhrs, 140 Wardour Street W. 1884. 

2) Vergl. oben in der tibersetzung von Blatt A S. 40 die im 
Druck hervorgehobenen vier Worte. 

4* 



— 62 — 

schränkung oder Vierung der beiden Wappen geschritten 
ist, fehlt jede Nachricht. Seinem Sohne mag das Wappen- 
amt die Berechtigung zur pfalweisen Verschränkung oder 
zur Vierung des väterlichen und mütterlichen Wappens 
nicht ertheilt haben, weil er bereits verheiratet war, als 
der Vater die erstere Berechtigung erhielt, und zwar mit 
einer Frau, die so weit wir wissen, kein Wappen führen 
durfte. Aus demselben Grunde war natürlich auch jede 
Doppelvierung für ihn ausgeschlossen.*) 

Obgleich in Blatt C auch nur der unvollkommene 
Entwurf eines heraldischen Dokuments vorliegt, hat das 
Schriftstück doch Interesse und Wert für die Lebens- 
geschichte des Dichters. 

Zunächst muss hervorgehoben werden, dass eine Unter- 
schiebung gefälschter*) oder schlecht beglaubigter That- 
' Sachen gerade in diesem Falle äusserst schwierig gewesen 
sein müsste, weil in dem ganzen langen Verlauf der An- 
gelegenheit drei oder richtiger gesagt vier Wappenamts- 
beamte ihre Hand im Spiele gehabt haben, nämlich: 1. der 
Clarencieux -Wappenkönig Robert Cooke, welcher spätestens 
1576 einen Brief mit eigenhändigem Aufriss des Wappens 
— also einen Wappenbrief — an John Shakespeare ge- 
sendet hat; 2, der Hosenband-Haupt- Wappenkönig Dethik, 
welcher 1596 für den zur Zeit fehlenden Clarencieux die 
Verhandlungen mit den Shakespeares wieder aufnahm; 
3. der 1597 zum Clarencieux ernannte Camden, von dem 
die Sache fortan ressortierte; und 4. schliesslich der von 
Letzterem bei seiner Beförderung übergangene York- 
Herold Ralph Brooke — Raffe BroJces — der sich, wie 
aktenmässig feststeht, seines Übergangenseins wegen ver- 
letzt fühlte und, um sich zu rächen, die heraldischen Ent- 



1) Vergl. Schlusssätze der 3. Studie. 

2) Die alten englischen Herolde werden in ihrem Vaterlande 
oft und ganz öffentlich eines solchen Verfahrens geziehen. Ob 
mit Recht oder in Verkennung der Zeitverhältnisse, lässt sich 
meistens nicht mehr entscheiden. Fehler in Genealogien und 
Stammbäumen sollen allerdings häufig nachzuweisen sein. 



— 68 — 

Scheidungen seines nunmehrigen Vorgesetzten auf alle 
mögliche Weise angriff.') Hätte dieser eine Leicht- 
gläubigkeit oder einen Irrtum in Darstellung von That- 
sachen aufdecken können, so hätte er es gern gethan. Da 
er es nicht gethan hat, so liegt darin ein Wahrscheinlich- 
keitsbeweis, dass er nichts Derartiges heraus zu finden 
vermochte und so dürfen wir den thatsächlichen Angaben 
auf den Blättern A — desto mehr Vertrauen entgegen- 
bringen.*) 

John Shakespeare wird auf Blatt zwei Mal nament- 
lich aufgeführt, beide Male mit dem Prädikat Oent hinter 
dem Namen. Er muss also in den Matrikeln der „Wappen- 
führenden, wohlgeborenen Herren — gentlemen bearing 
coat-armour^ — eingetragen gewesen sein. Bereits 19 Jahre 
früher 1580 erscheint er ebenfalls in den Listen der wohl- 
geborenen Herren und Landbesitzer von Warwickshire. 

Dem ersten Aktenvermerk auf Blatt B: „Dieser John 
zeigt einen Aufriss davon in Clarenc' Cook's Handschrift 
in einem 20 Jahre alten Papier" entspricht die Stelle auf 
Blatt C: „und auch dieses sein , altes' Wappen vor- 
gezeigt — proditced — hat, das ihm überwiesen wurde, 
als er noch — whilest — Ihrer Majestät Beamter, Burge- 
meister dieser Stadt war". Solche Übereinstimmungen 
könnten sich nicht in den drei Jahre auseinander liegenden 
Blättern des Wappenamtes finden, wenn sie nicht auf that- 
sächlicher Grundlage beruhten. Zweifelhaft bleibt nur, 
ob der ursprüngliche Antrag John's, der 1568 oder 69 
gestellt sein dürfte, sofort von dem damals zwei Jahre im 
Amte befindlichen Clarencieux-Wappenkönig Robert Cook') 
bewilligt worden ist, oder ob sich dessen Entscheidung bis 
1576 verzögert hat. 

Nach dem Vorausgeschickten dürfte also die Zeit der 



1) Von' ihm stammt der Einwurf, dass das Wappen Shake- 
speare's dem des Lord Mauley zu sehr gliche. 

2) Vergl. den Schluss dieser Studie. 

3) Vergl. Anm. 3 auf S. 44. 



— 64 — 

Wappenverleihung an John Shakespeare in die Jahre 
1568/69 bis 1576 zu legen sein. 

Der von König Heinrich VII. beförderte und belohnte 
Ahn John Shakespeare's wird in Blatt C durch Über- 
schreiben als sein Urgrossvater bezeichnet, in Blatt B 
hingegen als Grossvater. Diese Verschiedenheit ist bedauer- 
lich, denn sie erschwert die Forschung. Der Regierungs- 
antritt Heinrichs VII. fand 1485 statt, John Shakespeare's 
Geburt muss 45 bis 60 Jahre ') später gelegt werden, so 
dass der Zeit nach beide Fälle möglich sind: sowol sein 
Grossvater als auch sein Urgrossvater können unter diesem 
Könige militärische Dienste geleistet haben. Ob der Zweifel 
je gelöst werden wird, liegt noch im Schosse der Zukunft; 
wahrscheinlich ist es nicht, denn die Listen der meisten 
Gnadenbeweise Heinrichs VH. sollen verloren gegangen 
oder bei Bränden mitvernichtet worden sein. 

Es ist übrigens eine Möglichkeit vorhanden, dass es 
sich in den Blättern B und C um ein und dieselbe Persön- 
lichkeit handeln kann. Der Dichter mag mit dem Schreiber 
des Blattes C von seinem Urgrossvater gesprochen haben 
und als der Beamte dann die Kladde niederschrieb, mag 
er übersehen haben*), dass in dieser vom Vater des 
Dichters, nicht von letzterem die Eede war. So mag der 
„Grossvater" des Blattes B in Blatt C fälschlich zum 
„Urgrossvater" geworden sein. 

Ungenau, wie der Text des Blattes C, ist auch die 
zugehörige Randzkizze, die das Shakespearewappen und 
darunter den Schild darstellen soll, wie er nach Ver- 
schränkung mit dem Ardenschen Wappen auszusehen hätte. 

1) Eine leider nirgends beglaubigte Überlieferung lässt ihn 
1530 geboren sein. Das späteste Geburtsjahr, das man ihm zu- 
sprechen kann, ist 20 Jahre vor des Dichters Geburt, also 1544. 
Wenn er aber identisch ist mit dem „de Snytterfield Agricola*^, der 
1560/01 seines Vaters Güter in Verwaltung nahm, so muss er 
einige Jahre früher geboren sein, da doch anzunehmen ist, dass 
er beim Gerichtsakt mündig wai'. 

2) Wir haben schon mehr Ungenauigkeiten in dem Schi'iftstück 
kennen gelernt. 



— 65 — 

Was ersteres anbetrifft, so ist der Schild richtig, d. h. 
entsprechend der Ansprache im Texte und der Beschreibung 
auf Blatt B, aber es ist vergessen, die Farbe der Lanzen- 
spitze') anzugeben. Ferner sind die Farbenangaben der 
Zimier abweichend von den früheren und nirgendwo anders 
zu finden, nämlich: der Falke gold — die Spitze der Lanze 
schwarz. Letzteres ist ein offenbarer Fehler gegen die 
Ansprache im Texte: Scharfe Tqrnierlanze, Schaft gold, 
silbern geschärft {A Speare Armed hedded or and steeled 
Sylver/^) Die Farbe des Falken fehlt in Blatt C, müsste 
nach Blatt B Silber sein.') 

Unter dieser fehlerhaften Zeichnung befindet sich der 
Schild eines Heiratswappens ojine Farbenbezeichnung: 
vorne der Schild Shakespeare's, Ijinten ein Schild mit ge- 
schachtem Querbalken. Letzterer ist ausgestrichen und 
folgender mit Signaturen genau bezeichneter Schild da- 
neben gesetzt: „In Rot drei 2—1 gestellte, goldene ge- 
spitzte Wiederkreuze, in goldenem Schildhaupt eine rote 
gestümmelte Amsel." Letzteres stellt eins der mehr als 
30 in Farben und Zeichen von einander abweichenden 
Wappen vor, die alle von den Familien Arden geführt 
wurden. 

Aus dieser berichtigten Skizze ist den Wappenkönigen 
Dethik und Camden der Vorwurf einer beabsichtigten 
Fälschung erwachsen. Man sagte: Die hoch- und wohl- 
geborene Familie {Sir) Arden von Parkhall führte im 
Heruielinschild einen gold-rot (oder gold-blau?) geschaphten 
Querbalken. Diese Zeichen hätten die Wappenkönige auch 



1) Sowol die Lanzenspitze als auch der Falke scheinen bei 
endgültiger 'FestsleUuug des \\''appens geändert worden zu sein. 
Das Wappen auf Shakespeare's Grabmonunient, das vielfach von 
Wappenkönigen besichtigt worden ist, zeigt die Lanze gold, aber 
scharf (d. h. ohne Turnierknauf — cronall — ) und den Falken 
naturfarben. 

2) Das Durchstreichen des Wortes Argent und das Dr über- 
schreiben des gleichbedeutenden Wortes Sylcer zeigt eine heraldisch 
ungeübte Hand. 

5 



— 66 — 

der Mary Shakespeare, geborenen Arden ins Wappen geben 
wollen. Da aber die Familie (Sir) Arden damals in 
Warwickshire noch blühte, so hätten sie aus Furcht vor 
Entdeckung Abstand davon genommen und statt dessen 
der Mary Shakespeare das Wappen der Ardens aus 
Cheshire gegeben, die weit ab wohnten, so dass eine 
baldige Entdeckung nicht zu fürchten gewesen sei. 

Wie die Sache in Wirklichkeit heraldisch liegt, kann 
es kaum etwas Ungereimteres geben, als diese Ver- 
dächtigung. Im Allgemeinen sei bemerkt*), dass in Eng- 
land bisweilen die Mitglieder einer und derselben Familie 
ganz verschiedene Wappen führten. Das alte Wappen 
ve|*erbte sich auf die Häupter der Familien, die Besitzer 
des Stammsitzes waren, die jüngeren Söhne dagegen be- 
kaiö^n selbständige andere Wappen, die öfters gar keinen 
erkennbaren Zusammenhang mit dem Stammwappen hatten. 
So führten oft Mitglieder einer und derselben Familie ver- 
schiedene Wappen. Dies kann im Speziellen grade von 
der Familie Arden nachgewiesen werden. Dieselbe hatte 
sich in zahlreichen Zweigen über ganz England ausge- 
breitet und führte, wie schon erwähnt, etwa 30 — 40 von 
einander verschiedene Wappen. Bei der heraldischen 
Kundreise — Visitation — im Jähre 1615 bestätigten die 
Herolde allein für die Ardens in Warwickshire fünf ver- 
schiedene Wappen. Bei dieser Gelegenheit wurde fest- 
gestellt, dass ein Sir Harold de Arden, Lord of Uptou, 
bereits im 11. oder 12. Jahrhundert dasselbe Wappen 
(allerdings ohne Amsel) geführt hatte, welches als Mary 
Shakespeare's bezeichnet wird. — Dasselbe Wappen, eben- 
falls ohne Amsel, führte noch im Jahre 1569 ein Vetter 
zweiten Grades von Mary Shakespeare, d. h. ein Enkel- 
sohn des Bruders ihres Gross vaters, Namens Simon Arden, 
Besitzer von Longcroft. 

Die gestümmelte Amsel ist in der neueren Heraldik 
das Unterscheidungszeichen des vierten Sohnes einer 



^) Vergl. Genealogkal Magazine, June 1897, S. 87, Anm. 3. 



— 67 — 

Wappen führenden Familie, bezw. des vierten Zweiges 
einer Familie, welche dasselbe Wappen führt. In älterer 
Zeit, um die es sich hier handelt, scheint sie nur ein 
Unterscheidungszeichen im Allgemeinen gewesen zu sein. 
Wie und wann sie in das alte Ardensclie Wappen ge- 
kommen ist, vermag ich nicht zu ermitteln. Dass sie aber 
von einem der Wappenkönige Dethik oder Camden erst 
1599 der Mary Shakespeare ins Wappen gesetzt sein 
sollte, scheint mir höchst unwahrscheinlich, denn ein oder 
mehrere Zweige der Familie Ardon führten um diose Zeit 
bereits genau dasselbe Wappen, wie es in der Rand- 
zeichnung von Blatt C erscheint. In dem alten Wappen- 
buch von Glover, herausgegeben von Edmonson, findet 
sich bereits: für Arden oder Ardene (Warwickshire und 
Bedfordshire) „In Rot drei goldene gespitzte Wiederkreuze, 
auf goldenem Schildhaupt eine rote gestümmelte Amsel." 
Höchst wahrscheinlich hat also Mary's Vater Robert dieses 
Wappen mit der Amsel geführt, wie es sein Neffe zweiten 
Grades Simon ohne dieselbe führte, weil letzterer als 
nächster Bruder des William Arden von Parkhall, dem 
Haupte des älteren Zweiges der Familie näher verwandt 
war. Letzterer wird den geschachten Querbalken geführt 
haben — in welchen Farben ist zweifelhaft, weil in den 
heraldischen Werken gar zu viele Verschiedenheiten auf- 
geführt werden, aber mutmasslich wie sein Ahn Robert 
Arden 1438, von dem er in vierter Generalion direkt ab- 
stammte, also: „Im Hermelinschild ein Gold und Blau 
geschachter Querbalken." 

Die Berichtigung des Ardenschen Wappens in der 
Randzeichnung zu Blatt C zeugt also viel eher für 
heraldische Nachforschung, als für leichtsinnige oder 
gar absichtlich fälschende Behandlung der vorliegenden 
Wappenfrage. 

Zu Blatt D: Gegen den Aufriss des Wappens Shake- 
speare ist der Tadel ausgesprochen worden, es gliche dem 
des Lord Mauley so, als ob Ersterer sich des Letzteren 
altes Wappen, bezw. eine Familienverwandtschaft wider- 

5-- 



— 68 — 

rechtlich angemasst hätte. Blatt D hat ersichtlicher Massen 
den Zweck, diesen oder einen ähnhchen Vorwurf vom 
heraldischen Standpunkte aus zu widerlegen. — Wenn die 
Angabe von G. E. French richtig ist, dass der York-Herold 
Ralph Brooke s. Zt. aus Unmut darüber, dass er bei Be- 
förderung zum Wappenkönig übergangen worden sei, neben 
vielen andern, so auch diese heraldische Nörgelei ver- 
schuldet habe, so dürfte die Abfassungszeit des Blattes D 
nach 1596 oder ein wenig später zu legen sein. Aus dem 
kurzen Text des Blattes lässt sich eine leidlich sichere 
Folgerung ziehen: 

Der Mann, der Shakespeare's Wappen angreifen wollte, 
wird doch zuerst — so muss man wenigstens vernünftiger 
Weise schliessen — die in dem Wappenbrief angegebenen 
Thatsachen auf ihre Richtigkeit geprüft haben, um Irrtümer 
zu finden, die ihm eine willkommene Waffe gegen seinen 
früheren Untergebenen, jetzigen Vorgesetzten, der den 
Brief ausgestellt hatte, in die Hand gegeben hätten. Er 
muss doch nichts Angreifbares in dieser Beziehung ge- 
funden haben; wenigstens ist keine Nachricht darüber 
vorhanden. Durch diesen negativen Schluss werden die 
Angaben, welche sich auf den Blättern A — D erhalten 
haben, nur um so zuverlässigere Quellen. 

Die Worte des Textes auf Blatt D: j,he was able fo 
maintaine that estate'\ stellt demjenigen, dem das Wappen 
verliehen wurde — also dem John Shakespeare — das 
Zeugnis aus, dass er diesen Stand aufrechterhalten konnte." 
Das bedeutet in dem Zusammenhange, in dem es steht: 
„Er hat die Erbin eines vornehmen adligen Hauses ge- 
heiratet und dann ein solches Leben geführt, dass er die 
Stellung, in die er sich hinein geheiratet hatte, genügend aus- 
zufüllen vermochte, d. h. dass er seit der Heirat das Leben 
eines „wohlgeborenen Herrn" — gentleman — geführt hat. 

Dies muss schon vor Eingang der Ehe zutreffend ge- 
wesen sein; andern Falles würde der „hoch wohlgeborene 
Herr" Richard Arden aus Wellingcote ihm kaum die Hand 
seiner „Erbin" bewilligt haben. 



— 69 — 

Zu Blatt E: Diese Federskizze der beiden Wappen 
Shakespeare und Lord Mauley, um deren Unterscheidung 
CS sich handelte, dürfte von dem Beamten des Wappen- 
amts herrühren, der zuerst mit Beantwortung der Frage 
betraut worden ist: „ob die goldene Turnierlanze auf den 
schwarzen Schrägbalken gelegt, als heraldisches Unter- 
scheidungszeichen für die Wappen zweier verschiedener 
Familien genügt ?** eine Frage, die vom Wappenamte be- 
jaht wurde. 

Aus dem Inhalt der besprochenen Aktenreste lassen 
sich folgende Schlüsse zur Lebensgeschichte des Dichters 
ziehen: 

1. Die Schreibweise seines Namens war: „Shakespeare" 
und „Shakespere". 

2. Der Vater des Dichters John hat die Tochter einer 
Familie geheiratet, die ihre Abstammung von den 
Warwicks zur Zeit Wilhelm des Eroberers ableitet, 
denn 

3. Shakespeare's Mutter war eine Mary Arden, die 
Enkelin des zweiten Sohnes eines Walter Arden 
von Parkhall. 

4. Shakespeare's Vater John war 1576 ein Landbesitzer 
mit ansehnUchem Vermögen {£ 500). 

5. Derselbe hat spätestens 1576, möglicher Weise schon 
1568/69 ein Wappen erhalten, in Gestalt eines Briefes 
mit Wappenaufriss vom Clarencieux - Wappenkönig 
Robert Cooke. 

6. Die damals erteilte Berechtigung zur Führung eines 
Wappens scheint irgendwie eingebüsst worden zu 
sein und ist erst 1596 erneuert worden, oder sie war 
nur für die Amtsdauer bezw. Lebenszeit von John 
Shakespeare erteilt worden und es handelte sich 1596 
um den Antrag Jolm's, sein Wappen in seiner 
Familie weiter vererben zu dürfen, was jedenfalls 
bewilligt worden ist. 



— 70 — 

7. Der Gross- oder Urgrossvater John's hat sich unter 
Heinrich VII. militärisch ausgezeichnet. Ihm wurde 
Landbesitz in Warwickshire gegeben. 

8. John Shakespeare scheint 1599 die Erlaubnis erhalten 
zu haben, sein seit 1596 vererbbares Wappen mit 
dem der Ardens pfalweise zu verschränken. 

9. Anna Shakespeare, geb. Hathaway, hat kein Wappen 
geführt; deshalb 

10. Verlautet nichts von einer Erlaubnis an den Dichter 
selbst zu einer Verschränkung, Vierung oder Doppel- 
vierung seines Wappens mit denen andrer Familien. 

Nach den Zahlenangaben in Blatt C zu urteilen, sind 
die Verhandlungen über Shakespeare's Wappen im Jahre 
1599 und im 42. Regierungsjahre der Königin Elisabeth, 
also zwischen dem 11. November 1599 und Neujahr 1600 
zu Ende gebracht. Ebenfalls um die Wende des Jahr- 
hunderts erschien das Stück „Die lustigen Weiber von 
Windsor". Die heraldischen Anspielungen darin haben 
mit dazu beigetragen, die Abfassungszeit zu bestimmen, 
weil man mit Recht vermutete, dass grade in dieser Zeit 
des Dichters Gedanken viel durch die heraldischen Ver- 
handlungen über das Wappen seines Vaters in Anspruch 
genommen gewesen sein müssten. Tritt man den heral- 
dischen Stellen näher, st) findet man nicht nur obige An- 
schauung der Fachgelehrten bestätigt, sondern man kann 
auch ohne Schwierigkeit die Stellungnahme des Dichters 
zu den heraldischen Entscheidungen erkennen. Er lässt 
sie durch die Personen des Stückes aussprechen, leider 
nicht so direkt, dass man Beweise darauf fussen könnte, 
sondern verschleiert durch Wortspiele und komische 
Bühnenwendungen, aber doch deutlich genug, um zu ver- 
stehen, was er zwischen den Zeilen durchblicken lassen 
will. Gleich in dem ersten Auftritt (s. 5. Studie) zeigt 
er uns, dass er es bedauert, keine Vierung mit seinen 
Wappen vornehmen zu können. Die Stelle lautet: Kann 
ich vieren, Vettei ? — Ja, wenn Du lioiratost (hy marrying). 



— 71 — 

Das versteht nun Sir Hugh Evans verkehrt und fährt fort: 
It is marring^), indeed if he quarter it. Es ist wirkUch 
verderbend, „wenn er den vierten Teil abschneidet" oder 
„wenn er zur Vierung schreitet." Die beiden Objekte zu 
„marring" sind fortgelassen, man kann sie aber unschwer 
ergänzen. Für die erste Lesart, die Evans versteht, ist 
es j,the coat'^ im Sinne von „Eock", also: „er verdirbt den 
Rock wirklich, wenn er ein Viertel abschneidet", und für 
die zweite, die ich als persönliche Äusserung des Dichters 
ansprechen möchte; dürfte „heraldry" das Objekt sein 
sollen, also: „es verstösst in Wirklichkeit gegen die 
heraldischen Gesetze, wenn er zur Vierung schreitet." 2) 

Ob diese Auslegung richtig ist, ja, ob die Zeile als 
persönliche Meinungsäusserung des Dichters aufzufassen 
ist, kann heute natürlich nicht mit unanfechtbarer Sicher- 
heit bewiesen werden, aber zwei triftige Gründe sprechen 
dafür: 

Einmal ist Shakespeare thatsächlich nicht zur Vierung 
seiner elterlichen Wappen geschritten, sonst wäre un- 
zweifelhaft diese heraldische Ehrung auf seinem Grab- 
denkmal angebracht worden und zweitens erscheint das 
Wort „to quarter^' in der Bedeutung „vieren" nur an dieser 
einzigen Stelle in seinen sämtlichen Werken (s. Sh. Lex. 
von A. Schmidt), woraus sicherlich auf eine ganz besondere 
Veranlassung, bezw. auf eine persönliche heraldische 
Schwierigkeit geschlossen werden kann. 

Nach allgemeiner heraldischer Regel hätte Shakespeare 
das Recht zur Vierung erhalten können, sobald sein Vater 



1) Dasselbe Wortspiel zwischen den beiden Worten kommt — 
vielleicht auch in Anspielung auf seine persönlichen Verhält- 
nisse vor: AU's II, 3, 317: A young man marned is a man thafs 
marred Ein junger Mann, der verheiratet ist, ist behindert (d. h. 
hat stets eine Fessel am Fuss). 

2) Der Satz kann ohne Ergänzung eines Objektes auch ver- 
standen werden: „Das Wappen wird verdorben, wenn er es viert." 
Anstatt den ganzen Schild einzunehmen, wurde das Wappen bei, 
einer Vierung in zwei sich mit den Ecken berührenden Vierteln 
des Schildes entsprechend verkleinert — mithin undeutlicher. 



— 72 — 

sein eigenes Wappen mit dem seiner Gattin pfalweise ver- 
schränken durfte. Zu der Zeit aber, als die Bewilligung des 
Wappenkönigs hierzu erteilt zu sein scheint, war der Dichter 
bereits verheiratet. Wäre nun seine Gattin ihm heraldisch 
ebenbürtig gewesen, so hätte beiden Eheleuten die Doppel- 
vierung zuerkannt werden können, diese war aber aus- 
geschlossen, weil Frau Shakespeare kein Wappen führte. 
Aus diesem Grunde mag nun das Wappenamt auch die 
einfache Vierung für den Ehemann allein nicht bewilligt 
haben. Träfe dieses zu — die Herolde mögen ja auch 
andere, jetzt nicht mehr auffindbare Schwierigkeiten ge- 
macht haben — so klängen Evans' Worte: jylt is marring 
indeed, if he quarter iV\ wie aus der heraldischen Seele 
des Dichters gesprochen. 

Im 5. Aufzug 5. Auftritt des Stückes ist eine andere 
Stelle, die noch deutlicher als persönliche Äusserung 
Shakespeare's zu den Entscheidungen des Wappenamts 
aufgefasst werden kann (s. 5. Studie). Frau Anna Page 
als Feenkönigin teilt den Feen ihre Arbeit zu. Sie 
sollen Schloss Windsor durchsuchen, alle heiligen Räume 
weihen und die Rangsessel einzeln mit Balsam und köst- 
lichen ßlättchen abreiben. Die Rangsessel bringen die 
Gedanken des Dichters auf Heraldik; er lässt die Königin, 
fortfahrend, sagen: „Jede gerechte Bestallung, Wappen 
und besondere Zimier mit wahrheitsgetreuer Beschreibung 
sei für und für gesegnet." Dann sollen die Feen in der 
kreisförmigen Schleife des Hosenbandordens auf dem Boden 
tanzen, und das Motto dieses Ordens in besonders frischem 
Grün, verziert mit Blumen, wie dessen Band mit Edel- 
steinen, aus dem Rasen recht sichtbar aufwachsen lassen. 
Des dichterischen Beiwerkes entkleidet, steht klipp und 
klar da: „Meine Bestallung zum „gentleman" sei gesegnet; 
honi soit qui mal y pense." 

Dass die Bestallung (instalment) eine heraldische 
Rangerhöhung bedeuten soll, geht daraus hervor, dass 
dieses Wort den altheraldischen Worten: arms Wappen, 
crest Zimier und hlazon Wappenbeschreibung (Ansprache) 



— 73 — 

beigereiht ist und, mit ihnen vereint, das Subjekt eines 
Satzes bildet. Es werden also grade die heraldischen 
Ehrungen Shakespeare's aufgezählt, die uns aus den 
Wappenbrief - Entwürfen im Wappenamt bekannt sind. 
Dass die in diesen Entwürfen enthaltenen Thatsachen mit 
denen der betreffenden Reinschriften übereingestimmt 
haben werden, ist doch fast als sicher anzunehmen, und 
so lässt sich in dieser Stelle ein sehr bemerkenswerter 
Beweis dafür finden, dass der Dichter die Angaben des 
Wappenberichts als wahr und richtig anerkannt hat. Ob 
„instalment" oder „hlazon" die Schreiben des Wappen- 
königs bedeuten sollen, ist nicht zu entscheiden — eins 
von beiden bezieht sich meiner Ansicht nach auf den 
„Wappenbrief" und da ersteres „schön" oder „gerecht" 
{fair\ letzteres loyal oder wahrheitsgetreu {Joyal) genannt 
wird, so kann jedes dieser Worte die hohe Befriedigung 
Shakespeare's über die thatsächlichen Entscheidungen des 
Wappenköm'gs andeuten sollen. 

Bemerkenswert ist, dass die Zimier {crest) als eine 
„besondere" (besonders verliehene) bezeichnet wird. So, 
wie sie an Shakespeare verliehen wurde, muss sie vorher 
Gegenstand sorgfältiger Erörterungen gewesen sein, denn 
sie wurde von den Herolden betrachtet als: „das Erinnerungs- 
zeichen in der Familiengeschichte und enthielt oft eine 
Anspielung auf den Namen oder das Amt des Trägers." *) 

So liefert auch dieser Ausdruck eine Art Beweis für 
die Angabe, dass sich ein Ahn des Dichters militärisch 
ausgezeichnet habe und dafür belohnt worden sei. 

*) Encyclop : Brit. crest = *) (Her.) : An appendage to the shield, 
placed over it and usuaüy bome upon a toreath, It is gener ally either 
8ome porUon of the coat-armour or: „a device commemorative of 
8ome incident in the history of a family and often contains 
an allusion to the name or office of the hearer." 

Zimier = ein über den Schild gestelltes Zeichen, gewöhnlich 
auf einer Wulst ruhend. Sie ist im Allgemeinen eins der Zeichen 
im Wappen oder: ein Zeichen der Erinnerung an einen Vorgang 
in der Familiengeschichte und stellt oft eine Anspielung auf den 
Namen oder das Amt des Trägers dar. 



^N/~,/-^ ^ ^ 



Vierte Stndie. 



Die Abstammung Shakespeare's. 

Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wissen- 
schaftliche Forschungen nach den Lebensverhältnissen des 
grossen Britten begonnen wurden, stellte es sich heraus, 
dass die Quellen sicherer und zuverlässiger Nachrichten 
recht spärlich und in vielfach unterbrochenem Laufe 
sickerten. 

Der Mann, welcher länger als zwei Jahrzehnte das 
englische Volk mit grossartigen Theaterstücken und all- 
seitig bewundertem Schauspielertalente unterhalten hatte, 
war zwar an seinen Zeitgenossen nicht spurlos vorüber- 
gegangen, aber die volle Würdigung seines grossen Genius 
und damit der Wunsch, diesen Qeistesheroen auch als 
Menschen kennen zu lernen, sollte erst späteren Jahr- 
hunderten vorbehalten sein. 

Umstände verschiedener Art haben die rechtzeitige 
Beschaffung zuverlässiger Nachrichten verhindert und, falls 
sich deren nicht noch zufällig in irgend einem vorborgenen 
Winkel finden lassen, so wird der Herzenswunsch der ge- 
bildeten Welt, den Lebensgang des grossen Mannes kennen 
zu lernen, kaum jemals in befriedigender Weise erfüllt 
werden. 

Zunächst muss hervorgehoben werden, dass Shake- 
speare's Zeitgenossen den erziehlichen Nutzen noch nicht 
kannten, der aus dem Studium des Entwickelungsganges 
grosser Charaktere für das heranwachsende Geschlecht 
gewonnen werden kann, dass also damals ein Bedürfnis 



— 75 — 

nach Lebensbeschreibungen nicht vorhanden war. Man 
schenkte zwar den Thaten und Erfolgen bedeutender Männer 
im öffentlichen Leben Beachtung, unterzog auch vielleicht 
einzelne Momente ihres Privatlebens einer Art Klatschl)asen- 
Kritik, aber eingehende Fragen nach Herkunft, Erziehung, 
Bildungsgang u. d. m. wurden nicht gestellt, daher auch 
nicht beantwortet. Um derlei Sachen kümmerte man sich 
nicht — es wäre „Verlorene Liebesmüh'" gewesen, Lebens- 
läufe sammeln und im Druck herausgeben zu wollen: 

Erst nach Shakespeare's Tode lässt sich ein erster 
solcher Versuch nachweisen, der aber ohne grossen Erfolg 
im Sande verlaufen zu sein scheint. In einer der grossen 
englischen Büchereien nämlich befinden sich die Reste von 
alphabetisch geordneten Lebensläufen, die aus dem Anfang 
des 17. Jahrhunderts stammen. Leider fehlt der Buch- 
stabe „S", so dass nicht erkennbar ist, ob darin Nach- 
richten über Shakespeare aufgezeichnet waren.*) 

Ferner ist der schriftliche Nachlass des Dichters ver- 
loren gegangen. 

Die Handschriften seiner Theaterstücke mögen 1623 
— wenigstens teilweise — von den Herausgebern der 
ersten Folio, den Collegen (fellows) des Dichters, Heminge 
und Gondel, noch benutzt worden sein; von da ab aber 
fehlt jede Spur ihres Verbleibs. Aufschlüsse über des 
Dichters Familienverhältnisse würden freilich auch diese 
Handschriften kaum gewährt haben. 

Von Schriftstücken aus seinem Nachlass hört man gar 
nichts. Dass solche bei seinem Tode vorhanden gewesen 
sind, ist nicht nachweisbar; — man möchte es aber glauben, 
wenn man erwägt, wie fruchtbar Shakespeare als Schrift- 
steller gewesen und wie leicht ihm das Schreiben geworden 
ist. 2) Dagegen waren die Verhältnisse beim Tode des 
Dichters höchst ungünstig für Erhaltung von Schriften, die 



9 Mündliche Erzählung des verstorbenen Professors F. A. Leo. 

2) „Äe neuer blotted out line". Die Wappenbriefe seines Vaters 

z. B. hat er doch sicherlich bis zu seinem Tode aufbewahrt gehabt» 



— 76 — 

nicht streng religiösen Inhalts waren. Seine Frau und 
beide Töchter scheinen zum Puritanismus übergetreten 
gewesen zu sein. 1614, während einer Reise des Dichters 
nach London, war, wie festgestellt ist ein (puritanischer?) 
Reiseprediger von seiner Familie in Stratford aufgenommen 
und gut bewirtet worden. Nun giesst aber Shakespeare 
überall in seinen Werken, wo dieser Sekte direkt oder 
indirekt erwähnt wird, die Schale des Zorns oder Hohns 
über selbige aus. Ohne mit Yeatman behaupten zu wollen, 
dass Shakespeare Vater und Sohn im Geheimen strenge 
Katholiken geblieben wären, lässt sich immerhin vermuten, 
dass Verschiedenheiten in Ansichten über Religion auf des 
Dichters Verhältnis zu Frau und Töchtern gegen Schluss 
seines Lebens unvorteilhaft gewirkt haben. So mag er 
etwaige Bücher und Handschriften vor seinem Tode und 
vor Abfassung seines letzten Willens weggegeben oder 
gar vernichtet haben, um sie seinen puritanisch angehauchten 
Erben vorzuenthalten, oder letztere haben auch vielleicht 
in puritanischer Eiferung gegen alles mit dem Theater 
Zusammenhängende, diese Schätze vernichtet, die heute 
nicht mit Gold und Edelsteinen aufzuwiegen wären. 

Wie immer diese Vorgänge sich abgespielt haben mögen : 
Handschriften des grossen Mannes sind nicht vorhanden, 
ausgenommen 5 Namensunterschriften (3 davon auf den 
3 Papierbogen seines Testaments) und vielleicht die Buch- 
staben W. S., die auf das Titelblatt einer Ovidausgabe 
geschrieben sind, welche nach der Überlieferung dem 
Dichter gehört haben soll. 

Ein sehr grosser Ubelstand schliesslich, welcher das 
Feststellen der Abkunft Shakespeare's ausserordentlich 
erschwert, ist der überfluss an Personen gleichen Namens, 
die im Laufe der Zeit aus den Kirchen-, Kauf-, Steuer-, 
Grundbuch-, Freisassengerichts-, Lehnsgericht-, Vormund- 
schaftsgericht und sonstigen Gerichtsakten, Testamenten, 
Miets-, Pacht- Vereinbarungen u. s. w. aufgedeckt worden 
sind. In gleichen Zeitperioden, in denselben, oder einander 
sehr nahe liegenden Ortschaften sind grade in Warwickshire 



— 77 — 

im 15. und 16. Jahrhundert so viele Shakespeare mit gleichen, 
sich in den jüngeren Generationen immer wiederholenden 
Vornamen gefunden worden, dass es fast unmöglich geworden 
ist, die Eintragungen auseinander zu halten und z. B. zu 
bestimmen, welcher John vorGericht gestanden, oder welcher 
William sein Kind in der und der Kirche hat taufen lassen, 
welcher Richard als Zeuge erschienen ist u. s. w. 

Die Untersuchungen in dieser Beziehung sind nicht 
abgeschlossen. ') Immer noch werden die Aufbewahrungsorte 
von Aktenbündeln entdeckt, deren Durchsicht möglicher 
Weiseden vorhandenen Wirrwarr noch vermehren, möglicher 
Weise aber auch wertvolle Aufschlüsse an's Tageslicht 
fördern kann. Hoffentlich wird diese mühevolle Arbeit, 
welche weit über die Kräfte eines einzelnen Mannes hinaus- 
geht, — denn sie umfasst die Durchsicht aller Schrift- 
stücke, die aus jener Zeit noch in fast allen Ortschaften, 
Gerichtslokalen, Schlössern und Kirchen der Grafschaft 
Warwick vorhanden sind, — vom Staate, oder einer grossen 
gelehrten Gesellschaft gründlich in Angriff genommen und 
solche Männer damit betraut, die nicht subjektive Ansichten 
hineintragen, sondern — vorbereitet auf das Entziffern 
des halb lateinischen, halb englischen Kanzleistils der alten 
Jahrhunderte, — alle den Namen Shakespeare betreffenden 
Aufzeichnungen ausziehen, in modernes Englisch übersetzen, 
ordnungsmässig . nach Zeit und Ort zusammenstellen und 
mit neutraler Objektivität unter einander vergleichen 
müssen. 

So, wie die Sache zur Zeit steht, sind, von Malone 
anfangend bis auf unsere Tage nur immer Einzelvorstösse 
gemacht worden und dementsprechend ist das Ergebnis 
bewiesener Thatsachen ein geringes, wälirend dem Erraten 



^) Auch scheint der Zutritt zu den Papieren nicht immer 
erlangt werden zu können. Yeatman hat das Archiv von Baddesley 
Clinton, das er für wichtig hält, niclit einsehen können, desgl. nicht 
die Akten des Vormundschaftsgerichts Worcester. In den Registern 
von WroxaU ist die Zeit von 1604—1641 nicht zu finden u. d. m. 



— 78 — 

Mutmassen und willkürlichen Annehmen Thür und Thor 
geöffnet sind. 

Das schon erwähnte Testament ist anscheinend vom 
Krankenbette aus im Januar 1616 an einen Schreiber 
dictiert und im März desselben Jahres ebenso vervollständigt 
worden; die drei Bogen, aus denen es besteht, sind mit 
zitternder Hand, also wahrscheinlich vom Bette aus unter- 
schrieben. Über die Abstammung des Testators giebt es 
nur in Verbindung mit dem Wappen auf dem Grabsteine 
desselben einige geringe Auskunft, insofern der in der 
Dreieinigkeitskirche zu Stratford begrabene Testator das- 
selbe Wappen führte, welches als das an John Shakespeare 
verliehene in den Entwürfen des Wappenamts zu London 
angesprochen wird. Nur für Feststellung der Nachkommen 
des Testators hat das Testament genealogischen Wert. 

Es ist nicht sicher zu entscheiden, ob der Mann, welcher 
dies Testament aufsetzen Hess, sich Shakespere, oder 
Shakespeare schrieb, wahrscheinlich waren ihm beide 
Schreibarten ganz gleich geläufig, ') die ersten beiden Bogen 
sprechen für „ere", der letzte — deutlichste für „eare". 
Auch sonst findet sich im Testament eine doppelte Schreib- 
weise eines Namens, nämlich „Johane" und „Jone" als 
Vorname einer Schwester des Dichters. 

Der Testator war Schauspieler und ist Verfasser der 
in der ersten Folio 1623 herausgegebenen Stücke. Beweis: 
Er nennt 3 berühmte Londoner Schauspieler, Richard 
Burbage, John Hemyngs und Georg Oundell seine Collegen 
(fellows) und vermachte jedem derselben 26 Schillinge 
8 Pence zu einem Ring als Andenken. Die letzten beiden 
gaben 7 Jahre später seine dramatischen Werke in Folio- 
format heraus. 

Dass der Testator der in Stratford begrabene 
W. Shakespeare ist, kann wol nicht bestritten werden. 



^) Auch die andern beiden noch vorhandenen Unterschriften 
vom 10. und 11. 3. 1612/13 auf dem Kontrakt und auf dem Hypotheken- 
instrument zum Ankauf eines Grundstücks in Blackfriars lassen 
die Frage zweifelhaft. 



— 79 — 

Er führt in dem ihm gesetzten Gedenkstein ein Wappen, 
welches alle heraldischen Untersuchungen (visitations) auch 
die frühste 1619 bestanden hat. Das Wappen ist das 
gleiche, wie das in den Entwürfen des Wappenamts von 
1596 und 1599 für den wohlgeborenen Herrn John Shake- 
speare, Magistratsoffizier, Bürgermeister undPriedensrichter 
in Stratford, angesprochene, das auch — mit anderen 
Wappen verschränkt — auf den Grabsteinen der Nach- 
kommen des Testators erscheint. 

Der Testator hat also dieses Wappen ererbt und weiter 
vererbt, ist mithin Nachkomme obigen Johns, nach der 
Kircheneintragung in Stratford vom 26. April 1564 sein Sohn 
(Oulielmvs filius Johannis Shakspere). Die Listen der 
Bürgermeister von Stratford sind vollständig erhalten. Es 
hat in der ganzen fraglichen Zeit (1550 bis 1616) nur einen 
Bürgermeister von Stratford des Namens John Shakespeare 
gegeben und zwar 1568—69. Der Beweis ist also geliefert, 
dass der Dichter von diesem John abstammte. 

Das Testament bedenkt so viele Verwandte und Be- 
kannte, dass der Schluss berechtigt erscheint, er habe alle 
aufgeführt, welche zur Zeit der Testamentsniederschrift noch 
lebten. Das Bestreben des Testators geht dahin, einen 
Majoratsbesitz zu schaffen. Hätten also blutsverwandte 
männliche Shakespeare's (Vatersbrüder oder deren Söhne) 
noch gelebt, so hätte er höchst wahrscheinlich den Majorats- 
besitz auf diese, oder deren männliche Nachkommen über- 
gehen lassen, nicht aber auf die Söhne seiner Töchter, falls 
solche geboren werden würden. Man kann also annehmen, 
dass bei Abfassung des Testaments, ausser den Bedachten, 
keine näheren Verwandten des Dichters mehr lebten. 
Folgende Mitglieder seiner Familie werden erwähnt: 

1. Seine Frau, ohne Nennung eines Vor- oder sonstigen 
Familiennamens. Dass ihr Vorname Anna war, ist aus 
ihrer Grabschrift zu ersehen: „Hier ruhen beerdigt die 
Gebeine der Anna, Frau von William Shakespeare, die 
am 6. August 1623 im Alter von 67 Jahren aus diesem 
Leben schied." Eine unzweifelhaft sichere Angabe, welches 



— 80 — 

ihr Familiename war, ist nicht aufgefunden worden; ins- 
besondere ist die Kircheneintragung der Ehe Shakespeare's, 
bezw. die Kirchenerlaubnis ßicense) zu derselben nicht zum 
Vorschein gekommen. Dass sie eine Hathaway war, dafür 
spricht a) die Überlieferung und b) ein 1836 in der Kanzlei 
des Bischofs von Worcester aufgefundenes Schriftstück. 

a) Die Überlieferung befindet sich bereits bei Nichol as 
ßowe 1709 in seiner Vorrede zu Sh.'s Theaterstücken — 
der ersten, etwas ausführlicheren Lebensgeschichte Sh.'s") 
— darin wird seine Frau Anna genannt und als Tochter 
eines wohlhabenden Yeaman's aus der Nähe von Stratford 
Namens Hathaway bezeichnet. 

b) Das aufgefundene Schriftstück ist eine gerichtliche 
V er Schreibung, in der sich die Landleute (httsbandmen) 
Fulk Sandeis und John Richardson verpflichten, an den 
Bischof von Worcester £ 40 Entschädigung zu zahlen, falls 
der Ehe eines William Shagspere und einer Anna 
Hathwey aus Stratford, nach nur einmaligem Aufgebot, 
gesetzliche Hindernisse im Wege ständen — diese Ehe 
ohne Einverständnis ihrer Verwandtschaft (hir frie^ids) 
geschlossen würde — oder falls obiger William die ent- 
stehenden Kirchenkosten nicht zahlen sollte. Solche Ab- 
kürzung der kirchlichen Formalitäten, die der Erlaubnis 
zur Ehe voranzugehen hatten, war in jener Zeit nicht 
ungewöhnlich, konnte aber nur von bemittelten Personen 
benutzt werden, weil das Verfahren teuer war. Die Summe, 
mit welcher sich der Bischof gegen etwaige künftige 
Beanstandungen dieser Ehe sicher stellte, und die er sich 
verbürgen liess, betrug £ 40. Vergleicht man den Wert 
des Geldes von damals und jetzt, so muss man, um den 
Kaufpreis zu ermitteln, mindestens mit 5 multiplicieren, 

^) Vor Rowe finden sich noch Notizen über Sh.'a Leben: in 
„Füllers Worthies*' 1661, in Aubrey's „Lives of Eminent nun" nach 
Erzählungen eines 1682 gestorbenen alten Schauspielers William 
Bension; ferner in Tagebüchern und Handschriften der Vikare 
John Ward (1629—1681) und William Fulmann und in den Reise- 
beschreibungen eines William Hall. 



— 81 — 

mithin würden die £ 40 heute einer Summe von £ 200, 
oder 4000 Mark entsprechen. Solche Bürgschaft übernahm 
in der Regel der Vater eines der verlobten Teile. Da aus- 
drücklich gesagt wird, dass die Ehe nicht ohne Einwilligung 
der Verwandten der Braut vollzogen worden solle, so müssen 
die beiden Bürgen der Sippe der Braut angehört haben, 
denn die Verwandten des Bräutigams werden mit keiner 
Silbe erwähnt. Beide Bürgen werden 1 Jahr früher in 
dem Testament eines Eichard Hathaway aus Shottery als 
Testamentsvollstrecker genannt. Fulk Sandeis sogar als 
„mein guter Freund" aufgeführt. Da nun Richard Hathaway 
in besagtem Testament eine Tochter Agnes bedenkt, Agnes 
und Anna aber in jener Zeit zwei Schreibweisen eines und 
desselben Namens bedeuteten, diese Thatsachen mit den 
von Eowe berichteten Überlieferungen gut im Einklang 
stehen, Shottery dicht bei Stratford gelegen ist, so nahm 
man an, das die Anna Hathwey aus Stratford der Ver- 
schreibung identisch mit der Agnes Hathaway aus Shottery 
war und die Ehefrau Shakespeares geworden ist. Ein 
absoluter Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme ist 
nicht erbracht worden, im Gegenteil: in den Kirchenregistern 
des Bischofs von Worcester findet sich eine Eintragung, 
welche einen Tag älter ist, als vorstehend erwähnte Ver- 
schreibung (erstere vom 27., letztere vom 28. November 1582), 
weche Veranlassung zu neuen Fragen und Zweifeln giebt. 
Die Eintragung vom 27. November 1582 ist die Er- 
laubnis {license) zur Ehe eines William Shakespeare mit 
einer Anna Whateley von Temple Grafton. Viel scharf- 
sinnige und gewagte Vermutungen sind an diese beiden 
Eintragungen geknüpft worden. Sie bewegen sich zwischen 
der Annahme einer absichtlichen Fälschung der Namen 
(J. P. y eatman), eines Versehens oder einer Nachlässigkeit 
des eintragenden Schreibers bis zu der von Sidney Lee 
vertretenen Ansicht, dass die Eheerlaubnis mit Anna 
Whateley einem der vielen Shakespeares erteilt wurde, die 
gleichzeitig in Warwickshire lebten, und dass die beiden 
Eintragungen in keiner Beziehung zu einander gestanden 



— 82 — 

hätten. Dieses scheint mir die glaubwürdigste Annahme 
zu sein, obgleich sie eben so wenig bewiesen werden kann, 
wie die anderen Vermutungen. Wahrscheinlich war Shake- 
speare's Ehefrau Anne Hathaway, an Lebensjahren 8 Jahre 
älter als er, die Tochter des Yeoman's Eichard Hathaway 
aus Shottery bei Stratford.^ 

2. Seine Schwester Johane (auch Jone geschrieben). 
Harte und ihre drei Söhne, den ältesten William und 
jüngsten Michaeli mit Vornamen, den zweiten (Thomas) 
mit Punkten an Stelle des Vornamens. Letzteres ist ein 
Zeichen, dass der Dichter beim Diktieren seines letzten 
Willens schwer krank war, wenigstens aber von seinem 
Gedächtnis im Stich gelassen wurde. Die Schwester dieser, 
drei Brüder Harte, Namens Mary, lebte 1616 nicht mehr 
(t 1607). Genealogisch ist die Erwähnung der ftächsten 
Verwandten neben den eigenen Kindern in zwei Be- 
ziehungen wichtig: Einmal kann daraus geschlossen 
werden, dass 1616 weder andere Geschwister, noch andere 
Geschwisterskinder Shakespeare's mehr lebten, . sonst 
würden sie im letzten . Willen genannt worden sein; 
zweitens aber ist Thomas Hart, der zweite Sohn der 
Schwester Shakespeare's — wie French nachweißt -^^ 
Stammvater der jetzt noch lebenden Familie Hart, d. h. 
derjenigen Familie, welche die nächste Blutverwandtschaft 
mit dem Dichter beanspruchen kann, insofern sie in neunter 
und zehnter Generation von seiner Schwester abstammt. 
Alle näher verwandten Nachkommen sind weggestorben. 

Obige Johane, oder Jone, oder Joan Shakespeare war 
eine um fünf Jahre jüngere Schwester des Dichters, ge- 
boren 15. 4. 1569, verheiratet ungefähr 1599 mit dem Hut- 
macher William Harte, gestorben 1646. Ausser ihr hatte 
der Dichteor noch drei (oder nur zwei?) Schwestern und 
drei Brüder, die alle ohne Nachkommenschaft vor ihm 



1) Dafür, dass sie eine Hathaway gewesen ist, spricht auch 
das Testament der Lady Elisabeth Bernard, Enkeltochter Shake- 
speare's, in dem eine Hathaway als Verwandte bedacht wird. 



— 83 — 

gestorben wären. Es waren Schwestern: 1. Eine andere 
Joan, die 1558 geboren und als Kind gestorben war. 
Yeatman ist der Ansicht, dass diese Joan die Tochter 
eines andern John Shakespeare sein uiüsste, weil des 
Dichters Vater wahrscheinlich erst 1561 oder 1562 ge- 
heiratet habe, aber da sich weder das Geburts- noch 
Heiratsjahr von Mary Arden feststellen lässt, so muss 
diese Frage unentschieden bleiben. 2. Margaret, geboren 
1562, als Kind gestorben. 3. Anne, geboren 1571, ge- 
storben 1579. Brüder: 1. Gilbert, geboren 1566, gestorben? 
jedenfalls vor 1616, denn noch 1602 besorg^ie er Geschäfte 
für den Dichter, der ihn also sicherlich in seinem letzten 
Willen nicht übergangen hätte, wäre er 1616 noch am 
Leben gewesen. Er mag 1611 — 12 in Stratford gestorben 
sein, wenn sich die Eintragung ;, Feh, 5, 1611 — 12 Oilhertus 
Shakespeare, adolescens" auf ihn beziehen soll. Wie aber 
der 46jährige Mann „adolescens" genannt werden konnte, 
ist nicht aufzuklären. Man hat vermutet, es wäre ein 
Kjnd Gilberts gewesen, aber auch diese Annahme lässt 
sich nicht beweisen. 2. Richard, geboren 1573, gestorben 
1613. 3. Edmund, geboren 1580, gestorben als Schau- 
spieler 1607. Ob die von French in der Stammtafel bei 
dem Tode der drei Brüder gemachte Bemerkung „8. P. 
[sine prole) ohne Nachkommenschaft" richtig ist, lässt sich 
nur daraus schliessen, dass man keine Kircheneintragung 
gefunden hat, die bezeugen könnte, dass einer derselben 
heiratete oder ein Kind taufen liess. 

3. Seine älteste Tochter Susanna, verehelichte Hall, 
geboren im Mai 1583, verheiratet 5. Juni 1607, gestorben 
2. Juli 1649. Ihr vermacht der Dichter für ihre Lebens- 
zeit sein liegendes Besitztum an Häusern und andern 
Baulichkeiten, an Ländereien, Grundstücken, Gärten, Pacht- 
gütchen u. s. w. u. s. w. innerhalb der Weichbildgrenzen 
von Stratford am Avon, Alt - Stratford, Bushopton und 
Welcömbe in der Grafschaft Warwick, sowie sein Grund- 
stück in Blackfriars London. Nach ihrem Tode soll der 

Besitz übergehen auf ihre männlichen Nachkommen, wenn 

6* 



— 84 — 

deren vorhanden, demnächst an ihre Tochter Elisabeth und 
der letzteren etwaige männliche Nachkommen. Wenn 
auch sie keine Söhne hinterlässt, vererbt der Besitz sich 
auf des Dichters jüngste Tochter Judith und ihre etwaigen 
männUchen Nachkommen und erst wenn auch solche aus- 
bleiben, ist der Besitz unter seine sonstigen natürlichen 
Erben zu verteilen. Man erkennt den Herzenswunsch 
Shakespeare's, einem Manne das erworbene V^mögen 
hinterlassen zu können, um es nach Majoratsgesetzen 
weiter zu vererben. Sicherlich lebte kein ihm bluts- 
verwandter männlicher Shakespeare mehr, sonst wäre er 
als Majoratserbe eingesetzt worden. Der Wunsch des 
Dichters sollte nicht in Erfüllung gehen. Seine älteste 
Tochter bekam keine Söhne, auch nicht seine Enkeltochter 
und die drei Söhne seiner jüngsten Tochter starben als 
Kinder, bezw. Jünglinge von 19 und 20 Jahren ohne 
N achkomm en seh af t. 

4. Seinen Schwiegersohn, den Gatten von Susanna 
Shakespeare, den Arzt, den wohlgeborenen Herrn John 
Hall {gentm.\ geboren 1575, verheiratet 5. Juni 1607, ge- 
storben 1635. Er und seine Frau werden zu Vollstreckern 
des letzten Willens ernannt. 

5. Seine Enkeltochter (neece) Elisabeth Hall, geboren 
1608, verheiratet a) 1626 mit dem wohlgeborenen Herrn 
Thomas Nash (geb. 1593, gest. 1647), b) 1649 mit dem 
hoch- und wohlgeborenen Herrn Bernard aus Abington, 
1661 von Karl II. als Sir John Bernard geadelt. 

Beide Ehen waren kinderlos. Elisabeth starb ohne 
Nachkommenschaft und wurde im Februar 1669 zu Abington 
als Lady Bernard begraben. Sie war diejenige unter den 
Nachkommen Shakespeare's, welche am spätesten gestorben 
ist. Mit ihrem Tode erlosch des Dichters unmittel- 
bare Nachkommenschaft gänzlich. 

6. Seine jüngste Tochter Judith, geboren (als Zwillings- 
tochter mit dem 1596 gestorbenen Sohne Hamnet) am 
2. Februar 1585, verheiratet mit dem wohlgeborenen Herrn 
Thomas Quiney am 10. Februar 1616, gestorben 1661. 



— 85 — 

Sie hinterliess drei Söhne, die vor ihr starben: a) Shake- 
speare Q., gest. als Kind, b) Richard Q., geb. 1618, gest. 
1638, c) Thomas Q., geb. 1619, gest. 1638 (beide ohne 
Nachkommenschaft). Als der Dichter seinen letzten 
Willen diktierte — im Januar 1616 — war Judith noch 
nicht verheiratet. Sie wird desshalb nur bei ihrem Vor- 
namen genannt. Da auch im März desselben Jahres, aus 
dem der letzte Wille endgültig datiert ist, von der Heirat 
nichts erwähnt wird, so scheint der Dichter nichts davon 
gewusst zu haben oder nichts davon haben wissen wollen. 
Sie wird mit Geld abgefunden und dabei Sorge dafür ge- 
tragen, dass ihr etwaiger Gatte nur von ihr erben sollte, 
falls er ein gleichwertiges, eigenes Besitztum nachweisen 
könnte. Ob diese Bestimmung sich gegen Thomas Quiney 
persönlich kehrte oder nur allgemeiner Natur gewesen ist, 
kann nicht entschieden werden. Thomas war aus guter 
Familie, die ein Wappen führte (in Gold ein schwarzer 
rechter Schrägbalken, belegt mit drei silbergeränderten 
Kleeblättern), seinem Beruf nach ein Weinhändler, der 
noch bis 1630 in guter Lage gewesen zu sein scheint. 
Dann allerdings verschlechterten sich seine Verhältnisse, 
bis er 1652 arm in London starb. Nachkommen hinter- 
liess er nicht. 

Die Nachkommen der vorerwähnten sechs Verwandten 
Shakespeare's sind urkundlich nachgewiesen. 

Der letzte derselben starb J669 (Lady Bernard). 

Die nächste Verwandtschaft mit dem Dichter, als von 
seiner Schwester, also wenigstens von Shakespeare's Vater 
abstammend, kann heute nur die Familie Hart in An- 
spruch nehmen. 

Männliche Nachkommen von Brüdern oder Vaters- 
brüdern des Dichters sind nicht nachweisbar. 

Ob Gross vatersbrüd er Nachkommen gehabt haben, ist 
noch nicht erforscht worden. Diese Möglichkeit liegt aber 
vor, und Abstammung von einem Grossohm des Dichters 
wäre die nächste Verwandtschaft, die jetzt lebende 
Shakespeares in Anspruch nehmen könnten, falls sie in 



— 86 — 

der Lage sind, ihre Stammtafeln so hoch hinaufzuführen. 
Meines Wissens ist dieses noch von keinej Seite versucht 
worden. Alle Familien, die bisher Abstammung vom 
Dichter selbst beanspruchten, haben dies ohne heral- 
dische und genealogische Beweisführung nur auf Grund 
unsicherer Überlieferungen hin gethan. Interessant wäre 
es, wenn ein solcher Nachweis glücken möchte, denn 
der Stammvater solcher Familie müsste grade der Shake- 
speare sein, der im Wappenbriefsentwurf von 1596 (Blatt B) 
als Grossvater Johns aufgeführt ist. 

Wiederholen wir kurz die Ergebnisse, welche aus 
einer Betrachtung von Shakespeare's letztem Willen ge- 
schlossen werden können und für seine Lebensgeschichte 
von Wert sind: 

Der William Sh., der das Testament aufsetzen liess 
und zu Stratford in der Dreieinigkeitskirche begraben liegt, 
war Schauspieler, denn er nennt drei berühmte Londoner 
Mimen „seine Kollegen — feHows," 

Er hat die unsterblichen Werke, die seinen Namen 
fähren, geschrieben, denn zwei dieser Kollegen gaben sie 
162ä heraus und bezeugten, dass er der Verfasser ge- 
wesen sei. 

Er, sowie seine Tochter Susanna, sein Schwiegersohn 
John Hall und seine Enkeltochter Elisabeth Nash, geb. 
Hall, die alle im Testament genannt sind, ruhen in Strat- 
ford. Die ihnen gesetzten Grabsteine enthalten alle 4 
heraldisch richtig und bei verschiedenen Besichtigungen 
(visitations) des Wappenamts genehmigt, dasselbe Wappen, 
das in den Wappenamtsakten angesprochen wird und 1576, 
oder etwas früher an John Shakespeare verliehen wurde. 
Das Wappen hat sich also von John anfangend auf 4 ein- 
ander folgende Generationen vererbt. Dass John des 
Dichters Vater war, erhellt aus.der Taufeintragung Williams 
„1564 April 26, Oulielmus filivts Johannes Shah^ere'', die 
..der Zeit nach übereinstimmt mit seiner Grabinschrift „Obiit 
Anno Dei 1616 Aetatis 53, die 23 4p." Der Johannes 
der Kircheintragung ist also dies Dichters Vater gewesen 



— 87 — 

und identisch mit dem späteren Bürgermeister, der von 
1567 an Mr. (Herr) John Shakespeare genannt wurde und 
1599 das Prädikat „gem/^ Wohlgeborener Herr führte, 
mithin zwei Mal zu seines Sohnes Lebzeiten eine Standes- 
erhöhung genossen hat. Die Ernennung zum wohlgeborenen 
Herrn (gentleman) ist aus den Wappenamtsentwürfen Blatt C 
erkenntlich, aber merkwürdiger Weise wird er bei der 
Kircheneintragung seines Todes nicht „gem/\ sondern nur 
„ikfr." genannt: „1601 Septemb. 8, Mr. Johannes Shakspeare." 
Handelt es sich hier um Nachlässigkeit des Eintragenden? 
oder bezieht sich die Eintragung auf eine andere Persön- 
lichkeit? Das sind Fragen, die kaum je beantwortet werden 
können. 

In den alten Stratforter Akten kommt der Name John 
oder Johannes Sh. oft vor. Halliwell-Philipps führt eine 
lange Reihe auf. Die erste Eintragung aus April 1552 
bezieht sich auf eine Strafe für das Aufhäufenlassen eines 
Unrathaufens in Henley Strasse, die letzte ist die Kirchen- 
eintragung von John's Tod. 

Indem man diese Aufzeichnungen sämmtlich auf des 
Dichters Vater bezog, hat man einen Lebensabris des 
letztern gebildet und zwar so glaubwürdig, dass er von 
englischen und deutschen Schriftstellern fast unangefochten 
nacherzählt wird. Ich bin aber mit Yeatman der Ansicht, 
dass die Beweiskraft dieser alten Aufzeichnungen eine 
höchst mangelhafte ist, insofern sie sich auf jeden John 
Shakespeare beziehen können, der etwa gleichzeitig mit 
des Dichters Vater in und in der Nähe von Stratford 
gelebt hat. Im 16. Jahrhundert war der Name Sh. in 
seinen Buchstabierungen gerade in der Grafschaft Warwick 
ausserordentlich verbreitet, und die Träger dieses Namens 
hiessen in überwiegender Mehrzahl Richard, John und 
William, sodass fast in jeder Ortschaft mehrere Träger 
dieser Namen gleichzeitig lebten. Dies dürfte auch in 
Stratford und Umgegend stattgefunden haben, so dass gar 
nicht zu bestimmen ist, wie viele John Shakespeare gleich- 
zeitig dort lebten und auf welchen speciellen John sich jede 



— 88 — 

Erwähnung des Namens in den alten Akten bezieht. Zwei 
weitere John sind bereits festgestellt. Einer — ein Schuh- 
macher — war etwa Altersgenosse des Dichters. Halliwell- 
Philipps räumt selbst ein, dass ein Teil der von ihm ge- 
sammelten späteren Eintragungen sich auf diesen John 
beziehen könnten. Ein zweiter John — etwa Altersgenosse 
des Vaters des Dichters — er heiratete 1560 — lebte in 
Clifford Chambers, 2 Meilen von Stratford. Nach Yeatman's 
Ansicht könnten sich viele auch der älteren Eintragungen 
auf diesen John beziehen, denn er gehörte zu dem Gerichts- 
hof in Stratford, w^o er einmal mit dem Zusätze „aus 
Clifford" aufgeführt ist. Die Eintragungen jener Zeit wurden 
vielfach von Personen gemacht, deren Bildungsgrad noch 
sehr gering war, sind also naturgemäss oft ungenau und 
unvollständig. Es lässt sich mit Sicherheit annehmen, dass 
die Zusätze wie hier „aus Clifford" oder „Schuhmacher" 
(corvizer) von den Schreibern sehr oft weggelassen wurden 
und dann muss das ganze Gebäude, welches die Forschung 
bisher mühselig aufgebaut hat, in sich zusammenfallen. Es 
entsteht die Frage: Welche Angaben sind zuverlässiger? Die 
Aufzeichnungen in Stratford, welche sich auf 3 oder gar 
noch mehrere John Shakespeare beziehen können, oder die 
des Wappenamtes in London, welcjie sich auf einen John 
beziehen, dessen Wappen sich auf den Grabdenkmälern 
seiner direkten Nachkommen befindet und welche, wie wir 
wissen, von dem Herold Ralf Brooke einer höchst eifer- 
süchtigen Durchforschung unterzogen wurden, ohne dass 
er etwas daran auszusetzen finden konnte? Ich meine, 
dass man der Wahrheit am nächsten kommt, wenn man 
die Angaben der Wappenbrief-Entwürfe für richtig annimmt 
und nur die Aufzeichnungen in Stratford auf des Dichters 
Vater bezieht, welche sich in Einklang mit den Akten des 
Wappen-Amtes bringen lassen. 

Der John Shakespeare der Wappenakten entstammte 
einem Gross- oder Urgross vater, der sich unter Heinrich VH. 
(regierte von 1485—1509) Verdienste erworben, dem Land 
und Häuser in W^arwickshire gegeben wurden und dessen 



— 89 — 

Nacbkommen bis auf Joha herab sich in dieser Grafschaft 
in gutem Ansehen zu erhalten im Stande waren. Der 
Wert von Johns Besitztum wurde von den Herolden auf 
£ 500 veranschlagt — ob 1596, als man die Vermerke zu 
Blatt B niedei schrieb, oder 20 Jahre früher, als sein 
Wappen von Cook aufgerissen wurde, muss unentschieden 
bleiben. Die Annahme, dass das Vermögen bei letzterer 
Gelegenheit — also 1576, oder früher — taxiert wurde, 
scheint mir die wahrscheinlichste. John war mithin ein 
freier Landbesitzer (ein yeoman, mindestens ein freeman 
oder freeholder) und als solcher fast zweifellos identisch 
mit dem John Shaxper, der 1580 in der Liste der „wohl- 
geborenen Herren und Freisassen von Warwickshire 
{gentlemen and freeholders in the county of WarwickeY auf- 
geführt ist. So sind auch ohne Bedenken die Eintragungen 
in Stratford auf ihn zu beziehen, die auf eine Eichter- 
Thätigkeit hinweisen, welche Kenntnis der Freisassen- und 
Landwirts -Verhältnisse zur Voraussetzung hat. Am 
30. 4. 1557 erscheint ein John Shakespeare in den Listen 
einer Gerichtscommission für gutsherrliche Angelegenheiten. 
{Jiist of a manorial Jury) und Oktober bis Dezember demselben 
Jahres unter den Geschworenen eines Freisassen-Gerichts 
{one of the Jurors in a View of Franhpledge). Diese Ein- 
tragungen können mit einiger Sicherheit auf des Dichters 
Vater bezogen werden, d. h. auf den John, der verschiedene 
von dem Freisassen-Gericht zu besetzende Beamtenposten 
bekleidet hat, ehe er Ober -Bürgermeister (High hailif) 
wurde. Er wäre vorher dann auch „franJcpledger^ gewesen 
d. h. ein Freisasse, der sich für das Wohlverhalten anderer 
Freisassen in der Zehntschaft verbürgt hatte. Unsicher 
jedoch ist, ob der Handschuhmacher Johannes Shakespeare, 
welcher schon im Juni bis August 1556 als Mitglied eines 
Gerichtshofes mit schriftlicher Verhandlung (Court ofEecord 
Jury) aufgeführt wird, und ein 30 Jahre später, am 19. 7. 1586 
vor dem Magistrat von Coventry erschienener Weber 
Johannes Shakespeare aus Stratford mit des Dichters 
Vater identisch sind, oder ob die beiden vielleicht 4te 



— 90 — 

und 5te in oder bei Stratford ansässige Johns gewesen sein 
mögen. 

Da die Handwerke sich in jener Zeit noch nicht streng 
schieden, der Wohlstand von Warwickshire hauptsächlich 
durch Schafzucht und Webereien erworben worden war, 
die meisten Landbebauer mithin gleichzeitig Viehzucht, 
Schlächterei, Schafzucht, Spinnerei und Weberei betrieben, 
so liegt nichts Unwahrscheinliches darin, anzunehmen, dass 
John Shakespeare, dessen Landbesitz, wie wir später sehen 
werden, in Snytterfield zu suchen ist, in Stratford Hand- 
schuhweberei betrieben und sich dort Handschuhmacher 
— glover — genannt haben mag, ehe er das Prädikat 
j^Herr" — Mister vor seinem Namen erhielt. 

Dass in der fraglichen Zeit verschiedene Shakespeare 
das Weberhandwerk betrieben, kann nachgewiesen werden. 

In Tastibrook, 13 V« Kilometer nordöstlich von Strat*- 
ford, taufte am 21. 4. 1557 ein Robert Shakespeare, Weber, 
einen Sohn Roger und zur Zeit Königs Heinrichs VIL 
(1465 — 1509) wird in Haseley einer der Priorei Wroxall 
zinspflichtigen Ortschaft — ein Weber Richard Shakespeare 
aufgeführt (Vergl. Shakespeare' s family by Mrs, C. C. Stopes 
in jyOenealogical Magazine" 1897, page 221), 

Diese in derselben Gegend wohnenden Shakespeare 
mögen mit einander verwandt gewesen sein, in welchem 
Grade, ist aber nicht festzustellen. 

Für den weiteren Vorlauf unserer Ausführungen dürfte 
es vorteilhaft sein, hier einige festgelegte Thatsachen im 
Zusammenhang aufzuzählen: 

Im 16. Jahrhundert wurde in Stratford und Umgegend 
viel Schafzucht betrieben; 

Die Bürger waren meist gleichzeitig Landbebauer und 
fast in jedem Hause war ein Webestuhl in Thätigkeit; 

Die Stadt Stratford genoss ihrer guten Tuche wegen 
einen weiten Ruf; 

Von 1500 bis 1590 wohnten in Stratford, oder in 
nächster Nähe dieses Ortes drei (vielleicht vier) Shake- 



— 91 — 

speare, die dem Weberhandwerk oblagen and nannten sich 
Weber (weavers) oder Handschuhweber (glovers). 

Die Stratforder Kapelle ist zur Zeit Königs Heinrich VII. 
von einem Grosskaufmann in Wolle Sir Hugh Clopton 
erbaut. Über dem Eingang befindet sich das Wappen dieser 
Grosskauf leute (merchants of the staple): Von wellenförmig 
verziertem Silber und Rot 6 Querbalken, rotes Schildhaupt 
belegt mit goldenem schreitenden Löwen. 

Dasselbe Wappen befand sich gegen Ende des 18. Jahr- 
hunderts auf der Fensterscheibe eines der Häuser, die John 
Shakespeare 1574 in Stratford gekauft hatte. Leider weiss 
man nicht, ob diese Scheibe vor dem Kauf, oder nach 
John Shakespeare's Tode eingesetzt worden ist. 



Aus Halliwall-Philip's Aufzeichnungen der Stratforder 
Eintragungen lässt sich die öffentliche Laufbahn des 
Freisassen John Sh., in welchem wir des Dichters Vater 
erkannt haben, durch mehrere Jahre verfolgen. Unter 
Weglassung der Aufzählungen, wie oft er jährlich als 
Geschworener u. d. m. erwähnt ist, und derjenigen An- 
gaben, welche sich auch auf einen anderen John beziehen 
können, erhalten wir folgendes ziemlich sichere Bild von 
seiner Thätigkeit im Städtischen Dienste nach 1557: 

1558 und 1559 ist er Geschworener in dem „Gerichts- 
hof mit schriftlicher Verhandlung." Im Oktober 1559 wird 
er vom Freisassengericht als Konstabier und Beitreiber 
von Strafgeldern eingeschworen. 

1560 ist er Geschworener im Freisassengericht; 

1560 ebenso; im September: Kämmerer, Empfänger 
der öffentlichen Gelder und neu vereidigt als Strafgelder- 
Beitreiber; 

1562 wieder zum Kämmerer erwählt und in Thätigkeit 
als solcher: 

1563 verschiedentlich thätig als Kämmerer; 

1564 Eechnungsablegung über die städtischen Gelder; 
in der Armenpflege thätig; 



— 92 — 

1565 an Stelle eines gewissen Botte zum Ratsherrn 
erwählt und eingeschworen; 

1566 Rechnung über öffentliche Gelder gelegt; 

1567 ernannt zu einem der drei Anwärter für das Amt 
des Stadtvogts (Bürgermeisters — nominatyd fo7' the belyf); 

1568 im September wieder zum Bürgermeister ernannt; 
im Oktober hat er den Vorsitz als Oberbürgermeister 
(Ober-Stadtvogt) und im December wird er bezeichnet als 
„justiciarius de pace ac ballivits infra hv/rgum," John 
Shakespeare nahm also in diesem Jahre die Stellungen 
ein, die in den Akten des Londoner Wappenamtes (Blatt C 
und D) erwähnt werden. Da ein anderer „Bailif" von 
Stratford, Namens Shakespeare, in den erhalten gebliebenen 
Verzeichnissen nicht zu finden ist, so ist dieses der John 
Shakespeare, welcher das bekannte Wappen führen durfte 
und, da er dasselbe auf den Dichter, dieser auf seine 
Kinder vererbt hat, so ist auch heraldisch der Beweis 
erbracht, dass wir es hier mit dem Vater Shakespeare's 
zu thun haben. 

Auch in andrer Beziehung ist das Jahr 1568 heraldisch 
wichtig. John erscheint hinfort aus der Menge durch das 
Mr, vor seinem Namen hervorgehoben. Falls er als 
Bürgermeister den Antrag um Verleihung eines Wappens 
stellte, sollten die Herolde gehalten sein, solchem Antrag 
Folge zu geben. ') Dafür, dass John dieses gethan, spricht 
der Umstand, dass der (seit 1567 im Amte befindliche) 
Clarencieux Wappenkönig Robert Oooke ihm eigenhändig 
einen Aufriss des Wappens {patierne? or patience?) gefertigt 
und zugesendet hat. Unsicher ist hierbei: a) das Datum 
der Übersendung, b) ob John gleichzeitig das Prädikat 
„Gentleman" mit erhalten hat und c) ob die Verleihung 
auf Lebenszeit und vererbbar erfolgte. Die Fragen zu b) 
und c) scheinen verneint werden zu müssen; 

1569 zum Oberbürgermeister oder Ober - Stadtvogt 
{High bailif) ernannt; 



») Vergl. Seite 18. 



— 93 — 

1570 als Stadtkämmerer (chancühr) bei den ßats- 
versammlungen ; 

1571 Ober-Ratsherr {CMef-alderman): 

1572 mit dem Bürgermeister Queny Richter in Ma- 
gistrats- und Gemeindeangelegenheiten; 

1573—74 bei den Ratsversammlungen; 

1575 als Ratsherr bei den Versammlungen. Als Zeuge 
bei einem Vertrag erscheint ein Yeoman John Shakespeare, 
von dem sich nicht feststellen lässt, ob er mit des Dichters 
Vater identisch ist; 

1576—78 seine Anwesenheit bei den Ratsversamm- 
lungen Wird seltener; 

1578 er nimmt eine Schuld auf gegen Verpfändung von 
seiner Frau Gütchen Asbies und zwar bei Edmund Lambert, 
dem Gatten seiner Schwägerin Johanna, geb. Arden, auf 
Barton on the Heath; 

1579 er erscheint nicht mehr in den Ratsversamm- 
lungen. Geldstrafverfügung gegen „Johannem Sh, et 
Mariam ztxörem ejus." Ostern wird eine Geldstrafe auf 
Asbies erhoben, die mit der im vorigen Jahre aufge- 
nommenen Schuld zusammenhängt. Er verkauft seinen 
Anteil an den Einkünften aus einem den Ardens gehörigen 
Grundstück in Snytterfield für £ 4 (oder £ 40?) an 
Robert Webbe, Sohn seiner anderen Schwägerin Margarete, 
geb. Arden. 

«Diese Eintragungen müssen sich auf John, des Dichters 
Vater beziehen. Asbies war das Erbgut seiner Frau Marie, 
geb. Arden, die auch den Anspruch an Einkünften von 
den Ardenschen Ländereien in Snytterfield geerbt hatte. 
Unzweifelhaft waren also Johns Geldverhältnisse 1578 
und 1579 in bedenklicher Weise zurückgegangen; 

1580 ein John Shaxper — aller Wahrscheinlichkeit 
nach des Dichters Vater, wird aufgeführt in einem Buch 
mit den Namen und Wohnsitzen der wohlgeborenen Herren 
und Freisassen in der Grafschaft Warwick (gmtlemen and 
fireehcilders) 1580, in der Hundertschaft zu Barlichway unter 
dem Ortsnamen Stratford a/A.: 



— 94 — 

1581 — 86 erscheint John noch einmal in der Eats- 
versammlung, dann aber nicht mehr (ein^ oder zweimal 
ist allerdings seine An- und Abwesenheit nicht festgestellt); 

1586 werden neue Ratsherren gewählt, weil: „Herr 
Shakespeare nicht in die Hallen kommt, obgleich er 
(nämlich zu der Ratssitzung) vorher aufgefordert wurde"; 

1586 findet sich noch eine Eintragung, die sich aber 
wol auf einen anderen John. Shakespeare beziehen dürfte,' 
denn sie lässt sich nicht recht in Einklang bringen mit 
den Verhältnissen des Vaters des Dichters. Dieselbe — 
von einem drängenden Gläubiger Namens John Brown 
herrührend — lautet: „quod predictus Joh. Shakespeare 
(also nicht Mr.) nihil habet wnde distringi patest" Nun 
besass aber Herr J. Shakespeare seit 1575 zwei Häuser 
in der Henleystrasse, auf die oder auf deren Einrichtung 
Beschlag hätte gelegt werden können. Jener „predictm^ 
dürfte deshalb wol eine andere Persönlichkeit gewesen sein. 

Auch einige spätere Eintragungen können hier als 
unsicher übergangen werden, zumal sie sich auf unwesent- 
liche Vorgänge beziehen; 

1596 und 1599 finden wir seinen Namen in den 
Wappenbriefentwürfen des Londoner Wappenamts und 

1601 seinen Tod im Kirchenregister zu Stratford: 
„1601 Septemb. 8 Mr. Johannes ShaJcspeare." 

Die 1578 und 1579 belasteten Güter Asbies und 
Snytterfield gehörten ganz oder, teilweise zu Wilmcote, 
dessen Besitzer der in den Wappenbriefentwürfen genannte 
hoch wohlgeborene Herr Robert Arden (Esquire) war. Dieser 
vermachte laut Testament vom 24. 11. 1556 seiner Tochter 
Mary das „Asbies" genannte Vorwerk, auf das John Sh. 
1578 eine Schuld aufnahm, und die auf ihr Anteil fallenden 
Einkünfte aus seinen Ländereien in Snytterfield, weifchen 
Anteil John Sh. 1579 verkaufte. So wäre die Identität 
beider Eltern des Dichters mit den in den Wappenbrief- 
entwürfen genannten Persönlichkeiten nachgewiesen. Es 
erübrigt noch, nach der männlichen Verwandtschaft Johns 
zu suchen. Seine vielen G^esehäfte in Snytterfield weisen 



— 95 — 

dapaüf biji,* das» ör hi^r zuHause gewesen seiü katnn, und wirk- 
lieji 'finden ßich; dort ?wei wichtige, Thatsachen verzeichuet: 

I6^t iiatt§ ol^iger Robert Ardep Ländereien an einen 
Richard Shakespeare in Snytterfield verpachtet; 

1561 am 10. Februar wird.das Besitztum eines Richard 
Shakespeare (darunter auch Land in Snytterfield) gericht- 
lich in Yerwg^ltung übergebea einejn Sohne dieses Richajrd 
IJTapiens John./ 

^y'enn es sich nun hier nicht um zwei in dem kleinen 
Orte gJeiQhÄeitig lebende „Richard Sb." und ferner um zwei 
^John'f ; handelt — was im Bereich der Möglichkeit liegt 
und jede Sich[erhe.it vereitelt — so wird der Pächter und 
^Tßisasse Bichaxd Sh. aus Snytterfield als Qrossvater des 
Dichteirs und dessen Sohn John als Gatte von Mary Arden, 
^ Yftter des Dichters und als Oberbürgermeister von Strat- 
fprd identiflciert. Letzterer wird in der betreffenden Ver-^ 
bandlupg genannt; „Of Snytterfield Agricola". Wenn wir also 
nicjit durch ein merkwürdiges Zusammentreffen der gleichen 
Namen von zu derselben Zeit lebenden Personen irre geführt 
weöPden,!So hätte des Dichters Vaters in Snytterfield Land- 
Wtschaft und indem nahebei liegenden Stratford Handschuh- 
w^erei betlieben, ehe er Frei^assengerichts-Beamter u. s. w, 
wurde, , Wann Qr heiratete und ganz nach Stratford über- 
siedelte, hat, sich bis jetzt noch nicht festssellen lassen. 
. JLn,den Geburtslisten pp... finden sich noch zwei Söhne 
v,Qn Richard Shakespeare genannt, ein Georg und ein 
Ihomas — Oheime väterlicherseits des Dichters, von denen 
weiter nichtß gekannt ist, als dass beide in einer Schuld- 
angelegenheit gekannt wurden. 

. • Die Feststellung der Lebensverhältnisse Richards wird 
dadurch erschwert, dass wir auf zu viele gleichzeitig lebende 
„Richard" stossen, mithin die Aufzeichnungen sich eben 
sowol auf einen Richard, als auf mehrere Personen des- 
selben Vornamens beziehen können. Insbesondere kommt 
ein Richard in Betracht, der mit dem Richard aus Snytter- 
field, 4®?sen Sohn John dje Verwaltung seiner hinter- 
lassenen Güter (in Verein mit Thomas Nicols) am IL -2. Iö61. 



— 96 — 

ttbernabm, identisch sein mag und zwar der Richard Sh. 
welcher bis zur Auflösung der Gilde von Knowle 1585 
Bürgermeister von Wroxall und Rentmeister {coUector of 
rents) der Priorei war. 

In dem Bestreben, die Abkunft des Dichters so glänzend 
wie möglich nachzuweisen, nimmt Yeatman an, dieser sei 
der Grossvater des Dichters. Der Tod dieses Bürgermeisters 
ist nicht verzeichnet gefunden, dagegen scheint Richard 
Landbesitz in Snjtterfield gehabt zu haben. Die Möglichkeit 
ist nicht zu bestreiten. Ebenso verführerisch ist die An- 
nahme, dass die Frau dieses Richards Alice Gryffyn 
gehiessen hat. Bei Bearbeitung der Familiengeschichte 
der Gryffyns entdeckte Yeatman, dass eine Tochter 
dieser Familie einen Shakespeare geheiratet habe und fand 
ferner 1527 „Richard Sh." und „Alice", dessen Frau, in 
den Listen der Gilde von Knowle. 1543 vermachte Thomas 
Atwood, der eine Bruderstochter jener Alice Shakespeare, 
geb. Gryflfyn, zur Frau hatte, 4 Ochsen an Richard ^. 
in Haseley. 

Feste Ergebnisse liegen damit noch nicht vor, aber 
willkommene Wegweiser für künftige Forschungen. Sehr 
interessant sind auch die Aufzeichnungen der Richard mit 
Vornamen heissenden Shakespeare, die von 1520 — 1561 
in den ganz nahe bei einander und bei Stratford und 
Wroxall liegenden Dörfern und Flecken gefunden worden 
sind, welche als Urheimat der Warwickshirer Shakespeare 
gelten können, als da z. B. sind: Rowenton, Woldich, Balsal, 
Berkwell, Wroxall, Badesley- Clinton, Haseley, A^es, 
Hampton-Corley, Hatton, Snytterfleld u. s. w. 

Es finden sich Shakespeare*) mit Vornamen Richard: 

1523 R. wohnend in Hampton Corley; 

1524 R. Freisasse (freetenant) in Haseley; 

1525 R. Militairsteuer zahlend {assessed in the suhsidy- 
roüs) in Hampton-Corley; 



A) Die yerschiedene Schreibweise des Namens kann hier nn- 
berücksichtigi; hleihon. 



— 97 — 

1525 E. desgl. 40 sh. ( — also sehr viel — !) in Wroxall; 

? ? ? ein Richard ? Sh. heiratet Alys Gryffyn; 

1527 Richard Sh. und Frau Alice in der Liste der 
Knowle-Gilde ; 

1527 R. hat ein Vorwerk am Kirchende von Rowenton; 

1529 R. erscheint nicht vor dem Gerichtshof in Strat- 
ford {non-smt of court); 

1531 R. hat das Lehnsgut des Bürgermeisters {haüiff^s 
fee) in Wroxall (Wert 40 sh.); 

1534 R. thut Lehnshuldigung {homage) in Wroxall und 
erhält das Amt des Alekosters: 

1535 die Knowle-Gilde aufgelöst. An Stelle R.'s er- 
scheint ein John Hall als Rentmeister der Priorei Wroxall ; 

1535 R. in der Anmusterungsliste (muster-roll) von 
Rowenton als Bogenschütze; 

1535 R. in der Anmusterungsliste von Wroxall als 
Infanterist {bil-man); 

1537 R. zahlt 7 sh. 9 d. Rente für ein Haus, das zur 
Priorei Wroxall gehört hatte; 

1539 R. erscheint nicht vor dem Gerichtshof in 
Stratford ; 

1543 R. in Haseley erhält beim Tode von Thomas 
Atwood 4 Ochsen vermacht; 

1543/44 R. in Rowenton zahlt 10 d. Militärsteuer 
{subsidy-rolls). Unter Eduard VI. (1547 — 53) ohne Angabe 
des Jahres erscheint R. als Geschworener für Hatten (zu 
Wroxall gehörig?); 

1551 R. hat von den Ardens Land in Snytterfleld 
gepachtet {in tenure): 

1552 R. erscheint als Geschworener für Hatton; 

1557 R. von Snytterfleld schuldet an Hugh Porter 
40 sh.; 

1558 R. als Testamentszeuge auf dem letzten Willen 
eines Henry aus Snytterfleld; 

7 



— 98 — 

1560, 1. Juni R. taxiert den Wert des Besitztums 
eines Henry Cole aus Snytterfield; 

1560 Januar oder vor dem 11. 2. 1561, R. ist gestorben. 
Sein Sohn John wird Verwalter seiner Güter (bond of ad- 
ministration). Letzterer wird bezeichnet: „of Snytterfield, 
Agricola" ; 

1561, 15. Juni R. Shakysspeare von Rowenton, Weber, 
stirbt und hinterlässt :^wei Söhne William und Richard. 

Um wie viele verschiedene Persönlichkeiten es sich 
bei diesen Aufzeichnungen handelt, lässt sich nicht einmal 
annähernd erraten. Es fehlen Alter und ständige Wohn- 
sitze; man weiss nicht mehr genau, bei welchen Kirchen 
die einzelnen Ortschaftep eingepfarrt waren und zu welchen 
Gerichten sie gehörten; die Söhne erhielten häufig die- 
selben Vornamen, wie die Väter, kurz, ohne Beibringung 
von noch anderweitig beglaubigten Thatsachen kann man 
aus dem Reiche der Mutmassungen nicht herauskommen ; 
nur eine Behauptung k^nn mit einiger Wahrscheinlichkeit 
aus diesem Wirrwarr von Richarden gezogen werden: 
der Richard Shakespeare, welcher von den Ardens Land 
in Snytterfield gepachtet hatte und der dessen hinterlassen e 
Güter am 11. Februar 1561 in die Verwaltung seines 
Sohnes John übergingen, war eine und dieselbe Person 
und der Grossvater des Dichters. Die Annahme Ycatman's, 
dass dieser Richard auch Alice Gryffyn geheiratet habe, 
1527 in der Knowle-Gilde aufgenommen und der letzte 
Rentmeister der Priorei Wroxall gewesen sei, ist der Zeit 
nach möglich — er müsste etwa 60 —70 Jahre alt geworden 
sein — , sonst fehlt aber jeder Beweis, ja ich möchte an 
seine Mitgliedschaft zur Knowle-Gilde noch einen be- 
sonderen Zweifel knüpfen. Die Mitglieder dieser Gilde, 
einer halb religiösen Genossenschaft, gehörten zu den 
besten Familien des Landes. Wäre der Vater des John, 
der um Verleihung eines Wappens bat, Mitglied dieser 
Gilde gewesen, so ist schwer einzusehen, wesshalb der 
Wappen könig grade diese Begründung in den Wappenbrief- 
entwürfen nicht mit aufgenommen haben sollte. Oder 



— 99 — 

wäre, wie Yeatraan so oft behauptet, die Abneigung gegen 
die römisch-katholische Kirche (unter Elisabeth) so gross 
gewesen, dass man die Mitgliedschaft an einer allerdings 
eminent katholischen Gesellschaft, die von Heinrich VIIl. 
aufgelöst worden war, nicht als genealogischen Vorteil 
mehr gelten lassen wollte? Mir sei ein bestimmter Zweifel 
daran erlaubt. 

Unter den vorangeführten „Richard" wird der aus 
Rowenton als Weber bezeichnet. Aus der Ähnlichkeit der 
Handwerke — man glaubt ja, dass des Dichters Vater 
auch Handschuhweber (glover) war — könnte man auf 
Verwandtschaft dieser nahe beieinander wohnenden Shake- 
speare schliessen, aber Vater und Sohn waren sie nicht, 
wenigstens nicht, wenn es sich um den John handelt, der 
im Februar 1561 mit der gerichtlichen Verwaltung des 
Landbesitzes seines Vaters R. in Snytterfield betraut 
wurde. Letzterer muss damals bereits gestorben gewesen 
sein und ersterer starb erst am 15. 6. 1561. 

Da die Verwandtschaft des Vaters des Dichters in 
Snytterfield zu suchen ist, so glaube ich mit Yeatman, 
dass der „Agricola de Snytterfield'' identisch ist mit dem Hand- 
schuh -Weber und späteren Bürgermeister John. Damit wäre 
auch des Dichters Grossvater festgelegt, aber nur sein 
Vorname Richard und sein Stand als Landbesitzer — 
FranJcelin — Yeoman^ und Pächter Ardenscher Ländereien. 
Möglich ist, dass er identisch ist mit dem Mitgliede der 
Knowle- Gilde und Rentmeister von Wroxall R., denn 
dessen kirchliche Todeseintragung ist bisher nicht gefunden 
worden. 

Grossvater und Vater des Dichters waren -r- das steht 
ziemlich fest — wohlhabende Freisassen, die, wie die 
meisten Einwohner von Stratford und Umgegend, ihren 
Wohlstand im Wesentlichen der Schafzuclit und Tuch- 
weberei verdankten. 

Besser bewiesen, als die Feststellung der Grossvaters 
scheint mir Yeatman's Annahme, dass die weitere Ab- 
stammung des Dichters von einem 1508 lebenden Johannes 

7* 



— 100 — 

Shakespeare') und von dessen Frau Elena, geb. Cokes, 
herzuleiten sei, und zwar, weil sich diese Annahme ohne 
Schwierigkeit mit den Wappenbriefentwürfen in Einklang 
bringen lässt. 

Bisher ist deren Inhalt so aufgefasst worden, als 
würde darin behauptet: Ein Gross- oder Urgrossvater 
John's habe sich unter Heinrich VII. ausgezeichnet und 
wäre von diesem selbst als Belohnung dafür mit Land- 
besitz belehnt worden. Da sich eine solche Belehnung 
nicht hat finden lassen, so hat man ohne Weiteres den 
Herolden absichtliche Fälschung bezw. Unzuverlässigkeit 
in dienstlichen Angaben untergeschoben. Sehen wir, wie 
die Sache in Wirklichkeit liegt. 

Im ersten Entwurf von 1596, Blatt A, lautet die be- 
treffende Stelle: 

„That John Shakespeare of Stratford vppon Avon in 
the Counte of Warw(ike) whose parents and late antecesso^s 
were for they(r)e valieant and faithefull sermce advaunced 
and rewarded hy the most Pruden(t) Prince King Henry 
the seventh of famous memorie," 

Also: John's Ahnen und Voreltern sind für brave 
und treue Dienste durch König Heinrich VII. vorwärts 
gebracht und belohnt worden. 

Im zweiten Entwurf von 1896, Blatt B, fehlt leider 
der grösste Teil: 

„That John Shakespeare of Stratford vppon Avon in 

the Countie (of) WarmJce parentes 

grandfather antecessors for his faithfull and va 

(leant) Prince King Henry the 



*) In den Registern der Kirche St. Margareta zu Weslminster 
findet sich die Eintragung, dass 1506 — 1509 ein Johannes Shake- 
spers oder Shakesper Jahresrenten für ein zur Kirchenverwaltung 
gehöriges Gut gezahlt hat. Wenn er nicht identisch mit ohigem 
Johannes ist, so passt die Angahe der Wappenhriefsentwürfe nich t 
auf ihn, da diese von Landerwerh in Warwickshire spricht. (Vtrl. 
Jahrh. d. D. Sh. G. XXXVII, 279. 



— 101 — 

seventhe of (t)hose pHes continewed in these 

pHes being of good reputacon ^' 

Die „Ahnen und Voreltern" sind durch Überschreiben 
von „Grossvater" berichtigt, sonst scheint der Wortlaut 
dem vorigen gleichlautend gewesen zu sein. 

Im dritten Entwurf von 1599, Blatt C, lautet die 
Stelle: 

„That John Shakespere nowe of Stratford vppo' Avon in 
the Counte of WartviTc Genf. Whose parent great grand- 
father and late Antecessor for his faithefall and approved 
Service to the late most prudent Prince King H, 7 of famous 
memorie. Was advaunced and Bewarded wM Landes and 
Tenementes geven to him in those pHes of Warwikshere. 
Where they have continetved by some descenfes in good 
reputorco^ and credit," 

Also: Der Vorvater, Urgross vater und verstorbene 
Ahn (von John Sh.) wurde mit Land und Häusern, die 
ihm in jener Gegend von Warwickshire gegeben wurden, 
für seine dem Könige Heinrich VIT. geleisteten treuen und 
erprobten Dienste vorwärts gebracht und belohnt. Sie 
(d. h. die Shakespeare's) blieben in jener Gegend mehrere 
Geschlechter hindurch in gutem Euf und Ansehen. 

Blatt C als das späteste und wol am Sorgfältigsten 
berichtigte, hat für diese Ausführungen den grössten Wert. 
Es enthält nicht die Angabe, dasö Heinrich VII. selbst 
einen Sh. mit Landbesitz belehnt habe, obgleich man 
dieses bei dem noch ungeregelten Stile jener Zeit wol aus 
dem Wortlaut herauslesen kann. Aber ich meine: Hätte 
dies ausgedrückt werden sollen, so würde das j^geven to 
him" nicht so schlecht weg geschrieben worden sein, 
sondern es wäre da noch einmal eine die direkte Ein- 
wirkung des Königs achtungsvoll erwähnende Floskel ein- 
geschaltet worden. Es kann sich m. E. um zwei von 
einander ganz unabhängige Begebenheiten handeln. Ein 
Shakespeare mag brav und treu als Bogenschütze oder 
sonst im Militär gedient haben und dafür mit Beförderung, 
vielleicht auch Geld vom Könige belohnt worden sein und 



— 102 — 

dann später in Anbetracht seiner Dienste oder mit Hülfe 
des erhaltenen Geldes Landbesitz erworben haben. Aus 
solchen oder ähnlichen Vorgängen entstehen leicht Familien- 
überlieferungen und eine solche der Sh.'s liegt, wie ich 
vermute, den Angaben der Wappenbriefentwürfe zu Grunde. 

Von einem Shakespeare, der unter Heinrich VH. ge- 
dient hat, wissen wir anderweitig nichts — die An- 
musterungslisten sollen nicht mehr vorhanden sein. Dies 
schliesst aber nicht aus, dass es der Fall gewesen sein 
kann, denn unter dem Vorgänger und Nachfolger 
Heinrich's VH. finden wir Shakespeare im Militärdienst: 
unter Eduard IV. 1479 einen Thomas und unter Hein- 
rich Vin. 1537 deren vier: zwei Richard (aus ßowenton 
und aus Wroxall) einen Thomas und einen William. Mit 
Ausnahme eines Richard, der Infanterist (bil-man) genannt 
wird, hatten dieselben als Bogenschützen gedient. 

Vergleichen wir die Angaben der Wappenbriefentwürfe 
mit nachfolgenden Thatsachen: 

In dem Archiv der öffentlichen Akten {Public Becord 
Office — Pursuant to Statute 1 and 2 Vtct, c, 94 — Court 
Rolls — General Series — Portfolio 207, No. 99) befindet 
sich das Protokoll einer Verhandlung vor dem Kloster- 
gericht der Priorei Wroxall (Gilde von Knowle) aus 1508, 
kraft welcher eine Priorin Isabella Shakespeare Land- 
besitz, bestehend aus ein Vorwerk, vier Gärtner- Anwesen 
(crofts) und einem grösseren Baumgarten (einmal „garden" 
das andere Mal „grove" genannt) in Wroxall an einen 
Joh'es Shakspere Übermacht. Des Letztern Frau Elene und 
Sohn Antony werden ausdrücklich erwähnt. Ein zweites 
Protokoll aus 1531 — 23 Jahre später — von demselben 
Klostergericht ist vorhanden, aber so beschädigt, dass 
der Inhalt nicht mehr vollständig hergestellt werden kann. 
Es spricht von demselben Landbesitz und nennt eine 
Elena Cockes, Wittwe des Joh. Shakespeare und ihren 
Sohn Antony. 



i) See Yeatman's Gentle Shakespeare pag. 138. 



— 103 — 

Durch diese beiden Protokolle wird unzweifelhaft 
festgestellt, dass einem Shakespeare im vorletzten 
Regierungsjahre des Königs Heinrich's VII. Land 
und Häuser (4 crofts) gegeben worden sind, und dass der- 
selbe 1531 unter Hinterlassung eines Sohnes Anton ge- 
storben war. Dieser Sohn Antony lebte 1508 und 1531. 
Er kann der Zeit nach Vater des 1560/61 gestorbenen 
Richard, Grrossvaters des Dichters, gewesen sein, und 
würden dann die Angaben des Blattes C genau richtig 
sein. Dem Urgrossvater John's, dem 1508 lebenden, 1531 
verstorben gewesenen Johannes, wären dann unter Hein- 
rich VII. in Warwickshire Land und Wohnungen {lands 
and tenements) gegeben worden und seine Nachkommen- 
schaft hätte sich dort in gutem Ruf und Ansehen erhalten. 
Dann könnte auch der weiteren Behauptung auf Blatt 
Glauben geschenkt werden, dass dieser Johannes seinem 
Könige treue und erprobte Dienste geleistet und dafür 
befördert und belohnt worden sei, ja es lässt sich sogar 
die Mutmassung in Erwägung ziehen, ob nicht irgend ein 
Zusammenhang zwischen den Diensten des Johannes und 
der Landverleihung an ihn durch die Domina Isabella 
Shakespeare bestanden haben könnte. Die Persönlichkeit 
der letzteren lässt sich anderweitig nicht genau feststellen. 
Die Listen der Priorinnen der St. Anna-Gilde, welche 
Dugdale in seinem „Monasticon" und „Warwickshire" auf- 
führt, enthalten keine Priorin Isabella Shakespeare, sondern 
nennen um die fragliche Zeit eine Isabella Asteley als 
Priorin. Dennoch müssen eine oder zwei Isabella Shake- 
speare Priorin der Gilde gewesen sein, denn vier Jahre 
früher, 1504, findet sich folgende Eintragung in den Listen 
der St. Anna (Knowle) Gilde: „19. H, 7: Orate pro anima 
Isdbella Shäkspere qvxmdam Prior essa de Wraxhale." Ob 
sich das y,quondam'' auf den Tod der genannten oder auf 
ihr Auscheiden aus dem Amte bezieht, ist nicht aufgeklärt. 
Da unzweifelhaft 1508 eine Prioressa Isabella Sh® bei der 
Gerichtssitzung des Prioratgerichtes Wroxall amtiert hat, 
so muss es sich entweder um zwei einander folgende 



— 104 — 

Priorinnen Isabella Shakespeare handeln, oder es hat eine 
gegeben, die 1504 aus dem Amte geschieden war, für ihre 
Seele Messe lesen liess, und dann 1508 vielleicht aus ganz 
bestimmter Veranlassung noch einmal wieder amtierte, 
indem sie Land, welches sie zu vergeben hatte, an Johannes 
She übermachte. Es wäre nicht unmöglich, dass eine 
Aufklärung dieser merkwürdigen Verhältnisse auch einiges 
Licht auf die Geschichte der Vorfahren des Dichters 
werfen könnte, denn es ist immerhin denkbar, dass diese 
Landverleihung auf Einwirkung des königlichen Kabinets 
erfolgt sein könnte, in welchem Falle die alten Herolde 
glänzend gerechtfertigt sein würden. 

Auch die Annahme, dass ein Antony unter den Vor- 
fahren des Dichters gewesen ist, findet eine Unterstützung 
in der Erzählung Rowes,") dass ein Grossoheim des Dichters 
Antony geheissen habe. Der Grad der Verwandtschaft 
wird nicht berichtet, auch lässt sich nicht entscheiden, ob 
der Sohn des Johannes oder ein anderer Antony gemeint 
ist. Es muss hier der Hinweis genügen, dass ein anderer 
Shakespeare dieses Vornamens bisher nicht aufgefunden 
ist, mithin auch diese Spur darauf hindeutet, dass der 
Dichter abstammen kann von „Joh'es Shakspere, der 1508 
Landbesitz in Wroxall Übermacht erhielt, und von dessen 
Frau Elena, geb. Cockes. 

Sicherlich handelt es sich in den Wappenbrief entwürfen 
um eine Familienüberlieferung der Shakespeare, die des 
Dichters Vater bei der Bitte um ein Wappen mit ein- 
gereicht haben wird. Der Wappenkönig, von welchem 
die Entscheidung der Wappenfrage ressortierte (Robert 
Cooke), wird sie auf ihre Zuverlässigkeit hin geprüft 
haben und, da er sie richtig genug fand, um sie als 
Mitbegründung der .Wappenverleihung aufzuführen, so 
haben wir gewiss nicht die Berechtigung, die Glaubhaftigkeit 
dieser Familienüberlieferung anzuzweifeln. *) Durch die 
Verhandlung des Klostergerichts der Priorei Wrexall 1508 



*) Vergl. auch Schluss der 3. Studie. 



— 105 — 

wird die wichtigste Angabe, die Erwerbung eines Land- 
besitzes in der Grafschaft Warwick zur Regierungszeit 
Heinrich's Vn. durch einen Shakespeare amtlich beglaubigt. 

Aus den bisherigen Ausführungen erhellt, dass eine 
zuverlässige . Stammtafel des Dichters nicht aufzustellen 
ist, weil in der männlichen Linie aufwärts über den Vater 
hinaus nur Mutmassungen und Wahrscheinlichkeitsschlüsse 
gezogen werden können, wie dies die Fragezeichen in dem 
Seite 107 gemachten Versuch zeigen. 

Die weibliche Linie aufwärts hingegen hat G. R. French 
festgelegt. Die Abstammung der Mutter des Dichters ist 
mit der ganzen Sicherheit bezeugt, welche die genealogischen 
Stammtafeln im englischen Wappenamt überhaupt bieten 
können. 

Das wichtigste Beweismittel für diese Feststellung 
fand French in Gestalt einer Kaufurkunde aus 1501, 
durch welche als Thatsache bezeugt wurde, dass Mary's 
Vater eben jener Robert Arden war, der Ländereien in 
Snytterfield an Richard Sh© verpachtet und diese Ländereien 
in Gemeinschaft mit seinem Vater Thomas Arden käuflich 
erworben hatte. Dieser Thomas A. aber war der 2. Sohn 
eines Walter Arden von Parkhall, dessen Abstammung 
in 16. Generation durch genealogische Tafeln nachgewiesen 
wird von einem Churchill de Arden, ^) der 1180 in der 
Grafschaft Warwick 52 Landschaften besass und nach der 
Sage selbst abstammte von einem sächsischen Earl War- 
wick Namens Richard (zur Zeit Alfred's des Grossen). 
Der Enkel dieses Richard, Namens Raynbourn, soll eine 
Urenkelin des Königs Alfred, Namens Leonetta, zur Frau 
gehabt haben. — Robert Arden hatte sieben Töchter, deren 
mutmasslich jüngste, Mary, die Mutter des Dichters wurde. 
Letzterer stammt also mütterlicherseits von einer der ältesten 
und besten . Familien nicht nur der Grafschaft Warwick, 
sondern überhaupt Englands. Träfe Yeatman's Annahme 
zu, dass Alice Griffin die Frau Richard's, also Grossmutter 



1) Von dem also der Dichter in 20. Generation aT3stamnite. 



— 106 — 

des Dichters gewesen ist, so wäre dies eine zweite hoch- 
angesehene Familie, welche der Dichter zu seinen Ver- 
wandten rechnen könnte, die ebenfalls ihre Stammtafel 
bis in hohes Altertum zurückzuführen vermag. Als dritte 
Familie, aus der er seine Abkunft herleiten mag, wären 
die Cockes anzuführen, falls Elena seine ürurgrossmutter 
gewesen ist. — Jedenfalls ist die Fabel, dass er ganz 
niederer Abkunft gewesen ist, widerlegt. Die Verbindung 
mit den Ardens und die Angaben im Wappenbriefentwurf 
beweisen, dass die Sh.'s zu den alten guten Familien des 
Landes gerechnet wurden. Ebenso hatte Sh.'s Vater eine 
bemerkenswerte Wohlhabenheit erreicht und zwar, wie es 
scheint, weil er als Freisasse in Snytterfield Schafe züchtete 
und deren Felle und Wolle in Stratford zu Handschuhen 
und Tuchen verarbeiten Hess, ein Erwerbszweig, dem die 
Stadt Stratford in jener Zeit ihren Ruf und Wohlstand 
verdankte. Wenn der Sohn einer so angesehenen Familie 
zum Theater ging, so deutet das auf einen bedeutenden 
Rückgang der Familienverhältnisse. Obgleich Talent und 
Neigung ihm seinen Lebensweg vorzeichneten, so mag 
doch äusserer Zwang, bedrängte Qeldverhältnisse o. d. m. 
mitgewirkt haben, ihn in die Lebensbahn zu zwingen, in 
der er so Grosses leisten sollte. 



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Fünfte Studie. 



Die heraldische Ausdrucksweiee Shakespeare's. 

Es kann wol kein Zweifel darüber obwalten, dass ein 
Dichter, der seinem Volke die Gestalten alter Ritter und 
Helden vorführen will, die Sitten, Gebräuche und Sprache 
der letzteren studiert haben muss, ehe er an sein Werk 
geht. 

So muss m. E. das Schaffen der Königsdramen Shake- 
speare veranlasst haben, Heraldik zu betreiben, falls er 
dieses nicht schon früher gethan haben sollte, was mög- 
lich ist, weil sein Vater zu einer Zeit, in der er noch im 
empfänglichen Knabenalter war, bereits heraldische Ver- 
handlungen mit dem Wappenkönige Robert Cook gepflogen 
hat. Hier wird der Anfang der heraldischen Studien des 
Dichters zu suchen sein. 

Heraldik spielt in allen seinen Werken, auch schon 
in seinen frühesten Arbeiten eine Rolle. 

Shakespeare verwendet die Fachsprache diesesWissens- 
zweiges zu Gefühlsäusserungen, Schilderungen und Ver- 
gleichen — zu Wortspielen und Witzeleien — , gebraucht 
eine ungezählte Menge Einzelausdrücke teils in genau 
heraldischer, teils in übertragener Bedeutung, — stellt 
genealogische Tafeln, allerdings in Gestalt von Gesprächen, 
auf — , beschreibt gelegentlich ein scharfes Turnier so, 
dass man die Bestimmungen des damaligen Ehrencodex 
heraus zu erkennen vermeint — und stellt die höchsten 
Anforderungen an die Würdigkeit und Moralität aller 
Adligen und Ordensinhaber. 



— 109 — 

Dass Shakespeare persönlich den seiner Zeit üblichen 
Kampfspielen als Zuschauer beigewohnt haben wird, kann 
wol ohne Weiteres angenommen werden. Gelegenheit dazu 
ist ihm reichlich geboten worden. Abgesehen von andern, 
fanden grosse Turniere unter der Königin Elisabeth all- 
jährlich am 17. November in, oder bei London statt. Der 
Dichter konnte die Regeln und Vorschriften bei diesen 
Schaustellungen, die einen Teil der Heraldik bildeten, aus 
eigener Anschauung erlernen, und dass er es wirklich ge- 
than hat, ersieht man aus der lebendigen Beschreibung 
des grossen Zweikampfs in R 2 und aus der enthusiastischen 
Schilderung des Prinzen Heinrich mit Gefolge i[i H4 A 
IV, 1, 97 u. f. Auf die Frage Heisssporns, was denn der 
Prinz und seine Begleiter bei dem Ausbruch des Krieges 
trieben, antwortet Sir Richard Vernon: 

„Voll ausgerüstet alle mit Waffen und wehenden 
„Federn, als ob Strausse gegen den Wind ankämpften, 
„oder Adler ihr nasses Geflügel zum Trocknen ausspreizten; 
„in goldenen Wappen glitzernd, wie die Heiligenbilder: 
„voll Frische, wie der Monat Mai; prächtig wie die Sonne 
„im Mittsommer, übermütig, wie junge Zicklein; wild, wie 
„junge Stiere! — Ich sah den jungen Heinrich in voller 
„Rüstung, mit Kriegshelm auf und Beinschienen au, sich 
„erheben, wie ein geflügelter Merkur, und sich so leicht 
„in den Sattel schwingen, als wäre ein Engel aus den 
„Wolken herabgeschwebt, um einen feurigen Pegasus ') zu 
„bändigen, zu tummeln und alle Welt durch die vollendete 
„Fertigkeit seines Reitens in Erstaunen zu versetzen." 

Hat man hiebei nicht gradezu vor Augen, wie ein 
Lieblingsritter des Dichters mit seinem Gefolge in die 
Turnierschranken einreitet? 

Die Grenzen, wo Shakespeare's heraldische Sprache 
anfängt und wo sie aufhört, lassen sich heutigen Tages 
nur sehr schwer, vielleicht überhaupt nicht mehr bestimmen, 

*) Pegasus aufgefasst als das Ross, das den Bellerophon ab- 
warf, oder als das ^cheval volant"^ der Heraldik. Auch Christopher 
Marlowe gebraucht „Pegasus" für „Streitross" in 1. Tamerlan T, 2, 94. 



— 110 — 

denn einerseits sind Worte und Ausdrücke, die in alten 
Zeiten nur von den Rittern in ihrer Fachspraclie benutzt 
wurden, "zum Allgemeingut der englischen Sprache ge- 
worden, andrerseits hat die Fachsprache der modernen 
englischen Heraldik viele Ausdrücke neu aufgenommen. 
So z. B. giebt es kaum mehr ein Tier, eine Pflanze, ein 
Stück Handwerkszeug, Haus- oder Ackergerät u. s. w., 
welches nicht schon das Zeichen eines englischen Wappens 
gewesen ist, oder noch ist. 

Nur eine Kraft, welche die englische Sprache und die 
englische Heraldik von ihren Anfängen an genau studiert 
und verfolgt hat, wird in der Lage sein, obige Frage 
wissenschaftlich zu behandeln und zu erschöpfen; m. E. 
würde ein solches Werk zur Lösung vieler noch offenen 
Shakespearefragen beitragen. — An vorliegende Selbst- 
studien, die leider in erst spätem Lebensalter begonnen 
wurden, wird man keine zu hohen Anforderungen stellen 
können. Ihr Zweck ist, die Frage anzuregen und es würde 
dem Verfasser eine grosse Freude sein, wenn diese An- 
regung auf fruchtbaren Boden fallen möchte. 

Hier sollen nur die Stellen und Worte aus Shake- 
speare's Texten angeführt werden, welche mit einiger 
Sicherheit zu dem Schluss berechtigen, dass sie auch schon 
bei Lebzeiten des Dichters „heraldisch" waren, d. h. der 
Fachsprache — der Sprache der alten englischen Ritter — 
entstammten. Dies kann mit Bestimmtheit von den Wörtern 
behauptet werden, die in „Ouillim^s Display of Heraldry^^ 
erklärt werden, denn dieses Buch wurde gegen Ende des 
16. Jahrhunderts geschrieben. Diese Wörter bezeichne ich 
als „altheraldisch". Sie sind durch gesperrten Druck her- 
vorgehoben. 

Von allen übrigen heraldischen Ausdrücken bedarf es 
eines Nachweises, den ich leider zu führen ausser Stande 
bin: 1. ob sie vor Shakespeare bereits in die Umgangs- 
sprache aufgenommen waren, oder ob sie 2. erst nach 
Shakespeare heraldisclie Fachausdrücke geworden sind. 
Die Bezeichnung der einzelnen Werke des Dichters ist die 



— 111 — 

des Shakespeare- Wörterbuchs von Alexander Schmidt, auf 
das ich behufs Aufsuchung weiterer Textstellen, in denen 
ein bestimmtes Wort wieder gebraucht ist, verweisen muss. 

Stellen, die englisch -heraldische Fachausdrücke ent- 
halten, müssen natürlich im englischen Wortlaute angeführt 
werden. Da ich aber für Deutsche schreibe, so ist überall, 
wo dieses notwendig wurde, meine Übersetzung in Prosa 
darunter gesetzt. Letztere allein bringe ich für solche 
Stellen, die heraldisch interessant sind, auch wenn keine 
wichtigen englischen Fachausdrücke darin vorkommen. 



Beispiele 

von Qefühlsäusserungen, Schilderungen 

und Vergleichen. 

L. 1. 1. IV, 3, 256. 

King: O paradox! Black is Ihe badge of hell 

The hue of dungeons and the scoul of night; 
And beauty's crest becomes the heavens well. 

Verlorene Liebesmüh* 4. Aufzug, 3. Auftritt, 256. 

« 

König: Welche Abscheulichkeit ! Schwarz ist das Beizeichen 

der Hölle, 
Die Farbe der Kerker und das Zürnen der Nacht, 
Während der Schönheit Zimier den Himmeln gut ansteht. 

Vergl. badge und crest. 

Lucr. 54—79. 

When virtue bragg'd beauty would blush for shame; 
When beauty boasted blushes, in despite 
Virtue would stain that o'er with silver white. 

But beauty, in that white intituled, 
From Venus* doves doth challenge that fair field; 
Then, yirtue Claims from beauty beauty's red, 
Which virtue gave the golden age to gild 
Their silver cheecks, and call'd it then their shiold; 
Teaching them thus to use it in the fight, 
When shame assail'd, the red should fence the white. 



— 112 — 

l'his heraldry in Lucrece' face was seen, 
Argued by beauty's red, and virtue's white: 
Of either's colour was the other queen 
Proving from world's minority their right 
Yet their ambition makes them still to fight, 
The sovereignty of either being so great, 
That oft they interchange each other's seat. 

This silent war of lilies and of roses, 

Which Tarquin view'd in her fair face's field. 

Lukretia 54 — 79. 

Sobald sich die Tugend zxi anmassond zeigen wollte, errötete 
die Schönheit voll Schamhaftigkeit, aber wenn diese auf ihr Er- 
röten stolz wurde, so erregte dies die Missgunst der Tugend, die 
dann gleich das Rot mit Silberweiss übermalte. 

Aber die Schönheit, die auch Weiss führen darf, leitet ihr 
Recht auf dieses schöne Feld von den Silbertauben der Venus 
ab und die Tugend wieder darf auch dasselbe Rot wie die Schön- 
heit führen, weil sie im goldenen Zeitalter den Menschen das 
Erröten verliehen hatte, um ihre Silberwangen damit zu vergolden; 
sie gab es ihnen damals als Schild und lehrte sie gleichzeitig 
dessen Ernstgobrauch : dass nämlich Rot das Weiss beim Heran- 
nahen von Ungehörigem beschirmen sollte. 

Diese Heraldik war in Lukretia's Antlitz zu schauen; sie 
wurde hervorgerufen durch das Rot der Schönheit und das Weiss 
der Tugend. Jede herrschte über der Farbe der andern, da beide 
das Recht, beide Farben führen zu dürfen, noch aus der Zeit 
herleiten konnten, in welcher die Welt minderjährig war. Doch 
ihr Ehrgeiz lasst sie bis zum heutigen Tage miteinander streiten, 
weil die Herrschergewalten der Tugend, wie die der Schönheit 
so gross sind, dass oft beide ihre Sitze miteinander vertauschen.*) 



*) Dass Shakespeare diese Stelle heraldisch aufgefasst wissen 
wollte, erhellt aus den Worten „This heraldry'^', sie wird dadurch 
auch klar verständlich: Tugend und Schönheit haben beide das 
Recht, die Wappenfarben weiss und rot zu führen und streiten 
stetig miteinander auf einem Wappenfelde (Lukretia's Gresicht), in- 
dem sie immer die Farbe, welche die Gegnerin aufgelegt hat, 
auslöschen und übermalen (to over atain). Da beide nur zur Ver- 
wendung der zwei gleichen Farben berechtigt sind, so entsteht 
hiedurch ein heraldisclies Bild des häufigen Wechsels von Er- 
bleichen und Erröten, wie ihn der Blutumlauf bei jungen Menschen 
mit zarter weisser Haut erzeugt. Der Dichter stand ungefähr im 
29. Lebensjahre, als er die Lukretia schrieb; er muss also vorher 



— 118 — 
Lucr. 204—210. 

Yea, thoug-h I die, the scandal will survive 

And be an eye-sore in my golden coat; 

Some loathsome dash the herald will contrive, 

To cipher me how fondly I did dote; 

That my posterity, sham'd with the note, 

Shall curse my hones, and hold it forth no sin 
To wish that I their father had not been. 

Lukretia 204—210. 

Ja, selbst wenn ich stürbe, bliebe das Anrüchige doch le]3en 
als sichtbarer Schandfleck auf meinem goldenen Wappen; der 
Herold würde sich einen abscheulichen Strich^) ausdenken, um 
es herzuzählen, wie wahnsinnig ich in meinen Lüsten gesündigt, 
so dass meine Nachkommen, beschämt durch solche Bemerki^ng, 
meine Gebeine verfluchen und nicht für Sünde halten würden, 
zu wünschen, ich möchte doch nicht ihr Vater gewesen sein. 

Tit. 1, 1, 364. 

Titus: Marcus, ever thou hast Struck upon my er est 

And, with these boys, mine honour thou hast wounded. 

Titus und Andronikus 1, 1, 364. 

Titus: Markus! immer schon hast du nach meiner Zii^ier 
geschlagen und mit diesen Knaben meine Ehre verwundet. 



Heraldik und zwar Wappenkunde studiert haben, sonst hätt^ er 
ein so spitzfindig durchdachtes heraldisches Bild nicht entwerfen 
können. Auch die in der ersten Studie behandelten allgemeinen 
heraldischen Verhältnisse mögen hiebei auf den Dichter mit ein- 
gewirkt haben. Die Wappenamts- Beamten Hessen Wappen, die 
sie für falsch hielten, übermalen, die Wappen-Inhaber hingr^gen 
sie so wieder herstellen, wie sie gewesen waren. — Auf das häufige 
Vorkommen heraldischer Ausdrücke in Sh.'s frühesten Werken, 
sowie auf die „Zweieinigkeit", die hier dadurch geschaffen "v^ird, 
dass zwei mit einander wetteifernde Mächte dieselben Wappen- 
farben führen, werde ich bei dem Gedichte „Phönix und- Turtel- 
taube" noch einmal zurückkommen. 

1) Der Anachronismus sei hier nur nebenbei verzeichnet. 
Shakespeare's Texte weisen viele dergleichen auf. Unter dem 
abscheulichen Strich {loathsome dash) meint Tarquinius den 
linken Schrägbalken (bend sinister), der im frühen Mittelaller als 
Zeichen dafür galt, dass der Wappenträger ein Bastard, oder aus 
rechtsungültiger Ehe entsprossen war. 

8 



— 114 — 

H 6 A I, 1, 45. 

Messenger: Cropp'd are the flower de luces in.yoiir arms 

Of England*s coat one half is cut away. 

Heinrich VI., 1. Teil, 1. Aufzug, 1. Auftritt, Z. 45. 

Bote: Aus Euren Schilden sind die Lilien ausgerupft, 
Von Englands Wappen eine Hälfte ahgeschlagen. 

H 6 A I, 5, 28. 

Talhot: — either renew the flght 

Or tear the lions out of England*s coat; 
Benounce your soil, give sheep in lions stead. 

Heinrich VI., 1. Teil, 1. Aufz., 5. Auftr., 28. 

Talhot: Entweder fangt die Schlacht von Neuem an, oder 
reisst die Löwen aus Englands Wappen. Geht Euer Land auf; 
setzt Schafe an Stelle der Löwen in Euer Wappen. 

H 6 A V, 3, 25. 

Pu Celle: Now the time is come 

That France must vail her lofty plumed er est. 

Heinrich VI., I. Teil, 5. Aufz., 8. Auftr., 25. 

Jungfrau: Nun ist die Zeit gekommen, dass Frankreich die 
hochwehenden Federn seiner Zimier niedriger führen muss. 

H 6 B I, 1, 256. 

York: Then will I raise aloft the milk- white rose, 

With whose sweet smell the air shall he perfumed 
And in my Standard hear the arms of York 
To grapple, with the house of Lancaster. 

Heinrich VI., 2. Teil, 1. Aufz., 1. Auftri, 256. 

York: Dann will ich die milchweisse Rose emporhehen, dass 
sie die Luft mit ihrem köstlichen Duft erfülle, und auf meiner 
Standarte das Wappen York führen, \im mit dem, Hause Lancaster 
zu ringen. 

H 6 B IV, 1, 42. 

Whitmore: Therefore, when merchant-like I seil my revenge» 

Broke he my sword, my arms torn and defaced. 

Heinrich VI., 2. Teil, 4. Aufz., 1. Auftr., 42. 

Whitmore: Sollte ich meine Rache verschachern, wie ein 
Krämer, dann mögt ihr mein Schwert zerbrechen, mein Wappen 
niederreissen und besudeln. 



— 115 — 
H6B IV, 10,75. 

Iden: Ne'er shall this blood be wiped from thy point*) 
But thou shalt wear it as a heralds coat 
To emblaze^) the honour that thy master got. 

Heinrich VI., 2. Teil, 4. Aufz., 10. Auftr., 75. 

Iden: Nie werde dieses Blut von deinem Schilde abgewischt! 
du sollst es als Wappen tragen, wie ein Herold seinen Wappen- 
mantel, um die Ehre, welche dein Herr errang, zu verkünden. 

H6B V, 1,202. 

Warwick: Now by my father*s badge, old Nevile's crest, 
The rampant bear chain'd to a' ragged staff, 
This day I'll wear aloft my burgonet. 

Heinrich VI., 2. Teil, 5. Aufz., 1. Auftr., 202. 

Warwick: Bei meines Vaters Beizeichen, der Zimier des 
alten Nevile — dem springenden Bären, an knorrigen Pfahl ge- 
kettet — heute will ich meinen Helm hochtragen! 

Vermerk: Shakespeare begeht hier einen heraldischen 
Irrtum, der sich durch den ganzen Schluss des 1. Auftritts 
des 5. Aufzugs hinzieht. Die Zimier der Nevile war „ein 
brauner Bullenkopf". Der Warwick des Stückes führte 
allerdings auch die beschriebene Zimier, aber von Seiten 
seiner Gattin Anna, einer geborenen Beauchamp. Letztere 
Familie führte den springenden Bären am knorrigen Pfahl 
gekettet als Zimier. Dies war ursprünglich die Zimier der 
Sächsischen Earls von Warwick, demnächst nach der Er- 
oberung Englands auch der Newburghs, die ebenfalls Earls 
von Warwick wurden. (S. J. Burlce^s Oenealogy Vol, I, 
p. 154 und R. French, p. 192,) Der Irrtum des Dichters 
ist übrigens verzeihlich, weil verschiedene Träger dieser 
Zimier zu Earls von Warwick erhoben worden waren. 
Die Zimier der Warwicks war (nach Siebmacher und 
French) ein aufrechter Eber {boar rampant). 

Ferner ist es ein heraldischer Fehler, hadge — Bei- 
zeichen — mit crest — Zimier — zu identifizieren. 



1) point =■ base of the ahield = Schildfuss. Der Schild wurde 
in neun Punkte eingeteilt. 

2) to emhlaze == to hlazon = to blason = blasonnieren = an- 
sprechen. 

8* 



— 116 — 
H6B IV, 1. 

Captain: — — — the house of York 



— — — whose hopeful colours 
Advance oiir half-fac'd sun striving to shine 
Under the wMch is writ — „Tnyitis nubibus". 

Heinrich VI, 2. Teil, 4. Aufz., 1. 

Schiffsführer: — — — Das Haus York — — — 
dessen hoffnungsreiche Fahnen unsere Sonne vorwärts tragen, die 
halb bedeckt, doch zu scheinen versucht, und unter welcher das 
Motto steht: „Invitis nubibus**. 

R 2, m, 2, 24. 

Bolingbroke: 

From niine own Windows torn my household coat! 

Eichard n., 3. Aufe., 2'. Auftr., 24. 

Bolingbroke: Das Wappen meines Hauses aus meinen 
eigenen Fenstern ausgebrochen! 

John n, 317. 

English herald: There stuck no plume in any English er est 

That is removed by a staif of France. 

König Johann, 2. Aufz., 317. 

Englischer Herold: Keine französische Lanze hat auch 
nur eine Feder von einem englischen Helm gestossen. 

John IV, 3, 44 u. f. bereits auf S. 27 — 30 besprochen und 
übersetzt. 

Wives V, 5, 69. 

Queen: Each fair instalment coat and several crest 
With loyal blazon ever more be blest 
And nightly meadowfairies, look you sing 
Like to the Carters compass in a ring: 
Th'expressure*) that it bears, green let it be 
More fertile fresh than all the fleld to see; 
And „hony soit qui mal y pense" write 
In emeralds tufts flowers purple blue and white 
Like sapphire, pearl and rieh embroidery 
Bookled below fair knighthood's bending knee. 



) == im'pTese = ein heraldisches Bild mit einem Motto. 



— 117 — 

Die lustigen Weiber von Windeor, 5. Aufz., 5. Auftr., 69 f. 

(Elfen-) Königin: Jede gerechte heraldische Bestallung, 
Wappen und besondere Helmzier mit wahrheitsgetreuer amtlicher 
Verbriefung seid für und für gesegnet! Ihr aber, Wiesenelfen, 
sehet zu, dass ihr beim Singen euch in solchem Kreise bewegt 
"wie die Schleife, an welcher der Hosenbandorden hängt. Dessen 
Motto lasst grün aufwachsen üppiger und frischer, so dass es sich 
aus seiner Umgebung abhebt. Das „honi soit qui mal y pense** 
schreibt mit smaragdfarbenem Rasen, purpurnen, blauen und 
\^eissen Blumen so hinein, dass sie wie die Saphire, Perlen und 
reichen Stickereien erscheinen, welche um das Bein schönen 
Rittertums unterhalb des sich beugenden Kniees geschlungen 
'werden.^) 

Tw. 1,5,312. 

Olivia: — TU be sworn thou art (i. e. a gentleman) 

Thy tongue, thy face, thy limbs actions and spirit 
Do give thee flve-fold blazon. 

Was Ihr wollt 1. Aufz., 6. Auftr., 812. 

Olivia: Ich schwöre darauf, du bist einer (ein Edel- 
mann), deine Sprache, dein Gesicht, deine Glieder, deine Hand- 
lungen und dein Geist sprechen dich fünffach als solchen an. 

Hml. 11,2,479. 

Hamlet: Has now this dread and black complexion smear'd 
With heraldry more dismal; head to foot 
Now he is total gules, 
Horridly trick'd with blood of fathers, mothers. 

Hamlet 2. Aufz., 2. Auftr., 479. 

Hamlet: Hat nun diese fürchterliche schwarze Hautfarbe 
noch schauderhafter heraldiscji beschmiert; er ist jetzt von Kopf 
zu Fuss ganz rot, entsetzlich mit Blut von Vätern, Müttern 
schrafftert. 

Troil. IV, 5, 126. 

Hector: my mother's blood 

Runs in the dexter cheek, and this sinister 
Bounds in my father*s. 



1) Vergl. S. 72—73. 



— 118 — 
Troilus und Cressicla 4. Aufz., 5. Auftr., i26. 

H e k t o r : meiner Mutter Blut läuft in der vorderen 

(d. h. rechten) Wange und die hintere (d. h. linke) bewegt sich in 
dem meines Vaters. 

Troil. IV, 5, 143. 

Hector: Not Neoptolemus so mirable 

On whose bright er est Farne with her loudest Oyez^) 
Ories: „This is he". 

Troilus und Cressida 4. Aufz., 5. Auftr., 143. 

Hektor: Nicht der bewunderungswerte Neoptolemus, vor 
dessen glänzender Zimier Fama mit ihrem lautesten „Oyez" ruft: 
„Dieses hier ist Er". 

Mids. m, 2, 212. 

Helena: So with two seeming bodies, but one heart 
Two of the first like coats in heraldry 
Due but to one, and crowned with one er est. 

Mittsommernachtstraum 3. Aufz., 2. Auftr., 212. 

Helene: So dem Anscheine nach zwei Personen, aber mit 
nur einem Herzen; zwei der ersteren (d. h. Personen), die, wie 
mehrere Wappen in der Heraldik, wenn sie von Einem geführt 
werden, auch nur von einer Zimier gekrönt werden. 



Diese Stelle ist ein hervorragendes Beispiel dafür, 
wie sehr die heraldische Denkweise die Sprache des Dichters 
nicht nur, sondern auch die der Personen, für welche das 
Stück geschrieben wurde, durchsetzt haben musste. Helene, 
eine Dame, verfällt auf einen heraldischen Vergleich und 
flugs lässt sie der Dichter auch in die Fachsprache über- 
gehen und sie so weiter sprechen, als wäre auch der 
vorhergehende Satz Teil einer Blasonnierung (d. h. Wappen- 
beschreibung in Fachausdrücken = Ansprache — to hlazon). 
In der englischen Heraldik werden bei Wappenansprachen 
die Farben nur einmal angeführt und dabei gezählt. So- 
bald sie zum zweiten Mal erscheinen, werden sie nach 



1) Ein Anachronismus. „Oyez" = „Hört" ist der Ruf der 
Herolde, die den Wappenkönigen voranschritten, wenn sie heral- 
dische Bekanntmachungen zu veröffentlichen hatten. 



— 119 — 

der Nummer angeführt, z. B. Shakespeares Wappen: „Or, 
on a bend sohle a spear ofthe first, steeled^, wörtlich: „Gold, 
auf schwarzem Rechtsschrägbalken eine scharfe Turnier- 
lanze in der ersten" (d. h. ersteren Farbe). Dieser Ge- 
brauch ist für die Erklärung der Stelle wichtig, denn sie 
wird dadurch erst verständlich. Helene spricht so weiter, 
als ob die vorausgehende Zeile: „So mth tivo seeming bodies 
hut one heart^ bereits heraldische Ansprache wäre und 
fährt fort: „Tiw bf the first", ,,Zwei' der ersteren", d. h. 
Bodies — Leiber oder Personen, wie sich der Deutlichkeit 
halber auch verdeutschen liesse. 

Auf die Zweieinigkeit, wie Helene selbige zwischen 
sich und Hermia beschreibt, werden wir noch Gelegenheit 
haben, an anderer Stelle zurückzukommen. 

Tim. IV, 3, 69. 

Timon: With man's blood paint the ground gules — gules. 

Timon von Athen 4. Aufz., 3. Auftr., 59. 

Timon: Male den Boden mit Menschenblut rot — rot. 



In Per. H, 2 schreiten sechs Ritter über die Bühne, deren 
Schildzeichen und Mottos angeführt werden. Da das Stück 
nicht in der Folio-Ausgabe von 1623 enthalten ist, so 
wird angenommen, dass es Shakespeare nicht verfasst, 
sondern nur einige Zusätze dazu gemacht hat, die in den 
letzten beiden Akten enthalten wären. Da jedoch die 
Möglichkeit vorliegt, dass Shakespeare bei der heraldischen 
Stelle mitgeholfen haben kann, so seien die Ansprachen 
aufgezählt: 

Erster Ritter von Sparta: Ein Mohr, der nach der 
Sonne greift, Motto: Lux tua vita mihi. (Dieses Motto 
führten die 1757 ausgestorbenen Baronets Blount. Deren 
Wappen war jedoch: Von Gold und Schwarz 6 ausgezackte 
Querbalken.) 

Zweiter Ritter, Prinz von Macedonien: Ein von einer 
Frau besiegter gewappneter Ritter, Motto (spanisch): Fiu 
por dulzura qice por fuerza. 



— 120 — 

Dritter Ritter von Antiochia: Ein Kranz des Ritter- 
tums, Motto : Me pompae provexit apex. 

Vierter Ritter (ohne Angabe der Herkunft): Eine 
brennende Fackel, das untere Ende nach oben gedreht, 
Motto: Qmd me alit me extingmt. 

Fünfter Ritter (ohne Angabe der Herkunft): Von 
Wolken umgeben eine Hand, die am Schleifstein geprüftes 
Gold hält, Motto: Sic spectanda fides. 

Sechster Ritter (Pericles) : Ein dürrer Zweig mit grüner 
Spitze, Motto: In hoc spe vivo. 

Henry Green M. A. hat 1866 nachgewiesen, dass vor- 
stehende Mottos — die des ersten und sechsten Ritters 
ausgenommen — - den sogenannten Enblemen-Dichtungen 
entlehnt wurden, welche im 15. und J6. Jahrhundert in 
Spanien, Frankreich, Italien, Holland, Deutschland und 
England sehr beliebt waren, dann aber in späterer Zeit 
in Vergessenheit geraten sind. Für England hatte Geflfrey 
Whitney 1586 eine grosse Anzahl solcher Enbleme zu- 
saüimengestellt, nachgebildet, ins Englische übersetzt und 
zum Teil auch wol neu verfasst. — Nach Green scheinen 
die Quellen der Mottos folgende zu sein: 

1. Wappenspruch der Familie Blount. 2. NachCorrozet's 
Hecatomgraphie (1540): ffPlt4S par doulceur que par force^^ 
ins Spanische übersetzt. 3. Wörtlich nach Les Devises 
Höroiques. 4. Wörtlich nach Daniel, aber wahrscheinlich 
nach Whitney, der Paradin's Motto „Qui^^ me alit me ex- 
tinguif^ statt ^^Quod^ me u. s. w. brachte. 5. Nach Whitney, 
der es wörtlich von Paradin entnommen. 6. Nachgebildet 
nach Spensers italienischem Motto ,jAnchora spe me". 

Der Umstand, dass zwei Mottos aus Whitney stammen, 
spricht dafür, dass Shakespeare auch diese Scene aus 
„Perikles" verfasst hat, denn letzterer kannte des ersteren 
Schriften, wie von Green durch viele Anklänge bewiesen 
wird. Vergl. hierüber auch das unten, Studie 6 bei 
„Schwan" Gesagte. 

Ob die Schildzeichen frei erfunden, oder alten Wappen 
entlelint sind, habe ich nicht feststellen können. 



— 121 — 

H 6 A n, 4, 25 seq. Anlegung der weissen bezw. roten 
Rose seitens der Häuser York (Plantagenet) und Lancaster 
(Somerset): 

Plantagenet: Da Eure Zunge angebunden scheint und Ihr 
so schwer zum Sprechen zu bringen seid, so thut Euere Gedanken 
mit stummen Zeichen kund. Wer immer ein echt geborener Edel- 
mann ist und auf die Rechtmässigkeit seiner Geburt noch etwas 
giebt, der pflücke mit mir von diesem Zweige eine weisse Rose 
als Zeichen, ^dass er an die Gerechtigkeit meiner Sache glaubt. 

Somerset: Wer kein Feigling oder Schmeichler ist, aber 
die Partei der Wahrheit aufrecht erhalten will, der pflücke mit 
mir eine rote Rose von diesem Busch. 

Haus York nimmt drei Sonnen in seinen 

Schild auf: 
H6 CII, l,21sequ.: 

Richard (Plantagenet): Sieh' wie die Morgenröte ihre 
goldenen Thore öffnet und sich von dem Glorienschein der Sonne 
verabschiedet. Wie gut gleicht sie dem ersten Hauch der Jugend, 
wenn ein Jüngling sich schmückt, um vor seiner Geliebten vorbei- 
zutänzeln. 

Edward (Plantagenet): Täuschen mich meine Augen, oder 
sehe ich dort drei Sonnen? 

Richard: Drei herrliche Sonnen und jede ganz vollkommen; 
nicht getrennt durch den Zug der Wolken, sondern nebeneinander 
stehend an klarem, hellem Himmel. Sieh, sieh! sie vereinen sich, 
umfangen sich und scheinen sich zu küssen, als schlössen sie ein 
unverletzliches Bündnis! Jetzt sind sie eine Lampe, ein Licht, 
eine Sonne! So deutet der Himmel auf irgend ein wichtiges Er- 
eignis hin! 

Edward: Es ist gar befremdlich und wunderbar; so etwas 
hat man noch nie gehört. Ich denke, Bruder, das ruft uns auf zum 
Kampfe, dass wir, die Söhne des tapferen Plantagenet, deren jeder 
schon im eigenen Glänze strahlt, dennoch unsre Lichter zusammen- 
thun und die ganze Erde überscheinen sollen, wie diese Erschei- 
nung die Welt überstrahlt. Was immer sie auch bedeuten mag, 
von jetzt ab werde ich drei scheinende Sonnen auf meinen Schild 
legen. 

K 3 1, 1, 2: „Sun of YorV — „die Sonne Yorks" dürfte 
heraldisch aufzufassen sein und würde sich dann auf das 
vorstehend geschilderte Ereignis beziehen können. 



— 122 — 
R 2, I, 1, 175. 

King Richard: Give me his g&ge: — lions make leopards tarne. 
Norfolk: Yea, but not change his spots. 

Richard IL, 1. Aufz., 1. Auftr., 175. 

König Richard: Gieb mir sein Pfand: — Löwen machen 

Leoparden zahm. 
Norfolk: Ja! aber sie ändern nicht ihre Flecken. 



Diese Stelle wird fälschlich als heraldisch bezeichnet, 
deshalb sei sie hier erwähnt. In Wirklichkeit ist sie wol 
nur ein Bild aus dem Tierreich. Heraldisch betrachtet, 
würde sich der Spies umdrehen und Norfolk der Löwe 
sein, Richard der Leopard. 

Letzteres Tier kennt die alte Heraldik gar nicht; es 
wurde erst ungefähr im 15. Jahrhundert eingeführt. Die 
alte Heraldik nennt alle die Löwen Leoparden, welche 
nicht aufrecht zum Sprunge ansetzen {lions rampant)^ also 
insbesondere die stehenden {statant) oder schreitenden 
{passant\ die mit vollem Kopf aus dem Schild heraus- 
schauen (ffuardanf). Alle Löwen in diesen Stellungen 
nannte man Leoparden (leoparts, lubharts, luparts, lihbarts, 
lyhlardes etc.). So spricht noch heutigen Tages ein fran- 
zösisches heraldisches Buch das englische Wappen an: 
j,Oules trois leopards or"^), 

Eichard H. führte über dem englischen Wappen als 
Zimier: Auf hermelin verbrämtem Hut einen stehenden, 
voll aus schauenden silbernen Löwen mit ausgestreckter 
blauer Zunge {lion statant guardant) — nach alter Heraldik 
also einen Leoparden (auch Löwen-Leopard genannt). 

Norfolk führte als Zimier einen goldenen ebensolchen 
j^lion statant guardanf^ mit voll ausgestrecktem Schweif 
und einer silbernen Herzogskrone um den Hals. Dagegen 
aber führte er wenigstens im Schilde als Mowbray einen 
Löwen, d. h. in Rot einen silbernen aufrechten Löwen 



1) Die erste Eintragung der Wappen listen (rol) unter Hein- 
rich in. (1216—72) lautet: „Le Boy d'Ängleterre partes gutes trois 
hipartn d'or.'^ 



— 128 — 

{lion rampant argent) mit ausgestreckter blauer Zunge. 
Heraldisch gesprochen könnte also nur Norfolk „Löwe" 
genannt worden sein und zwar als Mowbray. Ihrer Zimier 
nach würden beide „Leoparden" genannt werden können, 
also englisch Jubbarts" oder „Libharts" .^) 

H 4 A IV, 1, 97. 

Prince Harry: And aU the budding honours of thy crest 

1*11 crop to make a garland for my head. 

Heinrich IV., 1. Teil, 4. Aufz., 1. Auftr., 97. 

Prinz Heinrich: Und alle Ehrenzeichen, die jetzt noch als 
Knospen in deiner Zimier spriessen, wiU ich mir zum Kranze für 
mein eigenes Haupt pflücken. 

Meas. n, 4, 17. 

Angelo: Let*s write good angel on the deviFs hörn, 
'Tis not the devil's crest. 

Mass für Mass, 2. Aufz., 4. Auftr., 17. 

Angelo: Wenn man dem Teufel auch „guter Engel" aufs 
Hörn schreibt, so wird damit doch noch keine Zimier für den 
Teufel geschaffen. 

Othello m, 4, 47. 

Othello: The hearts of old gave hands, 

But our new heraldry is — hands, not hearts. 

Othello, 3. Aufz., 4. Auftr., 47. 

Othello: In alter Zeit gaben Herzen die Hände, aber in 
unserer neuen Heraldik heissfs: Hände, nicht Herzen. 

Anspielung auf die „Ulster badge^' (in Silber eine offene 
rote Hand), das Beizeichen für die 1611 von Jakob I. ge- 
stiftete Würde der Baronets. 



1) In L. 1. 1. V, 2, 551 gebraucht Shakespeare diesen Ausdruck. 
Boy et sagt da: With libbarl's head on Knee mit einem Pardelkopf 
(d. h. voll ausschauenden Löwenkopf head of a lion guardant) am 
Knie — will sagen: an der Kniescheibe der Beinschienen. 



124 



Beispiele von Wortspielen und Witzeleien. 

H 6 B IV, 2, 53. 

Cade: Therefore am I of a honorable house. 

Dick: Ay by my faith the field is honorable, and there was 
he born imder a hedge; for his father had never a house but 
the cage. 

Heinrich VI., 2. Teil, 4. Aufz., 2. Auftr., 53 u. f. 

Kade: Desshalb stamme ich aus hochachtbarem (auch hoch- 
adeligem) Hause. 

Richard: Meiner Treu, das Feld ist hochachtbar (auch: der 
Belag des Schildes = sein Wappen zeichnet ihn besonders aus) 
und darin ward er unter einer Hecke geboren, denn sein Vater 
hatte nie etwas anderes, als einen Käfig zum Hause. 

Shrew II, 1, 222. 

Petruchio: l'll swear TU cuff you if you vStrike again. 

Katharina: So may you lose your arms 

If you strike me, you are no gentleman 
And if no gentleman, why then no arms. 

Petruchio: A herald Kate? O! put me in thy books. 

Katharina: What is your crest? a coxcomb? 

Petruchio: A combless cock, so Kate will be my hen. 

Der Widerspänstigen Zähmung 2. Aufz., 1. Auftr., 222. 

Petruchio: Wahrhaftig, wenn Ihr noch einmal schlagt, be- 
kommt Ihr einen gehörigen Puff zurück. 

Katharina: Dann würdet Ihr Euer Wappen verlieren. Wenn 
Ihr mich schlagt, seid Ihr kein Edelmann und wer kein Edel- 
mann ist, darf auch kein Wappen führen. 

Petruchio: Ein Herold, Kätchen? o! trag mich in Deine 
Bücher (d. h. die Adelsmatrikeln) ein. 

Katharina: Was führt Ihr denn im Wappen ? einen Hahnen- 
kamm? (coxcomb ebenso ausgesprochen, wie cock's comb, Hahnen- 
kamm). 

Petruchio: Einen kammlosen Hahn, so nur Kätchen meine 
Henne ist. 

Wives 1, 1, 17—29. 

Slender: they may give the dozen white luces in 

their coat. 

Shallow: It is an old coat. 



— 125 — 

Evans: The dozen white louses do become an old coat well; 
it agrees well: passant; it is a familiär beast to man and sig- 
nifies love. 

S hallo w: The hice is a fresh fish; the salt fish is an old coat. 

Slender: I may quarter, poz? 

Shallow: You may by marrying. 

Evans: It is marring, indeed, if he quarter it. 

Shallow: Not a whit. 

Evans: Yes per-lady, if he has a quarter of your coat, there 
is but three skirts for yourself in my simple conjecture. 

Die lustigen Weiber 1. Aufz., 1. Auftr., 17 — 29. 

Slender: Sie dürfen ein Dutzend weisse Hechte 

in ihrem Wappen führen. (Ein solches Wappen ist nicht bekannt; 
ein hoch- und wohlgeborener Herr (Sir) Thomas Lucy führte drei 
silberne mit den Köpfen nach oben stehende Hechte {threc luces 
hauriant arqent); luces muss so, oder sehr ähnlich ausgesprochen 
worden sein, wie lousesf, Läuse. Herrmann Kurz übersetzt fuces 
durch „Alosen", um später auf „Lausen" zu kommen. Sehr ge- 
schickt, aber die heraldische Anspielung geht damit verloren.) 

Shallow: Es ist ein altes Wappen. 

Evans (der coat für Rock und luces für louses versteht): Ein 
Dutzend weisse Länse stehen einem alten Rocke wohl an; be- 
sonders wohl, wenn sie schreiten (pasftant heraidisch: schreitend), 
es ist ein dem Menschen vertrautes Tier und bedeutet Liebe» 

Shallow: Der Hecht (litce) ist ein frischer Fisch; der ge- 
salzene Fisch ist ein alter Kabeljau, („cod^ ähnlich wie „cnat" aus- 
gesprochen. Gesalzener und getrockneter Kabeljau [poor John 
genannt] war ein sehr billiges Nahrungsmittel und wurde be- 
sonders als Mannschaftskost auf Seereisen mitgenommen.) 

Slender: Darf ich vieren, Vetter? 

Shallow: Ja, wenn Ihr heiratet. i) 

Evans: Es verdirbt ihn sicherlich, wenn er ein Viertel ab- 
schneidet. 

Shallow: Keine Spur. 

Evans: Gewiss, bei unserer lieben Frau! wenn er ein Viertel 
Eueres Rockes hat, so bleiben nach meinem schlichten Dafürhalten 
nur drei Zipfel für Euch selbst übrig. 

Hml. V, 1, 35 etc. 

Ith clown: There are no ancient gentlemen but gardenors, 
ditchers and gravemakers; they hold up to Adams profession. 
2ed clown: Was he a gentleman? 

1) Vergl. S. 71—72. 



— 126 — 

Ith clown: He was the flrst that ever bore arms. 

2«d clown: Why he had none. 

Itli clown: What? art a heathen? How doest thou nnder- 
stan4 the scripture? The scripture sayes Adam digged: could he 
dig without arms? 

Hamlet 5. Aufz., 1. Auftr., 35 u. f. 

Erster Narr: Im Altertum gab's ke^ne Edelleute als Gärtner, 
Erd- und Totengräber; sie hielten Adams Beruf hoch. 

Zweiter Narr: War er ein Edelmann? 

Erster Narr: Er war der erste, der je ein Wappen führte, 
(doppelsinnig auch: der je ein Paar Arme trug). 

Zweiter Narr: II er hatte ja keins. 

Erster Narr: Was? bist Du ein Heide? Wie legst Du denn 
die heilige Schrift aus? Die Schrift sagt: Adam grub: konnte er 
ohne Arme graben? 

L. 1. 1. V, 2. 

Costard: O! Sir you have overthrown Alisander the con- 
queror. You will be scraped out of the painted cloth for this: 
your lion that holds his poll-axe sitting on a close-stool, 
will be given to Ajax: he will be the ninth Worthy. 

Verlorene Liebesmüh' 5. Aufz., 2. Auftr. 

Costard: O Herr, Ihr habt den Eroberer Alisander über 
den Haufen geworfen. Dafür wird Euer Bild aus den gemalten 
Wand vorhängen ausgemerzt werden; Euer Löwe, eine gestielte 
Axt haltend und auf dem Nachtstuhl sitzend, wird an 
Ajax verliehen werden, der dann an Eurer Statt zu den neun 
Helden gezählt werden wird. 

H 4 A III, 1, 153. 

Hotspur: I cannot choose: sometime he angers me 

With telling me of the moldwarp and the ant 
Of the dreamer Merlin and his prophesies 
And of a dragon and a flrless fish 
A clip-wing'd griffln, and a moulton raven 
A couching lyon and a ramping cat. 

Heinrich IV., erster Teil, 3. Aufz., 1. Auftr., 153. 

Heisssporn: Ich kann nicht helfen: bisweilen ärgert er 
mich durch sein Gefasel von Maulwürfen, Ameisen, vom Träumer 
Merlin und dessen Voraussagungen, von Drachen, schuppenlosen 



— 127 — 

Fischen, gestutzten Greifen, Raben in der Mauser, von ruhn'den 
liöwen und aufrechten Katzen. ^ 

As. IV, 2, 14. 

Jaques (sings): Take thou no scorn to wear a hörn 

It was a er est ere thou wast born 
Thy fathers father wore it, 
And thy father bore it. 

Wie es Euch gefällt 4. Aufz., 2. Auftr., 14. 

Jaques (singt): 

Nimm Du keinen Anstoss daran, ein Hörn zu tragen, 
Es war schon ein Helmschmuck, ehe Du noch geboren warst, 
Deines Vaters Vater trug ihn; 
Und Dein Vater ertrug ihn. 



Verzeichnis 

einiger Einzelausdrücke, die der heraldischen Fachsprache 
angehören und von Shakespeare verwendet wurden. 

(Die schon bei Quillim erwähnten — mithin sicher 
altheraldischen — Worte sind im Druck hervorgehoben. 
Die Shakespeare-Stellen sind nur Beispiele; in Bezug auf 
öfteres Vorkommen der einzelnen Worte wird auf das 
Shakespeare -Wörterbuch von Alexander Schmidt ver- 
wiesen, dessen Abkürzungen der einzelnen Werke auch 
angenommen ist.) 

abased: erniedrigt. H 6 B I, 2, 15: abäse om- sight so low 

— erniedre unsere Augen so tief. 
accoutered: ausgerüstet. Merch. III, 4,63: accoutered like 

young men — wie junge Männer ausgerüstet. 
addition: «ehrendes Beizeichen im Wappen. Alls II, 3, 134: 

where great addition swells — wo ein grosses ehrendes 

Zeichen immer grösser wird. 
dffronted: mit vollem Gesicht. Cymb. V, 3,87: gave the 

affront mth them — stellte sich ihnen mit vollem 

Gesichte entgegen. 

^) Eine unverkennhare Ironie auf Wappenzeichen und deren 
heraldische Ansprache. 



— 128 — 

alliance: Heirat. H 6 C III, 3, 142 : thy device, by this 
alliance to maJce void my suit — Dein Plan, durch 
diese Heirat mein Qesucti nichtig za machen. 

anatomy: Skelett. Err. V, 1,238: a mefi^e anatomy — ein 
reines Skelett. 

anchor: Anker, Sinnbild der Hoffnung. H 6 C V, 4, 13: 
Wartüick was our anchor — Warwick war unsere 
Hoffnung. 

antic: alt. Son. 17,12: antic song — alter Sang. 

appointed: ausgerüstet. Wint. IV, 4, 603: royally appointed 
königlich ausgerüstet. 

urgent^ silver, or sylver: Silber. Per. V, 1,251: goddess 
argentine — silberne Göttin (von Diana). 

armour: Rüstung. H 5 III, 7,63: the armour . . . are 
those stars or suns upon it — die Rüstung ... ist sie 
mit Sternen oder Sonnen belogt? 

arms: Wappen. H6A I, 1,11: your aiifns — Euerm 
Wappen. 

arrayed: bekleidet. Meas. III, 2,26: I eat, airay myself 

— Ich esse, kleide mich (prächtig). 

aspic: Natter: Ant.V, 2, 354: this is an aspiVs trau — dies 
ist die Spur einer Otter (Schlange, die giftig ist). 

attired: bekleidet. Lucr. Argument 19: attired in mourning 
habit — in Traucrkleidern. 

azure: blau. Cymb. II, 2, 22: these Windows white and azure 

— diese weiss und bläuen Augenlider. 

hachelor: Ritter (vom niedersten Range). Rom. 1,5,114: 
marry, ba^helor — wohl auf, mein edler Herr! (bas 
Chevalier), 

badge: 1. ein Abzeichen auf Dienerkleidern oder in Plaggen. 
Lucr 1054: I give a badge of fame to slander^s livery 

— So lege ich ein Abzeichen der Berühmtheit auf 
das Kleid übler Nachrede. 

2. Ein Beizeichen im Wappen. H6BV, 1,203: 
now by my father's badge, old Nevile^s crest — Nun, 



— 129 — 

bei memes Vaters Beizeichen, bei der Zimier des 

alten NevilJ) 
baldrick: Schwertgurt. Ado 1,1,244: hang my btcgle in 

an invisible bälchicJc — hänge mein Hörn in einen 

unsichtbaren Gurt. 
banner: eine fliegende Fahne. Lucr. 272: When his gaudy 

banner is displayed — Wenn sein prunkhaftes Banfter 

entfaltet ist. 
harhed: gerüstet (von Pferden). R 2 HI, 3, 117: his barbed 

steeds — seine kriegsmässig angeschirrten Pferde. 
haron: Gemal. Testament Shakespeare's: covert ba/ron — 

unter dem Schutze eines Gemals. 
iuM€: unterer Teil, Schildfuss H 5 III, 1, 13: as does a 

galled roch o^erhang and jotty his confounded base — 

wie ein schroffer Fels seinen eingezogenen Fuss über- 
hängt und darüber hinaus emporragt. 
basüisk: Unk -Drache mit Hahnenkopf. Wint. I, 2, 388: 

malce me not sighted lihe a basUisJc — mach' mich 

nicht mit Basiliskenblicken sehen. 
bear: 1. Bär. H 6 B V, 1, 203: rampant bear — aufrechter 

(springender) Bär. 

2. Ein braver, heftiger Mann, rauh im Umgang 

mit andern. H 6 B V, 1 : my brave bears — meine 

braven Helden. 
beaver: Visier. H 4 B IV, 1, 120: their beavers down — mit 

herabgeschlagenen Visieren. 
beeile: 1. Käfer. Meas. III, 1,79: the poor beeile that we 

tread upon — der arme Käfer, auf den wir treten. 
2. eine Pflaster-Ramme. H4BI, 2, 255: fillip me 

with a three-man-beeüe — gieb mir Nasenstüber mit 

einer Drei-Männer-Ramme. 
hillet: Längschindel (von Holz). Meas. IV, 3, 58: beatout 

my brains withhülets — das Gehirn mit Holzschindeln 
ausschlagen. 



*) Betreffs des heraldisohen Fehlers in gleichsinniger Ver-s 
Wendung von „hadge^' und „crest^^ siehe Seite 115. 





— 190 — 

hlazon (to blazon to emblaze): 1. Überwurf über eine 
Rüstung. H 4 B IV, 10, 75: a herald^ s coat to emblaze 
the honour that thy master got — ein Heroldsmantel 
(oder Rock), um die Ehren, die dein Herr errungen, 
kund zu thun. 

2. Beschreibung eines Wappens in Fachausdrücken, 
Ansprache. Tw. I, 5,312: thy tongue, thy face, thy 
limbs, actions and spirit do give thee five-fold blazon 

— Deine Sprache, dein Gesicht, deine Glieder, Be- 
wegungen und Geist sprechen dich fünffach (nämlich 
als Edler) an. 

blue-bouie: Kornblume. H 4 B V, 4,22: you blue-bottle 
rogue — Ihr kornblumen-blauer (nach seinem Anzug) 
Schurke. 

holt: 1. Bolzen, Pfeil. Mids. II, 1,165: the bolt of Cupid 

— der Pfeil Amors. 

2. Thürriegel. Lr. II, 1, 165: to oppose the bolt 
against my coming in — den Thürriegel vorschieben, 
damit ich nicht hinein kommen kann. 
bonfire: Brand, Holzfeuer. H6 A I, 6,12: mäke bonfires 

— Holzbrände anzuzünden (i. e. Preudenfeuer an- 
zustecken). 

borde7', bordure: Bordierung, Rand, Grenze: H 6 C IV, 7, 81: 
the border of this horizon — die Grenzen dieses Ho- 
rizonts. 

bottom: ein Knäuel. Shr. IV, 3, 138: a bottom of brown 
thread — ein Knäuel braunen Zwirns. 

branched: geästet. Tw. H, 3, 54: branched velvet gotvn — 
geästetes Sammet-Wamms (i. e. mit Äste darstellender 
Stickerei). 

breast'plate: Brustharnisch. H 6 B III, 2, 232: what stronger 
breast'plate than a heart untainted — Welch fest'rer 
Harnisch als ein unbeflecktes Herz! 

breathing: äugend (vom Hirsch), als Hauptwort: Halt, 
Aufenthalt. Ado II, 1,377: you shahe the head at so 
long a breathing — Ihr schüttelt den Kopf über den 
langen Aufenthalt. 



— 131 — 

brinded: gefleckt. Mcb. IV, 1, 1 : the brinded cat — die 

gefleckte Katze. 
bristled: mit Borsten. Mids. II, 2,31: boar ivith bristled 

hair — Wildschwein mit Borsten. 
broffue: Holzschuhe. Cymb. IV, 2,214: my clouted h'ogues 

— meine plumpen Holzschuhe. 
to browze : äsen. Ant. I, 4^ 66 : the barh of trees thou 

browzedst — Du nährst dich von Baumrinde. 

bruised: verbeult. R 3 I, 1,6: our bruised arms — unsre 

verbeulten Waffen. 
buekler: Stechschild. H 4 A II, 4, 186: my buckler — mein 

Stechschild. 
imdget: Ledereimer. Wint. IV, 3, 20: and bear the sotvsJcin 

budget — und trage den schweinsledernen Eimer. 

caduceus: Merkurstab. Troil. H, 3, 14: and Mercury lose 
all the Serpentine crafl of the caduceus — und Merkur 
die Schlangenkraft seines Stabes verliere. 

cap-a-pe, orpie: Gerüstet von Kopf zu Fuss. Hml. 1, 2, 200: 
a/rmed at point exactly cap-a-pie — von oben bis 
unten bis auf's Kleinste genau gerüstet. 

caparison: Pferdeausrüstung. Ven. 286: rieh caparisons — 
reiche Pferdeausrüstungen. 

earbunele, escarbunele: Karfunke, Schildbeschlag (stern- 
artiger). Cymb. V, 5, 189: had it been a carbuncle 
from Phoebus' wheel — wäre es ein Edelstein aus dem 
Beschläge des Phöbusrades gewesen. 

Chamber: Cylindrischer Teil eines Geschützmörsers. H4B 
II 4, 57 : to venture upon the charged Chambers bravely 

— tapfer gegen die geladenen Mörser vorgehen 
(charged Chambers, bezahlte Zimmer, hat obscöne 
Nebenbedeutung). 

Champion: Eitter. R 2, I, 3, 6: the Champions are prepared 

— die Ritter sind bereit. 

chape: Beschlag (einer Dolchscheide). Alls IV, 3, 164: in 

the chape of his dagger — in dem Beschlag seiner 

Dolchscheide. 

9« 



— 182 — 

chaplet: Kranz. Mids. n, 1, 110: an odorous chaplet — 

ein wohlriechender Kranz (Guirlande). 
cheqtteredf checJcered: geschacht. Tit. 11, 3, 15: a chechered 

shadow — ein Schatten, der schachbrettförmig (durch 

das Laub der Bäume) spielt. 
ctnetured: Umgürtet. John IV, 3, 166: whose cloak and 

centre (M. E. cindiires) — dessen Mantel und Gurt. 
close: niedergeschlagen. Eom. m, 2,5: thy dose courtain 

— deinen niedergeschlagenen Vorhang. 

coat: Wappen. H 4 A, 1, 3: Olistering in golden coats like 
images — Glitzernd in goldnen Wappen wie die 
Heiligenbilder. 

cocJcatrice: ein fabelhaftes Ungeheuer mit Kopf, Flügeln 
und Beinen eines Hahnes und mit einem in eine 
Pfeilspitze endenden Drachenschwanz. Lucr. 580: 
And mth a cochatrice^s dtad-hiUing eye — Und mit 
dem sofort tödtenden Auge einer Cockatrice. 

cockie-'Shellf esccUop^sheii: eine Muschel, die von Pilgern 
getragen wurde, als Zeichen, dass sie ihre Andacht 
am Altar des heiligen Johannes in Compostella ver- 
richtet hatten. Hml. IV, 5, 25: his cocJcle-hat and 
staff — Sein Muschelhut und Stab. 

cognizance, cogniaance: Das Hauptzeichen der Zimier. 
H 6 A n, 4, 108: this pale and angry nose as cognisance 
of my blood'drinMng hate — diese bleiche und ärger- 
liche Nase als Zeichen meines blutdürstigen Hasses. 

collar: 1. Halsschmuck. Rom. I, 1,6: dratv your neck out 
of the collar — Ziehe deinen Hals aus dem Hals- 
schmuck (d. h. aus der Schlinge des Henkerstrickes). 
2. Teil des Pferdegeschirres, Kumt. Rom. 1,4, 62: 
the collars of the moonshine^s watery beams — Die 
Umfassung der feuchten Mondesstrahlen. 

collateral: Seite an Seite: If by direct or collateral hand 

— wenn mit direkter oder Seite an Seite-Hand (d. h. 
wenn ich selbst oder als Mithelfer). 

coloura: Fahne. H 6 A HI, 3,31: toith his colours spread 

— seine Fahne wehend. 



— 188 — 

commixt: besäet, unregelmässig hineingestreut. Oompl. 28: 
the mind and sight distractedly commixt — ihr Geist 
und ihr Auge ohne Verbindung miteinander (in's 
Weltall) hineingestreut. 

compassed: umringt. Mcb. V, 8,66: I see thee compass^d 
lüith thy Kingdom's pearl — ich sehe dich (d. h. dein 
Haupt) umringt von der Perle deines Königreichs 
(d. h. Krone). 

compounded: vermengt. Son. 71,10: when I perhaps com- 
pounded am with clay — wenn ich vielleicht mit 
Staub vermischt bin. 

conjoined: verbunden. H 4 B IV, 5, 64: this pari of his 
conjoins with my desease — diese seine Eigenschaft 
verbindet sich mit meiner Krankheit (d. h. der Kummer 
über diese seine Gepflogenheit). 

conjunct: verbunden. Lr. V, 1,12: conjunct and bosom^d 
wüh her — verbunden mit ihr und ihr am Busen 
gelegen. 

Coronet: Rangkrone. Caes. I, 2, 138: yeVt was not a crotvn 
neitheTj H tms one of these coronets — und es war nicht 
einmal eine richtige Krone, es war eine von diesen 
Rangkronen. 

couchant, couehed: ruhend. H 4 A III, 1, 153: a couching 
lion — ruhender Löwe. 

counterchanged : mit verwechselten Färbungen. Oymb. V, 
6,396: the counterchange is severally in all — Jeder 
für sich hat Farbe gewechselt. 

countess: Gattin eines Earls (oft vorkommend). 

coupled: verbunden. John III, 1,228: coupled and linJced 

together — verbunden und verkettet miteinander. 
covert baron: Siehe Baron. 

crancelin, crants: (Rauten)kranz. Hml. V, 1, 266: her virgin 
crants — der Kranz ihrer Jungfräulichkeit. 

crescent: steigender Mond. Mids.V, 1,246: he is no crescent 
— er ist kein steigender Mond (i. e. Halbmond, die 
Hörner aufwärts). 



— 134 — 

cre8t^): 1. Spitze, höchster Eand. John V, 4,34: the 
burning er est of the feeble and day-wearied st4/n — 
der brennende Rand der schwachen, des Tages 
. müden Sonne. 

2. Zimier, Helmzier, Helmschmuck (der älteste, ein 
Busch wallender Federn), Helmkleinod, Helmzeichen. 
Mds. in, 2, 214 (s. S. 118), John IV, 3, 46 (s. S. 27—30), 
Wif. V, 5, 67 (s. S. 116), H 6 B V, 1, 202 (s. S. 115), 
Tit. I, 1, 364 (s. S. 113), As. IV, 2, 15 (s. S. 127), L. 1. 1. 
IV, 3,256 (s. S. 111). 

3. Helm. Ven. 104: Ais uncontrolled er est — sein 
unbesiegter Helm. John II, 1, 317 (s. S. 116), H 4 A 
IV, 1,97 (s. S. 123), H 6 A IV, 6,10: when from the 
Dauphin^ s crest thy sword strueh fire — als dein Schwert 
am Helme des Dauphins Feuer schlug. H 6 A V, 3, 25 
(s. S. 114), Troil. IV, 5, 143 (s. S. 118), Mcb. V, 8, 11: 
Let fall thy blade on vulnerable erests — Lass deine 
Klinge auf verwundbare Helme (kann auch Köpfe 
bedeuten) fallen. 

4. Das Haupt- (d. h. das symbolische) Wappen- 
zeichen und auch das Wappen selbst. Son. 107, 14: 
when tyrants erests and tombs of brass are sperd — 
wenn Tyrannenwappen und eherne Grabdenkmäler 
vergangen sind. Shr. II, 1, 226 (s. S. 124), Lucr. 828: 
crest wounding private scar — innerliche, dem Wappen 
Wunden schlagende Narbe. 

crested: von to crest (als Zimier für ein Wappen dienen). 
Ant. V, 2,83: sein hochgestreckter Arm versah die 
Welt mit einer Zimier. (Aufgestreckte Arme bildeten 
die Zimiere vieler alter Wappen.) 

crestless: ohne Wappen. H 6 A II, 4, 85: crestless yeomen 

— Wappenlose Bauern. 

erovm: Herrscherkrone. Err. I, 1, 144: against my croum 

— gegen meine (herzogliche) Krone. 
croimet: Siehe Coronet 



i) Vergl. Seite 28. 



— 185 — 

cuisses: Schenkel- und Knieharnisch. H4A1V, 1,105: 
Ais cuisses on his theigs — Beinschienen an. 

current: 1. echt. R 3, IV, 2: current gold — echtes Gold. 
2, wahr. H 4 A II, 1 : it holds current — es gilt 
für wahr. 

damasJced = diapered : 1. bedeckt mit kleinen Vierecken oder 
Zeichnungen. 

2. abwechselnd bestreut. Son. 103, 5: roses damasJced 
red and white — Rot und weiss gefleckte Rosen. 

to dapple: mit Flecken bestreuen. Ado V, 3,37: Round 
about dapples (he drowsy east mth spots of grey — 
bedeckt den schläfrigen Osten weit und breit mit 
grauen Flecken. 

death: Skelett. Merch. 11, 7,63: a Carrion death — ein 
aasbedecktes Skelett. 

to deck: schmücken. H 6 A T, 2, 99: decVd with five flower- 
de-luces on each eide — auf jeder Seite mit fünf 
französischen Lilien geschmückt. 

degrees: (Treppen) -Stufen. Caes. II, 1, 26: scorning the 
base degrees by which he did ascend — die niedern 
Stufen verachtend, auf denen er in die Höhe ge- 
klommen war. 

dexter: rechts. Tr. IV, 5, 128 (s. S. 118). 

difference: Unterscheidungszeichen. Ado I, 1,69: Lethim 
bear it for a difference between himself and his horse 
— lass er-s tragen, damit man ihn von seinem Pferde 
unterscheiden kann. 

diminution: Verminderung (des Wappens um ein Bei- 
zeichen). Ant. III, 13,198: I see still a diminution 
in our captain^s brain — Dennoch sehe ich eine Ab- 
nahme in den Geisteskräften unsres Hauptmanns. 

disclosed: mit ausgebreiteten (Flügeln). Son. 54,8: When 
Summer^ s breath their masked buds dischses — Wenn des 
Sommers Hauch ihre maskierten Knospen enthüllt. 

displayed: ebenso. Lucr. 272: when his gaudy banner is 
displayed — wenn sein prächtiges Banner ent- 
faltet ist. 



— 136 — 

distincUon (differences) : Unterscheidungszeichen. ÄlFs II, 
3, 201 : Strange is it that our bloods .... tvould quite 
confound distinction yet stand off in differences so 
mighty — es ist merkwürdig, dass . . •. . unser Blut 
jeder Unterscheidung spottet und doch so mächtige 
Verschiedenheiten zwischen uns zeigt. 

dragon: Lindwurm. Ein sehr altes heraldisches Zeichen. 
Viele Könige und grosse Heerführer führten einen 
Lindwurm als Zimier. Dragon kommt oft bei Shake- 
speare vor. 

earl: Graf, Titel des hohen Adels nach Marquis. Mcb.V, 8: 
Henceforth he earU — fortan seid „Earls". 

emerald: Smaragd; grün. Compl. 213: the deep-green 
emerald — der tief grüne Smaragd. 

enclosed (inclose): innerhalb. Phoen. 55: enchsed in cinders 
innerhalb dieser Asche. 

ensign: Fahne, Banner. Oft gebraucht. 

environed von to environ: umgeben. H4B IV, 3,106: 
vapours which environ it — Dünste, welche es um- 
geben. 

esquire: Ursprünglich Schildknappe, jetzt Titel des iiiedern 
Adels nach „Ritter". Wiv. 1, 1,4: Robert ShaMow 
Esquire — Hochwohlgeborener Herr Shallow. 

eyra/nt: in seinem Neste. Nicht bei Shakespeare, dagegen 

eyry-aery: Horst eines Raubvogels (Adlers). John V, 2, 149: 
liJce an eagle o^er his aery towers — wie ein Adler 
über seinem Horste schwebt. 

feathered: gefiedert. Ven. 306: feathered wings — gefiederte 
Flügel. 

field: Fläche des Schildes. Lucr. 58: fair field — schöne 
Schildfläche. H 6 B IV, 2,54: the field is honoraile 
— der Schild (bedeutet aber auch gleichzeitig das 
Ackerfeld) ist ehrenhaft. 

flower de luce: die Lilie im Wappen Frankreichs. Oft. 

fracted: geborsten. H 5, H, 1, 130: Ais heart is fracted — 
sein Herz ist geborsten. 



— 137 — 

fretted: schräg gegittert. Cymb. 11, 4,88: the roof of the 
Chamber ivith golden cherubins is fretted — die Zimmer- 
decke ist mit goldenen Engeln gegittert. 

fruded: Früchte tragend. Oft gebraucht. 

fumished: Siehe caparisoned. 

gamished: verziert. H 5, 11, 2, 134: gamished and decJced 
verziert und geschmückt. 

garter: 1. Strumpfband. Mids. V, 1,366: Thisbe's garter 
— Thisbe's Strumpfband. 

2. Der Strumpf bandorden. Wiv. V, 5, 70 (s. Seite 
72 u. f. 116 u. f.). 

3. Schrägbalken in halber Breite. Nicht bei Shake- 
speare. 

gauntlet: Stahlhandschuh. H 4 B 1, 1, 146: a sealy gauntlet 
now mth joints of steel — und jetzt ein Schuppen- 
Handschuh mit Gelenken von Stahl. 

ga^e {at gaze): voll ansehend, äugend. Lucr. 1149: as the 
poor frighted deer that Stands at gaze — wie ein armes 
geängstetes Reh, das äugend da steht. 

gemely siehe gvnimal, 

gentleman: in strenger alt-heraldischer Auffassung: ein 
Mann, der ein Wappen führt 0- Lr. III, 6, 1 1 : teil 
me whether a madnum be a gentleman or a yeoman — 
sag' mir, ob ein Verrückter ein Edelmann oder ein 
Freibauer ist. 

gentry: niedrer Adel. Cymb. V, 2,8 (s. S. 160). 

gimmal (gemeT): 1. Ein Pferdegebiss von Ringen. H 5, IV, 
2,49: the gimmal bit lies foul with chewed gross — 
das Ringgebiss ist wirkungslos vor dem zerkauten 
Grase. 

2. ein absonderliches Wappenzeichen. In H 6 A, 
1, 2 wird das Wort gebraucht; aber die heraldische 
Beziehung scheint mir nicht nachweisbar. 



1) Von mir im Laufe dieser Studien mit „wohlgeborener 
Herr** übersetzt. 



— 138 — 

gives, gyves, to gyve: Fesseln, in Fesseln schlagen. H 4 A 
IV, 2, 44: as if they had gyves on — als ob sie Fesseln 
an sich trügen. Oth. II, 1: I ivill gyve thee in thine 
own courtship — Ich werde dich mit deinem eignen 
Liebeswerben fesseln. 

gorging: verschlingend. Nicht bei Shakespeare, dagegen 
gorged, aber nicht in der heraldischen Bedeutung: 
„den Hals umgebend", sondern in der Bedeutung: 
„vollgeschlungen". Lucr. 694: the gorged hawh — der 
vollgeschlungene Habicht. 

gory: blutrot. Rom.V,3,142: gory swords — blutige Schwerter. 

gout (drop): Tropfen. Mcb. II, 1,46: gouts of blood — 
Bluttropfen. 

griffin, gripe: Männlicher Greif ohne Flügel. H 4 A IH, 
1, 152: clip'wing^d griffin — an den Flügeln gestutzter 
Greif. 

gimrds, guarded: Aufschlag, mit Aufschlägen versehen. 
L. 1. 1. IV, 3, 58: rhymes are guiards on vantom Cupid^s 
hose — Reime sind Besätze am Beinkleide des leicht- 
sinnigen Knaben Amor. H 5, Prolog 16: a long 
motley coat gioarded mth yellow — ein langer bunt- 
scheckiger Rock mit gelben Aufschlägen. 

guidon: Fahne mit zwei flatternden Enden an der Turnier- 
lanze. H 5 IV, 2, 60: I stay but for my guidon — 
Ich warte nur auf meinen Lanzenträger. 

gules (gory): Rot. Tim. IV, 8,59: vnth man^s blood pavnt 
the ground gules, gules — mit Menschenblut malt den 
Erdboden an rot, rot. 

harpy: Geier mit Weiberkopf und -Brust. Per. IV, 4, 46: 
the harpy which to betray, doth with thine angeVs face 
setze mth thine eagle's talons — die Harpie die be- 
trügt, indem sie mit einem Engelsantlitz ihre Adlers- 
klauen einschlägt. 

hatchment (aus achievement entstanden): Trauerwappen 
(Wappen mit den Abzeichen der Trauer). Hml. IV, 
5,219: nor hatchment o^er his bones — kein Trauer- 
wappen über seinen Gebeinen. 



— 139 — 

head'piece or keimet: Kopfstück, Helm. H 5, III, 7,149: 
heavy head-pieces — schwere Helme, Lr. 111,2,26: 
He that hos a hovse to put his head in hos a good 
head-piece — Wer ein Haus hat, um seinen Kopf 
hinein zu stecken, hat ein gutes Kopfstück. 

herald: 1. ein Beamter zum Überbringen von Botschaften. 

2. Beamter des Wappenamtes. (Es giebt deren 
sechs: ehester-, Lancaster-, Richmond-, Somerset-, 
Windsor- und York-Herold). 

3. ein Bote. 4. ein Ausrufer. 5. ein Voraussager. 
Oft and in allen Bedeutungen von Shakespeare ge- 
braucht. 

heraidry: 1. die Kunst oder Wissenschaft. Lucr. 64: this 
heraldry — diese heraldische Kunst. 

2. Prunk in heraldischen Gebräuchen. Hml. I, 
1,87: ratified by law and heraldry — durch Gesetz 
und Heraldik begründet. 

3. das Herolds- Amt (Wappenamt). 

4. Heraldische Ansprache. Oth. III, 4,47 (siehe 
S. 123). 

Die Heraldik wird auch erklärt als: „Genaueste 
Bekanntschaft mit der Geschichte Europas, seines 
Rittertums und der Errungenschaften des letzteren". 

hooded: mit einer Kappe (über den Augen vom Falken). 
Merch. II, 2,202: hood mine eyes thus mth my hat 
— Lege meinen Hut so als Falkenkappe über meine 
Augen. 

Hydra: siebenköpfiger Drache. H 4 A V, 4: they grow like 
Hydrats heads — sie wachsen wie die Köpfe der 
Hydra. 

imhrued (embrued) von to imbrue: mit Blut beflecken. 
Mids. V, 1, 351 : Come, blade, my breast imbrice: komm', 
Klinge, beflecke meine Brust mit Blut. 

imprese (impress): ein Wappenbild mit Motto. R 2 III, 1, 25: 
razed out my imprese — tilgte mein Wappen aus. 

indented: gezahnt. As. IV, 3,87: mth indented glides — 
in gezahnten Windungen. 



— 140 — 

iaHand: Insel. 

justs: Turniere. R 2 V, 2, 52: hold thosejusts and triumphs? 
Immer noch Turniere und Triumphzüge? 

king: König. Oft; Mng at arms — Wappenkönig, fehlt. 

Jcnight: Ritter. Titel vom Range eines Baronet. Gent. I, 
2, 10: a hnight well spoJcen — Ritter von gutem Ruf. 

hnighthood: Rittertum. H6A IV, 1,29: the Ornament of 
hnighthood — Schmuck des Rittertums (i. e. ein Orden). 

leash: 1. ein Hundeleitriemen. Wint. IV, 3, 477: not follo- 
mng my leash unwillingly — nicht unwillig folgend 
meinem Leitriemen. 

2. Je drei. H 4 A II, 4, 7 : I am sworn brother to 
a leash of drawers Tom, Dich and Francis — ich bin 
Dutzbruder von drei Kellnern, Thomas, Richard und 
Franz. 

leopard: 1. Leopard. H6 A I, 5, 31: or oxen from the 
leopard — oder Ochsen von einem Leoparden. 

2. auch libbart, lupart, Ivbbart, libbarde etc, etc. — 
der Löwe im Wappen, wenn er nicht in aufrechter 
Stellung (rampant) und im Profil, sondern voll aus- 
schauend (full-faced, guardant) dargestellt ist. L. 1. 1. 
V, 2, 551 : tvith libbards head on Jcnee — mit einem 
Löwenkopf auf der Kniescheibe (der Beinschienen). 

Hon: Löwe. H 6 V, 2, 13: the ramping Zton slept — der 
keine Hindernisse kennende Löwe schlief (ramping^ 
vgl. rampant). 

lists: Schranken (für ein Turnier). Mcb. III, 1, 71: come 
fate into the lists — Komm' Schicksal in die 
Schranken. 

lodged: am Grunde liegend. Mcb. IV, 1,55: Thoughbladed 
corn be lodged — ob auch des Kornes Halme nieder- 
gelegt sind. 

luce: alter Hecht. Wiv. I, 1,16: the dozen white luces — 
so ein Dutzend weisser Hechte. 

Iure: ausgestopfter Vogel als Lockmittel für Falken, zum 
Abrichten derselben. Ven. 1017: as falcons to the 
Iure — wie Falken nach dem Lockvogel. 



— 141 — 

mace: Herrscherstab (der hohen Magistratspersonen und 
Königen vorangetragen wurde). H 5, IV, 1,278: the 
stvord, the mace, the crown imperial — das Schwert, 
der Herrscherstab, die Herrscherkrone. 

mail: Ketten- oder Schuppenrüstung. Tr. IH, 3, 152: msty 
mail — rost'ge Rüstung. 

mailed: voll gerüstet. H 4 A IV, 1, 116: the mailed Mars 
Mars in seiner Rüstung. 

main: Hand. H4 A IV, 1,47: to set so rieh a main on 
the nice hazard of one dovbtful hour — eine so reiche 
Hand auf den zweifelhaften Zufall einer Stunde zu 
setzen. 

Marqitess, Marquis, Marchioness: Titel des hohen Adels, mit 
Rang hinter den Herzögen. H 8 II, 3, 63 und III, 2, 90: 
Marchioness of PembroJce — Marquise von Pembroke. 

Marshai: Earl-Marshal — Graf-Marschall, Grossmarschall, 
höchste heraldische Würde, jetzt Erbwürde der Her- 
zöge von Norfolk. H 8 IV, 1, 19: the duke of Norfolk 
he to be Earl-Marshal — der Herzog von Norfolk, der 
gleichzeitig zum Graf-Marschall ernannt wird. 

marflet: 1. Schwalbe. Mob. I, 6, 4: the temple haimting 
martlet — die Tempel bewohnende Mauerschwalbe. 
2. ein Phantasievogel mit Federknoten, statt 
Ständern, gestümmelte Amsel. Nicht bei Shakespeare; 
doch seine Mutter, als geborene Arden, führte eine 
solche im Wappen (s. S. 66 und 67). 

mew: ein Käfig für Falken, to mew — einsperren. R 3: 
closely mewed up — fest eingesperrt. 

Michael St: Orden. H6 A IV, 7,69: of the noble order 
of St Oeorge, worthy St. Michael — des edlen Ordens 
vom heiligen Georg und vom würdevollen heiligen 
Michael. 

moldwarp : Maulwurf. H 4 A IH, 1 : telling me of the 
moldwarp — indem er vom Maulwurf u. s. w. sprach. 

montant: steigend (mit den Enden nach oben). Tim. 
IV, 3, iB6: yoiMT aprons mountant — mit aufgehaltenen 
. Schürzen. . 



— 142 — 

Motto: Wahlspruch (oft mit Anspielung auf den Namen). 

mounted: 1. aufgesessen. Ven. 596: Her champion mounted 

for the hot encounter: Ihr Ritter aufgesessen für den 

heissen Streit. 

2. auf Stufen sich erhebend. H 6 B I, 4, 40: where 

Castles moimted stand — Wo hoch auf Stufen Burgen 

sich erheben. 
nobility: hoher Adel. H 6 A, I, 1,78: Awdke English 

nobüity — Wach' auf, o Adel Englands! 

officer at arms: Beamter des Wappenamts. R 2, 1, 1, 204: 
command owr ofßcers at arms he ready — Sagt meinen 
Wappenamts-Offizieren, sich fertig zu halten. 

or: Gold. Kommt in Shakespeare's Werken nicht vor. Es 
ist die Hauptfarbe seines Wappenschildes. 

or6 ;. Erdkugel. Tw. 11, 1,43: foolery does walk dbout the 
orb like the su/n — Narrheit wandert auf der Erd- 
kugel umher wie die Sonne. 

Order: Orden. H 6 A IV, 1, 41: profanmg this most honour- 
able Order — diesen hoch ehrenwerten Orden be- 
schimpfend. 

ore: Bronze, Erz, Messing. Alls III, 6,40: to what metod 
this counterfeit lump of ore will be mended — zu 
welchem Metall dieser nachgemachte Erzklumpen wol 
noch geschmiedet werden wird. 

08f/rich: Strauss (wird mit einem Nagel im Schnabel dar- 
gestellt). H 6 B IV, 10, 31 : mdke thee eat iron like 
an ostrich — werde dich Eisen fressen machen, wie 
einen Strauss. 

Otter: Otter (galt für eine Amphibie). H 4 A HI, 3, 142: 
Why an otter? Why sh^s neither fish nor fiesh — 
Warum eine Otter? Na, weil sie weder Fisch noch 
Fleisch ist. 

oimce: Unke, Tigerkatze. Mids. II, 2,30: be it ou/nee or 
cat — sei es Tigerkatze, oder Katze. 

paaaant: schreitend. Wiv. I, 1,20: It agrees well, passant 
— es stimmt gut, (wenn sie) schreitend (sind). 



— 143 — 

pedigree: Stammtafel. H 5 11, 4,90: overlodk this pedigree 

— diese Stammtafel durchsehen. 

pegtMus: ein geflügeltes Pferd. H 5 III, 7,15: le cheval 
Volant the pegasus — das fliegende Pferd, der Pegasus. 

pelican {in her piety): Pelikan (dargestellt, in dem er sich 
die Brust aufbeisst, um seine Jungen zu füttern). 
Hml. IV, 5,146: lihe the hind life r endering pelican 

— wie der gütige, sein Leben aufopfernde Pelikan. 
pellet: kleine schwarze Kugel. Compl. 25: the brine that 

seasoned woe had pelleted in tears — das salzige Nass, 
das dauerndes Weh zu Thränenkügelchen geformt 
hatte. 

pendant: herabhängend. Mcb. I, 6,8: this bird hos made 
hiß pendent bed -r- dieser Vogel hat sein herab- 
hängendes Bett (Nest) gemacht. 

pismire: Ameise. H 4 A I, 3, 240: stung tvith pismires — 
von Ameisen zerstochen. 

portcullised : mit einem Gitter verschlossen. R 2 I, 3,167: 
doubly portcullised — doppelt vergittert. 

preying: verschlingend. R 3, IV, 4,57: This camal cur 
preys on the isstte of his mother^s body — Dieser 
fleischliche Hund frisst von dem Erzeugnis des Leibes 
seiner Mutter. 

prince, princess: Prinz, Prinzess. Titel; oft gebraucht. 

pn/rsuivant : Unter-Herold. Niederste Rang der Wappen- 
offiziere. R 3 V, 3, 59 : send out a pursuivant at arms 

— schicke einen Unter-Herold. 
quarter: der vierte Teil des Wappenschildes. 
to. quarter: 1. in vier Teile teilen. 

2. ein Wappen mit einem andern verschränken. 

Wiv. I, 1, 24 u. f. (s. S. 71). 
rcigged (raguly, raguleä): geästet, geknorrt H 6 B V, 

1, 203: the ragged staff — der knorrige Pfahl. 
rampant: aufrecht, zum Sprunge ansetzend von Raubtieren: 

H 6 B V, 1,203: rampant bear — aufrechter Bär. 
rasedf rasee, razed: (mit rauhem Ende) abgebrochen oder 

ausgerissen. Hml. III, 2,288: on my razed shoes — 



— 144 — 

auf meinen ausgerissenen Schuhen (d. h. so ausge- 
schnitten, dass der Huf des Teufeisfusses in dem 
Schuh Platz hat). 

reoT (rere) mause: Fledermaus mit ledernen Flügeln. 
Mids. n, 2, 4: «mr imth rere mice for their leathem 
wings — kämpfe mit Fledermäusen um ihre ledernen 
Flügel. 

rosset: grau, gräulich. Hml. I, 1,166: russet manfle — 
gräulich gefärbter Mantel. 

sable: schwarz. Hml. II, 2,274: whose sohle arms block 
OS his purpose — dessen schwarze Waffen, schwarz 
wie sein Vorhaben. 

sogittorius [ry]: Centaur, Bogenschütze. Tr. V, 5,14: the 
dreodful Sagittory — der schreckliche Bogenschütze. 

sollet or solade: Helm (Kopfstück). H 6B IV, 10,12: hut 
for o sollet my hroin-pon hod been deft — hätte ich 
keinen Helm gehabt, wäre mein Gehirnkasten ge- 
spalten worden. 

songume: blutrot. Cymb.V, 5, 364: a mole a sangtdne stör 
— ein Muttermal, ein blutroter Stern. 

san8: ohne. L. 1. 1. V, 2, 416: sons croch or flow — sans sons 
ohne Ausflucht, oder Bedingung — ohne jedes Ohne. 

scimitar: Säbel (convex gekrümmt). Tit. IV, 2, 91: he dies 
upon my scimitor^s sharp point — er stirbt von meines 
Scimitar's scharfer Klinge. 

scutcheon: Wappenschild. H 4 A, V, 1, 143: Honour is a 
mere scutcheon — Ehre ist weiter nichts als ein 
Wappen(schild). 

shield = scutcheon or eseutcheon: siehe scutcheon. Per. H, 
2, 19: the device he beors upon his shield — das 
Wappen, das er auf seinem Schilde führt 

ainiater: links. Alls II, 1, 14: sinister check — linke Backe. 

sir: Titel des niederen Adels. Tw. HI, 4,81: some sir of 
note — ein Edelmann von Ansehen. 

skein: kurzer Dolch; shains-mote: Spiessgeselle. Born. H, 
4, 162: none of his akains-motes — keiner von aeiaen 
Spiessgesellen. 



— 146 — 

sling: Schleuder. Hml. III, 1,58: the slings and arrows 
of outrageous fortune — die Schleudern und Pfeile 
eines widerwärtigen Lebensschicksals. 

slip: Zweig. Tit. V, 1,9: Brave süp, sprang from the great 
Antonius — Braver Sprössling, dem grossen Antonius 
entstammt! 

soanr: hoch fliegen. Oymb. V, 5,471: The Roman eagle 
from south to west soaring aloft — Der römische Adler 
hoch in den Lüften von Süden gen Westen schwebend. 

stained: matt. Stumpf (von Farben, die keinen rechten 
Gehalt, keinen Glanz haben, wie z. B. tawny = matt- 
braun). Lucr. 1316: ere she with llood hath stained 
her stained excuse — ehe sie ihre matte Entschuldigung 
mit Blut überfleckt hatte. 

Standard: Fahne mit Wappen. R 3 V, 3, 22: you shäll bear 
my Standard — Ihr sollt meine Fahne tragen. 

Steve; Pilgerstab. H4B,V,1,71: I shoidd mähe four dozen 
of such bearded hermits staves — aus mir kann man 
vier Dutzend solche bebärtete Einsiedler-Stäbe machen. 

üreamer: Wimpel. H 5 III, Prol.: fieet mth silken streamers 
— Flotte mit seidenen Wimpeln. 

8un: Sonne. H6C 11, 1,39: three fair shining suns — 
drei klar scheinende Sonnen. 

super: über. Shr. n, 1, 189: super-dainty Kate! — o über- 
feines Kätchen! 

aupporter: Schildhalter, Träger. Meas. V, 1, 18: good 
supporters — gute Unterstützer. 

8ur: über (von einem Zeichen, welches über den ganzen 
Schild geht). Cymb. I, 1, 33: So gain'd the sur- 
addition Leonatus — So gewann Leonatus diese (alle 
übrigen Ehrungen) überragende Auszeichnung. 

sustaining: haltend, unterstützend. Lr. IV, 4, 6: weedsthat 
grow vn the sustaining com — Unkraut, welches in 
dem es aufrecht haltenden Korne wächst. 

sweep: Steinschleuder. Tim. I, 2,127: what a sweep of 
vanity comes this way — welch' Übermass von Eitel- 
keit wird hieher geschleudert. 

10 



— 146 — 

targe (target): ein gebauchter Schild. L. 1. 1. V, 2, 566: 
ivith target and shield — mit gross und kleinem 
Schilde. 

thong: Lederstrippe. Yen. 401: throwing the base thong 
from his bendi/ng breast — die entwürdigende Strippe 
(i. e. den Zaum) von seiner gewOlbten Brust werfend. 

tüt(ing): Lanzen brechen bei Turnieren. H6BI, 3, 54: 
ihou rangst a tut m honour of my love — du brachst 
zu Ehren meiner Liebe eine Lanze. 

Hme: Zeit (dargestellt als ein geflügelter kahlköpfiger Mann 
mit einer Sichel in der Hand). Err. II» 2, 107 : piain 
bald pate of father Time himself — der hässliche 
kahle Schädel des Zeitenvaters selbst. Die Sichel 
der Zeit wird in den Sonetten öfters erwähnt. 

tindure: Farbe (in Wappen). Caes. EL, 2, 89: press for 
Tinctures, stams relies and cognisance — Farben, be- 
sondere Farbenschattierungen , Erinnerungszeichen 
und Zimier. 

to tip: (die Enden eines Zeichens) mit besonderer Farbe 
belegen. Rom. 11, 2, 108: that tips tvith süver aU these 
fndt'tree-tops — der die Spitzen der Fruchtbäume 
silbern anhaucht. 

to transpose: verdrehen (umkehren). Mids.1, 1,233: tkings 
base and vüe .... hve can transpose to form and 
dignity — niedere und schlechte Dinge .... kann 
Liebe in gute Form und Würde umkehren. 

trenchant: schneidend. Tim. IV, 3, 115: the trenehant stoord 
das scharfe Schwert. 

to trick (trieUng): in schwarz schraffieren (mit Strichen). 
Hml. II, 2,479: now is he total gutes horribly trick' d 
urith blood — jßtzt ist er ganz und gar rot, fürchter- 
lich mit Blut schraffiert. 

trippant (ing): schreitend (von Tieren, den rechten Vorder- 
fuss hebend). Son. 154,4: many nymphs came tripp- 
ing by — viele Nymphen schritten ihres Wegs daher. 

tuek: langes, schmales Schwert. Tw. 111,4,244: dismount 
thy tuck — Zieh' dein Schwert. 



— 147 — 

unieom : Einhorn. Tim. IV, 3, 339 : wert thou th'e unicom 

— wär'st du das Einhorn. 
upright; aufgerichtet. Ven. 285: He rears upright: Hoch 

aufrecht stieg er (i. e. der Hengst). 
vamhrctee: Armschiene. Tr. I, 3,297: and in my vant- 

brace put this mther^d braivn — und steckte meinen 

abgemagerten Arm in meine Armschiene. 
vane: kleine Fahne. Ado lH, 11,66: a vane blown mth 

all ivinds — eine von allen Winden gepeitschte Fahne. 
Venus: 1. der Planet. Mids. HI, 2,61: yofider Vemis in 

her glimmerisy sphere — jene Venus in ihrer glänzen- 
den Sphäre. 

2. smaragdgrün. Nicht bei Shakespeare. 
vert: grün. Wif. I, 4,47: un boitier vert^) — ein grünes 

Kästchen. 
vigiiant: auf der Lauer (vom Katzengeschlecht, das sich 

niederduckt, ehe es sich auf seine Beute stürzt). 

H 4 A IV, 2, 64: I am as vigiiant as a cat to steal 

Cream — ich bin so auf der Lauer, wie eine Katze, 

die Sahne stehlen will. 
visard or vizard: Maske. Wif. IV, 4, 70: TU go by them 

vizards — ich will an diesen Masken vorüber gehen. 
viscount: Vicegraf; Titel des höheren Adels hinter dem 

Grafen (Earl). Die Würde wurde 1440 zuerst einem 

John Lord Beaumont verliehen. H 8 1, 4,93: the 

viscount Rochford — der Vicegraf Rochford. 
visor (zor): Maske. H 6 C I, 4, 116: thy face is visor-like 

unchanging — dein Gesicht verändert sich ebenso 

wenig wie eine Maske. 
vohnt: 1. fliegend. H 5 III, 7, 14: le cheval volant the 

Pegasys — das fliegende Pferd, der Pegasus. 

2. eine Platte, die vor dem Helm befestigt wurde. 

Nicht bei Shakespeare. 
wurden: eine Art Birne. Wint. IV, 3,48: warden pies — 

Birnenmus. 

1) Das französische Wort „vert^^ ist ohne Veränderung in die 
englisch-heraldische Sprache aufgenommen. 

10* 



— 148 — 

ijüittal (head) mttol: ein Männerkopf mit abgeschnittenen 
Hörnern unter den Schultern. Wif. II, 2,313: Wittol- 
cuckold — Zwei Ausdrücke für Hahnrei. 

türeath (ed): 1. Wulst (auf den Helm im Wappen gelegt, 
um die Zimier zu tragen). Per. II, 2,29: a tvreath 
of chivalry — die Wulst eines Adligen. 

2. geringelter Schwanz des Ebers. Nicht bei 
Shakespeare. 

yeoman: kleiner Gutsbesitzer ohne Wappen, von niederem 
Range, als der eines gentleman — wohlgeborenen 
Herrn. Lr. III, 6,11: a gentleman or a yeoman — 
ein Edelmann oder ein Bauer. 

zodiac: Kreis am Himmelsgewölbe. Tit. II, 1,7: Galopps 
the zodiac in Ms glistering coach — galoppiert längs 
der Sonnenbahn in seinem glänzenden Wagen. 



Genealogische Aufzählungen. 

Shakespeare bringt zweimal (in H 6 A und H 6 B) 
gradezu als genealogische Tafeln zu bezeichnende Ge- 
spräche, um die Thronansprüche der Häuser York und 
Lancaster zu erläutern. In H 6 A lässt er die beiden 
Thronanwärter des Hauses York mit einander sprechen, 
welche durch Heinrich IV. bei Seite geschoben waren. 
Es waren dies: 1. Edmund Mortimer, Earl March als 
Enkelsohn der einzigen Tochter des dritten Sohnes Königs 
Eduard III. Er war bei Antritt der Regierung Hein- 
richs VI. (1422) kein im Gefängnis gebrochener Greis, 
sondern ein kräftiger Mann von 26 bis 28 Jahren, der 
trotz seiner besseren Rechte auf den Thron Heinrich V. 
treu gedient und sich als dessen Freund bewährt hatte. 
Es ist ebenfalls nicht bestätigt, dass er je seine Ansprüche 
erhoben hätte. Sein Vetter Richard, Earl Cambridge 
(Sohn des fünften Sohnes Eduards HL), der gleichzeitig 
als Mann der Schwester dieses Mortimer dessen Schwager 



— 149 — 

war, hatte einen Aufstand versucht und war dafür ent- 
hauptet worden. 2. Richards Sohn, der nach Mortimers Tode 
die besten Thronansprüche hatte (durch seine vom dritten 
Sohne Eduards III. abstammende Mutter), ist der Richard 
Plantagenet in H 6 A und der York in H 6 B, dessen 
Sohn 1461 als Eduard IV. den Thron bestieg. 

In Bezug auf die Mortimers scheint Shakespeare durch 
die gleichen Vornamen „Edmund" irre geführt worden zu 
sein. Er verwechselt den jungen Edmund Mortimer mit 
dessen Vatersbruder Edmund Mortimer sowol in H 6 A, 
als auch in H 4 A. Letzterer war es, der von Owen 
Glendower in Gefangenschaft gehalten wurde. Er war 
ein Anhänger des Hauses Lancaster und hat nicht im 
Tower gesessen. 

Heinrich VI., 1. Teil, 2. Aufzug, 5. Auftritt, 50 u. f.: 

Plantagenet: Deshalb, guter Oheim, um meines 

Vaters willen, zu Ehren eines wahren Plantagenets und weil wir 
Verwandte sind, setze mir auseinander, wie es dazu kam, dass 
mein Vater, der Bari von Cambridge, geköpft wurde. 

Mortimer: Dieselbe Angelegenheit, mein werter Neffe, die 
mich in's Gefängnis brachte und mich meine blühende Jugend- 
zeit in schrecklichem Kerker verschmachten liess, war auch die 
verruchte Ursache seines Todes. 

Plantagenet: Erkläre mir deutlicher, was das für eine An- 
gelegenheit gewesen ist; ich kenne sie nicht und kann sie nicht 
erraten. 

Mortimer: Ich wiU es thun, falls mein fliehender Atem es 
noch erlaubt und ich nicht schon sterbe, ehe ich damit zu Ende 
komme. Heinrich IV., Grossvater des jetzigen Königs, setzte seinen 
Vetter Richard ab, den Sohn Eduards*), den erstgeborenen und 
gesetzmässigen Erben König Eduards III. Während seiner Re- 
gierung versuchten die Percis des Nordens mich. auf den Thron 
zu setzen, weil sie jene Gewaltthat als groben Verstoss gegen das 
Recht empfanden. Ein besonderer Beweggrund für dies kriege- 
rische Geschlecht war es noch, dass ich, als König Richard ohne 
Hinterlassung von Leibeserben verstorben war, nach Geburt und 
Erbrecht die nächste Anwartschaft auf den Thron hatte, denn 



1) Des schwarzen Prinzen, der vor seinem Vater Eduard III., 
dessen erster, ältester Sohn er war, starb. 



— 150 — 

durch meine Mutter stamme ich ab von Lionel Herzog von Cla- 
rence, dem dritten Sohne König Eduards III., während er seine 
Herkunft ableitet von Johann von Gaunt, dem vierten in der 
Reihe dieses Geschlechtes von Heroen. Aber merk' auf: In dem 
stolzen, grossen Versuch, den rechtmässigen Erben in seine Rechte 
einzusetzen, verloren sie ihr Leben und ich meine Freiheit. Viel 
später, zur Zeit der Regierung Heinrichs V., der seinem Vater 
Bolingbroke gefolgt war, warb dein Vater eine Armee an. Er war 
Nachkomme des berühmten Edmund Langley, Herzogs ven York, 
hatte meine Schwester geheiratet, die dann deine Mutter wurde 
und hoffte, die Krone wieder zu gewinnen und mir aufzusetzen. 
Wie die übrigen, so fiel auch der edle Earl bei dem Versuch; er 
wurde enthauptet. So wurden die Mortimers, die das Thronrecht 
hatten, unterdrückt. 

Plantagenet: Von denen, mein Lord, Euer Ehren der 
letzte ist. 

Mortimer: Wahr; und du siehst, dass ich keine Leibeserben 
habe und mein Tod nahe ist, weil das Mattwerden meiner Stimme 
es verbürgt. Du bist mein Erbe: ich wünsche, dass du ein- 
heimsen mögest, was daraus folgt; sei aber verschlagen und 
scheue keine Mühe. 

• 

Nach einigen weiteren Ermahnungen, dem mächtigen 
Hause Lancaster gegenüber vorsichtig su sein, stirbt 
Mortimer. Richard Plantagenet ist nun der rechtmässige 
Anwärter auf den Thron. Er wurde durch Heinrich VI. 
wieder Herzog von York, ein Titel, den sein Vater bei 
seiner Hinrichtung mit eingebüsst hatte. Er heiratete 
dann eine Erbin der Nevils und wiederholt die Erzählung 
seines Onkels den mit ihm verschwägerten Earls Salisbury 
und Warwick in: 

Heinrich VI., 2. Teil, 2. Aufzug, 2. Auftritt. 

London. Garten des Herzogs von York. 
Es treten ein: York, Salisbury und Warwick. 

York: Meine guten Lords Salisbury und Warwick! Nach- 
dem wir jetzt unser Abendessen beendet, erlaubt mir, in diesem 
vor Lau scher obren sicheren Gartenwege mich zu vergewissern, 
wie Ihr meine Ansprüche auf Englands Thron beurteilt: Eure 
Meinungen halte ich für untrüglich. 

Salisbury: Mein Lord, ich bin begierig, AUes ganz genau 
zu hören. 



— 151 — 

"Warwick: Beginne, guter York, und wenn Dein Anspruch 
gut ist, so kannst Du über die Nevils als gehorsame Untertanen 
verfügen. 

York: Also so: Eduard III. hatte sieben Söhne: der erste 
war Eduard der schwarze Prinz, Prinz von Wales; der zweite 
William vonHatfield; und der dritte Lionel Herzog von Clarence; 
dann folgte Johann von Gaunt Herzog von Lancaster; der 
fünfte war Edmund Langley Herzog von York; der sechste war 
Thomas Woodstock Herzog von Gloster; William von Windsor 
war der siebente und letzte. Eduard der schwarze Prinz starb 
vor seinem Vater und hinterliess einen einzigen Sohn Richard, 
der nach Eduards III Tode regierte, bis Heinrich Bolingbroke, 
ältester Sohn und Erbe Johanns von Gaunt, unter dem Namen 
Heinrich IV gekrönt wurde, das Reich an sich riss, den recht- 
mässigen König absetzte, seine arme Königin nach Frankreich, 
woher sie gekommen war, zurückschickte und ihn selbst nach 
Pomfret, wo, wie Ihr alle wisst, der harmlose Richard verräterischer 
Weise gemordet wurde. 

Warwick: Vater, der Herzog hat die Wahrheit gesprochen; 
so kam das Haus Lancaster auf den Thron. 

York: Den es jetzt mit Gewalt, aber nicht mit Recht inne 
hal, denn nachdem Richard, der Erbe des ersten Sohnes, gestorben 
war, hätten die Nachkommen des nächsten Sohnes an die Re- 
gierung kommen müssen. 

Salisbury: Aber William von Hatfleld starb ohne Erben. 

York: Der dritte Sohn, Herzog von Clarence, von dessen 
Linie ich meine Ansprüche ableite, hatte Nachkommen — eine 
Tochter Philippa, die Edmund Mortimer, Earl von March, heiratete. 
Edmund hatte Nachkommen, Roger Earl von March, Roger hatte 
Nachkommen — Edmund — Anna und Eleanor. 

Salisbury: Dieser Edmund machte, wie ich gelesen habe, 
unter Bolingbroke*s Regierung seinen Anspruch auf die Krone 
geltend und wäre König geworden, wenn nicht Owen Glendower 
es verhindert hätte. Er nahm ihn und hielt ihn bis zu seinem 
Tode gefangen. Doch weiter. 

York: Seine älteste Schwester Anna, meine Mutter, welche 
die gesetzmässige Erbin des Thrones war, heiratete Richard Earl 
von Cambridge, einen Sohn Edmund Langley's, fünften Sohnes 
Eduard's III. Von ihr leite ich meine Ansprüche auf das König- 
reich her. Sie war die Erbin des Roger, Earl von March; der 
war Sohn von Edmund Mortimer, der Philippa geheiratet hatte, 
die einzige Tochter des Lionel Herzog von Clarence: falls die 
Nachkommen des älteren Sohnes vor denen des jüngeren An- 
sprüche auf die Thronfolge haben, so bin ich König, u. s. w. 



— 152 — 

Die Verwechselung der beiden Edmund Mortimer wird 
auch hier fortgesetzt; nur kommt noch eine neue Un- 
genauigkeit hinzu. In H 6 A ist Mortimer im Tower und 
stirbt daselbst — hier wird er von Owen Glendower bis 
zum Tode gefangen gehalten. 

Ein scharfes Turnier. 

Der geschichtliche Vorgang, den Shakespeare in nach- 
folgender Schilderung beschreibt, fand statt im Jahre 1398 
in der Ebene von Coventry. König Eichard II. (1377—99) 
unterbrach und beendete durch Verbannung beider Be- 
teiligten einen Zweikampf, der nach allen Regeln des 
damaligen Ehrencodex stattfinden sollte. Herausforderer 
(appellant) war Henry Bolingbroke, Earl von Derby, Herzog 
von Lancaster und Hereford, Sohn des Johann von Gaunt 
(vierten Sohnes König Eduard's III., 1327—77) und der 
Blanka von Lancaster, die in vierter Generation direkt 
abstammte von König Heinrich UI. (1216—1272) bezw. in 
dritter Generation von dessen jüngerem Sohne Edmund 
dem Buckligen. Bolingbroke kam zu Unrecht auf den 
Thron und regierte als Heinrich IV. von 1399—1413. 
Herausgeforderter (defendant) war Thomas Mowbray, seit 
1383 Earl von Nottingham, seit 1397 Herzog von Norfolk. 
Er stammte in vierter Generation von König Eduard I. 
(1272 — 1307) bezw. in dritter Generation von dessen 
jüngerem Sohne Thomas Brotherton (Mowbray's Mutter 
war eine Tochterstochter dieses Prinzen). Wie sein Ahn 
war Thomas Mowbray auch Herzog von Norfolk und Earl- 
Marshal (von 1386 ab). 

Da er bei dem Zweikampf selbst in die Schranken 
treten sollte, so war für diese Gelegenheit der Herzog 
von Surrey mit Wahrnehmung der Geschäfte seines hohen 
Amtes betraut worden. 

König Richard II., 1. Aufzug, 3. Aui^tritt. 

Offene Ebene bei Coventry. Schrankein gezogen; ein 
Thron aufgestellt; Herolde u. s. w. in Erwartung. 



— 153 — 
Es treten ein Lord-MarschalP) und Aumerle. 

Marschall: Mein Lord Aumerle! ist Heinrich Hereford ge- 
rüstet? . 

Aumerle: Ja, er ist vollkommen fertig und begehrt, ein- 
zutreten. 

Marschall: Der Herzog von Norfolk ist kühn und guten 
Mutes und wartet nur auf das Trompetenzeichen des Heraus- 
forderers. 

Aumerle: So warten die bereiten Kämpen nur noch anf 
das Kommen Seiner Majestät. 

Trompetenstoss. Es treten ein König Richard, der 
sich auf den Thron setzt, Gaunt, Bushy, Bazot, Green 
und andere, die ihre Plätze einnehmen. Eine Trompete 
ertönt ausserhalb der Schranken und wird von innen 
durch einen Trompetenstoss beantwortet. Dann tritt Ndr- 
folk in voller Rüstung ein unter Vorantritt eines Herolds. 

König Richard: Marschall, fragt jenen Ritter, aus weichem 
Grunde er hier in Waffen erscheint. Fragt ihn nach seinem 
Namen und lasst ihn ordnungsgemäss die Gerechtigkeit seiner 
Sache beschwören. 

Marschall: In Gottes und des Königs Namen sagt, wer Ihr 
seid und warum Ihr so in Ritterrüstung hieher kommt, gegen 
wen Ihr kommt und was Ursache Eures Streites ist: Bei Euerm 
Rittertume und Eide, sprecht die Wahrheit — dann mag Euch 
der Himmel und Eure Tapferkeit verteidigen. 

Norfolk: Mein Name ist Thomas Mowbray, Herzog von 
Norfolk, und ich komme hieher, weil ich mich eidlich verpflichtet 
habe — Gott behüte jeden Ritter vor Verletzung seines Eides — 
meine Treue und Anhänglichkeit an (iott, den König und seine 
Nachfolger gegen den Herzog von Hereford, der mich heraus- 
fordert, zu verteidigen und, indem ich dies thue, zu beweisen, 
dass er ein Verräter ist an meinem Gotte, an meinem Könige und 
an mir selbst. Da ich für eine gerechte Sache fechten will, so 
verteidige mich der Himmel! 



*) Thomas Mowbray, Earl von Nottingham, hatte ein I*atent 
"vom 12. Januar 1386 als Earl -Marshai. VieUeicht deutet der 
Dichter durch Veränderung des Titels in Lord- Marshai an, dass 
hier nur eine Stellvertretung stattfand? 



— 164 — 

Trompetengeschmetter. Es tritt ein: Bolingbroke in 
voller Rüstung,*) unter Vorantritt eines Herolds. 

König Richard: Marschall, fragt jenen gerüsteten Ritter, 
wer er ist und warum er in Kriegsrüstung hieher kommt, und 
vernehmt ihn nach unserm Gesetze ordnunjjsgemäss, ob seine 
Sache eine gerechte sei. 

Marschall: Wie ist Euer Name und wesshalb tretet Ihr in 
diesen königlichen Schranken vor König Richard? Gegen wen 
tretet Ihr auf? und was ist die Ursache Eures Zwistes? Sprecht 
als Ritter die Wahrheit, dann mag der Himmel Euch beistehen! 

Bolingbroke: Ich bin Heinrich von Hereford, Lancaster 
und Derby, der hier gerüstet bereit steht, mit Gottes Gnade und 
seiner Körperkratt in den Schranken zu beweisen, dass Thomas 
Mowbray, Herzog von Norfolk, ein fauler und gefährlicher Verräter 
ist gegen Gott im Himmel, gegen den König und gegen mich, 
und da ich für eine gerechte Sache kämpfen will, stehe der Himmel 
mir bei! 

Marschall: Bei Todesstrafe sei Niemand so kühn oder ver- 
wegen, die Schranken zu berühren. Nur dem Marschall und den 
Offizieren, welche bei dieser guten Sache zum Rechten zu sehen 
beauftragt sind, sei dieses erlaubt. 

Bolingbroke: Lord-Marschall! lasst mich meinem gnädigsten 
Herrn die Hand küssen und mein Knie vor Seiner Majestät 
beugen, denn Mowbray und ich selbst, wir gleichen zween 
Männern, die eine lange und ermüdende Pilgerfahrt geloben. So 
erlaubt, dass wir uns aller unterthänigst verabschieden und unseren 
Freunden ein herzliches Lebewohl sagen. 

Marschall: Der Herausforderer bittet Eure Hoheit respekt- 
vollst begrüssen zu dürfen, um Euerer Majestät Hand zu küssen 
und sich zu verabschieden. 

König Richard: Wir wollen niedersteigen und ihn um- 
armen. Vetter Hereford, wenn Deine Sache gerecht ist, so sei es 
auch Dein Schicksal in diesem königlichen Kampfe. Leb' wohl, 
mein eigen Blut! Wenn Du es heute vergiessen solltest, so können 
Wir es nur beklagen, aber Deinen Tod rächen könnten Wir nicht. 

Bolingbroke: O! kein Ritter soll eine Thräne um mich 
vergeuden, wenn ich von Mowbray's Lanze durchbohrt werden 
sollte. Mein allergnädigster Herr, ich nehme Abschied von Euch 



Hier ist ein Versehen der Folio zu verzeichnen. Die 
Quartes lassen, wie es auch den Turniergesetzen entsprach, den 
Herausforderer zuerst eintreten, also zuerst Bolingbroke und 
dann Mowbray. 



— 155 — 

und auch von Euch, mein edler Vetter Aumerle! Nicht krank, 
obgleich ich mit dem Tode zu thun habe, sondern kräftig, jugend- 
lich und freudig athme ich. Und oh! wie bei englischen Gast- 
mälern das Süsseste zuletzt kommt, so begrüsse ich den Süssesten 
zuletzt, um das Ende so schön, wie möglich, zu machen. (Zu 
Gaunt): O Du, irdischer Urheber meines Blutes, dassen Jugend- 
geist in mir wieder geboren ist und mich mit zwiefacher Kraft 
hoch hebt, um nach dem Siege über meinem Haupte zu greifen, 
verstärke meine Rüstung mit Deinen Gebeten und härte die Spitze 
meiner Lanze mit Deinem Segen, dass sie durch Mowbray's 
Rüstung, als wäre sie aus Wachs, steche und dem Namen Johann 
von Gaunt durch das wackere Benehmen seines Sohnes neuen 
Glanz verleihen möge. 

Gaunt: Gott fördere Dich in Deiner guten Sache! Sei schnell 
wie der Blitz in Deinen Bewegungen und lass' Deine Hiebe 
zwiefach und abermals verdoppelt wie betänbender Donner auf 
den Helm Deines gefährlichen Gegners und Feindes fallen. Lass* 
Dein jugendliches Blut schneller durch Deine Adern strömen, sei 
tapfer und bleibe leben! 

Bolingbroke: So helfe mir meine Unschuld und der heilige 
Georg! 

Norfolk: Wie auch Gott oder Glück mein Loos gestalten 
möge, hier lebt und stirbt treu dem Throne König Richard*s ein 
getreuer, gerechter und wahrheitsliebender Mann. Nie warf ein 
Gefangener freieren Herzens die Ketten seines Kerkers ab und 
erfreute sich mehr seiner goldenen, schrankenlosen Befreiung, als 
meine freudig erregte Seele das Fest geniesst, mit meinem Gegner 
kämpfen zu können. Grossmächtiger Lehnsherr und Ihr, meine 
Rittergenossen, lasst Euch von mir noch recht viele glückliche 
Jahre wünschen. Ich gehe in den Kampf unbesorgt und fröhlich, 
wie zu einem Lustspiel. Das Bewusstsein, für Wahrheit zu streiten, 
schafft Ruhe in der Brust. 

König Richard: Lebt wohl, mein Lord; unzweifelhaft sehe 
ich Tugend und Tapferkeit aus Euern Augen glänzen. Marschall, 
jetzt befehlt den Zweikampf und lasst ihn beginnen. 

Marschall: Heinrich von Hereford, Lancaster und Derby, 
empfanget Eure Lanze, und Gott verteidige das Reckt. 

Bolingbroke: Stark wie ein Thurm in meiner Hoffnung, 
sag' ich: Amen. 

Marschall (zu einem Offizier): Geht, tragt diese Lanze hin 
zu Thomas, Herzog Norfolk. 

ErsterHerold: Heinrich von Hereford, Lancaster und Derby 
steht hier für Gott, seinen König und für sich selbst, um, bei 
Strafe, falsch und feige erfunden zu werden, es zu beweisen, dass 



— 166 — 

Thomas Mowbray, Herzog Norfolk, ein Verräter an Gott, seinem 
Könige und an ihm selbst sei. Er fordert ihn heraus, den Zwei- 
kampf zu beginnen. 

-Zweiter Herold: Hier steht Thomas Mowbray, Herzog von 
Norfolk, um bei Strafe, falsch und feige erfunden zu werden, 
sow^ol sich zu verteidigen, als auch es zu beweisen, dass Heinrich 
von Hereford, Lancaster und Derby gegen Grott, gegen seinen 
König und gegen ihn selbst unehrlich ist. Er erwartet voll Mnths 
und froher Zuversicht das Zeichen zum Beginnen. 

Marschall: Trompeten blast, nun los die beiden Kämpfer! 

(Es wird zum Angriff geblasen.) Halt, halt! Der König warf 

Stab dazwischen! 

Sehr schön lässt der Dichter den Sohn des Herzogs 
von Norfolk, den Lord Mowbray, in H 4 B, IV, 1 vor dem 
Zusammentreffen mit dem Heere Heinrich's IV. obigen 
Zweikampf wieder erzählen: 

Mowbray: Hatte denn mein Vater an seiner Ehre irgend 
etwas eingebüsst, das in mir wieder auferstehen und zu neuem 
Leben erweckt werden müsste? Der König, der ihn liebte, war 
durch die Verhältnisse, wie sie damals im Staate bestanden, 
geradezu gezwungen, ihn zu verbannen. Und dann, als Heinrich 
Holingbroke und er, im Sattel kerzengrade aufgerichtet — ihre 
wiehernden Streilhengste trotz der Sporen kaum zu halten*) — 
die scharfen Lanzen {armed staves) eingelegt die Visiere nieder- 
geschlagen — ihre feurigen Augen zwischen den Stahlbügeln 
hervorfunkelnd — und als dann die lauten Trompeten sie gegen- 
einander bliesen — dann — dann, als nichts mehr meinen Vater 

hindern konnte, auf Bolingbroke zu stossen! O! Als dann 

der König seinen Stab hinunter warf, da hing sein eigenes Leben 
an diesem Stabe; da warf er sich selbst hinunter und mit sich 
die Leben aller derer, die inzwischen unter Bolingbroke Unglück 
gehabt haben, sei es durch Verurteilungen oder durch das Sehwert. 



Zum Vergleiche der Schilderung Shakespeare's mit 
den Regeln des Ehrencodex möge nachfolgender Auszug 



^) „ Their neighing coursers daring of the spur," Ungeduldige 
Pferde wiehern und scharren mit den Füssen. Die Reiter hier 
straften sie dafür mit den Sporen; aber dessenungeachtet konnten 
die edlen Tiere ihre Ungeduld nicht beherrschen, also: „Ihre 
wiehernden Streitrosse, den Sporen trotzend." 



— 167 — 

aus W. Berry's Encyclopaedia Heraldica in Übersetzung 
dienen: 

Kampfordnung für Kämpfe um's Leben, 

wie sie in alten Zeiten im Wappenamte zu London • 

verzeichnet stand. 

Erst wurde das Kartell oder der Streitbericht sowol 
des Forderers, wie des Geforderten dem gerichtlichen Gut- 
achten des Konstabeis und des Marschalls unterbreitet; 
und wenn die Wahrheit der Streitursache nicht durch 
Zeugen oder auf andere Weise bewiesen werden konnte, 
so war es erlaubt, dass das Urteil mit Waffengewalt er- 
zwungen wurde, indem der eine Teil angreifen, der andere 
sich verteidigen sollte, u. s. w. u. s. w. 

In welcher Art der König die Herrichtung des 

Kampfplatzes befahl. 

Sobald Konstabel und Marschall die königliche Ge- 
nehmigung hierzu hatten, Hessen sie Schranken oder Zäune, 
60 Schritt lang und 40 Schritt breit, aufschlagen. Die 
Stelle, auf der dies zu geschehen hatte, musste ebenen 
und trockenen Boden haben und ohne Rillen, Erhöhungen 
oder andere Hindernisse sein. An beiden Enden der 
Schranken wurde je ein Thor oder Eingang gelassen, das 
mit starken Riegeln gegen den Andrang des Volkes ge- 
schützt war. An jedem wurde ein „Sergeant-at-arms" auf- 
gestellt, der Niemanden näher als vier Fuss von den 
Schranken heranliess. Ein Thor ging nach Osten, das 
andere nach Westen. Vor beiden befand sich ein sieben 
Fuss langer Zaun, so hoch, dass kein Pferd darüber weg- 
springen oder unten durchgehen konnte. 

In welcher Weise der Platz zum Beiwohnen des 

Königs hergerichtet wurde. 

An dem Tage des Kampfes pflegte der König auf 
einem hohen Sessel oder Gerüst zu sitzen, das für diesen 



— 168 — 

Zweck aufgeschlagen war und an dessen Fusse sich die 
Sitze für den Konstabel und Marschall befanden, u. s. w. 

In welcher Weise sich der Herausforderer für 

den Kampf vorstellte. 

Der Forderer kam gewöhnlich an das Ostthor der 
Schranken und brachte die Waffen mit sich, welche von 
dem Ehrengerichtshof bestimmt worden waren und mit 
denen zu fechten er entschlossen war. Am Thor an- 
gekommen, wartete er, bis Konstabel und Marschall von 
ihren Sitzen aufstanden und zu ihm hingingen. Wenn sie 
an das Thor der Schranken kamen und den Herausforderer 
dort stehen sahen, sagte der Konstabel : Für welche Sache 
bist Du so bewaffnet hieb er gekommen? und was ist Dein 
Name? Worauf der Herausforderer antwortete: Mein 
Name ist „so und so", ich bin beritten und gerüstet hieher 
gekommen, um meine Forderung gegen NN. und meine 
Bürgen zu erfüllen und bitte, mir das Thor zu öffnen und 
mir zu erlauben, mein Vorhaben auszuführen, u. s. w. 

Folgen gleiche Bestimmungen für den Geforderten 
und die Formen der Vereidigung. 

Sobald diese Ceremonien beendet waren, rief der 
Herold auf Befehl des Konstabeis und Marschalls an allen 
vier Ecken der Schranken Folgendes aus: „Oyes! Oyes! 
Wir verordnen und befehlen im Namen des Königs, des 
Konstabeis und des Marschalls, dass Niemand, welchen 
Stand, Titel oder Rang er auch haben möge, näher als 
vier Fuss an die Schranken herankommen darf, und dass 
es verboten ist, mit Sprache, einzelnen Lauten oder Ge- 
bärden irgend etwas zu äussern, wodurch Forderer oder 
Geforderter einen Vorteil haben könnte, bei Strafe, dass 
ihm Leben, Einkünfte und Güter, je nach königlichem 
Befehl, genommen werden." 

Dann bestimmten Konstabel und Marschall die Plätze 
in den Schranken, an denen die Wappenkönige, Herolde 
und anderen Offiziere sich bereit zu halten hatten, u. s. w. 

Dann setzte sich der Konstabel allein auf seinen Sitz 



— 169 — 

vor dem Könige und entbot den Forderer durch seinen 
Leutnant zu sich, während der Marschall mit seinem Be- 
gleiter neben dem Herausgeforderten blieb. 

Sobald der Konstabel auf seinem Platze sass, hatte 
er nüt lauter Stimme zu rufen: „Lasst sie gehen — lasst 
sie gehen — lasst sie gehen — und jeder thue sein 
Bestes." u. s. w. u. s. w. 

Man kann aus Shakespeare's Beschreibung des Zwei- 
kampfs erkennen, dass ihm die formellen Vorschriften für 
solche Vorgänge nicht unbekannt gewesen sind. Ob ihm 
bekannt war, dass Herzog von Surrey bei dem geschilderten 
Zweikampf stellvertretender Earl-Marschall war, lässt sich 
nicht genau erkennen. Da er den Konstabel mit Namen 
Aumerle einführt, den Marschall nur dem Titel nach, so 
könnte man daraus schliessen, dass ihm der Name des 
stellvertretenden Earl-Marschall nicht bekannt gewesen 
sei und er sich so beholfen hat. 

Wie der Formfehler des Einführens des Geforderten 
vor dem Forderer entstanden ist, vermag ich nicht fest- 
zustellen. Die Quelle des Dichters — HoUinshed — lässt 
den Forderer Bolingbroke zuerst eintreten. Der Irrtum 
scheint bei den Herausgebern der Foüo zu liegen. 



Vorstehende Beispiele von heraldischenRedewendungen 
und Worten würden sich, dessen bin ich überzeugt, durch 
gute Anglisten, die gleichzeitig englische Heraldik und 
die Emblemen-Literatur beherrschen, noch bedeutend ver- 
mehren lassen, aber schon die gebotenen genügen, um 
folgende Schlüsse zu ziehen: 

Shakespeare braucht heraldisch-technische Ausdrücke 
in allen seinen Werken, muss also Heraldik studiert haben. 
Freilich lässt ihn der hohe Flug seines Genius auch hier 
Fehler übersehen, die er hätte vermeiden können. Als 
heraldischer Fehler ist es zu bezeichnen, dass er die 
Zimier der Beauchamps mit der der Nevils verwechselt, 
und als genealogischer, dass er drei Stücke hindurch den 



— 160 — 

I 

Neffen Edmund Mortimer mit dessem gleichnamigen Oheim 
verwechselt und den letzteren im Tower sterben lässt, 
was geschichtlich nicht zutrifft. 

Shakespeare hat zu Anfang und zu Ende des letzten 
Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts besonders Wappenkunde 
getrieben. Beweise: Lucr. 54 — 79 und Wives I, 17—29 
und V,5. 69 u. folg. 

Shakespeare berührt auch in den dramatischen Werken 
seine persönlichen Verhältnisse. Beweise: Wives V, 5. 69 
und 1,1,26, freilich nicht so klar erkennbar, als in den 
Sonetten, in denen er ungezählte Male von sich und seinen 
persönlichem Empfindungen spricht. 

Ansprüche Shakespeare's an Adelige u^id Ordensinhaber. 

Cymb. V, 2. 

Jachimo: The heaviness and guilt within my bosom 

Takes off my manhood: I have belied a lady, 

The princess of this country, and tbe air on't 

Revengingly enfeebles me. Or coiild this carl, 

A very driidge of nature's, have siibdu'd me 

In my profession? Knighthoods and honours, borne 

As I wear mine, are titles but of scorn. 

If that thy gentry, Britain, go before 

This lout, as he exceed's our lords, the odds 

Is, that we scarce are men, and you are gods. 

Cymbeline 5. Aufzug, 2. Auftritt. 

Jachimo: Die Schwere und Schuld in meiner Brust raubt 
mir meine Männlichkeit: Ich habe eine vornehme Frau, die 
Prinzessin dieses Landes lügnerisch verleumdet und die Luft, die 
hier weht, rächt sich und entkräftet mich. Könnte sonst dieser 
Tölpel — ein Kerl, den die Natur doch nur zur niedersten Arbeit 
geschaffen hat — mich im Waffenhandwerk überwinden, dessen 
Übung mein Stand erfordert? Adelsvorzüge und Elirungen, wenn 
sie so missbraucht werden, wie ich es gethan habe, sind Titula- 
turen, die Zorn und Verachtung erregen müssen. Britannien! 
wenn Dein niederer Adel so weit über diesem gemeinen Mann 
steht, wie dieser über unserem hohen Adel, dann spricht aUe 
Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir kaum Menschen zu nennen. 
Deine Einwohner aber Götter sind! 



— 161 — 
Hamlet IV, 5. 

Laertes: .... His means of death, his obscure burial — 
No trophy, sword, nor hatchmont, o'er his bones, 
No noble rite, nor formal ostentation, — 
Gry to be heard, as't were from heaven to earth, 
That I niTist call't in question 

Hamlet 4. Aufzug, 5. Auftritt (am Eade desselben). 

Laertes: .... Die Art und Weise, wie er getödtet wurde, 
sein unwürdiges Begräbnis, — keine Trophäen, kein Schwert, kein 
Trauerwappen über seinen Gebeinen, — die Nichtbeachtung adliger 
Gebräuche und Formalitäten — schreien gradozu vom Himmel zur 
Erde hinunter, so dass ich mir Klarheit über alle diese Punkte 
verschaffen muss. _ 

Den heraldischen Ehrungen eines Todten bei seinem 
Begräbnisse wurde zu Shakespeare's Zeiten ganz beson- 
derer Wert beigelegt. 

Cor. I, 1, 215. 

Marcius (Coriolanus) : .... Solche Lappalien brachten sie 
als Beschwerden vor: und als diese beantwortet und eine Bitfe 
ihnen bewiUigt war — es war eine befremdende Bewilligung, wol 
geeignet, das Herz des Adels (the heart of generonity) zu brechen 
und die kühnen Machthaber furchtsam zu machen — warfen sie 
in lautem Jubel ihre Mützen empor, als wollten sie dieselben an 
die Hörner des Mondes hängen. 

All's n, 3, 280. 

Lafeu: .... You are more saucy with Lords and honourable 
personages, than the commission of your birth and virtue gives 
you heraldny. 

Ende gut, Alles gut, 2. Aufzug, 3. Auftritt 280. 

Lafeu: . . . . Ihr seid ungezogener gegen Grafen und adlige 
Personen, als die Vollmacht Eurer Geburt und Eurer Tüchtigkeit 
Euch heraldisches Recht dazu giebt. 

H 6 A IV, 1, 13 sequ. 

Talbot: Schmach über den Herzog von Burgund und über 
dich (d. h. Sir John Fastolfe) ! Ich habe gelobt, du Ritter von ge- 
meiner Gesinnung, den Hosenbandorden von deinem Memmenbeiii 

11 



— 162 — 

zu reissen, wenn ich dich wieder treffen würde (er reisst ihm den 
Orden ab). Ich habe es gethan, weil du nicht würdig warst, in 
so hohen Rang pingesetzt zu werden. — Verzeiht, Prinz Heinrich 
und Ihr andern alle. Als in der Schlacht von Patay meinem Alles 
in Allem 6000 Mann zählenden Heere eine fast zehnfache fran- 
zösische Übermacht gegenüberstand, lief er, ein Bitter, auf den 
man sich verlassen sollte, davon, ehe der Zusammenstoss erfolgte 
und ehe noch ein Streich gefallen war. Wir verloren bei diesem 
Angriff 1200 Mann — ich und andere Bitter wurden überrascht 
und gefangen. So urteilt, edle Herren, ob ich Unrecht gethan 
habe oder ob solche Feiglinge diesen Schmück des Bittertums 
tragen dürfen? Ja oder nein? 

Glos t er: Wahrlich I solche That war niederträchtig und 
würde jeden gemeinen Mann verunzieren, wie viel mehr einen 
Bitter, Hauptmann und Führer! 

Talbot: Meine Herren! als dieser Orden gestiftet wurde, 
waren die Bitter des Hosenbandordens von edler Geburt, brav, 
tapfer und voll hohen Mutes ; es waren Herren, die sich im Kriege 
ausgezeichnet hatten, die weder den Tod fürchteten, noch vor 
Ungemach zurückschreckten — entschlossen auch in bedrängtester 
Lage. Derjenige, welcher solcher Art nicht zu handeln vermag, 
führt den heiligen Namen Bitter zu Unrecht und besudelt diesen 
Ehrenorden. Er müsste, wenn ich zu richten hätte, ganz degradiert 
werden, wie ein niedrer Knecht, der unter der Hecke geboren ist, 
und sich herausnimmt, sich mit adliger Geburt zu brüsten. 



Sechste Studie. 



Leuchtfeuer oder Irrlichter? 

Der Phönix und Turteltaube. 

Allgemeines. 

Unter den Shakespeare zugeschriebeneu Werken be- 
findet sich auch ein kleines symbolisches Gedicht, betitelt 
„The Phoenix and Turtle"^ das bisher von dei} Shakespeare- 
Forschem und -Erklärern höchst stiefmütterlich behandelt 
worden ist. Als unverstanden und in seinem kurzen Vers- 
masse abweichend von allen übrigen Arbeiten des grossen 
Britten wurde es bei Seite geschoben, ja aus einzelnen 
Ausgaben ganz weggelassen (z. B. aus The Poems of 
Shakespeare by O, Wyndham), Es erschien zuerst, unter- 
druckt mit dem vollen Namen William Shakespeare, neben 
Beiträgen von Ben Jonson, Marsten und Chapmann, als 
Anhang zu einem langatmigen Gedicht von Robert Chester, 
im Jahre 1601. Zweck dieses Anhangs scheint gewesen 
zu sein, Käufer für Chester's Machwerk herbeizulocken, 
indem der Herausgeber auf dem Titelblatt die Namen 
anderer, schon zu Ansehen gelangter Dichter mit Vor- 
drucken konnte. Alle diese Gedichte handeln vom Phönix 
und der Turteltaube und sind, wie ich glaube, rechtmässig 
erworben, denn die Namen der vorerwähnten Dichter 
wurden unwidersprochen sowol 1601, als auch 10 Jahre 
später, bei der 2. Ausgabe (mit verändertem Titel) unter 
die betreffenden Gedichte gesetzt. Letztere werden als 

neu bezeichnet« was wol nur insofern richtig ist, als sie 

11* 



— 164 — 

zum ersten Male im Druck erschienen. Wann und für 
welche Gelegenheit sie gedichtet wurden, wie lange sie 
im Schreibtische ihrer Verfasser geruht haben mögen, 
darüber fehlt jede Auskunft, ebenso auch jeder Anhalt, 
wie Robert Chester oder sein Verleger E. B.O auf den 
Gedanken verfallen sein mögen, die symbolischen Gedichte 
zu sammeln und zu veröffentlichen, welche sämtlich das 
merkwürdige Thema behandeln. 

Vielleicht — ich spreche es nur als Vermutung aus — 
hattederWechseldes Jahrhunderts veranlasst, dassdie 
von Plinius nacherzählte Hesiodische Zeitrechnung und im 
Zusammenhange damit die Sagen vom Phönix *) in Tages- 
gesprächen vielfach erörtert wurden, bedeutete doch nach 
ägyptisch- u^d griechisch-mythologischen Auffassungen das 
Aufbrennen des Phönix den Schluss, das Wiedererscheinen 
desselben den Neubeginn einer sehr langen Zeitperiode. 
Auch scheint in Urzeiten irgend eine sagenhafte Beziehung 
zwischen Phßnix und Taube bestanden zu haben, die ich 
nicht habe auffinden können, deren Einwirkung man aber 
zu erkennen glaubt, wenn man einige alte Vogelsagen mit- 
einander vergleicht. Die Talmudisten z. B. versetzten den 
Phönix — von ihnen Chol oder Müchan genannt — in's 
Paradies, weil er nicht, wie die übrigen Tiere, mit Adam 
und Eva vor; dem verbotenen Apfel gegessen hätte, und 
eine ähnliche Sage liegt der Verehrung der Taube zu 
Grunde, wie sie in Syrien, Judäa und auf der Insel Dolos 
stattfand. In altchristlicher Zeit ferner war der Phönix 
Sinnbild der Wiederauferstehung, die Taube Symbol des 
heiligen Geistes. 

Es wäre durchaus nicht unnatürlich, wenn in der Zeit 
der litterarischen Renaissance, die England auf der Wende 



1) Edward Blount. 

2) Hesiodi fragnttvta, ed. Qötting. 1848, Seite 287: Ein Menschen- 
aker währt 30 oder 3G Jahre, ein Krähenalter 9 Menschenalter, 
ein Hirschalter 4 Krälienalter, ein Rabenalter 3 Hirschalter, ein 
Phünixalier 9 Rabenalter (also 291(30 oder 34992 Jahre), ein Nymphen- 
alter 10 Phönixalter. 



— 165 — 

des 16. und 17. Jahrhunderts durchlebte, in der alle 
lateinischen und griechischen Schriftsteller neu durch- 
forscht wurden, solche oder ähnliche Gesprächsstoffe auf 
der Tagesordnung gestanden hätten, die dann wol einen 
unternehmenden Buchhändler veranlassen konnten, alle 
das Thema berührenden Gedichte zu sammeln und heraus- 
zugeben. — 

R. ehester hat es an Eeklamen nicht fehlen lassen, 
wie die schwülstigen Titel beweisen, die er seinem Büchlein 
vordruckte. Sie lauten in Übersetzung: 

„Die Märtirerin der Liebe oder ßosalinens Klage, in 
„dem beständigen Schicksal dps Phönix und der Turtel- 
„taube die Wahrheit der Liebe mit allegorischen Schatten- 
„strichen darstellend (AUegorically shadomng). Ein Gedicht, 
„in welches viele abwechselungsreiche und seltene Er- 
„zählungen eingeflochten sind; jetzt zum ersten Male 
„aus dem Italienischen des verehrungswürdigen Torquato 
„Cäliano übersetzt von Robert Chester. Mit der wahren 
„Legende des berühmten Königs Arthur, des letzten der 
„neun Helden {ni/ne Worthies) als erster Versuch eines 
„neuen englischen Dichters: zusammengetragen aus ver- 
„schiedenen authentischen Berichten. Beigefügt sind einige 
„neue Arbeiten über das erstere Thema [Phönix und Turtel- 
„taube] von anderen Schriftstellern, deren Namen unter 
„ihren Beiträgen stehen. 

„ Mutare dominum non potest Über notus 

„ London 

Gedruckt für E. B. (i. e. Edward Blount) 

1601." 

Vor dem Anhange steht noch folgender besonderer 
Titel : 

„Es folgen nunmehr verschiedene dichterische Ab- 
„handlungen über das vorige Thema, nämlich „Phönix 
„und Turteltaube", von unsern besten und hauptsäch- 
„lichsten modernen Dichtern, mit deren Namen unter ihren 
„Gedichten. Dieselben waren früher nicht vorhanden. 



— 166 — 

„Und werden nun zum ersten Male von ihnen allen ge- 
„widmet der Liebe und dem Verdienste des sehr edlen 
„Ritters Sir John Salisburie." 

Trotz dieser vielverheissenden Titelblätter scheint der 
Verkauf des Buches nicht nach Wunsch von Statten ge- 
gangen zu sein. Zehn Jahre später erschien das Chester- 
sche Gedicht mit verändertem Titel und wieder stand 
Shakespeare's „Phönix und Turteltaube" mit seinem Namen 
darunter im Anhange. 

Der neue Titel lautete: 

„Die Annalen von Grossbritannien oder ein ganz vor- 
„treffliches Gedenkbuch (Monument), das alle alten Sagen 
„dieses Königreichs enthält, so dass beide Universitäten 
„damit zufrieden sein werden, so wie auch jede andere 
„Anstalt, die den Ehrgeiz hat, recht lange fortzubestehen. 
„Vortrefflich in einem beachtenswerten Gedicht dargestellt. 
„ London 1611." 

Was aus den Angaben dieser Titelblätter Wahrheit 
ist, was Dichtung oder Reklamezwecken dienende An- 
preisung, wird wol nie mehr mit Sicherheit festzustellen 
sein. Die Angabe, dass ehester aus dem Italienischen 
übersetzt habe, ist in Frage gestellt, weil keine Spur von 
einem Dichter oder Schriftsteller T. Oaeliano*) zu finden 
ist. Der Wirklichkeit scheint nur zu entsprechen, dass 
ehester sich den Stoff zu seinem Gedichte aus alten 
Büchern oder Handschriften zusammengesammelt und ver- 
sucht hat, ihn allegorisch auszunutzen. Ob nun aber seine 
Verse die „Wahrheit der Liebe" als Begriff darstellen 
sollen oder ob sie sich auf bestimmte Personen beziehen, 
mussich andern Kräften überlassen, festzustellen. Alexander 
Grosart vertritt die Ansicht, dass sich die Gedichte auf 
das Verhältnis der Königin Elisabeth zu ihrem Günstling 
Lord Essex beziehen könnten. Ich halte diese Annahme 
für ausgeschlossen und zwar aus einem sehr triftigen 



1) Der übrigens auch von Th. Nash erwähnt wird in seinem 
Briefe an die Studenten, der Greene's „Menaphon" vorgedruckt ist. 



— 167 — 

äusseren Grunde, der auch Grosart's Bedenken erregt hat, 
wie er in der Vorrede ausspricht. Chester's Buch erschien 
1601, also in dem Jahre, in welchem Lord Essex ent- 
hauptet wurde. Geschichtlich ist festgestellt, wie sehr das 
Benehmen ihres ehemaligen Günstlings die Königin ge- 
schmerzt hatte, wie lange sie mit Bestätigung des Todes- 
urteils zögerte und wie ungnädig sie vor i|nd nach Voll- 
ziehung der Hinrichtung gewesen ist. Da sollte es ein 
unbekannter Dichter gewagt haben, ein Gedicht zu ver- 
öffentlichen, in dem er, wenn auch noch so vorsichtig, 
durch Allegorien verschleiert, auf ihr Liebesverhältnis zu 
dem Gerichteten anspielte? Vermögen, Freiheit, ja sein 
Leben hätte er auf's Spiel gesetzt. Und selbst wenn 
R. ehester so kühn gewesen wäre, solches zu unternehmen 
— er hätte keinen vornehmen Mann gefunden, der die 
Widmung angenommen hätte, um in gleicher Weise sich 
selbst dem Zorne der mächtigen, in ihrer Eitelkeit leicht 
verletzbaren Herrscherin auszusetzen. Ohne die Annahme 
der Widmung aber durch einen Aristokraten {of worship) 
konnte damals kein Erstlingswerk gedruckt und veröffent- 
licht werden, und Sir John Salisburie, der sich bereit 
finden liess, die Widmung entgegenzunehmen, gehörte zu 
den Hofstaaten Ihrer Majestät.*) Es ist also als sicher 
anzunehmen, dass in den sämtlichen veröffentlichten Ge- 
dichten nicht die geringste Anspielung auf ein Verhältnis 
enthalten war, an das wieder erinnert zu werden, mit 
hoher Wahrscheinlichkeit das Missfallen der Königin er- 
regt haben würde. 

Wie dem auch immer sei, wir haben es hier nicht mit 
den andern Dichtungen aus dem Chester'schen Buche, 
sondern nur mit dem Beitrage Shakespeare's zu thun. 

Dieser „The Phoenix and Turtle" überschrieben, lässt 
sich m. E. in keiner Weise auf das Essex -Verhältnis zu- 
passen. Soll „Phönix" die Königin und „Turteltaube" den 



1) R. ehester nennt ihn: „One of the Esquires of the bodie to 
the Queene^8 mo8t eaccelUnt Maiestie^, 



— 168 — 

Essex vorstellen? wofür die von Shakespeare gebrauchten 
Geschlechts - Bezeichnungen Phönixhenne und Turtel- 
täuberich zu sprechen scheinen? Das könnte ohne 
Weiteres nur angenommen werden, wenn beide Personen 
schon tot waren, als das Gedicht erschien, denn es heisst 
in den Zeilen 23 und 24: „Beide flohen in gemeinschaft- 
licher Flamme von dannen." Oder sollen die beiden Vögel 
die Schönheit und Wahrheit des Verhältnisses der Königin 
zu Essex bedeuten und dieses in schmeichlerischer Weise 
verherrlichen? Dann müsste angenommen werden, dass 
dieses Verhältnis durch den Tod desjenigen, von dessen 
Urne im letzten Verse des „Threnos" die Rede ist, irgend- 
wie beeinträchtigt worden sei. Das ist aber auch nicht 
zutreffend, denn einerseits müsste man die Persönlichkeit, 
deren Tod Einfluss auf das Essex -Verhältnis gehabt haben 
könnte, aus der Geschichte kennen, andrerseits würde der 
Dichter die bisherige Schmeichelei in die ausfallendste 
Grobheit geändert haben, indem er der noch lebenden 
Königin den vorletzten Vers des „Threnos" zuruft: 

„Schein von Wahrheit mag noch vorhanden sein, aber 
„in Wirklichkeit kann sie sich nicht halten, Schönheit mag 
„sich brüsten, aber sie ist es nicht mehr selbst, Wahrheit 
„und Schönheit sind begraben." 

Solcher Ungereimtheiten kann sich ein Shakespeare 
nie schuldig gemacht haben. Auch war er ein viel zu 
praktischer und auf den eigenen Vorteil bedachter Mann, 
als dass er seine Finger in solch ein Wespennest gesteckt 
haben sollte. Die Lösung der Phönixfrage durch die 
Elisabeth -Essex -Theorie halte ich für unmöglich. 

Die Buchhändler-Verhältnisse in England waren zu 
Shakespeare's Zeit noch nicht geregelt, unser heutiger 
Rechtsbegriff „Geistiges Eigentum" lag noch in seinen 
Windeln. Gedichte mit Namen unterschrieben, die schon 
bekannt waren und Käufer anlocken sollten, aber andere 
Verfasser hatten, sind nachgewiesen worden (z. B. im 
Passionate Pilgrim), So entsteht also die Frage: War 
Shakespeare auch wirklich selbst der Verfasser des Phönix? 



— 169 — 

Ehe ich an Beantwortung derselben gehe, möchte ich 
vorweg einige Bedenken anführen und zu widerlegen ver- 
suchen, die mir nach Vortrag meiner Erklärung ') ^ des 
Gedichts von Fachmännern vorgehalten wurden: 

„Das Versmass ist so kurz, wie es Shakespeare sonst 
„nicht anwendet; der Phönix ist nicht dichterisch ge- 
„schrieben, Shakespeare war ein Dichter, folglich ist der 
„Phönix nicht von ihm geschrieben." 

Was das kurze Versmass anbetrifft, so hat der Dichter 
es allerdings nicht öfter angewendet, wenigstens in den 
auf uns überkommenen Werken nur noch in einigen Ge- 
sangversen seiner Narren, es sei denn, dass er auch einige 
von den kleinen Gedichten im PassionatePilgrim geschrieben 
hat, deren Verfasser man nicht kennt. Für vorliegenden 
Fall aber lässt sich die Wahl der kurzen Zeilen erklären 
und eine bestimmte Absicht dabei vermuten. Wahrschein- 
lich wollte Shakespeare seinen literarischen Gegnern be- 
weisen, wie trefflich sich in der englischen Sprache viele 
Gedanken mit wenigen und kurzen Worten ausdrücken 
lassen. Shakespeare mag seinen kurzen Styl recht er- 
kennbar von der schwülstigen, bombastischen, langatmigen, 
die verschiedensten Gegenstände berührenden Schreibart, 
die im Anfange seiner dichterischen Laufbahn vielfach 
beliebt wurde, haben abheben wollen. Er hat dies mit 
solchem Geschick gethan, dass man, wenn man erst den 
Schlüssel zu dem Inhalt hat, erstaunen muss, welche enorme 
Fülle von Gedanken er in so knappe Worte zu legen 
verstand. Wenn auch dichterisch nicht schön, so ist der 
„Phönix" geradezu ein dichterisches Kunststück allerersten 
Ranges, wie es nur ein Mann zu Stande bringen konnte, 
der seine Sprache voll und ganz beherrschte. 

„Die heraldischen Anspielungen sprechen eher dafür, 
„dass Shakespeare das Gedicht nicht geschrieben hat, als 
„umgekehrt. " 



*) In der Berliner Gesellschaft für dOvS Studium der neueren 
Sprachen am 14. März 1899. 



— 170 — 

Dieses Bedenken veranlasste mich, die Veröffentlichung 
dieser Schrift hinauszuschieben, bis ich vorstehende fünfte 
Stuqie geschrieben hatte. Wer sie gelesen hat, wird mir 
zugestehen, dass eine richtige heraldische Anspielung in 
einem Gedicht jener Zeit eher für als gegen Shakespeare's 
Autorschaft zeugt. 

„Die von mir vermutete Anspielung auf seine eigene 
„Person spricht nicht dafür, dass Shakespeare der Ver- 
„fasser des Gedichtes ist, weil er in seinen Werken ver- 
„meidet, von sich und seinen Verhältnissen zu sprechen." 

Was seine dramatischen Werke anbetrifift, so ist dieser 
Einwurf im Ganzen wahr; wenigstens hat man Anspielungen 
auf sich und seine Verhältnisse nicht als solche zu erkennen 
vermocht, wenn deren vorhanden sind; aber Ausnahmen 
sind doch in dieser Beziehung zu verzeichnen. Wir haben 
oben (S. 71 — 73. 116. 117) gesehen, dass in den Lustigen 
Weibern zwei Stellen sich befinden, die als Anspielungen 
auf seine heraldischen Verhältnisse aufgefasst werden 
können, und zwar so deutlich, wie es bei solchen Stücken 
übei;haupt möglich ist; ferner möchte ich diejenigen Stellen 
als Rückstrahlung persönlicher Verhältnisse bezeichnen, 
in denen er seine Personen davon sprechen lässt, dass die 
Ehe ein Hemmschuh für den Mann sein kann, besonders, 
wenn die Gattin an Lebensjahren älter ist, wie er es z. B. 
in AU's 11,3,317 (Anra. 1 zu S. 71) oder noch deutlicher 
in Was Ihr wollt 2. Aufz., 4. Auftr., 22 u. f. ausführt, wo 
der Herzog mit Viola, die er für einen jungen Mann hält, 
spricht: 

Herzog: Mein Leben darum! so jung Du auch sein 

magst, Dein Auge hat schon auf einem Antlitz geruht, das Du 
liebst, gelt, junger Mann? 

Viola; Mit Gunst, ein wenig. 

Herzog; Wie sieht das Mädchen aus? 

Viola: So wie Ihr. 

Herzog; Dann ist sie Deiner nicht wert* Wie alt ist sie? 

Viola: Ungefähr so alt, wie Ihr, mein Lord. 

Herzog: Beim Himmel! zu alt. Ein Mädchen nehme nur 
einen Mann, der älter ist, als sie selbst; dann schmiegt sie sich 



— 171 — 

an ihn an und füHt den Platz im Herzen ihres Gatten voll aus. 
Denn, junger Mann! soviel wir auch prahlen mögen, unsere 
Liebesgefühle (fancies) sind flatterhafter, unsicherer, bangender, 
öfter wechselnd, eher verloren und abgenutzt, als die der Frauen. 

Viola: Es mag ja sein, mein Lord. 

Herzog: So lass' Deine Geliebte jünger sein, als Du selbst 
es bist, sonnst kann Deine Liebe die Anspannung nicht aushalten. 

Beim Niederschreiben dieser Stelle muss Shakespeare 
an seine eigene Ehe mit einer acht Jahre älteren Frau 
gedacht haben. 

Gervinus hat Berowne's Ansprache an Rosaline in 
L. 1. 1. V, 2 bereits als eine Stelle bezeichnet, an der Shake- 
speare höchst wahrscheinlich seine persönliche Stellung- 
nahme gegen die in der dramatischen Dichtkunst herrschende 
Richtung kennzeichne: 

Taffata phrases; silken terms precLse; 
Three pil'd hyperbolies ; spruce affectation, 
Figures pedantical; these summer-flies 
Have flird me up with maggot ostentatioü 
I do forswear them. — 

Tafftene Phrasen; seidene Kunstausdrücke; 

Dreifach übereinander gethürmte Hyperbeln, prüde Scliönthuerei 

Pedantische Satzbildung; diese Sommerfliegen 

Haben mich mit ihrer Made — der Scheinhascher ei — vollgefüllt» 

Ich schwöre sie hiemit ab. — 

In seinen Sonetten spricht Shakespeare sehr oft von 
sich selbst und von seinen Verhältnissen; nur ist nicht 
immer verständlich, was er meint, weil die Ereignisse und 
Personen, auf welche er anspielt, der Vergessenheit anheim- 
gefallen sind. Zwei Beispiele mögen hier angeführt werden, 
die dafür sprechen, dass er zu einer Zeit auf sich allein 
angewiesen war, d. h. keinen literarischen Beschützer ge- 
habt hat, und dass er auch einmal um die Gunst eines 
solchen gebeten hat, ehe er entschieden war, in welcher 
Richtung sich seine literarischen Arbeiten bewegen sollten. 
Er sagt im Sonett 29 0: 



*) Nach der Nummerierung der Thorpe- Ausgabe. 



— 172 — 

Wenn ich in der Ungunst des Schicksals und der mensch- 
lichen Beurteihing ganz alleine darüber weine, dass meine Lage 
der eines Ausgestossenen gleicht. 

und im Sonett 26 '): 

Bis irgend ein Stern, der mein Vorgehen leitet, in glücklicher 
Stellung auf mich mit Gunst deutet und meinem lumpigen Dichten 
(loving) ein Gewand anzieht. 

Rechnet raan ferner dazu, dass „Einer Liebenden 
Klage" eine Rückstrahlung seiner Sturm- und Drang- 
periode sein kann, so wird zugegeben werden, dass er 
in einem Gedicht, welches Zeitverhältnisse berührt, auch 
Anspielung auf seine Person gemacht haben kann — um 
so mehr, wenn dieses in so bescheidener Form geschieht, 
wie es thatsächlich der Fall zu sein scheint.*^) 



Als Hauptbeweis, dass Shakespeare den „Phönix" ge- 
schrieben hat, muss der Umstand gelten, dass das Gedicht 
während seiner Lebenszeit zweimal mit seinem Namen 
darunter gedruckt und veröffentlicht wurde, ohne Wider- 
spruch von irgend einer Seite zu erregen und dass es 
dann drei Jahrhunderte hindurch in allen bedeutenderen 
Ausgaben seiner Werke erschien und unverstanden zwar, 
aber auch unwidersprochen als sein Machwerk auf uns 
überkommen ist. Eigentlich müsste denjenigen, welche 
seine Autorschaft in Zweifel ziehen, der Gegenbeweis zu- 
geschoben werden. Indessen um Sicheres doppelt sicher 
zu machen, können zwei Gedanken angeführt werden, die 
ausser im „Phönix" noch an andern Stellen in des Dichters 
Werken vorkommen und gewissermassen das Siegel unter 
die Bescheinigung setzen, dass er auch den „Phönix" ge- 
schrieben hat. 

Nicht sehr beweiskräftig, weil sehr allgemein gehalten, 
aber doch bemerkenswert ist der Gedankenzug des Threnos: 
Mit dem Toten, der in der Urne (des letzten Verses) ruht. 



*) Nach der Nummerierung der Thorpe- Ausgabe. 
2) Vergl. jedoch weiter unten A. Brandl's Äusserung zu dieser 
Ansicht. 



— 173 — 

ist auch Schönheit und Wahrheit begraben. Der Ver- 
storbene hat sich also derselben beiden Eigenschaften 
rühmen können, deren Lobpreisung die Feder Shakespeß;re's 
in Sonett 54 in Bewegung setzt: 

Zeile In. 2: O! wie viel schöner erscheint doch die Schön- 
heit in dem süssen Schmuck, den die Wahfheit verleiht! 

Zeile 13 n. 14: Und so mit Euch, schöner und lieblicher 
Jüngling! Wenn Eure Schönheit einst schwindet, wird n^eine 
Dichtung eilist Zeugnis von Eurer Wahrheit geben (my verse 
distils your tnuth). 

Ebenso lobt der Dichter Schönheit und Wahrheit an 
einer Persönlichkeit in Sonett 105, dieses Mal unter Hijizu- 
fügung von Güte: 

Zeile 13 u. 14: Schönheit^ Güte und Wahrheit haben schon 
oft allein bestanden, aber bis jetzt sind diese drei Tugenden noch 
nie in einer Persönlichkeit vereinigt gewesen. 

Beweiskräftiger ist im Anthem des „Phönix" die darin 
geschilderte Zweieinigkeit. Dies ist ein so eigentl^üm- 
licher, auf der individuellen Anschauung eines einzelnen 
Menschen beruhender Gedanke, dass, wenn er sich an 
andern Stellen nachweisen lässt, mit einer gewissen Sicher- 
heit darauf geschlossen werden kann, dass alle (}iese 
Stellen von demselben Verfasser herrühren. 

Im Anthem und Threnos wird geschildert, dass die 
Phönixhenne und der Turteltäuberich einander in ver- 
mählter Keuschheit so geliebt hätten, dass ihre zwei 
Wesen in eins verschmolzen, dass der Begriff Zahl sich 
verwischte und man nie wissen konnte, ob man das eine 
oder das andere Wesen vor sich habe. 

Auf Menschen übertragen haben wir diesen Gedanken 
schon kennen gelernt (Mids. III, 2,212): 

Helene hat mit Hernia so gelebt, als hätten sie zwei Körper, 
aber nur ein Herz, oder als wären sie zwei Wappenschilde unter 
einer Zimier. (Vergl. Seite 118.) 

Wichtiger aber und ausschlaggebend für unsere Aus- 
führungen ist die Stelle (Lukretia 54 — 79): 

Schönheit und Tugend wetteifern miteinander, einen Schild 
(liukretia's Antlitz) mit ihren Farben au belegen. Da laie aber 



— 174 — 

beide dieselben Farben weiss und rot führen, so weiss man nicht, 
ob man Schönheit und Tugend beide, oder eine von beiden vor 
sich hat, wenn Lukretia errötet oder erbleicht. (Vergl. Seite 111. 112.) 

Man erkennt dieselbe Denkweise und dieselbe Spitz- 
findigkeit wie im Anthem des Phönix. 

Auch die Ähnlichkeit in der Wahl einzelner Worte 
ist auffallend. Man vergleiche Lucr. 73: 

Von der Farbe einer Jeden war die Andere Königin 
(Of either^s colour was the other queen) 

mit Phon. 31 : 

Zwischen dem Turteltäuberich und seiner Königin 
(*Twvxt the turtle and his queen) 

und der Ähnlichkeit im Tonfall wegen, mit Phon. 36: 

Ein Jeder war das Meine des andern 
(Either was the other^a mine). 

Ferner Lucr. 34: 

Wenn die Tugend sich br listete {W?ien virttie bragg^d) 

mit Phön. 64: 

„Schönheit sich brüstete" (Beauty brag). 

Wenn Shakespeare nicht den Phönix geschrieben hat, 
so müsste er in Lukretia von dem Verfasser desselben 
entlehnt haben, oder letzterer von ersterem. 

Hieraus wird man auch auf die Entstehungszeit des 
Phönix schliessen können, denn nach der Übereinstimmung 
in dem Gedanken der Zweieinigkeit zu urteilen, dürfte er 
ziemlich gleichzeitig mit obiger Stelle der Lukretia nieder- 
geschrieben sein. Lukretia erschien 1594 und dürfte 1593 
begonnen worden sein, in welches Jahr ungefähr die Ent- 
stehung des Phönix gelegt werden könnte. Der „Phönix" 
steht seinem Gedankenzuge nach der lyrischen Muse 
Shakespeare's näher, als seiner dramatischen. 

Im Jahre 1593 sind geschichtliche Vorgänge zu ver- 
zeichnen, welche auf die Denk- und Schreibweise Shake- 
speare's nicht ohne Einfluss geblieben sein können. Am 
29. Mai war ein John Penry in aller Stille revolutionärer 
Umtriebe wegen hingerichtet worden. Er war Urheber 



— 175 — 

und Seele eines Federkrieges gewesen, der länger als vier 
Jahre hindurch ganz England in Spannung und Atem ge- 
halten hatte. Akademisch gebildet, seit 1586 Magister 
der schönen Künste in Oxford, hatte er seit 1588 unter 
dem angenoipmenen Namen Martin Marprelate Flugschriften 
verfasst, im Geheimen drucken und im ganzen Lande ver- 
breiten lassen, in denen die Untauglichkeit und Laster- 
haftigkeit der hohen Geistlichen schonungslos aufge4eckt 
und besonders auf Abschaffung der bischöflichen Würde 
hingearbeitet wurde. Diese Schriften erregten einen S^urm 
der Entrüstung auf Seite derjenigen, die es mit den Bischöfen 
hielten. Erwiderungen und Q egenerwiderungen folgten 
einander Schlag auf Schlag mit stetig zunehmender Heftig- 
keit. Für und wider wurde Partei genommen, die Genjüter 
erhitzten sich immer mehr und die Aufregung — das 
Marprelate- oder Martinisten-Fieber — hatte bei Beginn 
des Jahres 1593 eine solche Höhe erreicht, dass sich die 
Regierung kurzer Hand entschloss, dem Urheber des 
Streites, den man nach langem Suchen endlich in Penry's 
Person entdeckt zu haben scheint, den Prozess zu machen. 
Aber um das Feuer nicht noch mehr zu schüren, war in 
den gerichtlichen Verhandlungen nur von revolutionären 
Umtrieben, nicht von Aufreizung gegen die Geistlichkeit 
die Rede gewesen. Aus demselben Grunde war auch die 
Öffentlichkeit von der Hinrichtung Penry's ausgeschlossen 
worden. 

Thomas Nash und John Lilly beteiligten sich unter 
vielen anderen an den Streitschriften für die Bischöfe, 
aber ein Einblick in eines ihrer Machwerke ist wenig 
erfreulich; es lässt sich kaum anders bezeichnen, als ein 
rohes Gescheite auf die beiden Martins. *) Gabriel Harvey 
kritisiert dieses Verfahren mit Recht als nutzlos, gfchilt 
aber selbst in gleicher Weise auf die Verfassen Nur mit 

1) Die Streitschriften gegen die Geistlichkeit waren unter- 
zeichnet mit: Martin Marprelate der Ältere und der Jüngere, ohne 
dass man lange Zeit wusste, welche Person oder welche Personen 
sich unter diesen angenommenen Namen verbargen. 



— 176 — 

deren Gedanken, dass Martin an den Galgen gehöre und 
dereinst gehängt werden würde, ist er einverstanden. 

Durch Penry's Tod wurde den Martinisten ihre Haupt- 
kraft entzogen. Der Streit kam zur Buhe, das sogenannte 
Marprelaten- oder Martinisten-Fieber erlosch. 

Auch literarische Zwistigkeiten bewegten die Gemüter 
der englischen Dichter und Schriftsteller im Jahre 1593, 
die, soweit sie Bezug auf meine weiteren Ausführungen 
haben, hier kurz zu erwähnen sind. 

Eine Anzahl akademisch gebildeter Männer unter der 
Führung von Gabriel Harvey hielt dafür, dass das Englische, 
wie es damals gesprochen wurde, sich nicht zu eleganter 
dichterischer Ausdrucksweise eigene — wie solches ja 
auch noch 150 Jahre später von unserer deutschen Sprache 
geglaubt wurde — . Mit der Pedanterie sich überhebender, 
selbst durchdrungener Gelehrsamkeit wurde die Schön- 
heit des Ausdrucks allein in sklavischer Nachahmung der 
Formen und Versmasse lateinischer und griechischer 
Schriftsteller gesucht; höchstens die Nachbildung einiger 
weniger altfranzösicher, spanischer und italienischer Dichter 
fand noch Gnade vor Harvey's Augen. Nur antiquisierende 
Dichtformen galten den seiner Führung folgenden Männern 
als schön. Sie schrieben viel in lateinischer Sprache, und 
wenn sie sich ihrer Muttersprache bedienten, so zwängten 
sie sie in die alten Formen, oder untermischten sie der- 
artig mit lateinischen und griechischen Oitaten, mytholo- 
gischen Erzählungen und Vergleichen, dass jedes Ver- 
ständnis erschwert wurde und sie für den heutigen 
Geschmack vollständig ungeniessbar sind. 

Der Merkwürdigkeit wegen seien einige Hexameter 
hier angeführt, die von dem Areopag der englischen 
Litteratur — für solchen hielten sich jene Männer — 
gebilligt wurden. 

G. Harvey schrieb : 

Who but thou ihe renoitme of JFVincß and Prineelp Paeta 
oder: Thrice happi/ Daphne: that twrned w(m to the Bay Tree 
oder: TrUBt me, not one more loyall eervcmt hngea io thif FerBonage* 



— 177 — 
Ferner aus einer Übersetzung Vergils von Stonihorst: 

Then did he mcüce heaoens vault io rebounde mth nounce robbk hobble 
Of rufft, raffe, ronring irith thwidc thwack thurlery boundng. 

Auch eine Probe aus G. Harvey's Prosa dürfte 
interessieren: 

But Petrack's verse (sc: was) a fine loouer, that learneth of 
Mercury to exercise bis fairest giftes in a faire subiect: and 
teacheth Wit to be inamored upon Beautye: as Quicksiluer 
embrasetb gold, or as vertue affecteth honour; or as Astronomy 
gazetb upon beaven; to make Arte more excellent by contemplation 
of excellentest Nature. 

Übersetzung. Aber Petrarkas Vers war ein feiner Geliebter, 
der von Merkur lernt, seine schönsten Gaben auf schönste Gegen- 
stände zu verwenden; und das Talent lehrt, sich in Schönheit zu 
verlieben: wie Quecksilber Gold umarmt, oder Tugend die Ehre 
beeinflusst; oder wie Astronomie den Himmel betrachtet, um Kunst 
durch Beobachtung vortreßf liebster Natur noch vortrefflicher zu 
machen. 

Eine Dichtung G. Harvey's „Sonett Gorgone" betitelt, 
werden wir noch kennen lernen. 

Er schrieb multa, nicht multum, hatte aber dessen- 
ungeachtet seit 1570, also über 20 Jahre, solchen Einfluss auf 
die englische Literatur geübt, dass selbstein wirklicher Dichter, 
Edmund Spenser, nicht nur guter Freund von ihm blieb 
— das liesse sich ja anderweitig erklären — sondern auch, 
wie wir später sehen werden, zeitweise zu seiner Fahne 
schwören konnte. Auch Thomas Nash war in Berührung mit 
G. Harvey gekommen, sehr zu des letzteren Nachteil. 
Anfangs gut Freund mit ihm — denn G. Harvey nannte 
ihn noch 1592 „einen ausgesprochenen Musensohn — one 
of the professed sonnes of the Muses^ — nahm er es mit 
Recht übel, dass Harvey den verstorbenen Dichter Robert 
Greene über den Tod hinaus mit gehässiger Feder ver- 
folgte. Nash's Tadel machte den selbstdurchdrungenen 
Pedanten wütend und daraus entstand ein literarischer 
Krieg zwischen den beiden, welcher sich mit steigender 
Gehässigkeit eine Reihe von Jahren hinzog, bis er öffentr 

liehen Anstoss erregte und es Beiden verboten wurde, 

12 



— 178 — 

weiter gegeneinander zu schreiben. Th. Nash entstammte 
einer alten Familie aus Herefordshire. Leider wurde sein 
nicht unbedeutendes Schriftstellertalent beeinträchtigt durch 
stete Unzufriedenheit mit seinem Loose und Neid gegen 
solche, denen es besser glückte, als ihm selbst. Er führte 
eine zu scharfe Feder und verspritzte zu viel Galle damit, 
als dass er dauernde Bedeutung in der Literatur erringen 
konnte. Dennoch hatte auch er eine grosse Gefolgschaft, 
die von Harvey „Oargantua Club" genannt wurde. (Mit 
der Bezeichnung Oargantuists, Oargantua Club, Oargantua 
minds spricht dieser von den Dichtern und Schriftstellern, 
die seine die englische Sprache „tyrannisierenden" Regeln 
nicht befolgten, sondern „keusch" und wahr", d. h. ohne 
antiquisierende Künsteleien in unverfälschtem Englisch 
schrieben.) 

Ein bedeutender Dichter, welcher sich durch die anti- 
quisieronden Vorschriften G. Harvey's und seiner Folg- 
schaft, so wie durch den Widerstand von Nash, Greene 
u. a. m. gegen den von ihm zur Geltung gebrachten 
Blankvers nicht hatte beirren lassen — Christopher 
Marlowe — war am 1. Juni 1593 ermordet worden (bei 
einem Gelage in Deptford erdolcht). Sidney Lee schildert 
seine Bedeutung für die damalige Literatur in treffenden 
Worten. Hier ein Teil derselben in Übersetzung: 

„Obgleich der Reim von den früheren Dramatikern 
„hauptsächlich begünstigt wurde, so war doch seit der 
„.Aufführung von „Gerboduc" 1562 der Blankvers schon 
„etliche Male auf die Bühne gebracht worden, aber Marlowe 
„erst hauchte ihm eine neue Fähigkeit ein und befreite ihn 
„von den mechanischen Hemmnissen, die seine dichterische 
„Wirkung verdunkelten. In seiner Hand wurde der Sinn 
„nicht am Ende jeder Zeile unterbrochen, die Pausen und 
„die Kraft der Accente wurden nach Bedarf gewechselt 
„und das Versmass zeigte sich zum ersten Male fähig, 
„sich den verschiedenen Phasen menschlicher Gefühle an- 
„passen zu können. Die Neuigkeit dieses metrischen 
„yersuchs charakterisierte den „Tamerlan"." 



— 179 — 

Marlowe befreite hierdurch die englische Sprache von 
den Tyrannisier ungen, die engherzige, verknöcherte Pedanten 
an ihr ausübten; er machte sie „schön und wahr" und 
wurde besonders in Bezug auf den Blankvers Shake^eare's 
Vorbild. 

Im Herbst und Winter 1592/93 hatte die Pest in 
London arg gewütet und den Schriftsteller Greene dahin- 
gerafft, dessen kurz vor seinem Tode geschriebenes Buch 
„Für einen Groschen Witz (Verstand) erkauft für eine 
Million von Reue", von Chettle herausgegeben 1592, eine 
Stelle enthält, die zuerst als früheste Anspielung eines 
Zeitgenossen auf Shakespeare erkannt wurde. 

Auf den Theatern hatte Marlowe's „Tamerlan" durch 
3—4 Jahre eine grosse Zugkraft ausgeübt und im Jahre 
1592 (wol vor Ausbruch der Pest) scheint Shakespeare's 
Heinrich VI. (3. Teil) grossen Erfolg gehabt zu haben. 



Das Gedicht selbst» 
Englischer Text — Wörtliche Übersetzung. 

1. Let Ihe bird of loudest lay 
On the sole Arabian tree 
Herald sad and trumpet be 
To whose sound chaste wings obey. 

1. Lass den Vogel mit lautestem Sänge 
Auf dem einsamen Arabischen Baume 
Trauerherold und Trompete sein, 

Deren Klange keusche Geflügel Folge leisten. 

2. But thou shrieking harbinger, [5 
Foul pre-currer of the flend, 

Augur of the fever's end, 

To this troop come thou not near. 

2. Aber du kreischender Vorbote, [6 

Fauler Vorläufer des Teufels, 
Vorherverkünder des Endes des Fiebers, 
Komm du dieser kleinen Schaar nicht nahe.. 

12* 



— 180 — 

3. From this Session mterdict 

Every fowl of tyrant wing, [10 

Save the eagle feather*d King: 
Keep the obsequy so strict. 

3. Von dieser Sitzung sei ausgeschlossen 

Jeder Vogel mit tyrannischem Fluge. [10 

Ausgenommen der Adler, der gefiederte König: 
Haltet das Leichengefolge so strenge. 

4. Let the priest in surplice white, 
That defunctive music can, 

Be the death-di^ining swan, [15 

Lest the requiem lack his right. 

4. Priester in weissem Ornate, 

Der sich auf Trauermusik versteht, 

Sei der den Tod voraus ahnende Schwan, [15 

Sonst entbehrt das Requiem seines Rechts. 

5. And thou, treble-dated crow 
That thy sable gendre mak'st 

With the breath thou giv'st and tak'st 

'Mongst our moumers shalt thou go. [20 

6. Und du Krähe mit dreifachem Alter, 

Die du deine schwarze Nachkommenschaft machst 

Mit dem Hauche, den du giebst und nimmst, 

Du solltest zwischen unsern Trauernden gehen. [20 

6. Here the anthem doth commence 
Love*) and constancy is dead; 
Phoenix and the turtle fled 
In a mutual ilame from hence. 

6. Hier beginnt das Anthem: 
Liebe und Beständigkeit ist todtt 
Phönix und Turteltaube flohen 

In gemeinsamer Flamme von hinnen. 

7. So they lov'd as love in twain [25 
Had the essence but in one; 

Two distincts, division none, 
Number there in love was slain. 

7. Sie liebten so, wie Liebe in Zwillingen [25 

Das Wesen von nur in einem hatte; 
Zwei Grössen, keine Teüung, 
Zahl wurde da in Liebe erschlagen. 



^) Love bedeutet hier wol „Liebe*', kann &ber an den folgenden Stellen aach 
,,da8 Dichten* bedeuten. 



— 181 — 

8. Hearts remote, yet not asunder 

Distance, and no Space was seen [30 

Twixt the tnrüe and his queen: 
But in theni it was a wonder. 

8. Getrennte Herzen, aber nicht auseinander, 
Entfernung, aber kein Baum zu sehen [30 
Zwischen dem Turteltäuberich und seiner Königin: 
Aber bei ihnen war es ein Wunder. 

9. So between them love did shine, 
That the turtle saw his right 

Fläming in the Phoenix' sight: [36 

Either was the other's mine. 

9. Liebe durchschien sie so, 

Dass der Turteltäuberich sah sein Recht 

Flammend in den Augen der Phönixhenne: [35 

Jeder war das «Meine" des andern. 



n' 



10. Property was thus appall'd 
That the seif was not the same, 
Single nature's double name 
Neither two nor one was call'd. [40 

10. Eigennatur war so in Erstaunen gesetzt, 
Dass das eigene Selbst nicht dasselbe war; 
Der Doppelname eines einzelnen Wesens 

War weder zwei noch eins genannt. [40 

11. Beason in it seif confounded 
Saw division grow together; 

To themselves yet either neither. 
Simple 1) were so well compounded, 

11. Vernunft, an sich selbst irre gemacht, 
Sah Trennung zusammen wachsen; 
Ihnen selbst indessen waren Ob, Ob nicht 
Einfache Dinge so gut durcheinander gemischt, 

12. That it cry'd, how true a twain [45 
Seemeth this concordant one! 

Love hath reason, reason none 
If what parts can so remain. 

12. Dass sie ausrief: wie ein wahrer Zwilling [45 

Erscheint doch dieses harmonische Eine! 
Liebe hat Vernunft, keine Vernunft 
Wenn das, was trennt, so bleiben kann. 



^) Hinter Simple ist „onee** zu ergänsen. 



— 182 — 

13. Whereupon it made this threne 

To the Phoenix and the Dove, [50 

Co-supremes and stars of love, 
As Chorus to thelr tragic scene: 

13. Worauf sie diesen Threnos machte 

Dem Phönix und der Turteltauhe, [50 

Wenn vereint, den höchsten und Leitsternen der Liebe 
Als Chor zu ihrer tragischen Scene: 

Threnos. 

14* Beauty, truth and raril^y, 
Grace in all simplicity 
Here inclos'd in cinders lie. [55 

14. Schönheit, Wahrheit, Seltenheit, 
Anmut in aller Einfachheit 

Liegen hier in Asche eingeschlossen. [55 

15. Death is now the phoenix' nest: 
And the turtle's loyal breast 

To etemity doth rest. 

15. Todt ist jetzt das Nest des Phönix: 
Und die treue Brust der Taube 
Buht bis in Ewigkeit. 

16. Leaving no posterity 

'Twas not their inflrmity [60 

It was married chastily. 

16. Keine Nachkommenschaft hinterlassend: 

Es war nicht ihre Schwäche, [60 

Es war yermählte Keuschheit. 

17. Truth may seem, but cannot be; 
Beauty brag, but 't is not she; 
Truth and beauty buried be. 

17. Wahrheit mag scheinen, aber kann nicht sein, 
Schönheit sich brüsten, aber es ist nicht sie selbt; 
Wahrheit und Schönheit sind begraben. 

18. To this urn let those repair [65 
That are either true or fair; 

For these dead birds sigh a prayer. 

18. Lass diejenigen an dieser Urne erscheinen, [65 

Die entweder wahr oder schön sind. 
Und um diese todten Vögel ein Gebet seufzen. 



— 183 — 

Einleitendes zur Erklärung des Gedichts. 

Die Richtigstellung und Erklärung der Texte in , 
den dramatischen Werken Shakespeare's hat die Fach- 
gelehrten so in Anspruch genommen, dass bisher, soweit 
ich weiss, von keinem derselben ein ernsthafter Versuch 
gemacht worden ist, die Eätsel, welche das vorliegende 
Machwerk des grossen Britten enthält, zu lösen. „Es 
schiene sich um den Tod eines alten kinderlosen Ehe- 
paares zu handeln" — „Shakespeare wisse wol selbst 
nicht recht, was er geschrieben habe" o. d. m. waren die 
kurzen Bemerkungen, mit denen es abgefertigt wurde, falls 
man es nicht ganz und gar mit Stillschweigen überging. 

Sidney Lee, einer der neusten englischen Biographen 
Shakespeare's schrieb darüber: 

„Das Gedicht mag lediglich ein Spiel der Phantasie 
„ohne verborgene Absicht sein, oder es mag allegorische 
„Zwecke verfolgen, aber es lässt sich nicht leicht ent- 
„scheiden, ob es sich auf schwebende kirchliche, politische 
„oder metaphysische Streitfragen bezieht, oder ob es 
„volkstümlichen Kummer über den Tod führender Geister 
„in der Gesellschaft seiner Zeitgenossen ausdrücken soll."*) 

Alexander Grosart bezieht den „Phönix" auf das 
Elisabeth -Essex -Verhältnis. Warum ich dieser Ansicht 
nicht beipflichten kann, habe ich oben S. 168 auseinander- 
gesetzt. Übrigens bekennt er selbst in seiner Vorrede: 
„Ich kann nicht sagen, dass ich Alles klar durchschaue; 
„ich kann Vers 5 nicht ganz verstehen; aber das ist ein 
„reiner Zufall des Gedichts." 2) 

Als ich dasselbe im Jahre 1894 übersetzen wollte, 
ging es mir, wie allen denen, die sich vorher damit be^ 
schäftigt hatten, ich verstand den inneren Sinn nicht, 
begnügte mich mit Übersetzung der Worte und riet auf 
gut Glück, dass es sich auf den Bruch Shakespeare's mit 
seinem Freunde, den man aus den Sonetten herauslesen 



^) IJbersetzung des Verfassers. 
^ Desgleichen. 



— 184 — 

konnte, beziehen möge. Einige Verse wurden dadurch 
verständlich, andere blieben aber eben so dunkel wie bisher. 

Wenn das Gedicht von Shakespeare geschrieben war, 
so musste es — das ist meine Überzeugung — eine be- 
stimmte Bedeutung haben und die einzelnen Verse in 
Zusammenhang miteinander stehen. 

So kam ich auf den Gedanken, die Vögel des Gedichts 
vom heraldischen Standpunkt aus zu betrachten und fand, 
dass die Spencer oder Spenser drei Adler, die Nash drei 
Rabenköpfe im Wappen führten, und dass die Taube als 
Symbol der Wahrheit im Wappen der Buchhändler-Innung 
vorkam. Diesen Spuren folgend, fand ich die Möglichkeit 
einer Erklärung des Gedichts, die in den wesentlichsten 
Punkten die Zustimmung eines hervorragenden Anglisten 
— einer Autorität in seinem Fache — gefunden hat. 
Man gelangt zu derselben, wenn man dem Gedichte 
gleichzeitig von verschiedenen Seiten näher tritt. Es 
muss als ein Ganzes aufgefasst werden. Heraldik, Wort- 
erklärungen, Vergleichungen der Gedichtszeilen unter- 
einander, mit andern Shakespearestellen, so wie mit 
Äusserungen zeitgenössischer Dichter und Schriftsteller 
scheinen eine Lösung der Rätsel zu ergeben, die mit ge- 
schichtlichen Thatsachen in Übereinstimmung gebracht 
werden kann. 

Alte Phönixsagen. 

Ursprünglich war der Phönix das Sinnbild des Endes 
und Neuanfangs einer sehr langen Zeitperiode. Nach 
Hesiod (900 v. Chr.) betrug diese Periode 29160 oder 
34992 Jahre, je nachdem das Durchschnittsmenschenalter 
auf 30 oder auf 36 Jahre berechnet wird.^) 

Plutarch (50 n. Chr.) macht Gebrauch von Hesiod's 
Erzählung, indem er die Nymphen sprechen lässt: 

„Neun Menschengeschlechter der blühenden Männer 
„lebt die geschwätzige Krähe. — Der Hirsch aber viermal 
„so lang als die Krähe. Drei Hirschenalter erlebt der 



1) Siehe Annu zu Seite 164. 



— '1S6 — 

„Rabe, aber neun Raben alter der Phönix: zehn Phönix- 
kalter erleben wir schöngelockten Nymphen, Töchter des 
„Aegis haltenden Zeus." 

Es ist dieses wol die älteste Nachricht, die des 
Phönix' erwähnt. Sie entstammt einem uralten Sonnen- 
kalender, der wahrscheinlich dereinst weithin zwischen 
Babylon und Ägypten galt und die Namen der Krähe, 
des Hirsches, des Raben und des Phönix als grosse 
Sonnenjahre bezeichnet. 

Die Dauer einer Phönixperiode wird bei den ver- 
schiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten verschieden 
angegeben. Sie verringert sich von der fabelhaften Dauer, 
die Hesiod erwähnt, bis auf ein Sonnenjahr. NachHerodot 
(484 — 408 V. Chr.) erscheint der neu verjüngte, rot und 
goldene Phönix alle 500 Jahre in . Heliopolis. 

Bei den Ägyptern war er das Symbol der Sonne, als 
Hieroglyphe diente er dazu, um die lange auf Erden zu- 
bringende Seele, oder die Überschwemmung des Nils, oder 
einen aus der Fremde Zurückgekehrten darzustellen; die 
Phönizier bezogen ihn auf den Seemann, der sich auf 
lange Meerfahrten begiebt. 

Nach griechischer Sage war der Phönix männlichen 
Geschlechts, seine Frau war Alphedboea (Hirschkuh). 

Philostrat (2. bis 3. Jahrb. n. Chr.) schreibt: Die Inder 
erzählen, dass der Phönix aus Strahlen hervorgehe und 
wie Gold glänze; sein aus Gewürzen gebautes Nest steht 
an den Nilquellen und, wenn er, um neu geboren zu werden, 
in dem Neste vergehe, singe er sich selbst sein Sterbelied. 
— Dieser Anklang an die Schwanensage ist erklärlich, 
da der Schwan der Vogel des Sonnengottes war und 
ihm auch ein Alter von 100—300 Jahren zugeschrieben 
wurde. 

Nach jüdischen Sagen ist der Phönix der Vogel der 
Unsterblichkeit — der unsterblichen Wahrheit. 

Hier möchte ich die Entstehung des schon oben S. 164 
angeführten Zusammenhangs der Sagen von Phönix und 
Taube suchen. 



— 1Ö6 -^ 

Bin Phönix am Fusse des Kreuzes, so, wie er auf 
Bildwirken der alten christlichen Kunst gesehen wird, 
drückt aus, dass Christus in seinem Leiden vernichtet, 
glorreich von den Todten auferstanden ist. 

Lucius Caelius {Caecüius Firmiantds Lactantius um 
330 n.Chr.) dichtet vom Phönix*) (tibersetzt von Schaffer): 

„Gegen den Aufgang der wiedergeborenen Sonne sich wendend, 
„Harrt er des blitzenden Strahrs und des verkündenden Lichts; 
„Ist die Sonne sodann durch die glänzenden Pforten gezogen, 
„Und in blendendes Licht gleichsam gebadet die Luft, 
„Stimmt er an den Gesang von wunderbar tönenden Liedern, 
„Um mit geheiligtem Ruf fromm zu begriissen den Tag. 
„Weder der Nachtigall Laut wird jemals bezaubernder klingen, 
„Noch des Delphischen Hains festliche Flotenmusik; 
„Selbst der Gesang des sterbenden Schwans wirdnimmer ihm gleichen 
„Noch die Lyra Merkur's, wie sie Cyllene vernimmt! — 
„Lenkt die Sonne dann höher hinauf die Rosse des Wagens, 
„Zeigt im steileren Lauf ganz sie den feurigen Kreis, 
„So regt dreimal die Schwingen zum Zeichen der Freude der Phönix, 
„Grüssend das strahlende Haupt dreimal, worauf er verstummt." 

Die Sage vom Phönix bezw. von einem Vogel, der 
vergeht und immer wieder neuverjüngt zur Erde zurück- 
kehrt, findet sich bei fast allen Völkern des Altertums. 
Die Talmudisten nannten ihn Chol oder Milcham, im 
Panschatantra heisst er Garudha, bei den Persern 
Atesch = Licht und in Philä (nach Strabo 25 n. Chr.) 
Hierax u. s. w. u. s. w. 

Von besonderem Interesse für meine Ausführungen 
ist folgende Sage, weil sie noch im Mittelalter bestand, 
wahrscheinlich Shakespeare bekannt gewesen ist, und 
dann als ausreichende Begründung dafür angeführt werden 
kann, dass er den Phönix weiblich auffasste (vergl. 
S. Vulpius Kuriositäten oder S. Büsching Erzählungen 
des Mittelalters): 

„Nicht mehr als ihrer drei dieses Vogelgeschlechtes 
„können auf einmal geboren werden. Das Weibchen legt 

1) Carmen de ave Phoenice, Das Gedicht fasst den Vogel weih- 
lich auf; doch sagt Zeile 163: „Sei er dem Geschlechte nach Frau, 
Mann oder Neutrum — Femina seu sexu aeu mas est, aiue tieUfrwm/ 



— 187 — 

-„drei Eier, ohne mit dem Männchen Gemeinschaft gehabt 
-„zu haben. ^) Diese Eier sind so ausserordentlich kalt, 
„dass nur die Mutter dieselben berühren kann und sie 
^selbst wird so kalt, dass sie nicht zu berühren ist. Hat 
„sie nun Prost genug geduldet, so fliegt sie in's Thal 
„Hebron, wo sie den Stein Pirasiste findet, der von un- 
„endlicher Hitze ist. Wer ihn berührt, wird von der Hitze 
„sogleich rot wie Blut. Die Mutter aber glaubt, die Hitze 
„sei noch nicht gross genug und fliegt mit ihm zu Neste. 
„Aber da hat schon die Hitze ihren Körper durchbrannt; 
„sie weiss, auch die Eier würden anbrennen, käme den- 
„selben der Stein zu nahe; daher legt sie ihn nur fern, 
„aber er brütet dennoch die Eier aus. Die Mutter aber 
„verbrennt und es bleibt nur einige Asche und zähe, 
„nährende Teile des Körpers zurück. Aus den Eiern ent- 
^stehen zwei männliche Vögel und ein weiblicher, die sich 
„so lange, bis sie zu Kräften gekommen sind, von der 
„Asche der Mutter nähren; dann essen sie nie wieder. 
„Die beiden Männchen sind stolz und jedes will das 
„Weibchen haben und beherrschen. Es kömmt darüber 
„zum Kampf. Beide bleiben todt und nur das Weibchen, 
„Serpellions genannt, bleibt zurück, um dereinst sich wieder 
„auf gleiche Weise fortzupflanzen und zu zerstören." 

Heraldische Bemerkungen. 

„Der Phönix — PAoewir" — , dargestellt als ein Vogel 
mit offenem Flug aus Flammen (oder brennendem Holz- 
stoss) wachsend, ist in der Heraldik das Sinnbild der sich 
immer neuverjüngenden Schönheit. Als Wappenzeichen 
kommt er nicht oft vor; als Zimier führten ihn die Earls 
of Kämorey mit dem Motto: „nunc aut nunquam"^ die 
EarU of Bosslin mit dem Motto: „rinasce piu glorioso" und 
in Deutschland die Fürsten Hohenlohe, deren Phönix 
jedoch inzwischen zur Taube geworden ist. 



>) Vergl. married chantity — yermälilte Keuschheit — in Zeile 61 
des Gedichts. 



— 188 — 

Abgebrannte Städte und Klöster pflegten beim Wiedei> 
aufbau einen Phönix als Beizeichen in ihr Wappen mit- 
aufzunehmen. 

An der Front der St. Paulskirche in London be- 
findet sich ein Phönix mit dem Motto: „Eesurgam*^. 

Auch auf Denkmünzen ist der Phönix zu finden. 
Kaiser Hadrian (117—138 n. Chr.) liess eine solche zu 
Ehren des Trajan schlagen. 

Desgleichen befindet sich ein Phönix auf einer 
Denkmünze zu Ehren der Königin Elisabeth von 
England als Sinnbild ihrer Schönheit und Keuschheit. 

„Die Taube, Turteltaube'' — englisch dove-turtle — 
turtle- dove — galt schon bei einigen Völkern des Alter- 
tums als heiliger Vogel (vergl. S. 185). Im Christentum 
wurde sie Sinnbild des heiligen Geistes. — Ovid {Amores 11,6) 
besingt das Begräbnis eines Papageis und nennt die Turtel- 
taube „seine Freundin, für's ganze Leben in Eintracht und 
mit langer andauernder Treue zu ihm haltend." ") Sie 
wurde dann Sinnbild der ehelichen Treue und in der 
Heraldik Symbol wahrhaftiger Freundschaft und Treue 
bis zum Tode, auch der sich nicht beirren lassenden Wahr- 
heit. Als solches wurde die Taube in das Wappen 
der 1556 mit Korporationsrechten ausgestatteten 
B uchhändler-Ge sei Ischaft (Ätofioner's Company) gesetzt. 
Diese führte: auf blauem Schild verschiedene Zeichen 
(darunter drei aufgeschlagene Bibeln); vom oberen Schild- 



^) Marlowe übersetzt diese Stelle: 

But most, thou friendly turtle-dove, deplore. 
Pull concord all your lives was you betwixt, 
And to the end your constant faith. stood fixt. 
What Pylades did to Orestes prove, 
Such to the parrot was the turtle-dove. 

Bei der Hochschätzung der Dichtungen Mario we's von Seiten 
Shakespeare's ist anzunehmen, dass Letzterer diese Übersetzung, 
die erst 1596 im Druck erschien, schon in der Handschrift gekannt 
hat, als er den „Phönix" schrieb. 



— M9 — 

rande, in den Schild hineinragend, eine halbkreisförmige, 
naturfarbene, von Wolken umwallte Sonnengloriole, belegt 
mit silberner Taube mit offenem Flug, deren Kopf ein- 
gefasst in silbernem Ringe. 

Die Darstellung (Schwarzdruck) dieser Taube in eng- 
lischen, altheraldischen Werken gleicht der des Phönix' 
so sehr, dass beide von einander schwer zu unterscheiden 
sind. Gloriole und flammender Holzstoss sind ganz ähn- 
lich, desgleichen die taubenartige Gestalt beider Vögel, 
der Unterschied ist nur, dass die Taube ganz über den 
Flammen zu sehen ist, während der Phönix mit dem 
Schwanzende noch darin steckt, und sein Kopf nicht mit 
einem Ringe eingefasst ist. 

Die Aufnahme der Taube neben den drei aufge- 
schlagenen Bibeln in das Wappen der Buchhändlergesell- 
schaft hat die heraldische Bedeutung, dass alle von dieser 
Korporation herauszugebenden Bücher den Standpunkt der 
Frömmigkeit und Wahrheit vertreten sollten. Da dieses 
Wappen Shakespeare nicht unbekannt geblieben sein dürfte, 
so spricht die heraldische Erwägung dafür, dass seine 
Turteltaube die Verkörperung eines auf literarischem 
Gebiete zu suchenden Begriffs vorstellen kann. 

„Trauriger Herold und Trompete" (Herald sad and 
trumpet) in Zeile 3 weisen darauf hin, dass das folgende 
Gedicht sich auf eine ernste Trauerfeier — Leichen- 
begängnis oder Todtenmesse — beziehen soll. Hierbei 
wurde nach Sitte jener Zeit der grösste heraldische Pomp 
entfaltet. Dazu gehörte, falls der Todte eine Persönlich- 
keit von grosser Bedeutung gewesen war, dass die Herolde 
(heralds) und ünterherolde {pursuivants) vor der Feier 
durch die Strassen zogen, mit ihren Trompetenstössen und 
mit ihrem „Oyez!" (=Hört!) zur Beteiligung aufforderten. 

Auf diese Sitte, die eine ganz besondere Ehrung des 
Todten bedeuten würde, mag angespielt sein, aber auch 
ohne solche Anspielung genügt das Wort „traurig" („sad")^ 
also die Bezeichnung „Trauerherold", um den ernsten 
Sinn des Gedichts anzudeuten. 



— 190 — 

Wenn Shakespeare Ovidii Ämores II, 6 gelesen hatte, 
ehe er den „Phönix" schrieb, was ich für sehr wahrschein- 
lich halte, so mag auch die Einführung der Trompete dem 
lateinischen Dichter nachgeahmt sein, welcher schrieb: 
Pro longa resonent carmina vestra „tuba".^) 

„Der Adler, gefiederter König" — eagle,feather'd King 
— (Zeile 11), kann sich, dem Wappen nach zu urteilen, 
auf den Dichter Edmund Spenser beziehen. Er rühmte 
sich seiner Verwandtschaft mit einem Sir John Spencer, 
der 1594 Lord Mayor von London war. Er schrieb: „th£ 
noble family, Of which I meanest boast to be — diese edle 
Familie, von der ich, ihr Geringster, mich rühme, abzu- 
stammen." Diese Spencer oder Spenser führten: In Silber 
drei schwarze Adler mit offenem Flug zwischen zwei 
schwarzen schmalen Querbalken. 

„Den Tod voraus ahnender Schwan" — Death 
divining Swan — (Zeile 16): Bei den alten Griechen war 
der Schwan der heilige Vogel des Phöbus (Apollo). Die 
Sage liess ihn ein herrliches Lied singen, wenn er seinen 
Tod herannahen fühlte. In Aegypten (nach HorapoUo, 
lebte 408—50 n. Chr.) war der Schwan das Sinnbild eines 
musikalischen Greises, der kurz vor seinem Tode den 
Gipfelpunkt seines musikalischen Könnens erreicht 
hatte. Später übertrug sich diese Bedeutung auf den Sänger, 
d. h. den Dichter und dessen Herzensreinheit bezw. 
Wahrheitsliebe — sincereness — , ursprünglich wol auch 
unter der Annahme, dass jeder Dichter kurz vor seinem 
Tode das Höchste in seiner Kunst leisten müsste. In 
dieser edlen emblematischen oder symbolischen Bedeutung 
war der Schwan zu Shakespeare's Zeiten in die Heraldik 
aufgenommen und galt als hochehrendes Zeichen, das nur 
von sehr wenigen Familien geführt wurde. 

Geffrey Whitney in seinem 1586 gedruckten Buche: 
A Choice of Emblems and other Devises — eine Auswahl 



*) Marlowe übersetzt: Fo7' long shrild trumpets let your notes 
resountL 



tt: 191 — 

von Emblemen und anderen bildlichen Darstellungen"') — 
widmet auf Seite 126 einem edlen und gelehrten Zeit- 
genossen ein Emblem, das in unverkennbarem Zusammen- 
hang mit der Heraldik steht. Unter dem Motto: „Insignia 
poetarum" befindet sich das 
sauber in Holzschnitt gefertigte 
Bild. Es zeigt im Hintergrunde 
ein von Rohr umwachsenes Ge- 
wässer, auf dem zwei Schwäne 
schwimmen, im Vordergrunde 
einen Baum; an einem Äste 
hängt der Schild in der ver- 
schnörkelten Form, wie sie in der 
Renaissaucezeit bei heraldischen 
Darstellungen beliebt wurde. 
Das Feld ohne Farbenangabe 
ist belegt mit einem weissen, 
voll ausgezeichneten Schwan. 
Darunter neben lateinischen Citaten aus Ovid u. s. w. 
ein Vers, der in Übersetzung lautet: 
Die Heerführer ziehen oft in's Feld, 

Ihre Schilde belp^ mit Ädlero, schrecklichen Greifen oder Drachen. ' 
Aber Dichter müssenden heiligen Vogel desPhäbiisführen(cow»i^n(I), 
Der, wie au« göttlicher Eingebung, mil seinem Gesänge sein Ende 

vorher anzeigt. 
Und wie sein Lied der Seltenheit wegen ergötzlieh klingt, 
80 sollten jene durch die Lieblichkeit ihrer Dichtungen einen 

immer währenden Namen erwerben, 
Und wie seine weisse Farbe auf Herzens Wahrheit deutet, 
So müssen auch die Dichter rein, lauter und von Sünden frei sein. 
Aus diesen Gründen muss der Schwan auf ihrer Fahne stehen, 
Der kein fremdländischer Vogel ist und der Sage nach Herrscher 
der Ligurischen Lande gewesen sein soll. 



1) Neu herausgegeben von Henrj' Green M. A. London 1806. 
Unter „Emblem" wird verstanden: die Vereinimg eines Motlo's, 
eines Bildes und eines erläuterndes Verses. Das Motto bildet den 
Vorwurf, das Bild die malerische oder zeichnerische — und der 
Vera die dichterische Behandlung desselben. 



— 192 — 

Der Schwan in Zeile 15 des Gedichts kann mithin 
einen Sänger oder Dichter bezeichnen sollen, welcher be- 
müht ist, die schlichte reine Wahrheit zu singen und sich 
auf der Höhe seiner Kunst befindet. 



„Dreifach als Krähe Gekennzeichneter" — treble 
dated crow — (Zeile 17) könnte sich — dem Wappen nach 
zu urteilen — auf den Schriftsteller Thomas Nash beziehen. 
Die Nash führten: In Blau zwischen drei 2. 1. gestellten, 
am Halse ausgerissenen silbernen Rabenköpfen einen 
silbernen Sparren, belegt in der Spitze mit schwarzer Kugel, 
auf den Schenkeln mit je zwei schwarzen Wiederkreuzen. 

Es lässt sich als sicher annehmen, dass Shakespeare 
dieses Wappen gekannt hat. Seine Enkeltochter Elisabet 
Hall heiratete einen Nash'), und zwei Träger dieses 
Namens, die nachweislich obiges Wappen führen durften, 
wurden von dem Dichter in seinem letzten Willen bedacht, 
nämlich ein Herr John Nash und ein wohlgeborener Herr 
Anthony Nash, beide Söhne eines 1587 gestorbenen wohl- 
geborenen Herrn Thomas Nash. Da der Schriftsteller 
Thomas Nash im Jahre 1593 bereits in weiteren, besonders 
literarischen Kreisen bekannt gewesen sein dürfte, so 
würde eine Anspielung auf ihn durch sein Wappen immer 
verstanden worden sein, auch wenn er selbst nicht zur 
Führung des letzteren berechtigt gewesen sein sollte, denn 
es lässt sich in jener Zeit für die Familie Nash nur dieses 
eine Wappen finden. Ob nun Thomas Nash mit den 
Stratforder Nash verwandt war oder ob er zu einem 
Zweige der Familie Nash gehörte, der kein Wappen führen 
durfte, habe ich nicht feststellen können. Letzteres 
scheint mir höchst unwahrscheinlich, denn er brüstet sich 
in seinen Schriften oft und gern des hohen Alters seiner 
Familie und seiner guten Herkunft.'') Für das Alter 



1) Vergl. Seite 35. 

2) Man merkt es ihm an verschiedenen Stellen an, dass er 
sich in dem Bewusstsein, von einer berühmten, alten Familie zu 
stammen, sehr erhaben über solche Sterbliche fühlte, die dieses 



— 193 — 

spricht der Name und das Wappen. Ersterer soll ent- 
standen sein aus „atten ashe" - „at the asW =- deutsch 
„an der Esche", was eine der ältesten Namen bildungen 
der englischen Sprache bedeutet und in letzterem befindet 
sieh ein „Sparren — chevron^^ ebenfalls eins der ältesten 
Zeichen, die in der Heraldik vorkommen. 

Das Urwappen der Nash war mit hoher Wahrschein- 
lichkeit: In Blau ein silberner Sparren, und dürfte zuerst 
von einem Manne geführt worden sein, der durch Wohnung, 
Besitztum oder Erwerbzweig mit Eschenwaldungen oder 
Eschenholz in irgend einer Beziehung gestanden haben 
mag — von dem mutmasslichen Urvater der zahlreichen 
Nash, die im 16. Jahrhundert im Süden Englands nach- 
gewiesen werden. Die drei Rabenköpfe und die Beleg- 
zeichen des Sparrens sind wol erst später als ehrende = 
(additions) oder als unterscheidende Beizeichen (distinctions) 
in's Wappen gekommen, wie ja solche Beizeichen von den 
Herolden den Wappen berechtigten verliehen wurden, welche 
das Eintragen in die Matrikeln nachsuchten und bezahlten. 
Das Wappen der Nash hatte diese Beizeichen schon zu, 
beziehungsweise vor Lebzeiten des Schriftstellers. (Vgl. 
Seite 35.) 

Der Schriftsteller Thomas Nash hat es selbst aus- 
gesprochen, dass ihm das Prädikat „Oent" hinter seinem 
Namen nicht zustände. ^ Er war nur Herr (Mr.) Th. Nash, 
aber sehr stolz auf seine alte Familie und sagte von sich 
unter andern: „meine Familie hat mehr Stammbaum als 
Vermögen" und: „ich kann die Existenz meiner Ahnen 
schon nachweisen zu einer Zeit, in der es noch gar keine 

Vorzugs nicht teilhaftig waren. Anspielungen auf Persönlichkeiten 

durch ihr Wappenzeichen ündet er ganz natürlich, z. B. in seinen 

«Merkwürdigen Nachrichten — Strange News"" — (erschienen im 

Februar 1593): „Man mag nicht von einem Hunde sprechen, sonst 

wird gleich die Vermutung ausgesprochen, dass man auf Jemand 

anspielt, der einen Hund im Wappen führt — Mm that giuest the 

dog in his Creat**, 

1) A. Grossarts Memorial Introduction to T. Nashua Works 

pag. XIV. 

13 



— 194 — 

Seiler^) in England gab". Sein Gegner G. Harvey höhnte: 
fftill maister Villany became an Autor; and Sir Nash a 
gentleman — bis die Gemeinheit in Person zum Schrift- 
steller und der hoch- und wohlgeborene Herr Nash zum 
wohlgebornen Herrn (Oentleman) wurde" — und an andrer 
Stelle: „Wenn du deine Herkunft mit Gewalt von dem 
«dien Blute der Könige Frankreichs, Chilperich und Chil- 
deberd, ableiten willst, was könnte mich dann veranlassen, 
über Stammbäume zu richten oder den hohen Adel in 
Frage zu stellen?" Diese Höhnungen waren zum Teil 
dadurch hervorgerufen, dass ein Drucker von Nash's 
Schriften einmal ohne seinen Willen auf dem Titel „OmV 
hinter seinen Namen gedruckt hatte. Aus diesen Vor- 
gängen erhellt die Thatsache, dass Thomas Nash von 
guter alter Familie stammte, deren Mitglieder wahrschein- 
lich sämtlich zur Führung des Wappens der Nash be- 
rechtigt waren und zwar durch Erbrecht. — Die Wieder- 
kreuze auf den Sparrenschenkeln lassen darauf schliessen, 
dass derjenige Nash, dem dieses Beizeichen verliehen 
wurde, sich irgendwie \m die christliche Eeligion verdient 
gemacht hatte. Des Schriftstellers Vater war Prediger in 
Lowestoft. 

Die heraldische Betrachtung von „Treile dated croiv" 
führt also auf zwei Vermutungen, die wahrscheinlich beide 
den Thatsachen entsprechen, aber eine von der andern 
bedingt sind, so dass sie leider für unsere Betrachtungen 
nur einen drculum vitiosum bilden, nämlich: „Wenn Nash 
drei Rabenköpfe im Wappen führen durfte, so erhöht sich 
die Wahrscheinlichkeit, dass Shakespeare an der frag- 
lichen Stelle auf ihn anspielt" und umgekehrt: „Wenn 
hier eine Anspielung auf Nash vorliegt, so ist darin ein 
Indicienbeweis dafür, dass er drei Raben- oder Krähen- 
köpfe im Wappen geführt hat". 

Zur heraldischen Betrachtung der in dem Gedichte 
vorkommenden Vögel gehört, was von ihnen in „A Dispky 

') G. Harvey's Vater war Seiler in Safron -Waiden. 



— 195 — 

of Heraldry by John Ouillim, late Pursuivant at Arms — 
eine Erklärung der Heraldik von John Guillim, früher 
ünterherold" — geschrieben wird. Auch dieses Buch wurde 
schon zu Shakespeare's Lebzeiten gedruckt; aber nur die 
vierte, 1660 erschienene Auflage desselben habe ich auf- 
treiben können. Darin steht zu lesen: 

Von der Eule, Seite 224: 

„Die Eule bedeutet in der Wappenkunde (Armory) 

„Wachsein und Wachsamkeit bei Nacht. Sie ist der Vogel 

„der Minerva und wurde von den alten Athenern geführt 

„ — born — ." 

Vom Raben, Seite 225: 

„Es ist eine von alter Zeit überkommene und (so ich 
„mich nicht irre) aus der heiligen Schrift begründete An- 
„sieht, dass dem Raben die Eigennatur — property — 
„anhaftet, dass er sich um seine Jungen, wenn sie aus- 
„gebrütet und aus dem Ei gekrochen — dischsed — sind, 
„so lange nicht kümmert, noch dieselben füttert, bis er 
„sieht, welche Farbe sie annehmen. Deshalb glaubt man, 
„dass sie in dieser Zeit vom himmlischen Thau ernährt 
„würden. Daniel (Ps. 147): „ — und füttert die jungen 
„Raben, die nach ihm rufen"." 

„Der Rabe ist von schwarzer Farbe, wird im Latei- 
„nischen corvvs oder corax genannt und kann nur den 
„einen Schrei oder Laut Kra, kra von sich geben. Wenn 
„er sieht, dass seine Jungen ebenso gefiedert werden, wie 
„er selbst, dann erst nimmt er sich ihrer wieder eifrigst 
„an und hegt und pflegt sie weiter." 

Von der Taube, Seite 227: 
„Und von diesen (nämlich Vögeln) glaube ich, dass 
„die Taube als das Wahrzeichen — emblem — des Friedens, 
„der gegenseitigen Liebe und anderer Tugenden den Vor- 
„zug — precedence — hat." 

Vom Phönix, Seite 431: 
Bei der Ansprache — blazon — des Wappens der 
Seymour Marqiiess and Ewrl of Hartford lautet es: 

18* 



— 196 — 

„und als Zimier: „aus einer Krone wachsend ein 
„Phönix [weiblich] sich — herseif — opfernd" (d. h. wie 
der Pelikan sich die Brust aufbeissend, um das heraus- 
strömende Blut als Nahrung darzubieten). 

Ob Shakespeare obige Stellen gekannt hat, lässt sich 
nicht feststellen. Der Anklang an die Rabensage') und 
die Bezeichnung des Phönix als Weibchen lassen es nicht 
für unmöglich erscheinen. 



Worterklärungen. 

Phoenix ist weiblich, turtle männlich, wie aus Zeile 31 
erhellt: turtle and his queen — Turteltaubenmännchen 
und seine Königin, und aus Zeile 34: the turtle saw his 
right — das Turteltaubenmännchen sah sein Eecht. 

Shakespeare kannte also wahrscheinlich die Sage des 
Mittelalters (vgl. Seite 187), die den Phönix ein Weibchen 
sein lässt und fasste die Turteltaube männlich auf, um auf 
das Bild „innigster Liebe" und „vermalter Keuschheit" 
(Zeile 61) zu kommen. 

Im Einklang mit diesen Worten ist beauty (Schönheit) 
weiblich, truth (Wahrheit) männlich zu denken, wie aus 
Zeile 63 hervorgeht: „Beauty hrag but His not she — 
Schönheit sich brüsten, aber es ist nicht sie", und aus 
Zeile 57: „turtle's loyal breast — loyale Brust". 

Beauty und Truth in Zeile 53 sind ästhetisch aufzu- 
fassen und bilden deutliche Parallelen zu phoenix und 
turtle — ein Hinweis des Dichters, welche Begriffe er 
durch „Phönix" und „Turteltaube" symbolisiert wissen 
will. Zeile 54 erklärt, dass auch „Anmut" und „Einfach- 
heit" — grace in all simplicity" — darunter zu ver- 
stehen sind. 

ShrieJcing harbinger — Kreischender Vorbote — 
Zeile 5, und death divining swan — Tod vorausahnender 



1) Schwarze Nachkommenschaft — Sable gmden\ 



— 197 — 

Schwan — Zeile 15, stehen in Gegensatz zu einander. 
Ersterer soll vom Feste wegbleiben, letzterer dabei die 
Todtenmesse lesen, die sonst nicht zu ihrem Rechte käme. 

Chaste wings — keusche Geflügel — Zeile 4, und 
fowl of tyrant wing — Vogel von tyrannischem Flug — 
Zeile 10, stehen in Gegensatz zu einander.^) 

Hariinger — Vorbote — Zeile 5, scheint durch 
Wortanklang auf Harvey zu deuten. 

Precurrer — Vorläufer — Zeile 6, scheint durch 
Wortanklang auf Pre Cursor — Vorläufer — zu deuten. 
Gabriel Harvey's Precursor to Herce's Supererogaticm — 
Vorläufer von Peter's Selbstüberhebung — erschien am 
16. Juli 1593, d. h. die eine Hälfte der Ausgabe; die 
andere folgte gleichzeitig mit Pierce^s Supererogaüon einige 
Wochen später, jedenfalls vor dem 16. September 1593, 
an welchem Datum eine weitere Streitschrift, betitelt: 
„A new Letter^^ heraus kam. 

Weitere Schlüsse aus Vergleichen u. s. w. 

Die Überschrift. 

Aus der Anpassung der Geschlechter von Beauty — 
Schönheit — und Truth — Wahrheit — an Phönix und 
Turtle, sowie daraus, dass erstere beiden Wörter an die 
hervorragendste (erste) Stelle im Threnos gesetzt sind, 
lässt sich erkennen, dass die beiden Vögel diese ihre 
Parallelen symbolisieren sollen. Aber nicht „Schönheit" 
und „Wahrheit" als allgemeine Begriffe sind darunter zu 

^) Fowl of tyrant wing — Vogel von tyrannischem Flug — 
bedeutet augenscheinlich einen „Raubvogel". G. Chaucer hatte 
diesen Ausdruck in analoger Weise gebraucht in „Assembly of 
Foules — Versammlung der Vögel" — Zeile 334—36: 

There was the „tirount** with his fethres donne 
And grey, I mene the goshauke that doth pyne 
To briddes, for his outrageous ravyne. 

Da war der „Tyrann" mit seinen braunen — Und grauen Federn, 
ich meine den Gänsehabicht, der Schmerzen bereitet — Den 
Vögeln mit seiner gewaltthätigen Raubsucht. 



— 198 — 

verstehen, sondern spezielle Eigenschaften, die einer Per- 
sönlichkeit angehaftet hatten und mit ihr erloschen waren, 
als sie starb. Beweise: Zeile 23 und 24 „sie flohen in 
gemeinsamer Flamme von hinnen", Zeile 55 „sie liegen 
hier in Asche eingeschlossen" und Zeile 56 „Tod ist jetzt 
das Nest des Phönix, also der Schönheit", oder unter Be- 
rücksichtigung der Gepflogenheit Shakespeare's, oft das 
Ahstradum für das Concretum zu brauchen, übersetzt: 
„Jetzt ist ein Todter das Nest des Phönix", d. h. der Sitz 
der Schönheit. So kann die Überschrift des Gedichts be- 
deuten: „Die Schönheit und Wahrheit", oder nach Zeile 54 
„Die Anmut und Einfachheit", welche Eigenschaften des 
Verstorbenen waren. 

Erst wenn wir ermittelt haben werden, welcher Todte 
gemeint sein kann, lassen sich Mutmassungen äussern, in 
welchem speziellen Sinne die beiden Worte aufzufassen 
sind. - - 

Die ersten fünf Verse. 

Nachdem als Einleitung der „Vogel mit lautestem 
Gesänge" aufgefordert ist, eine Trauerfeier auszurufen, 
bestimmt Shakespeare in den nächsten vier Versen, welche 
Vögel der Feier beiwohnen und welche davon fernbleiben 
sollen. Er erzählt in kurzen Worten, was der Aberglaube 
seiner Zeit von den Tieren zu sagen wusste.*) Instinktiv 



*) Die Charakteristik der Vögel stimmt überein mit der von 
G. Chaucer gegebenen. Vergl. Assembly of Foules, Zeile 340 — 42: 

There was the dowve with hir eyen meke 
The jalouse swan ayens his dethe that syngeth, 
The owle eke that of dethe bode bryngeth. 

Da war die Taube mit ihren sanften Augen 

Der eifersüchtige Schwan, der vor seinem Tode singt, 

Die Eule auch, die Kunde vom Tode bringt. 

Und Zeüe 364: 

The wedded turtel with his herte trewe. 

Der verheiratete Turteltäuberich mit seinem wahren Herzen. 



— 199 — 

fühlt man heraus, dass Shakespeare auch hier symbolisiert, 
dass unter den vier Vögeln des 2. bis 5. Verses zeit 
genössische Persönlichkeiten verstanden werden und dass 
auch die Vogelsagen, die erwähnt werden, in ganz be- 
stimmter Beziehung zu diesen Persönlichkeiten stehen. 
Die Verse 2 — 5 (Zeile 5 — 20) bedürfen also einer doppelten 
Erklärung. Einmal müssen die Vogelsagen gefunden werden, 
und dann ist der Nachweis zu führen, auf welche Person 
jeder Vogelname und die dazugehörige Sage gemünzt 
sein kann. 

Erleichtert, ja ich möchte sagen erst ermöglicht wird 
das Verständnis der ersten fünf Verse, nachdem man die 
Wortanklänge an G. Harvey und dessen 1593 heraus- 
gegebene Bücher erkannt hat. Der Name Gabriel Harvey 
bedeutete zu jener Zeit ein literarisches Prinzip. Es ist 
undenkbar, dass ein Shakespeare den Regeln folgen konnte, 
die ein Harvey verlautbarte. Der Ausschluss des letzteren 
von der Trauerversammlung, sowie das unmittelbar darauf 
(Zeile 9 u. 10) folgende Verbot der Teilnahme seitens der 
Vögel von tyrannischem Fluge (every fowl of tyrant mng) 
stellen fest, dass das Gedicht eine durch Symbole ver- 
schleierte Stellungnahme Shakespeare's in den literarischen 
Zwistigkeiten des Jahres 1593 bedeuten kann. Wir er- 
kennen, dass von Dichtern die Rede ist, die den Regeln 
Harvey 's folgen und die Sprache mit ihren antiquisierenden 
Vorschriften tyrannisieren und von solchen, die dieses 
nicht thun, sondern keusch, d. h. einfach — wahr schreiben 
[truth — truly lurite) — den j^chaste wings'^ — . 

Der Vogel mit lautestem Sänge (Zeile 1) meint, wie 
ich glaube, keine bestimmte Persönlichkeit. Es dürfte der 
Mann darunter zu verstehen sein, dessen Stimme unter 
den Schriftstellern und Dichtern jener Zeit von grösstem 

Einfluss sein würde. 

„Einsamer Arabischer Baum" — sole Ardbian tree 
— (Zeile 2) ist der Baum in Arabien, auf welchem sich 
der Sage nach das Nest des Phönix befand. Der Dichter 
nennt ihn einsam (sole), weil er der Fabel nach allein auf 



— 200 — 

einer Höhe stehen sollte, dann aber auch, weil seine bis- 
herigen Bewohner, Phönix und Turteltaube, in gemein- 
samer Flamme von hinnen geflohen sind (Zeile 23 u. 24). 
Jetzt ist ein Todter das Nest des Phönix (Zeile 56); 
folglich kann unter dem „Arabischen Baume", auf dem 
sich das Nest — das Heim des Todten — befindet, die 
„Bahre", der „Sarg" oder die „Gruft" des Gestorbenen 
verstanden werden. 

„Keusche Geflügel" — chaste winges — (Zeile 4) 
können die Dichter bedeuten, die im Gegensatz zu den 
„Vögeln von tyrannischem Fluge" den antiquisierenden 
Regeln nicht Folge leisten, sondern einfach und wahr — 
„keusch" — schreiben. 

Zeile 5 — 8 sprechen von einem Vogel, dem Käuzchen, 
einer „Eule", die der Trauerversammlung nicht nahekommen 
soll. Die Wortanklänge scheinen anzudeuten, dass Gabriel 
Harvey gemeint sein kann. 

Es wird kein Vogelname genannt, aber der dem 
Käuzchen anhaftende Aberglaube ist treu wiedergegeben: 
Wenn eine solche Eule — englisch screaching - (ywl oder 
shriek'owl — Nächtens um ein Haus fliegt und schreit, so 
bedeutet es herannahendes Unglück für das Haus und Tod 
dem Kranken, der etwa darin liegt („kreischender Vorbote, 
fauler Vorläufer des Bösen — shrieking harbinger — Wort- 
anklang an Harvey — , Foul precurrer — Wortanklang an 
Precursor — of the fiend.^) 

Die Hindeutung auf die Eigenschaften einer Eule 
scheint mir noch eine besondere literarische Bedeutung 
zu haben, die auf Harvey hinweist. Die Dichter jener 
Zeit legten sich mit Vorliebe Vogelnamen bei. Die Eule 
ist der Feind aller Vögel, also auch der Feind des Vogels, 
der das Lied vom Phönix und der Turteltaube gesungen 
hat Grade „Käuzchen" oder „Schreieule" — englisch 
„shrichowle^^ shreechowle^^ scritching night-owle'^ — waren 
Scheltworte, mit denen die Gegner einander gern be- 
zeichneten. G. Harvey hatte Marlowe und Nash so genannt, 
und letzterer hatte einen Eulenalmanach gegen einen 



— 201 — 

Bruder Harvey's schreiben wollen, nannte das Harvey'sche 
Sonett „Gorgone" eulenäugig — oggleeyed — und ihn selbst 
„schreiende Nachteule", kurz, der Ausdruck flog damals 
hin und her, und kann, im Verein mit den Wortanklängen, 
auf Harvey bezogen werden. Dieser selbst wurde „HobbinoU " 
genannt, was ich von hdbhy-owl^ Schleiereule herleiten 
möchte, denn eine andere Entstehungsart dieses Namens 
aus hohby ^ Pferd oder Dummerjan und nowl oder nole 
= Kopf, halte ich wol für möglich, möchte aber nicht 
glauben, dass ein Dichter wie Edmund Spencer, Harvey 
bei diesem Namen in seinen Gedichten so genannt haben 
würde, wenn darunter „Pferdekopf" oder „Dummkopf" 
verstanden worden wäre. Auch von diesem Gesichtspunkt 
aus mag die Eule des zweiten Verses auf die Eule Harvey 
hindeuten sollen. 

„Kreischender Vorbote", oder unter Annahme des 
durch den Wortanklang angedeuteten Namens „Kreischen- 
der Harvey" dürfte er genannt sein, weil alle seine 
Schriften von fortwährendem Gezeter und Gescheite 
starren. Der Herausgeber seiner Werke Alexander Grosart 
(L. L. D. F. S. A^) sagt von ihm: „Das Wörterbuch 
seiner Briefe ist einfach ein Wunder, die Beharrlichkeit 
in seiner Selbstberäucherung ist ein grösseres Wunder; 
aber die tumultuarischen Tadelausdrücke gegen seine 
Widersacher sind das grösste aller Wunder." 

Wenn „fiend — Teufel^^ in Zeile 6 als Abstractum für das 
Coneretum gesetzt ist, ein Verfahren, das Shakespeare sehr 
oft verwendet, so kann das Wort für ^,fiendish worh — 
teuflisches Werk" oder „fiendish criticism — teutlische oder 
feindselige Kritik" stehen. Dann lassen sich Zeile 6 und 
7 auf die Schritten Harvey's des Jahres 1593 beziehen. 
Von diesen kommen hier in Betracht: 

1. Precursor of Pierce^s Supererogation — Vorläufer 
von Peter's Selbstberäucherung. — Diese kleine Schrift 



^) Doktor der Rechte. Mitglied der Schottischen Akademie 
der Wissenschaften. 



— 202 — 

enthält: einen Brief G. Harvey's, geschrieben in London 
am 16. Juli 1593 an seine 3 Freunde B. Barnes, J. Thorius, 

A. Chewt und an jeden geneigten Leser, drei Sonette 
einer Dame (wahrscheinlich einer Lady Smith) einen Brief 

B. Barnes an G. Harvey, geschrieben in Holborne im 
Juni 1593, mit einem Sonett des Briefschreibers, zwei 
weitere Sonette, unterschrieben Parthenophil und Parthe- 
nophe und einen Brief des Druckers (John Wolfe) an die 
Leser. 

Die Bedeutung der Worte Precurrer und Precursor ist 
dieselbe -- Vorläufer; der Wortanklang ist augenscheinlich. 
Wenn also in Zeile 6 des „Phönix" eine Anspielung auf 
diese Schrift enthalten ist, so muss das Gedicht sehr bald 
nach letzterer, also im Juli 1593 niedergeschrieben sein. 
Das Prädikat „foul — faul, verderblich, verletzend" — 
Zeile 6 kann seine volle Berechtigung haben, denn das 
Schriftchen enthält nichts, als eine Selbstverherrlichung 
Harvey's und ein verletzendes Gezetere gegen Th. Nash 
mit dem Anspruch, höchst geistreich klingen zu sollen, 
aber ohne sachliche Begründungen. 

Ein Teil der Nummern des Precursor^s erschien gleich 
nach dem Drucke in Einzelschriften, der Rest wurde dann 
dem Werke, dessen Vorläufer es war, beigeheftet. 

2. Pierce^s Super er ogation^) or A New Prayse of the 
Old Asse — Peter s Selbstberäucherung oder ein neues 
Lob des alten Esels. — 

Diese Schrift von 316 Druckseiten enthält: Ein Kapitel 
überschrieben: A Preparatiue of certaine larger Discourses, 
intituled Nashe's S. Farne — Eine Vorbereitung von ge- 
wissen längeren Abhandlungen betitelt Nash's heiliger 
Ruf. Es enthält kein Datum, muss aber etwa im März 
1593 geschrieben worden sein, weil darin auf Nash's 
jjStrange-Neiüs — merkwürdige Neuheiten" — Bezug ge- 
nommen wird und diese im Februar 1593 erschienen 
waren. Nach einer Notiz im 3. Kapitel war es am 



*) Eine Bezugnahme auf Th. Nash's Pierce Pennüess. 



— 208 — 

13. April 1593 bereits fertig geschrieben. Ein zweites Kapitel 
überschrieben: An Adttertisement for Fapphatchett, and 
Martin Marprelate — Eine Nachricht für den Wink mit dem 
ZaunpfahP) und Martin Marprelate. Es ist geschrieben 
in Trinitiehall am 5. November 1589. 

Ein drittes Kapitel ohne Überschrift, geschrieben (Ort 
fehlt) am 27. April 1593. 

Als Anhang sind noch beigefügt einige Äusserungen 
in Prosa und in der Form von Sonetten von John Thorius, 
Anton Chewt und ein französisches Gedicht von einem 
Sieur de Fregeuille du Gaut. 

Die Herausgabe dieses Buches erfolgte einige Wochen 
nach dem Precursc/r, wahrscheinlich im August 1593, jeden- 
falls vor dem 16. September 1893, an welchem Tage Har- 
vey's neue Streitschrift gegen Nash „^ New Letter etc. 
— Ein neuer Brief u. s. w." — verfasst worden war. 
Wenn meine Annahmen richtig sind, so muss Shakespeare 
den „Phönix" in der Zeit zwischen dem 16. Juli 1593 und 
dem Herauskommen von Fierce's Supererogation geschrieben 
haben — es Hesse sich also bis auf Wochen genau die Ab- 
fassungszeit dieser Arbeit des grossen Britten bestimmen. 
In Zeile 6 würde Pierce^s Supererogation dann fiend — 
Teufel — teuflische Kritik genannt sein. Das könnte auf 
die feindselige, selbstüberhebende Arroganz bezogen sein, 
mit welcher Harvey in diesem Buche von seinen literarischen 
Widersachern spricht, um so mehr, als er auch die Grabes- 
ruhe nicht schont, sondern in längerer Abhandlung die 
Schlauheit eines schon 7 Jahre todten Dr. Andrew Ferne 
schildert, ersichtlich nur zu dem Zwecke, die eigene noch 
grössere Klugheit seinen Lesern vor die Seele zu führen. 
Dem Anscheine nach war Pierce's Supererogation noch nicht 
gedruckt als der „Phönix" geschrieben wurde. Es lässt 
sich nicht bestimmen, ob Shakespeare das Buch schon 
ganz, oder teilweise in der Handschrift gelesen haben mag. 
Mutmassen lässt sich nur, dass er das bereits 1589 ge- 



Vergl. Seile 204 Anm. 



— 204 — 

geschriebene 2. Kapitel, dem Inhalte nach kannte, eine 
Annahme, die dadurch Wahrscheinlichkeit gewinnt, dass 
dann auch die 7. Zeile des Gedichts „Vorausverkünder 
des Endes des Fiebers" eine genügende Erklärung findet. 

In diesem Kapitel (Überschrift siehe oben Seite 203) 
wendet sich G. Harvey gegen den oder die Verfasser 
einer Schrift, die der Marprelatenstreit hervorgerufen 
hatte. Dieselbe ist „Doppelfünf" unterschrieben, was 
ziemlich deutlich auf Lili deutet, dessen Namensunterschrift 
nach der Schreibweise jener Zeit VV zweien neben ein- 
ander gesetzten römischen V V glich. Der volle Titel 
dieser Schrift lautete: 

„Pap with a Hatchet; Fig for my Oodson; cracJc me 
„this nut; that is a sound Box on- the Ear for the Idiot 
„Martin to hold his Peace: written hy one that dar es call 
„a Dog a Dog. — Ein Wink mit dem Zaunpfahl '); eine 
„Feige für meinen Patensohn; knacke mir diese Nuss; es 
„ist eine gesunde Ohrfeige für den Idioten Martin, damit 
„er Frieden halte: geschrieben von einem, der es wagt, 
„einen Hund einen Hund zu nennen." 

Die Schrift selbst kenne ich nicht, aber aus Harvey's 
Kritik derselben ist zu entnehmen, dass Doppelfünf (also 
Lili) die Martins nicht mit Gründen widerlegte, sondern 
nur in allen Tonarten auf sie gescholten hat. Dies wird 
von Harvey getadelt. Anstatt aber selbst den eigenen 
guten Rat zu befolgen, erschöpft er fast den reichen Schatz 
seiner Scheltworte. Er benutzt bei Besprechung jeden 
Satzes die von Lili auf die Martins geschleuderten Roheiten, 
um dieselben, mit weiteren entsprechenden Beleidigungen 
eigenen Fabrikats ausgestattet, der „Doppelfünf" an den 
Kopf zu werfen. Dieses Kapitel könnte in moderner 



1) „Pap with a Hateheti", wörtlich: „Brei mit einer Axt", ist 
eine veraltete Wendung für „eine Güte, die in rauher Manier er- 
wiesen wird"; hier soll es also „einen guten Rat in deutlicher 
Sprache" bedeuten. So trifft also „Wink mit einem Zaunpfahl" 
ungefähr den Sinn obiger englischen Redensart, die m. W. heute 
veraltet ist. 



— 205 — 

Sprechweise die Überschrift erhalten: „Austreibung des 
Teufels durch den Teufel" und kann um so mehr von Shake- 
speare als „/Jewd^' bezeichnet worden sein, als am Schluss 
auch das „Ende der Martins mit dem Strange" vorher- 
gesagt wird, was als „Vorausverkündung des Endes des 
(Martinisten-) Fiebers" im „Phönix" eine den Thatsachen 
entsprechende Anspielung bedeuten würde. Ja ein Wort- 
echo, das freilich auch zufällig sein kann, scheint auf die 
Stelle hinzudeuten, die Shakespeare besonders gemeint 
haben dürfte. Bei der Liebhaberei jener Zeit für Spiele 
mit Worten muss dieses immerhin bemerkt werden. Die 
Einzelheiten, die ich im Sinne habe, sind folgende: 

Unter den Vorwürfen, die Harvey gegen Lili schleudert, 
befindet sich auch der, dass alle seine Verse und alle 
seine Gedanken bereits vor ihm von anderen Personen 
geschrieben und gedacht worden seien (forestalled). So 
schreibt er: „Äts (i. e. Lilly^s) Byrne forestalled hy Eldei^ton 
that hath Ballats lying a steepe in ale: his Eeason hy a 
Cambrige wagg, a twigging Sophister that tvill Ergo Martin 
into an ague and concludethperemptorily. — Seine (Lili's) 
Verse hat vor ihm Elderton (i. e. ein dem Trünke ergebener 
Balladendichter) gemacht, der immer in Bier getauchte 
Balladen vorrätig hat: seine Vernunftgründe hat er von 
einem Cambridger Schwerenöter, einem verschmitzten 
Sophisten (wol Nash gemeint, mit welchem Harvey 1589 
noch guter Freund war), der immerzuruft „Ergo hinein 
mit Martin in's (Todten-) Fieber", als endgültigen 
Schluss (seiner Ausführungen). 

Die Vernunftschlüsse dieses Cambridger jungen Mannes 
hatten Harvey höchlichst ergötzt: „I laught at the boye 
and left him drawing all the lines of Martin into sillogismes 
euery conclitsion helng this: Ergo Martin is to bee hangd. 
Ich lachte über den jungen Mann und Hess ihn dabei, alle 
Sätze gegen Martin in Sillogismen aufzusetzen, deren jeder 
den Schluss hatte: Ergo, Martin muss gehängt werden. 

G. Harvey fasst sein Urteil über die ganze Schrift in 
folgenden Worten zusammen: All three jumpe in eodem 



— 206 — 

tertio: nothing but a certaine exerdse termed hanging vjiU 
serre their turne (if it he his destinie, ivhat remedie?): they 
must draw cuttes tvho shall play the Hangeman: and that 
is the argument of the Tragedie mid the very papp of the 
hatchet. — Alle drei (Lili, Elderton und Nash) passen 
zusammen in eodem tertio: nur eine gewisse Übung, die 
man Hängen nennt, kann sie befriedigen (wenn es sein 
[i. e. Martinas] Schicksal ist, was kann da helfen?); sie 
müssen unter sich das Loos ziehen, wer den Henker spielen 
soll: und das ist der Kern {argument) des Trauerspiels, 
gerade das ist der richtige Wink mit dem Zaunpfahl. 

Ein Mann, der so schreiben konnte, durfte von 
Shakespeare sicherlich „Vorausverkünder des Endes des 
(Martinisten-) Fiebers" genannt werden, wobei noch zu 
bemerken ist, dass „augur of the feaver's end^^ nach Klang 
und Sinn jenes Echo zu „Ergo Martin into an agu£^^ bildet, 
das oben erwähnt wurde. 

Zeile 9 und 10 schliessen die Dichter, welche Harvey's 
Dichterregeln folgen, als „Vögel von tyrannischem Fluge" 
von der Trauerfeier aus. Ausgenommen wird Zeile 11 
der „Adler, der gefiederte König". Als Vogel be- 
trachtet, gilt der Adler seit uralten Zeiten für den König 
der Vögel. Dass unter dem Adler der Dichter Edmund 
Spencer zu verstehen sein kann, lässt sich zunächst aus 
dessen Wappen schliessen (vergl. S. 190). Auch seine Be- 
zeichnung als „König der Dichter" entspricht den uns 
überlieferten Thatsachen insofern, als er unter seinen 
Zeitgenossen für einen hervorragenden Dichter galt. Für 
die Fertigstellung der drei ersten Bücher des bedeutendsten 
Epos seiner Zeit, der „Feenkönigin — The Faery Queen''' 
— soll die Königin Elisabeth ihm das bedeutende Jahres- 
gehalt von £ 50 bewilligt gehabt haben, ein Betrag, der 
heute einer Summe von 4—5000 Mark entsprechen würde. 
Die Auszahlung dieses Jahresgehalts wird übrigens nach 
den neuesten Forschungen in Frage gestellt. Th. Nash 
nennt Spencer in einer Widmungsschrift an Lady Elisabeth 



— 207 — 

Carey, geb. Lady Spencer: „Farne' s eldest fauorite Maistet- 
Spencer'^ — „Ältester Liebling der Fama — Herr Spencer". 

Der Grund, warum gerade Spenser an der Trauer- 
feierlichkeit Teil nehmen soll, erscheint einleuchtend: er 
war ein Dichter, der zwar auch nach alten Mustern (Ariost, 
Tasso), aber in gutem Englisch dichtete. Deshalb dürfte 
ihn Shakespeare gefiederten König Adler nennen und von 
„den Vögeln mit tyrannischem Fluge" ausnehmen. — Im 
Übrigen war Spencer ein guter Freund G. Harvey's und 
hatte sich von diesem bewegen lassen, eine Zeit lang das 
Dichten in Reimen aufzugeben; doch lag diese Periode 
13 bis 14 Jahre zurück, wie aus folgenden Briefauszügen 
erhellt: 

Spenser an Harvey 1579: And nowe they (sc, Sidney 
and Dyer) have proclaimed in their äQsccojtäyco a generali 
surcea^ng and silence of balde RymerSj and also of the 
very beste to: insteade whereof they have by authoritie of 
their whole Senate prescribed certaine Lawes and 
rules of Quantities of Kngllsh sillables for English 
Verse: having had thei^eof already great practise and 
drawen me to their faction. — Und jetzt haben sie 
(d. h. Sidney und Dyer) in ihrem Areopag angeordnet, 
dass alle schmucklosen Dichter vollständig aufhören und 
schweigen sollen, selbst die besten von ihnen: und als 
Ersatz dafür haben sie kraft der Autorität ihres gesmamten 
Senats gewisse Gesetze und Regeln über die Längen 
englischer Silben für englische Verse vorgeschrieben: 
sie haben darin schon grosse Übung gehabt und mich 
veranlasst, ihrer Partei beizutreten. 
Und an andrer Stelle: 

But I am, of late^ more in loice wyth my English e 
Versifying than with Ryming: whyche I should haue 
done long since, if I would then haue followed your councell 
— Doch ich liebe es in neuester Zeit mehr, englische 
Verse zu skandieren, als solche in Reimen zu 
dichten, was ich schon lange hätte thun können, hätte 
ich damals Ihren Rat befolgt. 



— 208 — 

Die Untersuchung, ob und wie lange Spencer diesem 
Vorhaben getreu geblieben ist, gehört nicht hieher. Es 
genügt die Thatsache, dass er zur Zeit der Abfassung des 
„Phönix" ein in England hochangesehener Dichter war. 

Danach lässt sich Zeile 12: „Keep the obsequy so 
strict" erklären. „Haltet das Leichengefolge so strenge" 
dürfte zu bedeuten haben: Seid strenge bei der Auswahl 
des Leichengefolges, d. h. ein Dichter von dem Rufe 
Spencer's darf dabei nicht fehlen. 

Und da jetzt das Wort „Leichenfeier" oder „Begräbnis" 
— „obsequy" — gefallen ist, so entsteht die Frage: Wer 
ist denn gestorben ? — Ein Dichter oder ein Schriftsteller 
dürfte es sein müssen. Denn das ganze Gedicht scheint 
nur von literarischen Verhältnissen zu handeln und der 
ganz besonders zur Teilnahme am Trauerfeste Aufgeforderte 
wird ein „König der Dichter" genannt. 

Der Tod des gemeinten Dichters muss erst kürzlich 
erfolgt sein. Dafür spricht Zeile 56: Jetzt (now) ist ein 
Todter das Nest des „Phönix". Wenn Zeile 6 eine An- 
spielung auf G. Harvey's „Precursor" enthält, so lässt 
sich, wie wir gesehen haben, die Abfassungszeit des 
„Phönix" bestimmen. Das Gedicht muss dann zwischen 
der Herausgabe der ersten Hälfte des jjPrecursor" und von 
„Pieree^s Supererogation^' (16. 7. u. 16. 9. 1593) geschrieben 
sein, also kurze Zeit nach dem jähen Tode eines Dichters, 
dessen Einfluss auf . Shakespeare's Schreibweise sprach- 
wissenschaftlich nachgewiesen ist, dessen Tod mithin die 
Veranlassung zur Abfassung des „Phönix" gegeben haben 
wird — 6—7 Wochen nach dem Tode von: 

„Christopher (Kit) Marlowe." 

So kann der Todte des Gedichts grade der Dichter 
sein, welcher zu den bedeutendsten Vorläufern Shake- 
speare's gezählt wird. Er also wäre das Nest des Phönix 
und der sich diesem treu anschmiegenden Turteltaube. 
Das könnte nur bedeuten: er besass die durch die beiden 
Vögel versinnbildlichten Eigenschaften, die lebten und 
einander liebten, so lange er dichtete, und mit seiner Seele 



— 209 — 

von hinnen flohen, sobald er starb. Dem entsprechend 
würden der „Arabische Baum" und die „Urne" Marlowe's 
Grab und die „Asche" seine Gebeine bedeuten sollen. 
Die ersten fünf Verse des Gedichts bezögen sich auf 
Shakespeare's Stellungnahme in den literarischen Zwistig- 
keiten des Jahres 1593, das Anthem bedeutete einen Lob- 
gesang auf die Fähigkeit Marlowe's, aus „Schönheit" und 
„Wahrheit" eine Zweieinigkeit, „eine Anmut in aller Ein- 
fachheit" zu schaffen, und der Threnos einen Klagegesang 
um die Verluste, welche die englische Literatur durch den 
Tod Marlowe's gehabt hat. Das Gedicht: „Der Phönix 
und Turteltaube" entpuppte sich so zu einem symbolischen 
Nachruf, in dem eine ganz besondere dichterische Leistung 
Marlowe's verherrlicht würde. 

Dass Shakespeare grade diesen seinen Vorläufer hoch- 
verehrt haben muss, erhellt aus den Thatsachen, dass er 
ihm in As. 111,5 einen Gedenkvers geschrieben und so 
Vielerlei von ihm angenommen und gelernt hat. Der 
fünffiissige Jambus, der Blankvers und das Ausspinnen 
eines und desselben Gedankens über mehrere Strophen, 
ohne ihn am Ende jeder einzelnen zu unterbrechen, sind 
vor Shakespeare durch Marlowe zu dichterischer Bedeutung 
gelangt. Das Versmass, das wir heute „Shakespeare- 
Strophe" nennen, wurde noch von Ben Jonson „Marlowe's 
grosser Vers — Marlow's great line^ — genannt. Der 
dramatische Aufbau in den Historien Shakespeare's ähnelt 
durchaus dem in der Historie Eduard 11., die als eins der 
besten Werke Marlowe's bezeichnet') und auch zu seinen 
letzten Arbeiten gerechnet wird, da es erst 1594 heraus- 
kam. Shakespeare's „H 6 A" ist so geschrieben, dass diese 
Historie vielfach noch als Marlowe's Werk betrachtet wird. 

Ob die beiden Männer auch in näherem Verkehr mit- 
einander gestanden haben, weiss man nicht; gekannt 
dürften sie einander haben, da Marlowe nach den Erfolgen 
seines „Tamerlan" auch persönlich als Schauspieler gewirkt 



*) Vorrede von A. G. Biüleii zu Marlowe's Werken. 

14 



— 210 — 

haben soll. ^ Er war etwa ein Jahr älter als Shakespeare 
(geb. 26. 2. 1563/642), akademisch gebildet, 1587 Magister 
der schönen Künste (M. A.) in Cambridge, Atheist und 
führte ein wüstes Leben in London, wie er ja auch bei 
einem Gelage, in Folge von Liebeshändeln, erdolcht wurde. 
Shakespeare hingegen kann 1593 für derlei nicht viel Zeit 
übrig gehabt haben. Er war in diesem Jahre als Schau- 
spieler, Schauspieldichter und Eegisseur (Johannes Pactotum) 
thätig, vollendete „Venus und Adonis", schrieb wahrschein- 
lich ziemlich gleichzeitig an „Lukretia", an „Verlorene 
Liebesmüh'", am Mittsommernachtstraum", betrieb heral- 
dische Studien, und dichtete den „Phönix" sowie ver- 
schiedene Sonette, die in diese Zeit fallen müssen. Li 
der Widmung zu „Venus und Adonis" lässt er durch- 
scheinen, dass er viel zu arbeiten hatte, denn er verspricht, 
alle „freie Stunden — idle howrs^ einer ernsteren Arbeit 
(der „Lukretia"?) zu widmen. 

Für meine Ausführungen genügt der Nachweis, dass 
er Marlowe nachstrebte, dass ihn deshalb die Nachricht 
von dessen Ermordung tief erschüttert haben muss, und 
dass es ganz natürlich ist, wenn er seinem literarischen 
Vorbilde einen Nachruf widmete. Warum er diesen unter 
schwer zu enträtselnden Bildern verborgen hat, ist nicht 
leicht verständlich, aber immerhin, wie wir bald sehen 
werden, erklärbar. 

Die Schwärmerei für alles Altklassische, die Eigen- 
tümlichkeit der Kenaissancezeit, hatte sich auch auf die 
englische Sprachwissenschaft erstreckt und die (Seite 176) 
erwähnten Missstände erzeugt. Die künstliche Fesselung 
der freien Sprachbewegung durch antiquisierende Regeln 
musste sich natürlich in der Schauspieldichtung am em- 
pfindlichsten bemerkbar machen. Menschliche Gefühle und 
Leidenschaften lassen sich eben nicht gut in Versen aus- 

^) Vorrede von A. Gr. Bullen zu Marlowe's Werken. Diese 
Angabe wird jedoch von neueren Forschem wieder in Frage 
gestellt. 

2) Desgleichen. 



— 211 — 

drücken, bei denen die vorher festgesetzte Form Haupt- 
sache, der Inhalt Nebensache ist. Da mussten denn die 
Schauspieler das, was die Sprache nicht ausdrücken konnte, 
ergänzen. Sie versuchten es mit Übertreibungen durch 
bizarre Gestikulationen und übermässig lautes Deklamieren. 
Sie durchsägten, wie Shakespeare noch etwa 15 Jahre 
später den Hamlet (HI, 2) sagen lässt, mit ihren Armen 
die Luft und überherodeten den Herodes selbst. Um dem 
Geschmack der Ungebildeten gerecht zu werden, wurden 
Scenen in die Stücke eingeschoben, in denen rohe Narren 
und ungeschlachte Possenreisser in der allgemein ver- 
standenen Volkssprache ihre oft unflätigen Possen trieben. 
So bestanden gewissermassen zwei Sprachen auf den 
Bühnen: das skandierte oder in streng innegehaltenem 
Versmass gezwängte Englisch, untermischt mit lateinischen 
u. s. w. Brocken, und das auf der Strasse gesprochene 
Englisch wahrscheinlich in seiner rohesten Form. 

Es ist ein Hauptverdienst Marlowe's, hierin Wandel 
geschafft zu haben. Der von ihm zu dichterischer Wirkung 
gebrachte Blankvers wurde von Shakespeare aufgenommen, 
weiter ausgebildet und ist als Shakespeare- Strophe in die 
dramatische Dichtung fast aller gebildeten Sprachen über- 
gegangen. 

Zeilen 13 — 16 sprechen von einem Schwan und spielen 
deutlich auf die Sage an, dass dieser Vogel im weissen 
Gefieder {su/rplice white\ wenn er seinen Tod herannahen 
fühlt {deaih'divming\ ein schönes volltönendes Lied singe, 
ehe er stürbe (defunctive music can), Zeile 16 setzt ihn 
in Gegensat? zur Eule, der kein Zutritt zum Leichenge- 
folge gestattet wird, während das Requiem, die Todten- 
messe, nicht zu ihrem Rechte gelangen würde, wenn dieser 
Schwan nicht die Priesterrolle dabei übernähme. 

Auf welchen Dichter sich dieser Vers beziehen kann, 
ist schwierig zu entscheiden, weil sich kein Wortanklang 
oder eine Anspielung auf ein Familenwappen ermitteln 
lässt. Wenn in Zeile 6 auf ein Buch angespielt ist, so 
mag auch Defunctive Music eine ähnliche Beziehung haben 

14* 



— 212 — 

und „caw" mit „versteht" zu übersetzen sei; also: „ein 
Dichter, der es versteht, Trauergesänge zu schreiben." 
So könnte mit dem „swan^ und „priest" Ohettle gemeint 
sein, der eben (am 8. 12. 1592 in die Buchhändler-Eegister 
eingetragen) in „KmdHearfs dream — Traum eines Herrn 
Gutherz" ') einen schönen Nachruf auf Greene ver- 
öffentlicht hatte, in dem er sich selbst als „unschuldige 
Seele" (sm-plice white) an dem von Greene auf Shakespeare 
gemachten Ausfall darstellte. Dies geschah im Früh- 
jahr 1593, als er sich eben ehrenvoll über Shakespeare 
ausgesprochen hatte.*) 

Diese, mir von geschätzter Seite ausgesprochene Auf- 
fassung, stelle ich meiner eigenen Mutmassung voran, weil 
sie durch die mögliche Bezugnahme auf H. Chettle's Buch 
gut begründet erscheint und weil gegen meine Idee, dass 
Shakespeare sich selbst gemeint haben könne, der schwer- 
wiegende wissenschaftliche Grund angeführt wird, dass es 
in jener Zeit undenkbar für den Verfasser eines Gedichts 
wie es der „Phönix" gewesen sei, von sich selbst an so 
hervorragender Stelle zu sprechen. Es würde dies in der 
höfischen Poesie, zu welcher der „Phönix" gezählt werden 
müsse, eine Anmassung ohne Gleichen bedeutet haben, 
deren sich Shakespeare nie habe schuldig machen können. 
So würde ich ganz davon Abstand nehmen, meine eigenen 
Gedanken über die Zeilen 13 — 16 zu entwickeln, wenn mir 
nicht bei der Auslegung des Gedichts, in dem jedes Wort 
eine ganz bestimmte Bedeutung zu haben scheint, zwei 
Fragen aufgestossen wären, die sich m. E. durch eine Be- 
zugnahme auf Ohettle nicht beantworten lassen. Was soll 
death'divinmg heissen? und warum ist der Schwan so 
augenscheinlich im Gegensatz zur Eule gestellt? 

„To divine" bedeutete zu Shakespeare's Zeit: a) „vor- 
ausahnen," b) „vergöttlichen, verherrlichen." In Chettle's 
„Traum des Herrn Gutherz — Kind Hearfs dream" lässt 



^) Wahrscheinlich ein in jener Zeit bekannter Zahnarzt. 

2) Mündlich geäusserte Ansicht des Herrn Professor A. BrandL 



— 213 — 

sich nichts finden, was als eine Vorahnung kommenden 
Todes gedeutet werden könnte. Ebensowenig aber auch 
eine Verherrlichung des gestorbenen Greene. In der Vor- 
rede wird festgestellt, dass die Äusserungen in R. Greene's 
„Für einen Groschen Verstand u. s. w.", an denen zwei 
Schauspieldichter {Play-mahers) Anstoss genommen hätten, 
nicht von ihm oder Th. Nash herrührten, sondern dass 
lediglich der Verstorbene — Robert Greene — sie ge- 
schrieben habe. Im Texte der Broschüre giebt der Geist 
R. Greene's einen Brief ab an Pierce (Pennüess) womit 
Nash gemeint ist, worin Greene bittet, im Tode mit weiteren 
Verfolgungen verschont zu werden. Hierin ist eine An- 
spielung auf G. Harvey's damals allgemein übel aufge- 
nommene Taktlosigkeit zu erkennen, der sich nicht geschämt 
hatte, nach Greene's Tode alle Anstössigkeiten aus dessen 
früherem Leben auszuspionieren und mit gehässigen Be- 
merkungen zu veröffentlichen. Irgend eine Verherrlichung 
R. Greene's oder eines anderen Verstorbenen kann ich 
im „Traum des Herrn Gutherz** nicht finden. 

Ob H. Chettle um 1592/93 als Verfasser von Nach- 
rufen oder Trauergedichten einen gewissen Ruf gehabt 
haben mag, vermochte ich nicht festzustellen. Meres um 
1598 erwähnt seiner als Komödiendichter. 1578 und 1579 
waren einige Trauergedichte mit der Unterschrift H. C. 
erschienen, die auch unter den von Chettle geschriebenen 
Werken verzeichnet sind'); aber ausser Chettle führten 
damals noch etwa 3 andere Dichter dieselben Initialen, 
so dass diese Angabe ganz unsicher ist. 



1) 1. The Pope's pittiful Lamentation for the Death of his 
dear Darling Don Joan of Austria and Death's answer to the same. 
With an Epitaphe upon the Death of the said Don Juan. Trans- 
lated after the French. copy by H. 0. 1578. 

2. A dolefuU Ditty or Sorrowfull Sonet of the Lord Derby 
Neuew to the Noble and Worthy King Henry 8 and is to be song 
to the tune of Black and Yellowe. (Licensed March 1579) H. 0. 

Man vermutet auch, dass Henry Gonstable Verfasser des 
letzteren sei. 



— 214 — 

Ferner erregt Zeile 16 meinen Zweifel, ob H. Chettle 
in diesem Verse gemeint sein kann. „Sonst entbehrt das 
Requiem seines Rechtes." Wenn Marlowe der Verstorbene 
ist, so erhält diese Zeile nur Sinn, wenn der „Schwan" 
eine Persönlichkeit darstellt, die den Todten oder dessen 
Dichtungen hochverehrt hat. Mit Chettle ist aber beinahe 
das Gegenteil der Fall. Unter den von ihm erwähnten 
beiden Schauspieldichtern werden allgemein: 1. Marlowe 
und 2. Shakespeare verstanden. Nun sagt Chettle in der 
Vorrede: „With neither of them that iahe oifence was 1 
acqvmniedy and with one of them I care not ifl neuer he 
— Mit keinem von denen, die Anstoss genommen haben, 
war ich bekannt und was den einen betrifft, so mache 
ich mir gar nichts daraus, mit ihm bekannt zu 
werden." Der „eine" aber war Marlowe. Diese Äusserung 
dürfte wol durch den Atheismus hervorgerufen sein, um 
dessen willen er in üblem Rufe gestanden hat. Kann nun 
Shakespeare von einem Manne, der so geschrieben hatte, 
sagen wollen: Das Requiem für Marlowe entbehrt seines 
Rechtes, wenn Chettle es nicht vorliest? 

Auch ein Gegensatz gegen Harvey lässt sich in 
Chettle's Schreibweise nicht erkennen; was könnte also 
das Gegenüberstellen von Eule und Schwan in dem Ge- 
dichte bedeuten? Chettle untermischt vielmehr seinen Styl 
so oft mit lateinischen Brocken, dass G. Harvey leidlich 
zufrieden mit ihm gewesen sein dürfte. 

Erwägt man neben diesen Bedenken ferner: 
dass Shakespeare 1593 noch lange nicht auf der Höhe 
seiner dichterischen Ausbildung stand; 

Zu Anm. 1 der vorigen Seite. 

1. Die jammernde Trauer des Papstes über den Tod seines 
verehrten Lieblings Don Juan d'Auatria und die Antwort des 
Todes. Mit einem Nachruf auf den Tod des vorerwähnten Don Juan, 
Aus dem Französischen übersetzt von H. C. 1578 

2. Ein Trauergesang oder Trauersonett über Lord Derby, 
den Neffen des edlen und verehrten Königs Heinrich VIU., zu 
singen nach der Melodie von Schwarz und Gelb. (Genehmigt im 
März 1579) H. C. 



— 215 — 

dass er noch nach dem Leitstern suchte, welcher seine 

dichterischen Wege lenken sollte; 
dass er das Bedürfnis empfunden haben mag, dem Manne, 
von dem er so viel annahm, einen ehrenden Nachruf zu 
widmen; 
dass aber die Vorsicht ihm gebot, den bekannten Atheisten 

nicht öffentlich zu loben; 
dass er unter den zahlreichen literarischen Gegnern 
Marlowe's einen — Gabriel Harvey — von sich abzu- 
weisen entschlossen war; 
dass er dieses aber auch nicht gern öffentlich thun wollte, 
um die Feder des immerhin einflussreichen Mannes nicht 
gegen sich in Bewegung zu setzen; 
dass er deshalb das Gedicht nicht für die Öffentlichkeit, 
sondern nur für seine Freunde geschrieben haben dürfte, 
da er es erst acht Jahre später, als ausser Harvey die 
beteiligten Personen bereits gestorben waren ^), an 
ehester zum Druck überliess; 
so scheint mir doch die Frage erwägenswert, ob Shake- 
speare — abweichend von dem sonstigen Gebrauch in 
höfischer Poesie — sich nicht selbst unter dem Schwan 
verstanden haben könnte. Den Vogelnamen „Schwan" 
mag er sich selbst beigelegt haben; die Dichter seiner 
Zeit nannten sich mit Vorliebe so; aber es wäre auch 
möglich, dass er schon nach den Erfolgen seiner ersten 
Theateretücke von seinen Zeitgenossen „Schwan vom 
Avon" getauft wurde, was dann erst viele Jahre später 
durch Ben Jonson wiederholt sein mag, als er ihn „Süsser 
Schwan vom Avon" nannte. Er spricht in den Sonetten 
so oft von sich und seinen persönlichen Empfindungen, 
dass ich dieses auch in dem vorliegenden Gedicht für 
möglich halte. „Priester in weissem Ornate" könnte er 
sich nennen, um sich als unschuldig an den literarischen 
Zwistigkeiten der Zeit darzustellen. 

*) G. Harvey gestorben um 1630, E. Spencer gestorben um 
1599, Th. Nash gestorben um 1600 oder 1601, H. Chettle lebte 1601 
noch, gestorben ungefähr um 1607. 



— 216 — 

That defundive mime „can*^ lässt sich auch über- 
setzen: „Der Trauermusik kennt (kennen gelernt hat). 
.,To caW^ = „Kenntnis haben". 

In Sonett 30 und 31 beschreibt er, wie viele Thränen 
er schon um teure Todte vergossen hat. Die Pest hatte 
1592/93 in London gewütet. Da mag er bei den Be- 
gräbnissen oft genug Trauermusik und Trauerreden gehört 
haben, um so von sich sprechen zu können. 

„Den Tod vorausahnend" mag er sich genannt haben, 
wenn er sich krank und elend fühlte. Die Furcht vor 
der entsetzlichen Krankheit dürfte in London wol noch 
im Juli 1593 und lange nachher geherrscht haben. Ausser- 
dem entspricht diese Stimmung genau der in den Sonetten 
71 — 74 ausgedrückten. 

Als Verehrer der Dichtungen Marlowe's konnte er 
sicherlich auch von sich sagen, dass das Requiem nicht 
recht zur Geltung käme, wenn nicht grade er es lesen 
würde. Scheint doch er die Bedeutung Mario we's am 
ehesten von seinen Zeitgenossen erkannt zu haben. 

Dann wäre auch die Gegenüberstellung von Eule und 
Schwan in dem Gedichte erklärt. Shakespeare muss in 
literarischer Beziehung Gegner G. Harvey's gewesen sein. 
„Natürlichkeit, logisches Denken, kurze klare Ausdrucks- 
weise" und „gekünstelte Mache, unlogisches wirres Durch- 
einanderwerfen der Gedanken, schwülstige, oft unverständ- 
liche Sprache" stehen sich in der Schreibweise der beiden 
Männer schroff gegenüber.*) 



*) Lediglich als Merkwürdigkeit sei hier noch auf die Ähnlich- 
keit des vierten Verses mit den frühesten Bühnenanweisungen 
zur ersten Scene des ersten Aktes von H6A hingewiesen. Nach der 
Fol., die wol den von Shakespeare gegebenen Bühnenanweisungen 
am nächsten kommt, lautet die Stelle in Übersetzung: ^^in Todten- 
marsch. Es treten ein: das Begräbnis König Heinrich's VI., begleitet 
von .... dem Bischof von Winchester u. s. w." Hier wären also: 
Trauermusik, Verherrlichung eines Todten, ein Priester in weissem 
Ornate — Da Winchester in der dritten Scene bereits als Kardinal» 
also in rotem Gewände erscheint, so ist er in der ersten Scene sicher- 
lich mit anders farbenem Priesterkleide, wahrscheinlich weissem. 



— 217 — 

Diese literarische Gegnerschaft übrigens dürfte im 
im Jahre 1593 bereits angefangen haben, die Gemüter der 
Zeitgenossen zu beschäftigen. Dafür spricht Zeile 8 des 
Gedichts. Unter dem Trupp, d. h. der kleinen Zahl, dem 
die Eule nicht nahe kommen soll, dürften die Persönlich- 
keiten zu verstehen sein, die auf Shakespeare's Seite 
standen — die keuschen Geflügel des Gedichts. Meres, 
fünf Jahre später, nannte sie „des Dichters Privatfreunde." 
Obgleich an Zahl anscheinend noch wenige, müssen doch 
Personen von Bedeutung darunter gewesen sein, ich meine 
Chettle's „divers of worship — einige Adlige, oder einige 
Personen von Ansehen." 

In Harvey's Schriften kommt der Name Shakespeare 
nicht vor. Ob und an welchen Stellen er auf ihn ange- 
spielt haben mag, ist bei den „Wundern" seines Wort- 
schatzes und seiner Schreibweise schwer zu entscheiden. 
Ich habe einige Redewendungen herausgefunden, die 
A. Grosart auf Nash bezogen wissen will, während 
ich es für möglich halte, dass Shakespare gemeint sein 
kann. ^) Wenn es der Fall ist, so geschah es indirekt und 
vorsichtig. Auch dafür lässt sich ein Grund finden. 
G. Harvey war ein um die Gunst der Grossen buhlender 
Schmeichler. Hätte nun ein solcher den aufstrebenden 
Dichter unter seinen Schutz genommen, ^) so wird sich ein 
Harvey wol gehütet haben, sein grobes Kaliber gegen den 
Schützling spielen zu lassen, um so weniger, wenn letzterer 
es vermieden hätte, die Eitelkeit des Pedanten zu verletzen. 



dargestellt worden. Hätte Shakespeare 1592 die Rolle des Winchester 
seihst gespielt gehaht, was sich freilich leider nicht nachweisen 
lässt, so könnte daraus eine Bestätigung der Mutmassung herge- 
leitet werden, dass er im vierten Verse des „Phönix" auf sich selbst 
anspielt. 

Dieselben erschienen mir nicht sicher genug, um schon 
hier in Erörterung gezogen zu werden. Wir werden sie weiter 
unten kennen lernen. 

2) Weiter unten werden einige Momente angeführt werden, 
die die Mutmassung zu lassen, dass eine Lady Smith dieses gethan 
zu haben seheint. 



— 218 — 

Dies hat Shakespeare im „Phönix" auch augenscheinlich 
vermieden. Das Wort „fouV vom Precursor gesagt, 
braucht keine Beleidigung zu enthalten, denn es bedeutet 
dann augenscheinlich „verletzend" (nämlich gegen Nash 
gemeint); ^end = feindselige Kritik ebensowenig; und der 
Ausdruck „Vorherverkünder des Endes des (Marprelaten) 
Fiebers" dürfte den selbstdurchdrungenen Manne eher ge- 
schmeichelt, als seinen Zorn erregt haben, falls er den 
„Phönix" zu Gesichte bekommen hat, was ja auch nicht 
bewiesen werden kann. 

Zeilen 17 — 20 sprechen von einer „Krähe", die auf- 
gefordert wird, sich den Trauernden anzuschliessen. 

Es ist dies der Vers, den A. Grosart nicht zu ver- 
stehen einräumt, und als eine Zufälligkeit des Gedichtes 
bezeichnet, für welche er mit seiner Elisabeth-Essex-Theorie 
keine Erklärung finden kann. Mir schien bereits beim 
ersten Herantreten an den „Phönix" im Jahre 1894 ein 
Schlüssel zu den Rätseln dieses Gedichts in diesem Verse 
zu liegen und es ist beinahe scherzhaft, wie nahe an meine 
jetzige Auffassung ich damals schon gekommen war.^) 
Aber die Beantwortung zweier Fragen fehlte mir noch, 
und so blieb ich, wie alle meine Vorgänger, vor einer 
endgültigen Lösung stehen. Die erste dieser Fragen ist: 
Auf welche verschiedenen Krähensagen wird angespielt? 
Eine derselben ist ohne Weiteres verständlich. Der Rabe, 
die Krähe, soll 100 Jahre leben können. Das bedeutet 
ungefähr ein dreifaches Menschenalter, mithin „trehle-dated 
crow^, Zeile 17, „Krähe mit dreifachem (Menschen-) Alter." 
Mir scheint die weitere Erklärung, die zu dieser Stelle 
versucht worden ist, dass Shakespeare an den Vers des 
Lucretius: „Ter tres aetates humanas garrula vmcü Cornix^'^ 
gedacht habe, eher eine Verschlechterung, als eine Ver- 
besserung, denn „Ter tres" bedeutet 9 mal nicht 3 mal. 
Die andere Sage, auf welche in Zeilen 18 und 19 angespielt 
wird, ist uns Modernen verloren gegangen. Sie findet 

1) Yergl. meine Übersetzung der Gedichte Sh.'s, Seiten 283— 290. 



— 219 — 

sich aber im Buch der Natur von Conrad Ton Megenburg, 
übersetzt von Hugo Schultz, Seite 146, wo es heisst: 

„18. Vom Raben (die Krähen gehören zum Raben- 

„geschlecht. Anm. des Verf.) Augustinus sagt, 

„der Rabe pflege seine Jungen nicht eher zu füttern, bis 

„er sieht, dass ihre Federn schwarz werden 

„Einige behaupten, die Raben empfingen und legten 
„auch Eier mit dem Schnabel." Auf diese Sage dürfte 
angespielt sein, wenn es in dem Gedichte lautet : „Der du 
deine schwarze Nachkommenschaft machst mit dem Atem, 
den du giebst und nimmst." 

Die zweite Frage ist: Was bedeutet „treble-dated^^ ') 
auf den Menschen bezogen? Man konnte doch nicht an- 
nehmen, dass hier von einem 90jährigen Greise die Rede 
sei. — Diese Frage scheint durch die Heraldik entschieden 
werden zu können. 

Eine Familie Nash führte drei Rabenköpfe im Wappen. 
Wenn also der Schriftsteller dieses Namens zu der Familie 
gehörte, so mag „treble dated crow" — „dreifach als Krähe 
gekennzeichneter Mann" bedeuten können, und die Zeilen 
17 — 20 Hessen sich auf Thomas Nash beziehen. So kann 
ihn Shakespeare seines Wappens wegen genannt haben, 
aber wahrscheinlich auch noch in anderer Absicht. Ein 
Strahl des humoristischen Lächelns, das seine Lippen beim 
Niederschreiben dieser Stelle umspielt haben dürfte, scheint 
auf uns, die wir sie wiederlesen, zurückzufallen. Unter 
geschickter Ausnutzung der verschiedenen Bedeutungen 
von „treble dated crow" mag er Nash zurufen: „Du selbst 
Krähe und dazu eine dreifache", und darin scheint mir 
eine Andeutung zu liegen, dass Nash im Jahre vorher 
(1592) dem Urteil seines inzwischen verstorbenen Freundes 
Greene vollständig beigestimmt und, im Verein mit ihm, 
Shakespeare auch „emporkommende Krähe — upstart 
crow^ — genannt haben dürfte. Ohne weitere Unter- 
stützung würde diese Auffassung subjektiv sein und in 



1} Vergl. Seite 192 u. f. 



— 220 — 

der Luft schweben, aber ein Beweis, dass beide Freunde 
in dieser Angelegenheit dieselben Anschauungen gehabt 
haben müssen, lässt sich darin finden, dass der Ausf3ll 
Greene's von den Zeitgenossen Nash zugeschoben wurde 
und dieser sich in seiner Vorrede zur zweiten Ausgabe 
von „Pierce Pennüess" energisch dagegen verwahren 
musste. In den zwei weiteren Stellen des genannten 
Buches, an denen auf Shakespeare angespielt sein kann, 
hat Nash noch kein Wort der Anerkennung für das Talent 
Shakespeare's gefunden — man kann nur Neid über 
dessen gute Q eiderfolge herauslesen. 

Offenbar hatte Shakespeare bei Abfassung des „Phönix" 
die Krähe, d. h. wahrscheinlich Nash, nicht zu seinen 
„keuschen Geflügeln" gerechnet, urteilte letzterer doch 
höchst abfällig über den von Marlowe zu dichterischer 
Geltung gebrachten Blankvers. Dennoch scheint Shake- 
speare gehofft zu haben, Nash eines Andern zu über- 
zeugen^); mir scheint es von Bedeutung, dass erst zuletzt 
von der Krähe die Rede ist und dass die Aufforderung 
zur Teilnahme an der Trauerfeier in die Worte eines 
guten Rates gekleidet ist: „Zwischen unsern Trauernden 
solltest du gehen — ^mongst our moumers shalt thou go.^ 

Der Glaube, dass Th. Nash sich an R. Greene's Aus- 
fall gegen Shakespeare beteiligt, bezw. denselben selbst 
geschrieben habe, war durch die Vorrede zur zweiten 
Auflage von „Fierce Pennüess" noch nicht aus der Welt 
geschafft, wenigstens sah sich H. Ohettle noch einige 
Monate später veranlasst, auch seinerseits in der Vorrede 
zu seinem „Traum" Th. Nash gegen diesen Vorwurf in 
Schutz zu nehmen und ausdrücklich zu erklären, dass 
nicht letzterer, sondern R. Grene der Verfasser des Aus- 
falles gewesen sei. 

Aus diesen Erwägungen scheint mir der Schluss ge- 
rechtfertigt zu sein, dass Th. Nash 1592 im Verein mit 



*) Es scheint ihm gelungen zu sein, denn Nash yollendete 
das von Marlowe begonnene Stück „Dido^* und gab es 1694 heraus. 



— 221 — 

seinem Freunde Greene das Wort „emporkommende Krähe 
— upstart crow^ gegen Shakespeare geschleudert und in 
seinem „Fierce Pennüess" den Artikel „Natwe of an 
upstart — Gepflogenheiten eines Emporkömmlings" gegen 
den soeben die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehenden 
Dichter gemünzt haben kann. — „Selbst Krähe du, und 
dazu eine dreifache" wäre Shakespeare's hierauf erteilte und 
zwischen den Zeilen des „Phönix" herauszulesende Antwort. 
Zeilen 18 und 19 können sich auf die jungen Männer 
beziehen, welche in Th. Nash ihren Führer sahen und die 
von G. Harvey „Guargantua Club" genannt wurden. 
„Sohle — schwarz" dürften sie genannt sein, weil sie 
noch zu keiner eigenen literarischen Ansicht herangereift 
waren, also noch „im Dunkeln tappten" und sich blind 
von Th. Nash leiten Hessen. „Er machte sie durch den 
Hauch, den er ihnen gab und nahm", Zeile 19. 



Ehe ich nun fortfahre und den Weg zeige, auf welchem 
ich zu meiner Erklärung des Restes des Gedichts gelangt 
bin, sei hier das Ergebnis einer Besprechung mit Herrn 
Professor A. Brandl eingeschaltet und zwar der Vollständig- 
keit wegen so, wie ich mir die Worte des genannten 
Gelehrten nachgeschrieben habe, unter Wiederholung der 
bereits auf Seite 212 wiedergegebenen Gedanken: 

„Welcher Dichter mag es gewesen sein (von dem im 
„Phönix" die Rede ist)? Er hat in einer seiner Dichtungen 
^^Beauty und Truth vereint und war 1593 gestorben. 

„Antwort: Es mag Mario we gewesen sein, weil Shake- 
„speare einen Lobvers an anderer Stelle auf ihn, speziell 
„auf sein Hero-Gedicht verfasst hat in As. III, 5: 
Dead shepherd now I find thy saw of might, 
Whoever lov^d, that Uv'd not at first sight^) 



Übersetzung des Verfassers: „O todter Schäfer (d. h. Dichter) 
jetzt erkenne ich die Wucht deines Ausspruchs: Wer hätte je 
geliebt, der nicht schon beim ersten Sehen liebte." Shakespeare 
lässt die Schäferin Phebe so sprechen, als sie sich beim ersten 
Sehen in die als Mann verkleidete Bosalinde verliebt. 



— 222 — 

„Das 1599 gedruckte Gedicht müsste dann allerdings 
„schon in der zweiten Hälfte 1593 entstanden sein; aber 
„darin liegt keine Schwierigkeit, weil die Umgebung, von 
„der der Dichter hier singt, auf 1593 passt. 

„1. Harbinger =^ Harvey wird fortgewiesen: Harvey 
„hatte eben Marhwe's Dichtungen schlecht gemacht. 

„2. Mit dem Priest kann Chetfle gemeint sein, der 
„eben in Kind-hearfs dream einen schönen Nachruf auf 
^^Oreene veröffentlicht hatte, in dem er sich selbst als 
„unschuldige Seele" (surplice white) an dem von Oreene 
„auf Shakespeare gemachten Ausfall darstellte. Dies ge- 
„schah im Frühjahr 1593, wobei er sich ehrenvoll über 
^ßhaTcespeare ausgesprochen hat. 

„3. TreUe dated crow kann Nash seines Wappens 
„wegen sein. 

„4. Fowls of tyrant rving. Die Raubvögel werden weg- 
„geschafft, wie gewöhnlich in diesen allegorischen Vogel- 
„dichtungen, die alle im Gefolge von Chaibcer^s Parliament 
„o/* hirds stehen. Nur den Adler kann man nicht fortschaffen, 
„weil er gewöhnlich einen Prinzen bezeichnet. Hier ist beim 
„Adler wieder aus heraldischen Gründen an Spencer zu 
„denken, denn er führte drei Adler im Wappen. 

„Auch ist in literarischer Richtung zu beachten, dass 
^ySpencer das grösste Epos jener Zeit geschrieben und zum 
„Teil veröffentlicht hatte — er wäre also auch literarisch 
„als König zu bezeichnen. 

„Also : 

„Das Gedicht ist am besten entstanden zu denken in 
„der Zeit, in welcher Harvey, Nash und Chettle eben 
„hervorgetreten waren und zwar in Bezugnahme auf 
„Marlowe; Shakespeare würde sich durch dies Gedicht 
„erweisen als ein warmer Lobredner Marlowe's. 

„Das Gedicht erklärt sich selbst im Threnos: Truth 
„and Beauty buried 6e." — Wahrheit und Schönheit sind 
begraben. — 



— 228 — 

Es bedarf wol keiner Ausführung, mit welcher Freude 
ich obige Worte meinen Studien einfüge ; bedeuten sie doch 
die Mitarbeit eines Gelehrten und liebenswürdigen Freundes, 
der auf meine heraldischen Praemissen einging und, auf 
ihnen fussend, die literarischen Zeitverhältnisse mit meiner 
Erklärungsweise in Einklang zu bringen suchte. 

Wenn ich bei der „Selbsterklärung" des Gedichtes 
nicht stehen bleibe, sondern noch weiter auf die Suche 
gehe, so geschieht dieses, weil im ersteren Falle die Klar- 
legungen zweier Strophen des Anthems tiefsinnige meta- 
physische Spekulationen erfordern, während sie, wie ich 
gl^^ube, eminent praktische Ziele verfolgen und demgemäss 
gedeutet werden können. 

Der oben angeführte Vers Who ever lov'd u. s. w. 
entstammt den beiden Sestiaden von Hero und Leander, 
die Marlowe geschrieben hat. Sie schildern die Erlebnisse 
der beiden Liebenden in realistisch wahrer und dichterisch 
schöner Weise. So mag der „Phönix" die Schönheit und 
Wahrheit dieser Dichtung verherrlichen sollen, was im 
Anthem in etwas überschwänglicher Weise geschehen sein 
könnte, indem die Zweieinigkeit vou Schönheit und Wahr- 
heit in Marlowe's Dichtung geschildert wird. Wenn man 
für den „Phönix" und die „Turteltaube" „Schönheit" und 
„Wahrheit" einpasst, werden auch alle Verse des Anthems 
verständlich bis auf Zeile 47 und 48. Love hos reason, 
reason none — If what parts con so remain. — ;^iebe hat 
Vernunft, keine Vernunft, wenn das, was scheidet oder 
weggeht (parts = departs) so bleiben kann. — 

Zeile 47 lässt sich noch erklären: In dem Gedichte 
Marlowe's war Liebe und Vernunft so mit einander ver- 
schmolzen, dass man immer etwas von beiden vor sich 
hatte. Da war Liebe und Vernunft dabei und doch keine 
Vernunft. Liebe und Vernunft können sich so vereinen, 
dass letztere schwindet und sie beide gewissermassen in 
einer höheren Einheit aufgehen. Diese spitzfindige Zwei- 
einigkeit wäre noch verständlich, aber was sollte dann 
Zeile 48 bedeuten? Wer oder was scheidet und wer oder 



— 224 — 

was bleibt ebenso? Ich gestehe, dass ich mir bei dieser 
Erklärung kein Bild davon habe machen können was der 
innerste Sinn dieser zwei Zeilen sein könne. Dass ein 
solcher aber vorhanden sein müsste, und zwar ein praktisch 
greifbarer, wenn Shakespeare den „Phönix" geschrieben 
hat, war meine feste Überzeugung und diese hat mich 
veranlasst, noch weiter zu suchen. 

Christopher Marlowe hat nach den jetzt vorhandenen 
Ausgaben seiner Werke geschrieben: 

a) in Reimen, 
Die ersten beiden Sestiaden von Hero und Leander. 
Übersetzung der Elegien Ovids {Amores). 
Der verliebte Dichter {Passionate Shepherd) an seine Geliebte. 
Zwiegespräch in Versen {Dialogtie in Verse). 

Dass diese Dichtungen Shakespeare gut gefallen und 
seine eigenen Arbeiten beeinflusst haben, ist oben schon 
nachgewiesen. Der angeführte Vers aus As. HC, 5 ist 
Strophe 176 der ersten Sestiade von Hero und Leander. 
Aus der zweiten Sestiade lassen sich einige Gedanken als 
„Leitmotive" für verschiedene Verse in Venus und Adonis 
und Lukretia betrachten und die von mir an anderer Stelle') 
nachgewiesenen Anklänge in einigen Sonetten an Ovidii 
Ämores werden auch wol auf den Einfluss Marlowe's zu- 
rückgeführt werden können, denn sicherlich hat Shakespeare 
dessen Übersetzung gelesen. 2) 

b) in Blankversen. 
Prolog und 2 Teile Tamerlan (Tamburlaine) der Grosse. 
Die tragische Geschichte des Doktor Faust. 
Der Jude von Malta (Prolog und Epilog in Reimen). 
Pariser Bluthochzeit {Massacre at Paris). 
Tragödie der Dido, Königin von Karthago (beendet von 

Th. Nash). 
Die Historie König Eduard H. 



1) Vergl. in den Anmerkungen zu meiner Übersetzung der 
Gedichte Shakespeare's. 

2) Obgleich sie, nach Baynes' Angabe, erst 1596 herausgegeben 
wurde. 



— 225 — 

Der grösste Teil der Werke Marlowe's ist also in 
Blankversen geschrieben. Sein „Tamerlan" scheint den 
Geschmack seiner Zeit am besten getroffen zu haben, 
denn bis in's 17. Jahrhundert hinein finden sich An- 
führungen aus diesem Stücke bei andern Schriftstellern. 

Sollte nun ein Schauspieler wie Shakespeare, wenn 
er einem Marlowe den Nachruf schrieb, nur an des 
letzteren lyrische Dichtungen gedacht haben? oder ist es 
nicht eigentlich natürlicher, wenn er auch die dramatischen 
in's Auge fasste? um so mehr, als Marlowe das für drama- 
tische Zwecke geeignetste Versmass erst zum rechten 
Leben erweckt hatte? 

Es lässt sich beweisen, dass Shakespeare schon bei 
Lebzeiten Marlowe's dessen Blankvers angenommen hatte. 
Aus Äusserungen von Thomas Nash und Robert Greene, 
die im August 1592 geschrieben wurden, oder eben ge- 
schrieben waren, ist zu entnehmen, dass der erste Teil 
von H6 bereits mit grossem Erfolge aufgeführt und der 
dritte Teil auch schon verfasst war, ehe die Bühnen der 
Pest wegen geschlossen wurden. Alle drei Teile von H 6 
sind in Blankversen mit eingestreuten Reimen geschrieben 
und werden in der Folio von 1623 aufgeführt, sind also 
von Shakespeare verfasst. Nun lehnt sich aber die 
Schreibweise von H 6 A so enge an die Marlowe's an, 
dass englische Fachleute dieses Stück rundweg für Mar- 
lowe's Arbeit erklärt haben.') Wäre dieses der Fall ge- 
wesen, so hätte sich der erfolgreiche Dichter des „Tamerlan" 
sicherlich den Ruhm nicht nehmen lassen, auch der Ver- 
fasser dieses Stückes gewesen zu sein. Die ganze Sache 
spricht nur dafür, was hier zu beweisen ist, dass Shake- 
speare die Behandlung des Blankverses, wie sie Marlowe 
eingeführt hatte, sehr hoch schätzte und schon bei Leb- 
zeiten desselben bemüht gewesen ist, ihr nachzueifern. 

Nach diesen Betrachtungen sei es mir gestattet, 
den Schluss des „Phönix" zu erklären und den Weg 



1) Vorrede Bullen's ^u Henry Chettk's Kind-hearfs Dream. 

16 



— 226 — 

zu zeigen, auf dem *^ich zu meinem Endergebnis ge- 
langt bin. 

Anthem und Threnos. 

Nachdem in den vorhergehenden fünf Versen die Ein- 
leitung gegeben, d. h. die literarische Lage geschildert 
sein kann, in der sich Shakespeare einige Wochen nach 
Marlowe's Ermordung befand, so folgt nun das eigentliche 
Gedicht, die Behandlung des in der Überschrift gegebenen 
Themas. Es zerfällt in zwei Teile: Anthem (Lobgesang) 
und Threnos (Klagegesang), die aber zusammen erklärt 
werden müssen, weil nur durch Vergleich ihrer Zeüen 
untereinander das Verständnis des inneren Sinnes gefördert 
werden kann. 

Es ist mir sehr schwer geworden, zu diesem Ver- 
ständnis zu gelangen, weil ich durch die Möglichkeit einer 
Anspielung auf Harvey in Zeile 5 irre geleitet wurde. 
Ich suchte die Lösung der Rätsel des Anthem und Threnos 
zu sehr in der Richtung der Einschränkung, welche anti- 
quisierende Regeln auf die freie Bewegung der drama- 
tischen Dichtung haben mussten. Erst als ich auf diesem 
Wege nicht zum Ziele gelangte, kehrte ich zum Ausgangs- 
punkte zurück und erschrak beinahe, als ich das Gesuchte, 
mit der Hand ergreifbar, vor mir liegen fand, — war ich 
doch vorher geradezu mehrere Male darüber gestolpert. 
Doch zur Sache: 

Die Zeilen 53 — 56 des Threnos enthalten Alles, was 
uns Shakespeare zur Erkenntnis seiner Symbolisierungen 
zu sagen für gut befindet, aber es genügt nicht, um den 
innersten Kern seiner Meinung herauszuschälen. Hiezu 
bedarf es erst der Angaben, die wir schon der Zeile 6 
(Datum im ersten Briefe des „Precursor") und der Zeile 12 
(Leichenfeier) entnahmen, dass Marlowe der Todte sein 
kann, von welchem im Gedicht gesprochen wird und dass 
dann die Asche der Zeile 55 Marlowe's Asche bedeutet. 

So wäre also der Phönix das Symbol für die Schön- 
heit und Anmut, die Turteltaube für die Wahrheit und 



— 227 — 

Einfachheit in den Dichtungen Marlowe's, denn diese 
Eigenschaften ruhen in seiner Asche eingeschlossen. 

In Zeile 27 des Anthems wird gesagt, dass diese 
beiden Eigenschaften zwei bestimmt abgegrenzte Grössen 
— t^üo ddstinds — waren, aber ohne Teilung — division 
none. — Hiezu ist zu ergänzen: „so lange Marlowe 
dichtete", denn von den beiden Symbolen der Überschrift 
ist die Rede. Ferner sagt Zeile 89: die beiden Begriffe 
ohne Teilung wären gewesen: „ein einzelnes Wesen, 
welches einen Doppelnamen gehabt habe — smgle 
nature^s double name^\ — 

Alle diese Angaben sind von Shakespeare geschrieben; 
es ist also ausgeschlossen, dass sie philosophische Probleme 
ohne inneren Zusammenhang behandeln könnten, sondern 
sie mussten scharf und logisch durchdacht sein, einen ganz 
bestimmten Sinn haben und in bestimmbarer Beziehung 
zu einander stehen. Das war meine feste Überzeugung 
vom ersten Lesen des Gedichtes an und ich freue mich, 
dass ich mich nicht getäuscht zu haben scheine, sondern 
doch endlich zu einer hoffentlich genügenden Lösung der 
Rätsel, die dieses Machwerk des grossen Britten enthält, 
gelangt bin. 

In dem Gedichte selbst fand ich weiter keinen Anhalt; 
Die Lösung musste in derGeschichte der englischen Literatur 
insbesondere in den Werken Marlowe's gesucht werden. 
Unser Gedicht lobt „die Zweieinigkeit von Schönheit und 
Wahrheit" die in einer einzelnen Dichtung, oder in mehreren 
Werken Marlowe's zu suchen ist. Es ist bekannt, dass 
Shakespeare auch für die Fehler seines Vorgängers 
ein offenes Auge hatte. Seine Übertreibungen, das 
Schwülstige, der Missbrauch von Pathos und Rhetorik, 
womit er die Sprache in seinen meist grossartig 
veranlagten Scenen verdarb, hatte Shakespare wol er- 
kannt In H 4 B höhnt er diese Fehler, indem er eine 
komische Figur dieser Historie, den Fähndrich Pistole, bei 
den denkbar unpassendsten Gelegenheiten in dem über- 
triebenen Pathos sprechen lässt, welches er an Marlowe's 

16* 



— 228 — 

Schreibweise tadelte. Dass ihm die Absicht, diese Schwächen 
zu kritisieren, dabei thatsächlich vorgeschwebt haben muss, 
geht daraus hervor, dass er Pistole zwei Zeilen sprechen 
lässt, die eine deutlich erkennbare Anspielung auf den 
Anfang einer der grössten Scenen im „Tamerlau" dar- 
stellen; In echt Mario we'scher Übertreibung fährt {11 Tarn- 
burlaine the Qreat IV, 4) der auf dem Gipfelpunkt seiner 
weltbeherrschenden Macht angelangte Tamerlan in einem 
von zwei unterjochten und gefangenen Königen gezogenen 
Wagen auf die Bühne. Die Könige sind wie Pferde an- 
geschirrt und aufgezäumt und während Tamerlan mit der 
Peitsche auf sie einschlägt, lässt ihn Mario we sprechen: 

Holla, ye pampered jades of Asia! What! ean ye draw 
but twenty miles a day — 

Holla, Ihr verweichlichten Mähren Asiens! Wie! könnt 
Ihr nur zwanzig Meilen an einem Tage ziehen! 

Und Shakespeare lässt den halbbetrunkenen Pistole 
in der wüsten Kneipscene H4Bn, 4 deklamieren: 

Shall packhorses, And holhw pamper*d jades of Asia, 
Which cannot go bid thirty miles a day — 

Sollen Packpferde und hohlleibige, verwöhnte Mähren 
Asiens, die nur dreissig Meilen einen Tag gehen können. 

So ist kein Zweifel daran möglich, dass Shakespeare 
auch Marlowe's Fehler erkannt und ungünstig kritisiert 
hat. Auf diese kann er mithin im „Phönix" nicht anspielen. 
Was ihn aber begeistert haben muss, dass ist die wilde 
Grösse einzelner Scenen und — in Bezug auf seine 
Dichtweise — der Blankvers. Letzterer, befreit von den 
gekünstelten Eegeln über Accent und Rhythmus, muss 
ihm wie eine Erlösung seiner Muttersprache von langem 
Banne vorgekommen sein. Er hat ihn — Marlowe's grossen 
Vers {great line) — angenommen, ausgebildet und als 
herrliches Werkzeug für die dramatischen Dichtungen in 
fast allen Sprachen der Nachwelt hinterlassen. 

Ob man in Marlowe's Werken blättert, oder in einem 
nur einigermassen vollständigen Konversations - Lexikon 
nachschlägt, oder ein Marlowe behandelndes Buch liest, 



— 229 — 

überall leuchten uns zwei Worte entgegen, die die Verdienste 
dieses Dichters um die englische dramatische Dichtung 
zusammenfassen, die Worte: „Pathos" und „Blankvers" 
und diese Worte scheinen den Schlüssel zu den letzten 
Geheimnissen des „Phönix" zu geben. 

Der Blankvers ist gleichzeitig Prosa (Wahrheit) und 
Poesie (Schönheit), die vollkommenste Zweieinigkeit, die 
sich ausdenken lässt, er kann die „eine Grösse mit einem 
Doppelnamen" darstellen sollen; man kann von ihm sagen, 
er stelle „zwei bestimmt abgegrenzte Begriffe ohne Teilung" 
vor, Shakespeare mag in der Verein ong von Poesie und 
Prosa „die höchsten Leistungen, die Leitsterne der Liebe" 
(nämlich zum dramatischen Dichten) gesehen haben und nach 
seiner Ansicht mag sich noch kein Dichter gefunden haben, 
der den Blankvers wie Marlowe dichten konnte, und von dem 
er desshalb sagte: „er ruhe hier in der Asche" (Marlowe's). 

In Zeile 22 wird gesagt, was mit Marlowe gestorben 
ist. „Liebe und Beständigkeit sind todt". Er war der 
Dichter "der Liebe; alle seine Reimdichtungen behandeln 
dieses Thema; aber bei Weitem den grössten Teil seiner 
hinterlassenen Schriften bilden dramatische Stücke in Blank- 
versen. Auf letztere scheint das Wort Beständigkeit — 
eonstancy — anzuspielen und dann mit Eecht, denn der 
Blankvers wurde von den Kollegen Marlowe's bis zu seinem 
Tode als ungeeignet zu schöner dramatischer Dichtung 
bekämpft. Greene, Peele, Nash e tuttt quanti waren Gegner 
des Blankverses, der heftigste von ihnen aber G. Harvey. 
Wäre dieser mit seinen Vorschriften für die englische 
Dichtkunst durchgedrungen, so wäre die Vereinung von 
Schönheit und Wahrheit, von Poesie und Prosa, wie sie 
Marlowe geschaffen, wieder getrennt worden. Unter Zu- 
grundelegung dieses Gedankens lassen sich auch die Zeilen 
47 und 48 ohne metaphysische Spitzfindigkeit o. d. m. 
erklären. Sie können m. E. bedeuten: Liebe (die von 
Phönix und Turteltaube ist gemeint) also, von Schönheit 
und Wahrheit, Poesie und Prosa in Marlowe's Dichterhand 
hat Vernunft; aber es ist keine Vernunft, wenn das, was 



— 230 — 

[die Beiden] trennt — parts = disunites -~^ trennt — so bleiben 
kann. (Das kann bedeuten: wenn die Eegeln der Eule 
Harvey befolgt werden sollen.) 

Das Anthem kann also vorstellen: 

a) Einen Lobgesang auf die ersten zwei Sestiaden von 
Hero und Leander. Auf diese Dichtung bezogen, würde 
es ein nach heutigen Begriffen fast zu warmes Lob bedeuten 
und die Einzelheiten der Zweieinigkeits- Schilderungen 
Hessen sich nur unter Zuhülfenahme höchst spitzfindiger 
Überlegungen erklären. 

b) einen Lobgesang auf die Dichtart der zahlreichen 
dramatischen Schriften Marlowe's, auf den — Blankvers, 
als Zweieinigkeit von Poesie und Prosa. Auf letztere 
bezogen und auf den Widerstand, welcher der Einführung 
dieser Dichtart in jener Zeit thatsächlich entgegengesetzt 
wurde, wird jedes Wort des Anthems klar, deutlich und 
in einfachster Weise verständlich. 

Objektive Beweise, ob eine von beiden Auffassungen 
oder vielleicht auch beide gleichzeitig das Eichtige treffen, 
kann ich nicht herbeischaffen. Shakespeare hat 6 — 7 Jahre 
nach der Abfassung des „Phönix" jene Zeile aus „Hero 
und Leander" rühmend hervorgehoben und vorher einige 
Gedanken aus dieser Dichtung in seinen eigenen Jugend- 
arbeiten ausgesponnen. Dies spräche für das Lob der 
einzelnen Dichtung. Andrerseits hatte er aber den Mar- 
lowe'schen Blankvers bereits angenommen, ehe er den 
„Phönix" schrieb und ihn bis zum Schluss seiner Werke 
beibehalten und ausgebildet. ') Ferner scheint er in seinem 
Gedichte selbst durch das Wort „constancy — Beharrlich- 



^) In vielen Stücken Shakespeare's -werden Einzelausdrücke 
und Gedanken nachgewiesen, die in Marlowe's „Tamerlan" schon 
enthalten waren. Ein solcher Anklang möge hier folgen, weil er 
sich in dem 159^ herausgegehenen Gedichte „Venus und Adonis" 
findet, und dafür spricht, dass das Lob im „Phönix" sich auch 
auf die dramatischen Schriften Marlowe's beziehen könnte. 
I Tambourlaine T, 2, 50 — 51: „Grade so, als ob windige Ausatmungen 
{exhalations), um einen Ausjass fechtend, innerhalb der Erde im 



— 281 — 

keit oder Beständigkeit" auf die UnermUdUchkeit anzu- 
spielen, mit der Marlowe den Blankvers einzuführen be- 
müht gewesen ist, allem Widerstände zum Trotz; und 
auch auf diesen Widerstand scheint „it what parts — das 
was trennt" eine Anspielung zu sein. Dies spräche für 
das Lob der in neuer Form ausgebildeten Dichtart, — der 
Blankverse in Marlowe's dramatischen Werken. 

Es muss der Beurteilung meiner verehrten Leser über- 
lassen bleiben, welcher Auffassung sie sich anschliessen 
wollen. Ich persönlich habe mich bis jetzt für die letztere 
entschieden. 

So glaube ich auch, dass das Gedicht keinen Versuch 
Shakespeare's darstellt, in höfischer Poesie zu dichten, 
sondern ich halte es für ein Gelegenheitsgedicht, weiches 
nur für seine eingeweihten Freunde — nicht für die 
Öffentlichkeit bestimmt gewesen ist. Er mag als Schau- 
spieler und nicht studierter Mann nicht gewagt haben, seine 
Ansichten öffentlich zu verlautbaren, hat sie aber seinen 
Gesinnungsgenossen nicht vorenthalten wollen, in welchem 
Falle er m. E. keinen Anstand zu nehmen brauchte, seiner 
eigenen Person wie in den Sonetten, so auch im „Phönix" 
Erwähnung zu thun, um den Eingeweihten seine Stellung- 
nahme in den literarischen Zwistigkeiten zu erkennen zu 
geben. 

Wenn er seine Person unter dem „Schwan" im Hin- 
blick auf die emblematische oder symbolische Bedeutung 
dieses Vogels, die wir Seite 191 kennen gelernt haben, 
verstanden wissen will, so liegt darin m. E. eine Art von 
rührendem Verzagtsein, das ja auch verschiedene seiner 



Turnier gegeneinander anritten (tÜt) und F. a. A. 1046, 47: „Als 
wenn der Wind, im Erdboden gefangen, um einen Ausgang ringt 
und die Grundfeste der Erde erschüttert." — Sehr beweiskräftig 
freilich ist dieser Anklang nicht, denn beide Stellen dürften eine 
dichterische Schilderung darstellen von den Ursachen, die nach 
landläufigem Glauben die Erdbeben veranlassten. Beide Dichter 
müssen das Erdbeben erlebt haben, das 1588 in England gefühlt 
worden war. 



— 232 — 

Sonette durchtönt. Er könnte symbolisch ausdrücken wollen : 
„Wie der Schwan in schlichtem weissen Gefieder sein Lied 
singt, so dichte auch ich in schlichter Einfachheit und wie 
dieser Vogel bald nachher sterben rauss, so wird es auch 
mir gßhen, wenn meine Dichtungen nicht anerkannt werden, 
denn dann sterbe ich als Dichter und ich ahne, dass es 
mir so gehen wird." Die damalige Beliebtheit emble- 
matischer und symbolischer Ausdrucksweise scheint mir 
für diese Annahme zu sprechen. Die Wahrscheinlichkeit 
steigt, wenn nachgewiesen werden könnte, dass Shakespeare 
Whitney's Buch gelesen und geschätzt hat, und — soweit 
Qedankenanklänge einen Beweis liefern — kann dieses 
behauptet werden. Henry Green in seinem Buche: 
„Shakespeare and the Emblem Writers — Shakespeare und 
die Verfasser von Schriften über Embleme" — und in 
seinen Erläuterungen zu Whitney's Emblemen weist viele 
Entlehnungen aus Whitney und anderen Emblematisten in 
den dramatischen Schriften Shakespeare's nach. Ich möchte 
es noch für wichtiger halten, dass nicht nur im Tonfall 
vieler Verse, sondern auch in Gedanken anklängen die 
Schreibart Whitney's mit der einzelner Sonette Ähnlichkeit 
hat. Der Gedanke: „Dem vernichtenden Einfluss der Zeit 
kann nichts widerstehen", wird sowol in den Emblemversen 
als auch in den Sonetten behandelt. Am beweiskräftigsten 
scheint mir in dieser Beziehung Sonett 64, welches gradezu 
eine Aneignung der in den Emblemen Whitney's (Seite 129 
und 131) ausgeführten Gedanken genannt werden kann: 
Seite 129: Motto: Constanter; das Bild stellt eine 
Überschwemmung dar, aus welcher Dächer und Türme 
herausragen, während Schiffe dazwischen herumfahren. 
Die ersten Zeilen des Verses lauten in Übersetzung'): 

„Die wogende See brüUt mit schrecklichem Toben 

„Und droht, die ganze Welt zu überfluten; 

„Der Strand wirft bisweilen ihre Wellen zurück. 

„Aber oft gewinnt sie zum Schaden der Erde {giues the earthe a blowe); 



*) Dieses Emblem ist eins der wenigen, für die Green keine 
Quelle finden kann, es mag also ganz von Whitney stamlnen. 



— 2B3 — 

,;BiswQileii schälft sie da Land hin, wo Schiffe segeln; 
„Bisweilen segeln diese da, wo St&dte stehen.^ 

Seite 181: Motto: Scripta manent; das Bild stellt eine 
Stadt mit Türmen dar, die zusammenstürzen. Der Vers 
beginnt: 

„Wenn das mächtige Troja mit Thoren von Stahl und Erz 
„Durch den Zug der stehlenden Zeit wegg^etragen wird; 
„Wenn Karthago rasiert, und Thehen mit Gras üherwachsen ist; 
„Wenn das his in die Wolken ragende Babel niedergebeugt ist/ 

Dann lese man die ersten acht Zeilen des Sonetts 64: 

„Wenn ich gesehen habe, wie von der grausamen Hand der Zeit 

entstellt wurde 
„Die stolze, reiche Pracht vergangener und begrabener Zeitalter, 
„Wenn ich in die Luft ragende Türme niederrasiert sehe, 
„Und ewiges Erz zum Sklaven sterblicher Leidenschaften gemacht; 
„Wenn ich gesehen habe, wie der hungrige Ocean Vorteile 
„Von dem Königreiche des Strandes abgewann, 
„Und fester Boden sich in die Wasser des Weltmeeres breitete, 
„Vorrat mit Verlust und Verlust mit Vorrat vergrössernd." 

SO wird Shakespeare's Kenntnis der Whitney'schen 
Embleme bewiesen, so gut Gedankenanklänge es zu thun 
vermögen. Aus diesen könnte mithin auch die symbolische 
Bedeutung des Schwans entnommen worden sein. 

Whitney war 1586, als seine Embleme erschienen, 
bereits ein bekannter Schriftsteller und wurde durch das 
Buch bei seinen Zeitgenossen berühmt. Von dem 22jährigen 
Shakespeare dagegen verlautete um diese Zeit noch nichts. 
Letzterer könnte mithin nur von ersterem entlehnt haben, 
nicht umgekehrt. 

Diese Entlehnung erstreckt sich auch auf eine Eigen- 
tümlichkeit, die den Emblemenversen und den Sonetten 
gemeinsam ist: Erstere enthalten immer eine Erklärung 
und dann „eine moralisierende Nutzanwendung." 
Die Sonette bringen in drei Vierzeilen eine Reihe von 
Gedanken, die beiden Schlusszeilen fassen diese immer 
kurz zusammen und erteilen den Leser, bezw. der ange- 
sprochenen Person „eine moralisierende Erläuterung." 



— 232 — 

Sonette durchtönt. Er könnte symbolisch ausdrücken wollen : 
„Wie der Schwan in schlichtem weissen Gefieder sein Lied 
singt, so dichte auch ich in schlichter Einfachheit und wie 
dieser Vogel bald nachher sterben muss, so wird es auch 
mir gßhen, wenn meine Dichtungen nicht anerkannt werden, 
denn dann sterbe ich als Dichter und ich ahne, dass es 
mir so gehen wird." Die damalige Beliebtheit emble- 
matischer und symbolischer Ausdrucks weise scheint mir 
für diese Annahme zu sprechen. Die Wahrscheinlichkeit 
steigt, wenn nachgewiesen werden könnte, dass Shakespeare 
Whitney's Buch gelesen und geschätzt hat, und — soweit 
Gedankenanklänge einen Beweis liefern — kann dieses 
behauptet werden. Henry Green in seinem Buche: 
„Shakespeare and the Emblem Writers — Shakespeare und 
die Verfasser von Schriften über Embleme" — und in 
seinen Erläuterungen zu Whitney's Emblemen weist viele 
Entlehnungen aus Whitney und anderen Emblematisten in 
den dramatischen Schriften Shakespeare's nach. Ich möchte 
es noch für wichtiger halten, dass nicht nur im Tonfall 
vieler Verse, sondern auch in Gedanken anklängen die 
Schreibart Whitney's mit der einzelner Sonette Ähnlichkeit 
hat. Der Gedanke: „Dem vernichtenden Einfluss der Zeit 
kann nichts widerstehen", wird sowol in den Emblemversen 
als auch in den Sonetten behandelt. Am beweiskräftigsten 
scheint mir in dieser Beziehung Sonett 64, welches gradezu 
eine Aneignung der in den Emblemen Whitney's (Seite 129 
und 131) ausgeführten Gedanken genannt werden kann: 
Seite 129: Motto: Constanter; das Bild stellt eine 
Überschwemmung dar, aus welcher Dächer und Türme 
herausragen, während Schiffe dazwischen herumfahren. 
Die ersten Zeilen des Verses lauten in Übersetzung'): 

„Die wogende See brüUt mit schrecklichem Toben 

„Und droht, die ganze Welt zu überfluten; 

„Der Strand wirft bisweilen ihre Wellen zurück. 

„Aber oft gewinnt sie zum Schaden der Erde {giues the earthe a hUme)\ 

1) Dieses Emblem ist eins der wenigen, für die Green keine 
Quelle finden kann, es mag also ganz von Whitney stamtien. 



-^ 2BB — 

^Bisweilen schafft sie da Land hin, wo Schiffe segeln; 
„Bisweilen segeln diese da, wo St&dte stehen.** 

Seite 131: Motto: Scripta manent; das Bild stellt eine 
Stadt mit Türmen dar, die zusammenstürzen. Der Vers 
beginnt: 

„Wenn das mächtige Troja mit Thoren von Stahl und Erz 
„Durch den Zug der stehlenden Zeit weggetragen wird; 
„Wenn Karthago rasiert, und Thehen mit Gras überwachsen ist; 
„Wenn das bis in die Wolken ragende Babel niedergebeugt ist.^ 

Dann lese man die ersten acht Zeilen des Sonetts 64: 

„Wenn ich gesehen habe, wie von der grausamen Hand der Zeit 

entstellt wurde 
„Die stolze, reiche Pracht vergangener und begrabener Zeitalter, 
„Wenn ich in die Luft ragende Türme niederrasiert sehe, 
„Und ewiges Erz zum Sklaven sterblicher Leidenschaften gemacht; 
„Wenn ich gesehen habe, wie der hungrige Ocean Vorteile 
„Von dem Königreiche des Strandes abgewann, 
„Und fester Boden sich in die Wasser des Weltmeeres breitete, 
„Vorrat mit Verlust und Verlust mit Vorrat vergrössemd." 

SO wird Shakespeare's Kenntnis der Whitney'schen 
Embleme bewiesen, so gut Gedankenanklänge es zu thun 
vermögen. Aus diesen könnte mithin auch die symbolische 
Bedeutung des Schwans entnommen worden sein. 

Whitney war 1586, als seine Embleme erschienen, 
bereits ein bekannter Schriftsteller und wurde durch das 
Buch bei seinen Zeitgenossen berühmt. Von dem 22jährigen 
Shakespeare dagegen verlautete um diese Zeit noch nichts. 
Letzterer könnte mithin nur von ersterem entlehnt haben, 
nicht umgekehrt. 

Diese Entlehnung erstreckt sich auch auf eine Eigen- 
tümlichkeit, die den Emblemenversen und den Sonetten 
gemeinsam ist: Erstere enthalten immer eine Erklärung 
und dann „eine moralisierende Nutzanwendung." 
Die Sonette bringen in drei Vierzeilen eine Reihe von 
Gedanken, die beiden Schlusszeilen fassen diese immer 
kurz zusammen und erteilen den Leser, bezw. der ange- 
sprochenen Person „eine moralisierende Erläuterung." 



— 236 — 

Die Zeile 48 im 12. Verse vermag ich dann aber nicht zn 
erklären. 

Vorher jedoch müssen hier noch einige Einzelheiten 
besprochen werden: 

Love und to love im Anthem beziehen sich auf die 
Liebe der Titelvögel zueinander.*) Da diese Dichter- 
eigenschaften darzustellen scheinen, welche mit Marlowe 
gestorben sind, so dürften die Worte bedeuten: „Die 
Vereinung, in welche sie Marlowe zu bringen wusste" 
und „in Vereinung gedichtet werden." Love wird deshalb 
am Einfachsten mit „Dichterwerk" verdeutscht, wie dieses 
auch für Sonett 26 gilt, wo ,^Lord of my hve — Herr 
meiner Liebe", „Beschützer meiner Dichtwerke" — 
und ^.tattered loving — zerlumptes Lieben", „zerlimiptes 
Dichten" zu bedeuten hat. 

reason (Z. 41) wird sprechend und handelnd, d. h. 
persönlich eingeführt, kann also bedeuten: Vernünftiger 
Mensch — Kritiker u. d. m. 

Simple (Z. 44), wenn dieses Wort nicht einen Druck- 
fehler für das Adverb ^^simply — einfach" darstellt, so 
wäre dahinter „ones^^ zu ergänzen, also simple ones = ein- 
fache, wahrscheinlich „Fragen", auf das vorhergehende 
Ob? und Ob nicht? bezogen. 

Der Threnos (Klagegesang) ist nach vorstehenden 
Erörterungen verständlich; nur die Zeilen 57 — 61 bedürfen 
einer besonderen Überlegung. M. E. scheinen diese Zeilen 
die Ansicht Shakespeare's auszusprechen, dass sich in ab- 
sehbarer Zeit kein Dichter finden werde, der im Stande 
wäre, Schönheit und Wahrheit oder Poesie und Prosa 
„einander so lieben zu machen", wie Marlowe es gethan 
habe. Die Schilderung der Liebe der beiden Titelvögel 
zueinander, unter welchem Bilde er die Dichterfähigkeiten 
Marlowe's gelobt hatte, scheint ihm Gelegenheit geboten 
zu haben, dem Geschmacke seiner Zeit zu folgen und 
einen etwas lasciven Scherz einfliessen zu lassen. So 



1) Ansgenommeii das „Love** in Zeile 22, vergl. Seite 180. 



— 237 — 

wenigstens würden auch diese 5 Zeilen des Threnos ver- 
ständlich: Und die treue Brust der Turteltaube (d. h. der 
Wahrheit, der Prosa) ruht bis in Ewigkeit, ohne dass sie 
(nämlich die Schönheit und Wahrheit — Poesie und Prosa) 
Nachkonunen hinterliessen, nicht etwa ihrer Schwäche 
wegen, sondern weil sie in vermählter Keuschheit') mit- 
einander gelebt hatten. 

for (Z. 67) dürfte nicht mit „für", sondern mit „um" 
zu verdeutschen sein, „und darum zu beten, dass ihnen 
etwas von der Schönheit und Wahrheit verliehen werden 
möge, die Marlowe's Werke auszeichneten." 

Der innerste Sinn. 

„Der Phönix und Turteltaube" kann eher eine Skizze 
— eine Disposition in Reimen zu einem Gedicht genannt 
werden, als ein wirkliches Dichterwerk. Es ist, wie aus 
allen bisherigen Erklärungen hervorgeht, durchaus doppel- 
sinnig. Es spricht offenkundig von verschiedenen Vögeln 
und meint, versteckt dahinter, gewisse Menschen. Des- 
halb ist bei Übertragung in eine fremde Sprache eine 
doppelte Übersetzung nötig. Die auf Seite 179 — 82 ge- 
brachte „wörtliche Übersetzung" beschäftigt sich nur mit 
der offenbaren Beziehung auf die Vögel. Die hier folgende 
Wiedergabe des innersten Sinnes nur mit der von mir 
vermuteten Beziehung auf die Menschen. Um den Ver- 
gleich beider zu erleichtern, sind in beiden sowol die Verse, 
als auch die Zeilen gezählt worden. 

Die kürzeste und verständlichste Art meiner Er- 
klärung des Ganzen im Zusammenhange bietet, wie ich 
glaube, eine ganz freie Übersetzung, in welcher die ge- 
brauchten Symbole und Bilder weggelassen und durch die 
von mir gemutmassten Bedeutungen ersetzt werden. Hie- 
bei halte ich es für vorteilhaft, die in der Kürze des 
Originals möglicher Weise angedeuteten Gedanken voll 
auszuführen und alle zwischen den Zeilen herauszulesenden 



1) Vergl. die Seite 187 erwähnte Phönixsage. 



— 228 — 

Schreibweise tadelte. Dass ihm die Absicht, diese Schwächen 
zu kritisieren, dabei thatsächlich vorgeschwebt haben muss, 
geht daraus hervor, dass er Pistole zwei Zeilen sprechen 
lässt, die eine deutlich erkennbare Anspielung auf den 
Anfang einer der grössten Scenen im „Tamerlau" dar- 
stellen; In echt Mario we'scher Übertreibung fährt {II Tam- 
burlame the Oreat JF, 4) der auf dem Gipfelpunkt seiner 
weltbeherrschenden Macht angelangte Tamerlan in einem 
von zwei unterjochten und gefangenen Königen gezogenen 
Wagen auf die Bühne. Die Könige sind wie Pferde an- 
geschirrt und aufgezäumt und während Tamerlan mit der 
Peitsche auf sie einschlägt, lässt ihn Marlowe sprechen: 

Holla, ye pampered jades of Äsia! What! ean ye draw 
but twenty miles a day — 

Holla, Ihr verweichlichten Mähren Asiens I Wie ! könnt 
Ihr nur zwanzig Meilen an einem Tage ziehen! 

Und Shakespeare lässt den halbbetrunkenen Pistole 
in der wüsten Kneipscene H4Bn, 4 deklamieren: 

Shall pacJchorseSf And hollow pamper*d jades of Asia, 
Which cannot go btd thirty mües a day — 

Sollen Packpferde und hohlleibige, verwöhnte Mähren 
Asiens, die nur dreissig Meilen einen Tag gehen können. 

So ist kein Zweifel daran möglich, dass Shakespeare 
auch Marlowe's Fehler erkannt und ungünstig kritisiert 
hat. Auf diese kann er mithin im „Phönix" nicht anspielen. 
Was ihn aber begeistert haben muss, dass ist die wilde 
Grösse einzelner Scenen und — in Bezug auf seine 
Dichtweise — der Blankvers. Letzterer, befreit von den 
gekünstelten Regeln über Accent und Rhythmus, muss 
ihm wie eine Erlösung seiner Muttersprache von langem 
Banne vorgekommen sein. Er hat ihn — Marlowe's grossen 
Vers (great line) — angenommen, ausgebildet und als 
herrliches Werkzeug für die dramatischen Dichtungen in 
fast allen Sprachen der Nachwelt hinterlassen. 

Ob man in Marlowe's Werken blättert, oder in einem 
nur einigermassen vollständigen Konversations - Lexikon 
nachschlägt, oder ein Marlowe behandelndes Buch liest, 



— 229 — 

Oberall leuchten uns zwei Worte entgegen, die die Verdienste 
dieses Dichters um die englische dramatische Dichtung 
zusammenfassen, die Worte: „Pathos" und „Blankvers" 
und diese Worte scheinen den Schlüssel zu den letzten 
Geheimnissen des „Phönix" zu geben. 

Der Blankvers ist gleichzeitig Prosa (Wahrheit) und 
Poesie (Schönheit), die vollkommenste Zweieinigkeit, die 
sich ausdenken lässt, er kann die „eine Grösse mit einem 
Doppelnamen" darstellen sollen; man kann von ihm sagen, 
er stelle „zwei bestimmt abgegrenzte Begriffe ohne Teilung" 
vor, Shakespeare mag in der Vereinung von Poesie und 
Prosa „die höchsten Leistungen, die Leitsterne der Liebe" 
(nämlich zum dramatischen Dichten) gesehen haben und nach 
seiner Ansicht mag sich noch kein Dichter gefunden haben, 
der den Blankvers wie Marlowe dichten konnte, und von dem 
er desshalb sagte: „er ruhe hier in der Asche" (Marlowe's). 

In Zeile 22 wird gesagt, was mit Marlowe gestorben 
ist. „Liebe und Beständigkeit sind todt". Er war der 
Dichter 'der Liebe; alle seine ßeimdichtungen behandeln 
dieses Thema; aber bei Weitem den grössten Teil seiner 
hinterlassenen Schriften bilden dramatische Stücke in Blank- 
versen. Auf letztere scheint das Wort Beständigkeit — 
eonstancy — anzuspielen und dann mit Recht, denn der 
Blankvers wurde von den Kollegen Marlowe's bis zu seinem 
Tode als ungeeignet zu schöner dramatischer Dichtung 
bekämpft. Greene, Peele, Nash e tutH quanti waren Gegner 
des Blankverses, der heftigste von ihnen aber G. Harvey» 
Wäre dieser mit seinen Vorschriften für die englische 
Dichtkunst durchgedrungen, so wäre die Vereinung von 
Schönheit und Wahrheit, von Poesie und Prosa, wie sie 
Marlowe geschaffen, wieder getrennt worden. Unter Zu- 
grundelegung dieses Gedankens lassen sich auch die Zeilen 
47 und 48 ohne metaphysische Spitzfindigkeit o. d. m. 
erklären. Sie können m. E. bedeuten: Liebe (die von 
Phönix und Turteltaube ist gemeint) also, von Schönheit 
und Wahrheit, Poesie und Prosa in Marlowe's Dichterhand 
hat Vernunft; aber es ist keine Vernunft, wenn das, was 



— 230 — 

[die Beiden] trennt — parts =■ disunites -~^ trennt — so bleiben 
kann. (Das kann bedeuten: wenn die Regeln der Eule 
Harvey befolgt werden sollen.) 

Das Anthem kann also vorstellen: 

a) Einen Lobgesang auf die ersten zwei Sestiaden von 
Hero und Leander. Auf diese Dichtung bezogen, würde 
es ein nach heutigen Begriffen fast zu warmes Lob bedeuten 
und die Einzelheiten der Zweieinigkeits- Schilderungen 
liessen sich nur unter Zuhtilfenahme höchst spitzfindiger 
Überlegungen erklären. 

b) einen Lobgesang auf die Dichtart der zahlreichen 
dramatischen Schriften Marlowe's, auf den — Blankvers, 
als Zweieinigkeit von Poesie und Prosa. Auf letztere 
bezogen und auf den Widerstand, welcher der Einführung 
dieser Dichtart in jener Zeit thatsächlich entgegengesetzt 
wurde, wird jedes Wort des Anthems klar, deutlich und 
in einfachster Weise verständlich. 

Objektive Beweise, ob eine von beiden Auffassungen 
oder vielleicht auch beide gleichzeitig das Richtige treffen, 
kann ich nicht herbeischaffen. Shakespeare hat 6 — 7 Jahre 
nach der Abfassung des „Phönix" jene ZeUe aus „Hero 
und Leander" rühmend hervorgehoben und vorher einige 
Gedanken aus dieser Dichtung in seinen eigenen Jugend- 
arbeiten ausgesponnen. Dies spräche für das Lob der 
einzelnen Dichtung. Andrerseits hatte er aber den Mar- 
lowe'schen Blankvers bereits angenommen, ehe er den 
^Phönix" schrieb und ihn bis zum Schluss seiner Werke 
beibehalten und ausgebildet. *) Ferner scheint er in seinem 
Gedichte selbst durch das Wort „constancy — Beharrlich- 



*) In vielen Stücken Shakespeare's werden Einzelausdrücke 
und Gedanken nachgewiesen, die in Marlowe's „Tamerlan** schon 
enthalten waren. Ein solcher Anklang möge hier folgen, weil er 
sich in dem 159P> herausgegebenen Gedichte „Venus und Adonis" 
findet, und dafür spricht, dass das Loh im „Phönix" sich auch 
auf die dramatischen Schriften Marlowe's beziehen könnte. 
/ Tambourlaine 1, 2, 50 — 52: „Grade so, als ob windige Ausatmungen 
{exhalationa), um einen Aualass fechtend, innerhalb der Erde im 



— 281 — 

keit oder Beständigkeit" auf die Unerraüdlichkeit anzu- 
spielen, mit der Marlowe den Blankvers einzuführen be- 
müht gewesen ist, allem Widerstände zum Trotz; und 
auch auf diesen Widerstand scheint „it what parts — das 
was trennt" eine Anspielung zu sein. Dies spräche für 
das Lob der in neuer Form ausgebildeten Dichtart, — der 
Blankverse in Mario we's dramatischen Werken. 

Es muss der Beurteilung meiner verehrten Leser über- 
lassen bleiben, welcher Auffassung sie sich anschliessen 
wollen. Ich persönlich habe mich bis jetzt für die letztere 
entschieden. 

So glaube ich auch, dass das Gedicht keinen Versuch 
Shakespeare's darstellt, in höfischer Poesie zu dichten, 
sondern ich halte es für ein Gelegenheitsgedicht, welches 
nur für seine eingeweihten Freunde — nicht für die 
Öffentlichkeit bestimmt gewesen ist. Er mag als Schau- 
spieler und nicht studierter Mann nicht gewagt haben, seine 
Ansichten öffentlich zu verlautbaren, hat sie aber seinen 
Gesinnungsgenossen nicht vorenthalten wollen, in welchem 
Falle er m. E. keinen Anstand zu nehmen brauchte, seiner 
eigenen Person wie in den Sonetten, so auch im „Phönix" 
Erwähnung zu thun, um den Eingeweihten seine Stellung- 
nahme in den literarischen Zwistigkeiten zu erkennen zu 
geben. 

Wenn er seine Person unter dem „Schwan" im Hin- 
blick auf die emblematische oder symbolische Bedeutung 
dieses Vogels, die wir Seite 191 kennen gelernt haben, 
verstanden wissen will, so liegt darin m. E. eine Art von 
rührendem Verzagtsein, das ja auch verschiedene seiner 



Turnier gegeneinander anritten (tilt) und V. a. A. 1046,47: „Als 
wenn der Wind, im Erdboden gefangen, um einen Ausgang ringt 
und die Grundfeste der Erde erschüttert." — Sehr beweiskräftig 
freilich ist dieser Anklang nicht, denn beide Stellen dürften eine 
dichterische Schilderung darstellen von den Ursachen, die nach 
landläufigem Glauben die Erdbeben veranlassten. Beide Dichter 
müssen das Erdbeben erlebt haben, das 1588 in England gefühlt 
worden war. 



— 232 — 

Sonette durchtönt. Er könnte symbolisch ausdrücken wollen: 
„Wie der Schwan in schlichtem weissen Gefieder sein Lied 
singt, so dichte auch ich in schlichter Einfachheit und wie 
dieser Vogel bald nachher sterben muss, so wird es auch 
mir gßhen, wenn meine Dichtungen nicht anerkannt werden, 
denn dann sterbe ich als Dichter und ich ahne, dass es 
mir so gehen wird." Die damalige Beliebtheit emble- 
matischer und symbolischer Ausdrucksweise scheint mir 
für diese Annahme zu sprechen. Die Wahrscheinlichkeit 
steigt, wenn nachgewiesen werden könnte, dass Shakespeare 
Whitney's Buch gelesen und geschätzt hat, und — soweit 
Qedankenanklänge einen Beweis liefern — kann dieses 
behauptet werden. Henry Green in seinem Buche: 
„Shakespeare and the Emblem Writers — Shakespeare und 
die Verfasser von Schriften über Embleme" — und in 
seinen Erläuterungen zu Whitney's Emblemen weist viele 
Entlehnungen aus Whitney und anderen Emblematisten in 
den dramatischen Schriften Shakespeare's nach. Ich möchte 
es noch für wichtiger halten, dass nicht nur im Tonfall 
vieler Verse, sondern auch in Gedanken anklängen die 
Schreibart Whitney's mit der einzelner Sonette Ähnlichkeit 
hat. Der Gedanke: „Dem vernichtenden Einfluss der Zeit 
kann nichts widerstehen", wird sowol in den Emblemversen 
als auch in den Sonetten behandelt. Am beweiskräftigsten 
scheint mir in dieser Beziehung Sonett 64, welches gradezu 
eine Aneignung der in den Emblemen Whitney's (Seite 129 
und 131) ausgeführten Gedanken genannt werden kann: 
Seite 129: Motto: Constanter; das Bild stellt eine 
Überschwemmung dar, aus welcher Dächer und Türme 
herausragen, während Schiffe dazwischen herumfahren. 
Die ersten Zeilen des Verses lauten in Übersetzung'): 

^Die wogende See brüllt mit schrecklichem Toben 

„Und droht, die ganze Welt zu überfluten; 

„Der Strand wirft bisweilen ihre Wellen zurück. 

„Aber oft gewinnt sie zum Schaden der Erde {giues the earthe a blou^e); 

*) Dieses Emblem ist eins der wenigen, für die Green keine 
QueUe finden kann, es mag also ganz von Whitney stamlnen. 



— 2B3 — 

„Bisweilen schafft sie da Land hin, wo Schiffe segeln; 
„Bisweilen segeln diese da, wo Städte stehen/ 

Seite 131: Motto: Scripta manent; das Bild stellt eine 
Stadt mit Türmen dar, die zusammenstürzen. Der Vers 
beginnt: 

„Wenn das mächtige Troja mit Thoren von Stahl und Erz 
„Durch den Zug der stehlenden Zeit weggetragen wird; 
„Wenn Karthago rasiert, und Theben mit Gras überwachsen ist; 
„Wenn das bis in die Wollten ragende Babel niedergebeugt ist." 

Dann lese man die ersten acht Zeilen des Sonetts 64: 

„Wenn ich gesehen habe, wie von der grausamen Hand der Zeit 

entstellt wurde 
„Die stolze, reiche Pracht vergangener und begrabener Zeitalter, 
„Wenn ich in die Luft ragende Türme niederrasiert sehe, 
„Und ewiges Erz zum Sklaven sterblicher Leidenschaften gemacht; 
„Wenn ich gesehen habe, wie der hungrige Ocean Vorteile 
„Von dem Königreiche des Strandes abgewann, 
„Und fester Boden sich in die Wasser des Weltmeeres breitete, 
„Vorrat mit Verlust und Verlust mit Vorrat vergrössemd." 

SO wird Shakespeare's Kenntnis der Whitney'schen 
Embleme bewiesen, so gut Gedankenanklänge es zu thun 
vermögen. Aus diesen könnte mithin auch die symbolische 
Bedeutung des Schwans entnommen worden sein. 

Whitney war 1586, als seine Embleme erschienen, 
bereits ein bekannter Schriftsteller und wurde durch das 
Buch bei seinen Zeitgenossen berühmt. Von dem 22jährigen 
Shakespeare dagegen verlautete um diese Zeit noch nichts. 
Letzterer könnte mithin nur von ersterem entlehnt haben, 
nicht umgekehrt. 

Diese Entlehnung erstreckt sich auch auf eine Eigen- 
tümlichkeit, die den Emblemenversen und den Sonetten 
gemeinsam ist: Erstere enthalten immer eine Erklärung 
und dann „eine moralisierende Nutzanwendung." 
Die Sonette bringen in drei Vierzeilen eine Reihe von 
Gedanken, die beiden Schlusszeilen fassen diese immer 
kurz zusammen und erteilen den Leser, bezw. der ange- 
sprochenen Person „eine moralisierende Erläuterung." 



— 244 — 

„liegt schwer auf mir; er hat zu mir gesprochen mit 
„Donnerstimme und ich habe gefühlt, dass er ein Gott 
„ist, der seine Feinde bestrafen kann u. s. w. u. s. w." 

„Wie Dich, so möchte ich auch den jungen Juvenal') 
„ermahnen, den scharf beissenden Satyriker, der jüngst 
„mit mir zusammen ein Lustspiel geschrieben hat. Lieber 
„Junge, ich möchte Dir einen Rat geben, lass Dir raten, 
„schaffe Dir nicht zu viel Feinde durch böse Worte: richte 
„Dich gegen eitle Männer, Du kannst es, keiner besser 
„und keiner so gut wie Du u. s. w. u. s. w." 

„Und Du^), der Du nicht weniger Verdienste hast, 
„als die andern Beiden; in einzelnen Sachen sie über- 
„triffst; in keiner ihnen nachstehst; der (wie auch ich) zum 
„Äussersten getrieben ist; Dir habe ich wenig zu sagen 
„u. s. w. u. s. w." 

„Niedrig denkende Männer würdet Ihr alle drei sein, 
„wenn Ihr Euch durch mein Unglück nicht warnen liesset: 
„denn an keinen von Euch suchten sich diese Kletten zu 
„hängen, wie an mich: (ich meine) die Drahtpuppen, die 
„mit unsern Mündern reden, diese Hanswurste, die sich 
„in unsern Farben kleiden. Ist es nicht befremdlich, dass 
„ich, dem sie alle zu danken haben: ist es nicht wahr- 



^) Nach heutiger Annahme Thomas Nash gemeint, der bereits 
eine sehr scharfe Feder geführt hatte und dem Satyriker Juvenal 
verglichen werden konnte. Auch war er 7 Jahre jünger als 
(ireene, was dessen spätere Anrede als „8weet hoy — lieber Junge" 
erklärbar macht. Welches Lustspiel er mit Greene zusammen 
geschrieben hat, weiss man nicht; wahrscheinlich handelt es sich 
um eine der vielen Possen, die der Marprelatenstreit hervor- 
gerufen hatte. — Die Annahme Malone's, dass Thomas Lodge 
der gemeinte Juvenal sein könne, weil er etwa 3 Jahre früher 
mit Greene zusammen das Lustspiel: „Der Spiegel von London" 
geschrieben, wird dadurch unwahrscheinlich, dass dieser 3 Jahre 
älter als Greene war, mithin von letzterem schwerlich „lieher 
.Junge" genannt werden konnte, dass er ferner keine jetzt bekannten 
Satyren geschrieben hat, und schliesslich dadurch, dass er nach- 
weisbar 1592 auf überseeischen Beisen von England abwesend 
gewesen ist. 

^) Nach allgemeiner Annahme Georg Peele gemeint. 



— 246 — 

„scheinlich, dass auch Ihr, denen sie alle auch zu danken 
„haben (kämet Ihr in dieselbe Lage, in der ich mich jetzt 
„befinde), sofort von ihnen verlassen werden würdet, wie 
„dies mir ergangen ist? Ja, trauet ihnen nicht, denn da 
„giebt es eine emporkommende Krähe — upstart Crow 
„ — verschönt mit unsern Federn, die „mit ihrem Tiger- 
„herzen, gehüllt in eines Schauspielers Haut"*), 
„sich einbildet, sie könne einen Blankvers aus dem Ärmel 
„schütteln {bombast out), wie der beste von Euch: und da 
„sie ein absoluter Johannes factotum ist, so hält sie sich 
„für den einzigen Kulissenschieber (ShaJcescene) im Lande. 
„O, könnte ich Euch durch meine Bitten bewegen, Eure 
„seltenen Talente in Bahnen zu lenken, die grössere Vor- 
„teile versprechen: lasst diese Affen das Ausgezeichnete 
„nachahmen, was Ihr früher geleistet habt, nur machet 
„sie nicht bekannt mit Euern wundervollen neuen Ent- 
„würfen {admired inuentions). Ich weiss es: der beste 
„Wirt von Euch allen wird sich nie als Wucherer, und 
„selbst der gütigste von Jenen wird sich nie als eine 
„gütige Wärterin erweisen: solange es Euch noch möglich 
„ist, sucht Euch bessere Künstler (Maisters); denn es ist 
„schade, dass Männer von seltenen Talenten von dem 
„Belieben roher Gesellen abhängig sein sollten!" 

„Hier möchte ich noch eine Einschaltung machen über 
„zwei andere Männer, die gegen diese Herren in Sack- 
„leinwand {bucJcram Oentlemen) geschrieben haben: aber 
„wenn sie fortfahren, sich immer noch solche Bauern zu 
„halten, dann mögen ihre eigenen Werke ihre eigene 
„Schlechtigkeit bezeugen. Neu hinzukommende Kräfte 
„überlasse ich der Gnade dieser bemalten Ungeheuer, die, 
„wie ich nicht zweifle, selbst den wohlwollendsten von 
„ihnen dazu bringen werden, sie zu verachten. Was die 
„dann übrig bleibenden betrifft, so ist es gleichgültig, ob 
„sie ihre Spässe über jene machen oder nicht." 



1) Vergl. H6C 1,4,37: O, Tigerherz, gehüllt in eines Weibes 
Haut! 



— 246 — 

Der Rest des Briefes mit weiteren Ermahnungen u. s.w. 
interessiert uns hier nicht weiter. 

Der Inhalt dieses Schreibens an seine Bekanntschaft 
lässt sich kurz, wie folgt, beurteilen: 

Dem Anscheine nach war Greene davon durchdrungen, 
dass sowol er selbst, als auch die drei, die er besonders 
hervorhebt (Marlowe, Nash und Peele dürften gemeint 
sein), durch ihre Talente berechtigt gewesen wären, 
Theaterstücke zu schreiben, während er den übrigen diese 
Berechtigung nicht zuzuerkennen scheint. Wahrscheinlich 
— so lege ich mir den Unterschied aus — spricht er von 
Theaterstück-Machern — play-maJcers^) — die akademische 
Vorbildung genossen hatten und von solchen, die dieses 
Vorzuges nicht teilhaftig geworden waren. Erstere scheinen 
die Stücke selbständig geschrieben, letztere diese und 
andere vorhandene Arbeiten nach eigenem Ermessen für 
die Bühne zugestutzt und nach Greene's Ansicht unehr- 
lichen Gebrauch von dem gemacht zu haben, was wir 
heute „das geistige Eigentum anderer" benennen. Unter 
den nach Greene's Ansicht unberechtigten Theaterstück- 
Machern hat besonders „upstart erow"^ ein „Johannes 
Factotum" seinen Unwillen erregt. Die Parodie der Zeile 
aus H 6 A und der Wortanklang ShaJce-scene an Shakespeare 
lassen erraten, dass letzterer gemeint sein dürfte. Dieser 
kann Blankverse aus dem Ärmel schütteln, wie der beste 
der drei Angesprochenen (Marlowe?). Aber Greene be- 
schuldigt ihn dann auch, sich fremde Gedanken unrecht- 
mässiger Weise angeeignet und sich wie eine Klette an 
ihn (Greene) gehängt zu haben — Vorwürfe, die H. Chettle 
später für unberechtigt erklärte. 

Greene nennt die ihm unberechtigt erscheinenden 
Theaterstück-Macher Kletten, Drahtmasken, Hanswurste, 
rohe Gesellen, Herren in Sackleinwand, bemalte Un- 
geheuer, Bauern u. s. w. 



1) Ich entnehme diesen Ausdruck dem „Kind hart 8 Dreamc" 
vorgedruckten Briefe H. Chettle's an die Leser. 



— 247 — 

So arg das gute Geld, welches diese letzteren verdient 
zu haben scheinen, den Neid und die öalle des im Elend 
verkommenden Mannes auch erregt hat — er zollt doch 
unbewusst seiner ,,emporkommenden Krähe" hohe An- 
erkennung, indem er sie „Johannes Factotum" und 
„einzigen Kulissenschieber (Eegisseur?) im Lande'* nennt 
und eine von ihr selbst geschriebene Zeile parodiert. 

b) Thomas Nash. 

Etwa gleichzeitig mit vorstehendem Ausfall Robert 
Greene's gegen die Theaterstück-Macher im Allgemeinen 
und gegen die „emporkommende Krähe — upstart ctqw^ — 
im Besonderen, oder vielmehr, soweit es sich heute be- 
urteilen lässt, bereits einige Wochen früher, hatte auch 
der „junge Juvenal" seine Feder in Bewegung gesetzt 
gehabt, sofern unter diesem Pseudonym Thomas Nash ge- 
meint ist, was ziemlich feststeht, da kein anderer Dichter 
oder Schriftsteller jener Zeit Werke hinterlassen hat, 
welche sich in Bezug auf Satyre und Sarkasmus mit denen 
Nash's messen könnten. Ich möchte sogar glauben, dass 
die satyrische Schrift „Pierce penniless^^ eben erschienen 
war, als Qreene den Schluss seiner Broschüre „A groat 
worth of wiV^ verfasste und ihn vielleicht mit dazu ver- 
anlasst hat, den Verfasser derselben mit dem Namen 
„junger Juvenal" zu bezeichnen. 

Nash's Büchlein führte den Titel: „Pierce Penilesse 
His suppUcaüon to the Diuell — Pfenniglosen Peters Bitten 
an den Teufel.'* — Sie war bereits am 8. 8. 1592 in die 
Buchhändler-Eegister eingetragen worden. Thomas Nash 
scheint die Handschrift dazu in Händen des Buchdruckers 
Richard Jhones in London zurückgelassen zu haben, als 
er in Begleitung eines Lords') auf's Land gegangen war 
und zwar aus Furcht vor Ansteckung (von der Pest). 
Dieser Drucker hatte eigenmächtig Zusätze zum Titel 



^) Erzbischof Whitgift in Croydon. Nach R. Simpson in 
Aüusion-books hy C M, Inglehy Part I, pag, XXXIX, 



— 248 ^ 

gemacht und das Buch veröffentlicht, ehe Nash seine 
Einwilligung dazu gegeben hatte. Letzterer war sehr 
unwillig über, die vorzeitige Veröffentlichung, denn er 
hatte geplant, dem Texte noch einige Aufsätze hinzu- 
zufügen. Er wendete sich sofort an einen andern Drucker 
(Abell Jeffes, für John Busbin) und vier Wochen nach 
Greene's Tode erschien die 2. Auflage. Dem verstorbenen 
Greene kann also die 1. Auflage sehr wol noch bekannt 
geworden sein und zwar grade im August 1592, als er 
mit Abfassung seiner Reueschriften beschäftigt gewesen 
sein dürfte. 

Der 2. Auflage vorgedruckt ist ein Brief Nash's an 
den ersten Drucker, dem vorstehende Angaben entnommen 
sind. Einige Sätze aus diesem „offenen Briefe des Ver- 
fassers an den Drucker" werden wir noch kennen lernen, 
später, weil sie der Zeit nach später geschrieben und erst 
der 2. Auflage vorgedruckt wurden. 

Unter dem pfenniglosen Peter schildert sich Nash 
selbst. Er beginnt mit Klagen, dass er sich trotz aller 
Mühe nicht aus der Dürftigkeit herausarbeiten könne u. s.w., 
— trifft dann einen als Bürger verkleideten Postboten des 
Teufels und giebt ihm seine Bitten an diesen mit. Er 
schildert nun mit Geschick die Übelstände seiner Zeit und 
liefert dabei so treffliche Personalbeschreibungen, dass 
man wol annehmen kann, er habe nach der Natur ge- 
zeichnet und von s. Z. in London bekannt gewordenen 
Persönlichkeiten gesprochen.') Bestätigt wird diese Mut- 
massung durch die Beliebtheit, deren sich das Büchlein 
erfreute. In ganz kurzer Zeit erlebte es sechs Auflagen. 
Für uns hier sind nur folgende Stellen von Wichtigkeit: 

„Die Beschwerde über den Stolz {of Pryde),'^ 

„Aber, ach! ein viel grösserer Frevel herrscht recht 
„im Herzen des Hofes: Stolz, der alle Tugend in ihr 
„Gegenteil verderbt {peruerter of all Vertue)^ sitzt da, an- 



1) In Bezug auf hochstehende Persönlichkeiten hat er sich 
später gegen diesen Vorwurf verwahrt. 



j 



— 249 — 

„gethan mit dem Raube vom Kaufmann und dem Ruine junger 
„Bürger, und verachtet die Gelehrsamkeit — Learning — , 
„die ihren emporgekommenen Vätern {upstart fathers) die 
„Titel des niedern Adels {Gentry) eingebracht hat." 

Vorstehenden Satz bringe ich nur, weil er den Über- 
gang bildet von andern Themas zu dem nun folgenden 
Artikel. Die Annahme irgend einer Anspielung auf 
Shakespeare Vater, die man in dem Schlüsse finden könnte, 
wird m. E. durch die Vordersätze unwahrscheinlich. 

Den Artikel: ,.Natur eines Emporkömmüngs — Nature 
of an upstart"' — habe ich schon in Anm. 127 zu meiner 
Übersetzung der Gedichte Shakespeare's gebracht und 
zu erklären versucht. Einige Änderungen abgerechnet, 
die durch Zurückgehen auf den ältesten vorhandenen Text 
und durch Benutzung vollständigerer Wörterbücher, als sie 
mir 1894 zur Verfügung standen, hervorgerufen sind — 
muss ich hier viele damals schon ausgesprochenen Mut- 
massungen wiederholen — ein Übelstand, den ich nicht 
vermeiden kann, wenn anders ich vorliegende Ausführungen 
vollständig und im Zusammenhange bringen will. 

Die Übersetzung des von Nash geschriebenen Artikels 
und damit auch das volle Verständnis desselben wird er- 
schwert, bezw. unmöglich gemacht, weil der Verfasser 
ersichtlich auf zeitgenössische Persönlichkeiten, Verhältnisse 
und Geschehnisse anspielt, die der Vergessenheit anheim- 
gefallen sind und heute kaum mehr enträtselt werden 
können. Zweck dieser Studie ist, zu untersuchen, ob nicht 
die Möglichkeit vorliegt, dass der Inhalt auf Shakespeare 
gemünzt ist, in welchem Falle sich weitere Schlüsse auf 
dessen Lebensgeschichte daraus ziehen lassen. Der Artikel 
in Übersetzung lautet: 

„Die Natur eines Emporkömmlings". 

„Ganz missvergnügt sitzt der fettige ') Sohn eines 
„Tuchmachers da und klagt (wie ein zu Grunde gegangener 



*) greasie. Es ist mir Dicht klar, was Nash mit diesem Wort 
hat ausdrücken wollen. Es mag gebraucht sein für „unrein", oder 



— 250 — 

„Graf) über den Verfall alter Familien (ruine of ancient 
^^houses), während die Webstühle der Weber zuerst das 
„Gewebe seiner Ehre spannen. Die Wollflocken, welche 
„die Gebüsche und Dornenhecken sich als Durchgangs- 
„abgabe von hochmütigen*) Schafen einforderten, die 
„durchaus nach dem Walle eines Fichtenbusches*) streben, 
„machten ihn mit dem zehnten Teil ihres Wertes in kleiner 
„Münze {tenth of their tarre) zu einem Landedelmann 
„niederen Ranges {sqier of low degree) und mit dem Erlös 
„für die aufgesammelten, verstreuten Brocken {pf the 



für „glatt, wie mit Fett eingeschmiert", oder es mag auch in Be- 
ziehung stehen zu der Redensart „^o fry in hia oum yrease = im 
eigenen Fette schmoren". Dann könnte es Neid auf gute Geld- 
einnahmen des Emporkömmlings andeuten und es wäre etwa zu 

übersetzen: ,,Ganz miss vergnügt sitzt der Sohn im Fette 

schmorend oder schwelgend o. d." Missgunst auf die Erfolge 
Anderer lässt sich bei Nash öfter herausfühlen, z. B. auch später 
aus der Art und Weise, wie er von den Darstellungen des Talbot 
auf der Bühne spricht: „Wenigstens 10000 Zuschauer (und zu 
verschiedenen Malen)" wären zugegen gewesen. 

*) insoleiit sheepe. Insolent nach E. Mätzner's (altenglischem) 
Wörterbuch = hochmütig. 

2) the toall of a fir-bush. Die einfachste Übersetzung ist viel- 
leicht auch die richtigste: „Die Umwallung einer Fichten- Schonung 
oder -Anpflanzung." Es gäbe dies guten Sinn und wäre das Bild 
für „eine gewöhnlich nicht zugängliche SteUe." Ich habe nur ein 
Bedenken dagegen. Ich glaube nicht, dass die Kultur des Landes 
in jener Zeit so weit vorgeschritten war, dass man damals schon 
Nadelholz-AnpflanzuDgen, die doch noch keinen hohen Wert hatten, 
mit Schutz wäUen umgeben haben sollte. Ich möchte deshalb 
anheimstellen, ob nicht auch folgende Erwägung hier Platz greifen 
könnte. „To stnve for — streben nach" — scheint anzudeuten, 
dass an ein Emporklettern der Schafe gedacht ist. „Wall eines 
Fichtenbusches" würde dann das Bild der „höchsten erreichbaren 
Spitze" bedeuten sollen. So könnte „hiish** als „Gebüsch" nicht 
als „Gehölz" gemeint sein. Nash, als akademisch gebildeter Mann, 
kann gewusst haben, dass auf hohen Bergen die Fichten in ver- 
krüppelte Büsche ausarten, die sich wallartig vom Boden abheben. 
Wenn er beim Niederschreiben der SteUe diese Thatsache im 
Auge gehabt haben sollte, so wäre das gewählte Bild durchaus 
zutreffend und passend für den gemeinten Sinn. 



— 251 — 

^^collections of the scatterifigs) zu uiiiem Friedensrichter 
„Taiw Marti quam Mercurio und Coram,^^ 

„Wahrhaftig er will ein Spassmacher sein (He tvül 
„6ee humorous) und eine ganze Brut selbsterdachter 
„Neuerungen einführen {haue a broode of fashions hy 
^^himselfe). Bisweilen (wie ja Liebe gewöhnlich verständig 
„auszusehen bemüht ist (because Love commonly weares the 
^JLmery of Witte) will er ein Inamorato Poeta sein, ganze 
„Bücher Papier an Lady Schweineschnautze, seine gelb- 
„gesichtige Schöne, versonettieren und wie ein Vorderpferd 
„als Schmuck eine Feder aus ihrem regenzerschlagenen 
„Fächer tragen. Ganz Italionato ist seine Sprache und 
sein Spaten so geschärft, als wäre er ein Pionier vor 
den Wällen von ßouen (Roan) gewesen. Er giebt sich 
„den Anschein, die rauhen Sitten {barbarisme) seines eigenen 
Landes zu verachten und erzählt ganze Legenden von 
Lügen über seine Reisen nach Constan-tinople. Wenn 
„man ihn seiner angeberischen Ausflüchte {delaterye excuse) 
„wegen zum Kampfe herausfordert, so entgegnet er, dass 
„weder Spanier noch Deutsche sich nach bellenden Hunden 
„umzusehen pflegten. Da kann man denn einen tapfern 
„Kerl (dapper Jacke\ der eben nur einmal drüben in 
„Dieppe (Deepe) gewesen ist, Gesichter schneiden sehen, 
„als ob Jemand einen Topf mit Mostrich umrührte und 
„Englisch nach Art eines Johann Schorfschinken oder 
„eines Herrn Mingo von Mausefalle durch die Zähne 
„sprechen hören, während der arme Teufel sein Brod 
„kaum in das Fett vom wilden Bären getaucht hat und 
„dann heimkehrte: oder vom Wolf an den Schienbeinen 
„gebissen wurde: und dann sagt, er hätte sich auf die 
„Barrikaden von Gurney oder Guingan gewagt und Mann 
„gegen Mann mit dem jungen Guise gefochten." 

„Die Verteidigung der Theaterspiele.'' 

Aus diesem Artikel interessieren uns folgende zwei Stellen: 

„Zu diesem Zweck (d. h. um beschäftigungslose Herum- 
„treiber vom Unfug abzuhalten) erweisen sich die Theater- 



91 



99 
99 



95 
79 



— 252 — 

„spiele als politisch notwendiges Gebot, so sehr auch hohl- 
„köpfige Tadler (die nicht grade die scharfsichtigsten Er- 
forscher von Regierungsgeheiranissen sind) dagegen eifern 
mögen. Denn da die Nachmittage den unbeschäftigsten 
„Teil des Tages bilden, an denen unabhängige Männer 
„(wie die Herren vom Hofe, der Gerichtshöfe und die 
„vielen Hauptleute und Soldaten in London) sich ganz den 
„Vergnügungen hingeben, als welche sie (ob tugendhafter 
„Weise, bleibe dahingestellt) Spiel, unkeusche Weiber, 
„Kneipereien und Theater betrachten, so frage ich (da die 
„ganze Welt sie nicht gleichzeitig von allen vier Übeln abzu- 
„halten vermag), ist es nicht am besten, wenn sie sich an das 
,^geringste Übel — die Theaterspiele halten? Oder wenn 
„ich sogar beweisen kann, dass Theaterspiele keine Übel, 
„sondern eine besonders gute Übung in Tugendhaftigkeit 
„darstellen? Erstens sind die darin vorkommenden Hand- 
„lungen (meistenteils) aus unsern englischen Chroniken 
„entnommen, in denen die braven Thaten unsrer Voreltern 
„(die längst in verrostetem Erz und in von Würmern zer- 
„fressenen Büchern begraben gelegen haben) wiederbelebt 
„und sie selbst dem Grabe der Vergessenheit entrissen 
„werden, mit dem Erfolge, dass sie offen in der Gegenwart 
„für ihre im Altertum erworbenen Ehrungen neu eintreten: 
„und dann: welch schärferer Tadel könnte gegen unsere 
„entartete und verweichlichte Zeit ausgesprochen werden?" 
„Wie würde es den braven Talbot (den Schrecken der 
„Franzosen) erfreut haben, wenn er sich hätte ausdenken 
„können, dass er, nachdem er 200 Jahre im Grabe geruht 
„haben würde, wieder auf der Bühne Triumphe feiern 
„sollte und dass seine Gebeine neuerdings mit den Thränen 
„von wenigstens 10000 Zuschauern (und zwar mehrere 
„Male) einbalsamiert werden würden, die sich einbilden, 
„ihn von Neuem bluten zu sehen, wenn ein Tragöde ihnen 
„die Rolle seiner Person vorspielt!" 

„Ich will es gegen jeden Prahler oder grobfäustigen 
„Wucherer unter ihnen allen verteidigen: kein Mensch auf 
„Erden kann in gleicher Weise Unsterblichkeit erringen, 



— 253 — 

,als wenn er auf den Theatern dargestellt wird. Was 
,spreche ich von Unsterblichkeit zu Leuten, die alle Ehren- 
,haftigkeit untergraben und Jeden beneiden, der nicht, wie 
,sie selbst, durch niedre Schwindeleien in die Höhe ge- 
jgekommen ist. Ihnen ist es gleichgültig, ob auch alle 
,alten Familien ausgerottet werden, wenn sie nur, wie 
,die Bürgermeister der Niederlande, die Regierung des 
,Landes unter sich zu teilen vermöchten, um dann als 
,selbständige Staaten und Zahlmeister unserer Monarchie 
,auftreten zu können. Alle Künste bedeuten ihnen eitle 
,Dinge: und wenn man ihnen sagt, dass es doch eine 
»prächtige Sache wäre, Heinrich V. auf der Bühne dar- 
,dargestellt zu sehen, wie er den König von Frankreich 
,als Gefangenen abführt und beide, ihn und den Dauphin 
,(Z)oZpAm'), zwingt, ihm den Lehnseid zu leisten. Ja 
,(werden sie sagen), was bekommen wir damit? denn sie 
,respektieren weder das Recht auf den Ruf, der dem ver- 
,storbenen hohen Adel gebührt, noch glauben sie, dass 
,man vorwärtsstrebenden Geistern irgend eine andere 
,Hoffnung auf Unsterblichkeit vorhalten könnte, als nur 
,ihren abscheulichen Gewinn und schmutzige, unersättliche 
.Habsucht." 

„Sie wissen, dass sie nach ihrem Tode nicht ihrer guten 
,Thaten wegen auf der Bühne dargestellt werden werden, 
»sondern nur in der Posse als Wucherer und Teufel oder 
,als Wappenkäufer vom Herolde, der ihnen einen Löwen 
,ohne Zunge, Schweif, oder Waffen zubilligt, weil der 
,Träger, dem er zu dienen hat, ein Bürger, ein Mann des 
,Friedens ist, der nicht streitsüchtige Biester zur Belästigung 
,seiner ehrbaren Nachbarn halten darf u. s. v^. u. s. w." 

Es folgen nun einige Artikel, die den Nutzen der 
Theater und das Unrecht solcher Bürger besprechen, die 
die Spiele abschaffen wollten. Dann vergleicht er die 
lebenden englischen Schauspieler mit denen des Festlandes 
und sagt u. a.: 



^) I)ie Herren von der Dauphin^ führten 8 Pelphine als Zimier. 



— 254 — 

„Nicht die Tragöden Roscius und Äsop, die vor Christi 
„Geburt bewundert wurden, konnten im Spielen mehr 
„leisten, als Ned Allen. Ich muss unsere Dichter der 
„Nachlässigkeit und Parteilichkeit zeihen, dass sie es nicht 
„in grossgedruckten Plakaten rühmen, welche (über alle 
„Nationen) hervorragende Männer England hervorbringt. 
„Andere Länder drucken es gleich, wenn auch nur einem 
„Violinspieler die Saite springt, und die alten Römer in 
„ihren Schriften dachten gar nicht daran, andere, als ihre 
„einheimischen Schauspieler, Gelehrten und Ritter als 
„Beispiele anzuführen und deren Ruhm sangen sie bis in 
„die dritte und vierte Generation hinab: Niemand, selbst 
„nicht Schuhmacher, Klempner und Fechter entschlüpften 
„ihnen, sondern sie rührten alle mit in den Hexenkessel 
„ihrer Lobpreisungen hinein. 

„Hier habe ich eine ähnliche Methode beobachtet, 
„nicht, indem ich mich nur an mein Vaterland halte, 
„sondern Gewicht lege auf das, was ich in unserer Zeit 
„erfahren habe: und wenn ich etwas lateinisch schreiben 
„werde (was, wie ich hoffe, eines Tages geschehen wird), 
„so will ich jeden Mann erwähnen, der irgend ein Ver- 
„dienst unter uns hat. Tarlton, Ned Allen, Knell, Bentlin 
„sollen in Prankreich, Spanien und Italien bekannt werden: 
„und da will ich Alles, womit sie sich vor Andern hervor- 
„gethan, notieren und festlegen ebenso wie den Schnitt 
„ihrer Kleider und ihres Anzugs u. s. w. u. s. w." 

Waren diese Stellen, wie doch anzunehmen ist, in 
der ersten Auflage von Pierce Penniless mit enthalten, so 
mag Greene dieselben bei Abfassung seiner Reueschriften 
schon gekannt haben. 

Vier Wochen nach Greene's Tode erschien die zweite 
Auflage von Pierce Penniless mit einem vorgedruckten 
Briefe Nash's an den Drucker. Er ist darin ungehalten 
darüber, dass das Buch während seiner Abwesenheit auf 
dem Lande herausgegeben wurde mit eigenen Zusätzen 
des Herausgebers zum Titel und ohne einige Artikel, die 
er noch hätte hinzufügen wollen. Unter diesen nennt er 



— 255 — 

einen „den Geist Greene's** betitelt, nach dessen Tode der 
Brief also geschrieben sein muss. Warum bei der zweiten 
Auflage diese Zusatzartikel nicht mit aufgenommen wurden, 
darüber wird nichts gesagt. Aus dem Briefe interessiert 
uns folgende Stelle: 

„Andere Neuigkeiten sind zu meiner Kenntnis ge- 
„kommen, dass ein ärmliches, gewöhnliches, lügnerisches 
„Buch — Pamphlet^ betitelt Greene's „Für einen Groschen 
„Verstand" als meine Arbeit ausgegeben wird. Gott möge 
„meine Seele nie in seinen Schutz nehmen und sich gänz- 
„lich von mir abkehren, wenn das geringste Wort oder 
„auch nur eine Silbe darin aus meiner Feder geflossen 
„ist, oder ich in irgend einer Beziehung zur Niederschrift 
„oder zum Drucke dieses Buches gestanden habe. Ich 
„bin endlich dahin gelangt, einen tieferen Einblick, 
„als je früher, in die Eitelkeit der Welt zu erlangen und 
„verdamme an mir nichts mehr, als in gedruckten Werken 
„den Dummerjan zu spielen. Pfui! es ist hassenswert, 
„besonders in unserem moralisierenden Zeitalter, in dem 
„Jedermann sich als Politiker aufzuspielen versucht, indem 
„er überall Missverständnisse zu finden bemüht ist." 

c) Henry Chettle. 

Etwa zwei Monate später, im Dezember 1592 ist 
Chettle's Büchlein „Kind-hearfs Dreame^ — Traum des 
(Herrn) Gutherz" — in den Buchhändler-Registern ein- 
getragen, das also früh im Jahre 1593 erschienen sein 
muss. Demselben vorgedruckt ist ein Brief des Verfassers 
an die Leser, dem wir folgende Stelle entnehmen: 

„ Mit einem gedruckten Buche heraus zu 

„kommen — to come in print — heisst nicht nach Ruhm 
„streben, sondern um Verzeihung bitten: ich bin zu dem 
„Einen gezwungen und kühn genug um das Andere zu 
„bitten: wer in einer Zwangslage beleidigt, ist entschuld- 
„barer, als der aus Eigensinn Fehlende; obgleich beide 
„schuldig sind, so besteht doch ein Unterschied in ihren 
„Verschuldungen. Um der guten Sitte gerecht zu werden, 



91 
9? 



— 256 — 

„um so viel an mir liegt, Streitigkeiten zu vermeiden und 
„indem ich Euer Wohlwollen — your favors — meiner 
„Furcht entgegenstelle, will ich zeigen, dass ich einen 
„Grund zu der vorliegenden Schrift habe und dann dazu 
„schreiten, um Verzeihung zu bitten. Vor etwa drei 
„Monaten starb Herr R. Greene') und liess mehrfache 
„Handschriften in den Händen verschiedener Buchhändler 
„zurück, darunter auch sein „Für einen Groschen Verstand" 
„u. s. w., in welcher Schrift sich ein Brief befindet, der an 
„verschiedene Theaterstück-Macher — play-makers — ge- 
„richtet und von einem oder zweien derselben als Be- 
„leidigung aufgefasst worden ist; und da man sich an 
„einem Verstorbenen nicht rächen kann, so fälscht man 
„eigenmächtiger Weise — wilfuUy — die Verfasserschaft 
und sucht die Schuld auf einen lebenden Schriftsteller zu 
wälzen. Nachdem man hin und her geraten hatte, half 
„nichts, der Verdacht blieb auf mir sitzen. Nun könnte 
„es aber bekannt sein, wie ich, so lange ich Bücher 
„drucken, lasse, immer dagegen gewirkt habe, dass gegen 
„die studierten Herren mit bitteren Anzüglichkeiten ge- 
„kämpft wird — the bitter inueying against shoüars. — 
„Wie ich in dieser Beziehung gehandelt habe, kann ich 
„zur Genüge beweisen. Mit keinem von denen, die sich 
„verletzt gefühlt haben, war ich bekannt. Wenn ich mit 
„dem einen nie bekannt werde, wird es mir keine Sorge 
„bereiten. Was den anderen anbetrifft*), so habe ich ihn 
„damals nicht so geschont, wie ich mir seitdem wol 
„wünschte, dass es geschehen sei, denn weil ich immer 
„den Übereifer — heate — lebender Schriftsteller herab- 
„gemildert habe, so hätte ich (grade in diesem Falle) recht 
„vorsichtig sein müssen, da der Schriftsteller gestorben 
„war; dass ich es nicht war, thut mir so leid, als wäre 
„die ursprüngliche Schuld meine eigene Schule gewesen, 

1) Der Brief ist also im Anfange des Dezember 1692 geschrieben. 

2) Der Satz beginnt mit „ The other^, aber es ist nicht erkennbar, 
ob als Subjekt oder Objekt gemeint. Die Satzkonstruktion ist nicht 
durchgeführt 



— 267 — 

„weil ich selbst gesehen habe, dass sein Verhalten nicht 
„weniger höflich ist, als er selbst ausgezeichnet in dem 
„Berufe, zu dem er sich bekannt hat — excellent in the 
,,qudlitie he professes. — Ausserdem haben Einige von Adel 
„(oder von achtbarer Lebensstellung) — Divers of worship 
„ — aus gesprochen, dass er in seinen Handlungen recht- 
„schaffen sei, was seine Ehrenhaftigkeit bewiese, sowie 
„dass er einen witzigen anmutigen Stil schriebe — facetious 
,^aee in writting — , was dafür spricht, dass er seine 
„Kunst versteht." 

„In Rücksicht auf den ersten, dessen Gelehrsamkeit 
„ich hochschätze 0, strich ich beim Durchlesen von Greene's 
„Buch das aus, was er meiner Überzeugung nach in einem 
„gewissen Missvergnügen niedergeschrieben hatte; oder 
„wenn es wahr wäre, so wäre es gänzlich ungeeignet für 
„eine Veröffentlichung gewesen — to publish it was 
JntoUerable, — Ihn möchte ich bitten, mich nicht 
„schlechter zu behandeln, als ich es verdiene. An der 
„Herstellung des Buches war ich zwar beteiligt, aber 
„doch nur in sehr beschränkten Grenzen: es war schlecht 
„geschrieben, wie Greene's Handschrift nicht zu den 
„besten gehörte; genehmigt — licensed — musste es 
„werden, ehe es gedruckt wurde, und dies hätte nicht 
„stattfinden können, wenn man es nicht lesen konnte. Um 
„kurz zu sein, ich schrieb es ab und gab die Urschrift so 
„treu wieder, als ich es vermochte; nur aus dem Briefe 
„strich ich einige Stellen, aber in dem ganzen Buche fügte 
„ich kein eigenes Wort hinzu, denn ich versichere — 
,,protest — es war ganz und gar Greene's Arbeit, nicht 
„meine oder die des Herrn Nash, wie ungerechtfertigter 
„Weise behauptet worden ist." 

„Auch war letzterer nicht der Schreiber eines Briefes 
„im zweiten Teile von „Oerüeon", obgleich der Drucker 
„das Versehen begangen hatte, T. N. darunter zu drucken : 



1) Wie schon erwähnt, wird unter dieser Persönlichkeit all- 
gemein Marlowe verstanden. 

17 



— 258 — 

„dieser Brief ist von mir geschrieben und ich bereue es 
„nicht u. s. w. u. s. w." 



Die voraufgeflihrten Äusserungen der drei Zeitgenossen 
Shakespeare's sind der Wissenschaft seit langer Zeit be- 
kannt; besonders der Ausfall Greene's und der Widerruf 
Chettle's fehlen in fast keiner deutschen oder englischen 
Lebensgeschichte Shakespeare's. Wenn ich dieselben hier 
noch einmal zusammengestellt habe und einer erneuten 
Besprechung unterziehe, so geschieht dieses in der Hoffnung, 
dass die Vorgänge, die sie schildern, in neuer Beleuchtung 
erscheinen werden, wenn man sie in Verbindung bringt 
mit zwei Ergebnissen meiner Studien, die bisher noch 
nicht in Betracht gezogen worden sind. Diese zwei Er- 
gebnisse sind: 

1. Shakespeare kann im „Phönix" Nash seines Wappens 
wegen „Du dreifach als Krähe gekennzeichneter — treble 
dated crow — nennen. (Vergl. Seite 192.) 

2. John Shakespeare, des Dichters Vater, hat spätestens 
1576, möglicher Weise schon früher, ein Wappen verliehen 
erhalten, aber höchst wahrscheinlich kein vererbbares, 
sondern nur auf Lebenszeit oder für die Dauer seines 
Amtes. (Vergl. Seite 69.) 

Die Zeit, in welcher die oben verdeutschten Stellen 
geschrieben wurden, lässt sich insofern bestimmen, als man 
weiss, wann sie druckreif in die Buchhändler-Register ein- 
getragen wurden. 

Nash's Pierce Penniless 1. Auflage vor dem 8. 8. 1592. 
Ob „Die Beschwerde über den Stolz", „Natur eines Empor- 
kömmlings" und „Verteidigung der Theaterspiele" so in 
der 1. Auflage enthalten waren, wie ich sie gebracht habe, 
lässt sich mit Gewissheit erst feststellen, wenn die 1. Auf- 
lage — die mir nicht zugänglich war — eingesehen werden 
kann; ich habe aber nichts gefunden, was mich daran 
zweifeln Hesse. 

Green e's Brief an seine Bekanntschaft in „A great 
worth of mf^ vor dem 2. 9. 1592 (des Verfassers Todestag). 



— 259 — 

Nash 's Brief an den Drucker in der 2. A]iflage von 
Pierce Penniless vor dem 2. 10. 1592. 

Chettle's Brief an die Leser in Kind-hearts Dreame 
vor dem 8. 12. 1592. 

Nash und Greene waren befreundet miteinander ge- 
wesen. ^) Als G. Harvey letzteren auch noch nach seinem 
Tode mit Schmähreden verfolgt hatte, trat Nash mit der 
ganzen Schärfe seiner beissenden Satyre für den Ver- 
storbenen ein und wurde dadurch in den gehässigen Feder- 
krieg verwickelt, welcher in der englischen Literatur- 
geschichte der neunziger Jahre einen so breiten Raum 
einnehmen sollte. Auch Greene's Anrede seines „jungen 
Juvenals" mit „lieber Junge" spricht für das freundschaft- 
liche Verhältnis der Beiden. Aber, so muss man fragen, 
wie verträgt sich die Annahme eines Freundschafts- 
verhältnisses mit der Schroffheit und Feierlichkeit, die 
Nash anwendet, um sich gegen die Unterstellung zu ver- 
wahren, er habe Greene's Buch geschrieben oder daran 
mitgearbeitet? Die Beantwortung ist bei der UnvoU- 
ständigkeit der auf uns überkommenen Quellen sehr 
schwierig, denn sie führt uns notgedrungen in das Reich 
der Mutmassungen und Wahrscheinlichkeiten, deren un- 
gezählte Menge der Shakespeareforschung auf Schritt und 
Tritt anhaftet. 

Nash nimmt in seinen Schriften nie ein Blatt vor den 
Mund. Lobend oder tadelnd nennt er alle Dinge bei ihrem 
richtigen Namen und liebt dabei Satyre und Sarkasmus, 
die überall da, wo er nicht durch etwelche Rücksichtnahme 
gezügelt wird, als „ausfallend" bezeichnet werden müssen. 



*) Beide standen 1589 auch in literarischen Beziehungen zu- 
einander. Nash hatte eine Vorrede zu Greene's „Menaphon" ge- 
schrieben, in der er ihn „süsser Freund — sweet friend"' — nannte. 
Später 1593 in Strange News schreibt er; „for neither was I Greene's 
companion any more than for a carowse or two^ nor etc, — denn 
weder war ich Greene's GeseUschafter, ausser vielleicht in einem 
oder zwei Gelagen" — (als Erwiderung auf G. Harvey's Angriffe 
gegen ihii). 



— 36a — 

In Bezug auf Greene's Buch scheint ihn Verschiedenes 
geärgert und gereizt zu haben. Niemand, am wenigsten 
ein giftgeschwollener „miss vergnügter Nobüe^, wie Nash, 
liebt es, sich seine Fehler im Spiegel vorhalten zu lassen, 
und Greene hat das gethan, indem er dem „jungen Juvenal" 
den Rat erteilt, seine beissende Satyre zu massigen. 
Ferner mögen unter den von Chettle aus der Handschrift 
des Buches gestrichenen Stellen solche gewesen sein, die 
Nash's Missvergntigen noch mehr erregt hatten. Beweisen 
lässt sich das allerdings nicht mehr; ich glaube nur, dass 
die Möglichkeit in's Auge gefasst werden darf. Aber aus 
den uns bekannten Thatsachen lässt sich doch ein sehr 
triftiger Grund herausschälen, der Nash veranlasst haben 
wird, die Verfasserschaft von Greene's Buch mit aller 
Energie abzuleugnen — sein Selbstinteresse. Ihm musste 
daran liegen, sich von dem Verdachte zu befreien, die 
Ehre eines rechtschaffenen Mannes ohne Grund verletzt 
zu haben, und dieser Verdacht wäre an ihm hängen ge- 
blieben, wenn die Öffentlichkeit ihn ferner für den Ver- 
fasser des Buches hielt. Von diesem Gesichtspunkte aus 
wird die vernichtend scharfe Kjritik erklärlich, die an dem 
Worke seines verstorbenen Freundes geübt wurde, die im 
Englischen noch schroffer klingt als im Deutschen (a scaZd 
trivial lying pamphlet). Die Härte dieses Ausdrucks würde 
psychologisch noch leichter verständlich sein, wenn sich 
nachweisen Hesse, dass der von Greene beleidigte Mann 
identisch mit dem Emporkömmling gewesen ist, über den 
Nash einige Wochen früher die Schale seines satyrischen 
Hohnes ausgegossen hatte. 

Die Satyre konnte bestehen bleiben, aber gegen eine 
beabsichtigte Ehrabschneidung mag Nash sich mit aller 
Entschiedenheit haben verwahren wollen. 

Auch andere Verhältnisse haben mit hohem Grade 
von Wahrscheinlichkeit eine nicht zu übersehende Rolle 
dabei gespielt. 

Der junge Graf Southampton befand sich seit 1590 
in London. Von ihm ist bekannt, dass er den Besuch der 
-v 



— aa — 

Theater liebte. Unzweifelhaft ist er also auch einer der 
Tausende gewesen, die sich die Rolle des Talbot an- 
sahen und ebenso unzweifelhaft hatte er dem Verfasser 
des Stückes, also Shakespeare, schon anerkennende Worte 
gesagt, nahm er doch ein Jahr später die Widmung von 
„Venus und Adonis" entgegen. Auch Nash wird sich, 
wie wol mehr oder weniger alle damaligen jungen Schrift- 
steller und Dichter, schon 1692 um das Patronat des 
jungen Grafen, das er 1594 für sein Buch „Das Leben 
Jack Wilton's" erlangte, beworben haben. Sah oder 
hörte Nash nun, dass der Graf Shakespeare lobte oder zu 
sich heranzog, so konnte das natürlich Veranlassung 
werden, sich so eindringlich wie möglich dagegen zu ver- 
wahren, ihm etwas Ehrenrühriges nachgesagt zu haben. 

So oder in ähnlicher Weise liesse sich die Entstehung 
der Vorrede zur zweiten Ausgabe von „Pierce Pennilesse^ 
mit anderweitig Bekanntem in Einklang bringen, aber 
objektive Beweise sind nicht zu beschaffen. Die Bewerbung 
der beiden Männer um das Patronat desselben Grafen 
dürfte sie einander näher geführt haben; jedenfalls scheint 
Nash der Aufforderung im Phönix „mit um Marlowe zu 
trauern" Folge geleistet zu haben. Bereits Ende 1593 
hatte er seinen Widerstand gegen den Blankvers auf- 
gegeben und vollendete das von Marlowe angefangene 
Stück „Dido" in diesem Versmass. 

Im Juli und August 1592 sehen wir also die mit- 
einander befreundeten Nash und Greene an ihren Büchern 
schreiben. Erster er, stolz auf seinen alten Stammbaum, 
alte Familie, auf akademische Bildung und Schriftsteller- 
talent, gegen sein Schicksal anmurrend, weil seine Arbeiten 
nicht genügend klingenden Erfolg hatten, neidisch auf 
andere, denen es besser glückte als ihm, während er die 
Mittel der letzteren verwerfen zu müssen glaubte — be- 
schreibt die Fehler und Laster seiner Zeit, die er als 



1) In den Bnchhändler-Begistern bereits am 7. September 1693 
eingetragen. 



— 982 — 

solche auffasste, und entmrft dabei Bilder, die befreit 
von seinen boshaften, gallsüchtigen, häufig witzigen Über- 
treibungen noch heute für die Sittengeschichte Londons 
von Wert sind. Letzterer, ebenso durchdrungen von 
den Vorzügen seines Talents, wie sein Freund, trotz lang- 
jähriger fleissiger Arbeit als Schauspieldichter in Armut 
und Krankheit verkommend, und Reue fühlend über den 
sträflichen Leichtsinn seines vergangenen Lebens, zählt 
zur Warnung die von ihm begangenen Fehler und Sünden 
auf, und bittet seine Bekannten, sich ein anderes Feld 
ihrer Thätigkeit auszuwählen, da er selbst so gar keinen 
segensreichen Erfolg darin gefunden habe. 

Beider Männer Ausführungen haben einige Züge ge- 
meinsam. Beide stehen, deutlich erkennbar, unter dem 
Einfluss der Erfolge, die Shakespeare's Heinrich VI. erster 
und dritter Teil gehabt zu haben scheinen, und beide 
können ihren Brodneid nicht verbergen. Greene benutzt 
eine Zeile, um, wie man es nicht wol anders erklären 
kann, denjenigen kenntlich zu machen, gegen den sich 
sein Ausfall richtet; Nash hingegen ignoriert den Ver- 
fasser des Stückes, in dem der Talbot, von welchem er 
spricht, vorkommt (also H 6 A), vollständig, und, falls 
Shakespeare selbst in diesem Stücke eine EoUe gespielt 
hat, was sehr wahrscheinlich ist, so lässt Nash doch seinen 
Namen weg bei der Aufzählung von Schauspielern, die 
seiner Ansicht nach von Bedeutung waren. Er lobt zwar 
die Aufführungen in den Theatern als „der Übel kleinste**, 
die die Nachmittage der Nichtsthuer ausfüllen und als die 
Spiegel, in denen seiner „entarteten und verweichlichten 
Zeit" die Bilder der Grossthaten ihrer Vorfahren vor- 
gehalten würden, aber das dichterische Geschick, das 
Talent, welches schon aus den frühesten Stücken Shake- 
speare's hervorleuchtet, erkennt er nicht an, oder Neid 
hat ihm den Blick dafür verdunkelt. Greene scheint es 
besser erkannt zu haben, er aber hält es nicht für ein 
eigenes Geistesprodukt, sondern für Raub vom geistigen 
Eigentum anderer. Nash hingegen mindert den Wert der 



- 068 - 

Abfassung von nationalen Historien geflissentlich herab, 
indem er ausspricht: „ihre Handlungen sind meistenteils 
unsern englischen Chroniken entnommen", und er befindet 
sich bei diesem Urteil im Einklang mit den Auffassungen 
seiner Zeit. Als Prüfsteine wahrer Dichtkunst wurden da- 
mals die „inventions^ betrachtet, d. h. die nach Inhalt, 
Form und Versmass selbständig erfundenen Dichtungen. 
Noch 1593, als Shakespeare erwiesener Massen ver- 
schiedene Lustspiele und Historien geschrieben hatte, 
nannte er seine epische Dichtung „Venus und Adonis" 
„den ersten Erben seiner Erfindungsgabe — the first 
heir of his invention.^ 

Wenn nun aus Nash's „Verteidigung der Theater- 
Vorstellungen" keine Anerkennung für den Verfasser der 
Talbotrolle, sondern nur Neid über dessen gute Erfolge 
hervorleuchtet, so würde es doch schwer mit der bissigen, 
weltverachtenden Stimmung des „jungen Juvenals" zu 
vereinen sein, wenn er sich lediglich mit solchen An- 
deutungen begnügt hätte, besonders in einem Buche, in 
dem er die Schale seines sarkastischen Hohnes über eine 
ganze Eeihe seiner Zeitgenossen auszugiessen scheint. 
Und dieses ist m. E. auch nicht der Fall. Schon 1894 
habe ich die Mutmassung ausgesprochen, dass der Artikel 
„Natur eines Emporkömmlings" sich auf Shakespeare und 
dessen Vater beziehen könne. Aber Beistimmung zu dieser 
Ansicht habe ich nicht gefunden; alle Herren von Fach, 
mit denen ich darüber gesprochen habe, schüttelten un- 
gläubig ihr Haupt — „Nash könnte über Shakespeare 
nicht in derartig verletzender Weise geschrieben haben", 
war meist ihre Antwort. So würde ich hier diese An- 
gelegenheit nicht noch einmal zur Sprache bringen, wenn 
nicht eingehendere Nachforschungen in mir die Überzeugung 
gereift hätten, dass die Fährte, die ich verfolgt habe, doch 
schliesslich zu einem greifbaren Endergebnis führen kann. 

Shakespeare in der Mitte des Jahres 1592 war noch 
nicht der Shakespeare des 17. Jahrhunderts und bei Weitem 
noch nicht die idealisierte Dichtergestalt, die von seinen 



— 984 — 

begeisterten Verehrern bis in's 20. Jahrhundert hinein aus 
seinen weltberühmten Dramen und Lustspielen heraus 
konstruiert wird. „Je gewaltiger eine Persönlichkeit 
ist" — sagt Adolf Harnack — „und je mehr sie in das 
innere Leben anderer eingreift, um so weniger lässt sich 
die Totalität ihres Wesens nur an ihren eigenen Worten 
und Thaten erkennen." — Wenn man so wenig von den 
Thaten eines Mannes weiss, wie von denen Shakespeare's 
so wird es auch dem geistreichsten Gelehrten heute 
schwerlich gelingen, ein richtiges Bild seines Wesens als 
Mensch zu entwerfen. Shakespeare war ein sterblicher 
Mann wie wir alle, und tauchte um diese Zeit zum ersten 
Male für uns aus dem Dunkel hervor, das leider seine 
Kindheit und Jugendzeit umgiebt. 28 Jahre alt, scheint 
er bereits massgebenden Einfluss an seinem Theater aus- 
geübt und mit seinen Stücken bedeutenden klingenden 
Erfolg gehabt zu haben. Dass dieses auch den etwa 
gleichaltrigen, ewig über zu kärgliche Bezahlung seiner 
Arbeiten klagenden Nash mit Neid und Ärger erfüllt 
haben muss, wird kaum bestritten werden können, fühlte 
dieser sich doch mit aller Wahrscheinlichkeit in zweierlei 
Beziehung unendlich erhaben über den plötzlich aus ihm 
unbekannten Verhältnissen emportauchenden und allgemeine 
Aufmerksamkeit erregenden „Theaterstück-Macher". Ein- 
mal als Abkömmling einer alten wappenberechtigten Familie, 
als „Herr" über den „gentleman^s servanV^ d. h. den 
„Herrendiener", wie die Schauspieler genannt wurden, und 
zweitens als Baccalaureus der Künste über den unstudierten 
Mann, der seine Bildung, Gott weiss wo, aufgesammelt 
haben mochte. 

Es fehlt also nicht an Voraussetzungen, die Nash 
veranlassen konnten, Mitte 1592 scheel auf Shakespeare 
zu sehen, wenn er auch später seine Ansicht geändert 
haben mag, als „Divers of worship" für letzteren eintraten, 
dieser seine „inventions" veröffentlichte und sie demselben 
Grafen widmete, den auch Nash sich als Patron für eines 
seiner Werke erwählen sollte. 



— 966 — 

Vergleicht man den Artikel „Natur eines Empor- 
kömmlings" mit Greene's Ausfall, so fällt neben der 
Gleichheit des Ausdrucks „upstarf' auch die Ähnlichkeit 
der Vorwürfe, die demselben gemacht werden, in's Auge. 
Nach Nash soll er „a broode of fashixms by himselfe — 
eine ganze Brut von selbsterdachten Neuerungen" haben 
oder einführen wollen, nach Greene soll er ein absoluter 
Johannes Factotum sein. Beide Äusserungen decken sich 
dem inneren Sinne nach vollständig, und so kann man 
m. E. aus der Gleichheit der Benennung und Charakteristik 
der besprochenen Persönlichkeit schliessen, dass die beiden 
gleichzeitig schreibenden und gleichmässig neidischen 
Freunde einen und denselben Mann meinen, dass Nash's 
„upstart" und Greene's „upstart crow" auf diesen, nämlich 
auf Shakespeare, gemünzt sind und dass letzterer in 
seinem Gedichte „Phönix" mit „treble dated crow" Nash 
einen Rücktiieb versetzt. 

Nash erwähnt ferner, dass sein Emporkömmling Sonette 
an eine hässliche ältere Dame*) richtet und Greene, dass 
er sich Blankverse aus dem Ärmel schüttelt.^) Beide 
Äusserungen lassen sich auf die Thätigkeit Shakespeare's 
beziehen. In Sonett 130 dichtet er von einer ganz un- 
schönen Frau und seine Historien H 6, A. B. C. waren 1592 
bereits nach Marlowe'schem Muster in Blankversen ge- 
schrieben. 

Nash's Artikel enthält noch weitere Äusserungen, die 
mit merkwürdiger Genauigkeit auf Shakespeare und seine 
Familienverhältnisse, soweit sie uns bekannt sind, bezogen 
werden können: 

Die Bezeichnung „Tuchmacher" passt auf Shakespeare 
Vater, dessen Heimat ihrer Tuche wegen berühmt war; 
viele Bürger von Stratford waren gleichzeitig Freisassen, 



') Gelbgesichtige Lady Schweineschnauze mit vom Regen 
zerschlagenem Fächer. Wir kommen auf diese Persönlichkeit 
weiter unten noch zurück. 

2) „to bombast-out", wörtlich „ausblähen", entspricht wol dem 
Sinne nach obiger deutschen Redensart 



— 286 — 

züchteten Schafe und verarbeiteten deren Wolle auf eigenen 
Webstühlen; verschiedene Shakespeare waren Weber und 
er selbst war in seinen jungen Jahren wahrscheinlich 
Handschuh-Macher, oder -Weber gewesen. 

„Oreasie" mag Nash den Sohn genannt haben aus 
Neid auf seine Erfolge, da er mit seinen Stücken viel 
Geld verdiente — im eigenen Fette schmorte. 

Dass Shakespeare zu einer Zeit höchst unzufrieden 
mit seinem Schicksal und seinem Stande gewesen ist, lässt 
sich aus seinen Sonetten 29 — outcast state — Stand 
eines Verworfenen — und 111 schliessen. Wir werden 
kaum fehlgehen, wenn wir diese Zeit an den Anfang seiner 
Dichterlaufbahn legen. Der Not gehorchend und dem 
eigenen Triebe, war er unter die Schauspieler gegangen. 
Dies bedeutete in jener Zeit für ihn, der väterlicherseits 
von einer alteingesessenen freien — also angelsächsischen 
— Familie und mütterlicherseits von einem der edelsten 
Geschlechter Englands abstammte, einen Rückschritt auf 
der sozialen Stufenleiter, dessen Bedeutung wir nach 
unseren heutigen Anschauungen kaum mehr richtig wür- 
digen können — es war ein Zurücksinken aus dem Stande 
der Freien in den Stand der Diener. — Wie tief er unter 
den ihm aufgezwungenen Verhältnissen gelitten hat, spricht 
er im Sonett 111 aus: 

O! zürne um meinetwillen mit Fortuna, 

Der Göttin, die an meinen Missethaten schuld ist, 

Die für mein Leben keine bessere Fürsorge traf, 

Als öffentliche Mittel, die öffentliche Manieren erzeugen*) 

(Than public means which public manner breeds). 

Daher kommt es, dass mein Name gebrandmarkt ist, 

Und daher ist meine Eigennatur beinahe schon so tief getaucht 

In das, worin sie arbeitet, wie die Hand eines Färbers. 

Es ist also auch anzunehmen, dass er unter Freunden 
mündlich über diese Dinge verhandelt und dabei über seine 



*) Dem Sinne nach wol zu deuten: Als dass ich öffentlich 
spielen und deshalb solche Sitten annehmen musste, wie sie dem 
Geschmack des Publikums entsprachen. 



— 267 ^ 

gute Familie, vielleicht auch über die Familienüberlieferung 
der Shakespeare gesprochen hat. Hatte Nash oder vielmehr 
der auf seinen alten Stammbaum stolze Herr Thomas Nash 
"Wind von solchen Äusserungen bekommen, so konnte ihn 
das wol veranlassen, in der geschilderten Weise sein 
Mütchen an dem emporkommenden „Tuchmacherssohne" 
zu kühlen, wobei ihm mutmasslich heraldisches Protzen- 
tum die Feder regierte. Er, der Träger eines alten Namens 
und wahrscheinlich auch Wappens, mag es als Anmassung 
empfunden haben, dass der wappenlose Schauspieler „wie 
ein zu Grunde gegangener Graf" von dem Herunterkommen 
seiner Familie sprach und diese als eine gute bezeichnete. 

Die Einleitung des Artikels lässt sich also gut auf 
Shakespeare Vater und Sohn beziehen. 

In der Fortsetzung spricht Nash von hochmütigen 
(oder vorwitzigen) Schafen, die beim Klettern auf die 
ümwallung eines Fichtenbusches Wollflocken als Durch- 
gangszoll an Büschen und Dornenhecken hängen lassen. 
Dies passt als Ironie auf die Laufbahn John Shakespeare's, 
der alle Ämter (die Büsche und Dornenhecken) bekleidet 
hatte, welche das Freisassengericht von Stratford zu ver- 
geben hatte, bis er Oberbürgermeister wurde (die üm- 
wallung erklettert hatte). Dass er dabei Wollflocken hängen 
liess (d. h. Geldopfer gebracht hat), wird ohne Weiteres 
zugegeben werden können. Den zehnten Teil dieser Gelder 
kostete seine Ernennung zum Junker niederen Ranges 
{Sqier of low degree). Dieser Satz kommt fast einem ob- 
jektiven Beweise dafür gleich, dass John Shakespeare der 
Gemeinte ist. Denn auf ihn passt der Satz mit erstaun- 
licher Genauigkeit in zwiefacher Beziehung, je nachdem 
man seine Laufbahn vom heraldischen oder sozialen Stand- 
punkt aus betrachtet. Heraldisch wissen wir, dasS er 
spätestens 1576 zwar ein Wappen erhalten hat, dass er 
dasselbe aber höchst wahrscheinlich nur auf Lebenszeit 
führen durfte und nicht auf seine Kinder vererben konnte. 
Dies dürfte den minderwertigen Adel bedeuten sollen, den 
Nash ironisiert. Noch deutlicher aber erhellt, was unter 



— 268 — 

dem Junker von niederem Range verstanden sein kann, 
wenn wir die soziale Lebenslaufbahn Johns verfolgen. 

Vorher bedarf es jedoch einiger Worte über die Her- 
kunft und die Rechte der „Freien" — free-men — , deren 
schon auf Seite 9 flüchtig Erwähnung gethan ist. 

Die Freien waren grösstenteils Nachkommen der 
angelsächsischen Familien, die sich bei der Eroberung 
Englands durch die Normannen nicht in die Hörigkeit und 
Dienstbarkeit der Barone und Ritter hatten zwingen lassen. 
Diese Germanen waren zahlreich und mächtig genug ge- 
blieben, um sich lange Zeit hindurch gegen, dann eben so 
lange neben den Romanen zu erhalten, und sich schliess- 
lich in allmählichem Werdegange mit ihnen zu vermengen, 
so das neue Kulturvolk „die Engländer" zu bilden. 
Bereits im 14. Jahrhundert waren ihre Stellung und ihre 
Rechte gesetzmässig anerkannt und geregelt: aus ihnen 
war dann jener Mittelstand entstanden, den Macauley 
treffend schildert (vergl. Seite 7 und 8). Man unterschied 
ungefähr"): a) Diener und Hörige der Ritter, b) Yeomen, 
Qauleute, die sich ein kleines Grundstück er dient hatten, 
an denen noch immer der Begriff der Dienstbarkeit 
haftete; sie bildeten den Übergang von den Hörigen zu den 
c) Freien. Letztere wieder waren gegliedert in free-tenants 
— Freipächter, die von freien Familien stammten und ein 
Grundstück in Pacht hatten und free-holders — Freibauern, 
die ihr Grundstück von ihren freien Eltern ererbt hatten, 
oder franJcelins — Freigutsbesitzer, deren Grundbesitz 
ebenfalls von freien Eltern stammte, aber bedeutender war, 
als der eines Freibauern. War das Gut eines Freibauern 
oder Freigutsbesitzers so gross, dass seine Einkünfte einem 
bestimmten Census entsprachen {£ 40), so erhielt der Be- 
sitzer neben den anderen Rechten der Freien auch die 



*) Ungefähr, denn zu Shakespeare's Zeit hatte sich die Ver- 
mengung der beiden Yolksrassen so weit voUzogen, dass die aus 
früheren Jahrhunderten stammenden Unterscheidungen bereits 
im Aussterben waren, ein Vorgang, der naturgemäss nur höchst 
langsam vor sich gehen keimte. 



— 269 — 

Befugnis, zum Knight of the Shire — Qrafschaffcsritter, 
d. h. Parlamentsmitglied — gewählt werden zu dürfen. 
Den Grundbesitzern, die dieses Recht erworben hatten, 
wurde schon von König Eduard ni. (1327—1377) der 
Titel „Sqire promiscue — Junker ohne Unterschied" — 
verliehen, d. h. sie wurden für gleichberechtigt erklärt 
mit den adligen Rittern, die gleichen Grundbesitz hatten. 
Promiscue ist veraltet, die daraus hergeleiteten Worte 
(franz.) promiscuüe und (engl.) promiscuity, promiscuous 
haben in sich etwas von der Bedeutung „ohne Unterschied 
durcheinander — gemengt — sein". Hieraus möchte ich 
die Annahme herleiten, dass die „Junker ohne Unterschied" 
ihre Wappen, wenn sie deren hatten, führen durften, oder 
solche leicht bewilligt erhalten konnten. 

Diese aus dem Antagonismus der Angelsachsen und 
Normannen entstandene Gliederung ist jetzt natürlich 
verschwunden; dass sie aber zu Shakespeare's Zeit noch 
Geltung hatte ^), erkennt man daraus, dass in Stratford 
um 1550 — 1600 noch das Freisassengericht in Thätigkeit 
war, woraus weiter hervorgeht, dass die „Freien" — die 
von den angelsächsischen Grundbesitzern abstammenden 
Familien — , mindestens aber die freien Grundbesitzer 
noch eigenen Gerichtsstand hatten. 

Dass John Shakespeare ein freeman — Freier — ge- 
wesen sein muss, dürfte bewiesen sein, weil er als Ge- 
schworener in diesem Freisassengericht gesessen hat und 
viele Jahre hindurch zu den Ämtern, die es zu besetzen 
hatte, gewählt wurde. Aus den Aufzeichnungen, die auf 
ihn Bezug haben, lässt sich ferner schliessen, dass er 
auch die soziale Stufenleiter der freien angelsächsischen 
Familien erklommen hatte. 

1556 wird er in Stratford als Handschuhmacher, 

1561 in Snitterfield als „AgricoW^ geführt. 



1) Vergl. über diese Gliederungen Wilhelm Herzberg, Über- 
setzung der Canterbury- Geschichten von Chaucer, Einleitung und 
Bemerkung zu Zeile B33, sowie die a. a. O. aufgeführten Quellen. 



— 270 — 

Wenn diese beiden Eintragungen sich auf ihn beziehen, 
was höchst wahrscheinlich ist, so nannte er sich in ersterem 
Orte nach seinem Beruf, in letzterem nach seinem Geburts- 
stande. Es ist bedauerlich, dass bisher keine Gewissheit 
über diese Angaben zu schaffen gewesen ist, denn sie 
würden einen höchst willkommenen Blick in die damaligen 
sozialen Verhältnisse gestatten. Agricola scheint danach 
einen Mann zu bezeichnen, der stolz darauf ist, von einem 
freien Grundbesitzer abzustammen und der diese Benennung 
der seines Handwerks vorzieht, was ja auch den An- 
schauungen der Zeit entsprochen haben wird. Nach seines 
Vaters Tode wurde ihm die Verwaltung des Vermögens 
übertragen, wozu sicherlich auch die Pachtung der Aräen- 
schen Ländereien in Snitterfield gehört haben wird. John 
wäre dadurch Freipächter und, falls sein Vater auch 
eigenen Grundbesitz hinterlassen hättet, auch Freibauer 
geworden. Letzteres fand jedenfalls statt, als seine Frau 
Marie Arden ihr Erbgütchen mit in das Ehevermögen 
brachte. Ob er auch Freigutsbesitzer wurde, vermag ich 
nicht festzustellen, weil mir der Unterschied zwischen 
„freeholder" und „frankelin'^ nicht ganz klar ist Ich 
möchte glauben, dass er nicht so sehr in der Grösse des 
Grundbesitzes bestand, als in dessen Vorgeschichte. 
Frankelin dürfte der Grundherr nur dann genannt worden 
sein, wenn sein Besitztum freies AUod war und nicht 
zum Lehnsbesitz der normannischen Ritter gehört hatte. 
In Bezug auf John's Grundbesitz ist dieses nicht fest- 
gestellt. 

Dagegen scheint er dem Census genügt zu haben; 
ich schliesse dieses aus dem Erscheinen des „Herr" vor 
John's Namen um 1567/68 und aus seiner Aufnahme 1580 
in die Liste der wohlgeborenen Herren und Freisassen 
— gentlemen and freeholders — der Grafschaft Warwick 
(s. Seite 98). Die darin aufgeführten ^/reeholders^^ dürften 

1) Was immerhin möglich ist, besonders wenn er Sohn oder 
Enkel jenes Johannes Sh. gewesen ist, der 1508 vier Gärtner- 
Anwesen zum Eigentum erhielt. (S. Seite 102 u. 103.) 



^ 271 — 

die „Sqires promiscue'^ der Grafschaft gewesen sein und 
da John sich darunter befindet, so hätte auch in dieser 
Beziehung Nash's ironische Bemerkung: „Sqier of low 
degree'\ ihre volle Erklärung und sarkastische Bedeutung. 

Da John Shakespeare 1568 auch als Friedensrichter 
in Stratford genannt ist, so findet sich in der ganzen 
ersten Hälfte des besprochenen Artikels vom Anfang an 
bis einschliesslich der Stelle, an der von dem regen- 
zerschlagenen Fächer der gelbgesichtigen Lady Schweine- 
schnauze gesprochen wird, nichts, was nicht in Beziehung 
zu anderweitig bekannten Thatsachen aus dem Leben der 
Shakespeare Vater und Sohn gebracht werden könnte. 
Die aussergewöhnliche Schärfe der letzten Stelle lässt 
vermuten, dass Nash's Feder hier seine Galle in doppelter 
Richtung verspritzt. Einmal scheint er den Emporkömmling 
zu höhnen, dass er flir eine ältere Dame mit wenig ver- 
führerischen körperlichen Reizen Sonette schreibt und sich 
ihrer Huld brüstet, zum anderen Male scheint er (Nash) 
diese Dame recht gründlich auch persönlich zu hassen 
und • zu verachten. Wir werden eine Dame jener Zeit, 
die ihrerseits Nash ebenso gehasst zu haben scheint, noch 
kennen lernen. 

Was nun die letzte Hälfte des Artikels betrifft, so 
bin ich über Vermutungen nicht hinausgekommen. Wenn 
sich der Anfang auf Shakespeare's Verhältnisse bezieht, 
so dürfte dies auch mit dem Ende der Fall sein, und wir 
dürften demselben einen Beweis dafür entnehmen, dass 
Shakespeare vor 1592 eine Reise gemacht hatte und 
zwar eine kurze über den Kanal. Wohin und in welcher 
Stellung bleibt zweifelhaft, denn die Ortsnamen Deepe 
{= Dieppe) und Constantinopel sind anscheinend nur bildlich 
für eine kurze und eine lange Reise gebraucht worden. 
Im Übrigen kann die zweite Hälfte gemünzt sein, entweder 
auf die Arbeiten des Emporkömmlings (als Theaterstück- 
Macher?), dann wäre im Einzelnen aufgezählt, was Greene 
später in die Worte zusammenfasste: „er hält sich für 
den einzigen Kulissenschieber im Lande" — oder auf das 



— 272 — 

persönliche Verhalten des Emporkömmlings. Entkleidet 
man die letzten Sätze der von Neid, Hohn und Sarkasmus 
diktierten Bilder und Vergleiche, so finde ich in dem Inhalt 
nichts, was — von beiden Gesichtspunkten aus auf Shake- 
speare bezogen — nicht von ihm geglaubt werden könnte. 

Die satyrischen Bemerkungen des Schlusses beziehen 
sich offenbar auf Sprache, Mimik und Gestikulationen des 
„Emporkömmlings". Wenn darunter Shakespeare zu ver- 
stehen ist, so erfahren wir, dass 1592 seine Darstellungs- 
kunst von den akademisch Gebildeten noch nicht als gut 
betrachtet wurde. Dies scheint sogar vier Jahre später 
noch nicht der Fall gewesen zu sein. Dr. Gäderz in 
„Zur Kenntnis der altenglischen Bühne" bringt die Ein- 
drücke, die ein Canonicus De Witt aus Utrecht bei einer 
Reise nach London 1596 von den derzeitigen Theatern und 
Schauspielern gehabt hat. Auch in diesen ist von Shake- 
speare nicht die Rede. Ob er vielleicht in dieser Zeit 
nicht aufgetreten oder auf Reisen abwesend war, lässt 
sich nicht sagen. Gegen Ende dieses Jahres, während 
der Verhandlungen im Wappenamte, dürfte er jedoch 
wieder in London zurück gewesen sein. 

Nash's Emporkömmling hat eine kurze Reise gemacht, 
aber so viel Eindrücke mitgebracht, dass, wenn er davon 
erzählt, man glauben könnte, er wäre weiss Gott wo ge- 
wesen. Zu Hause ist ihm nichts mehr gut genug (soll 
doch wahrscheinlich die Einrichtungen der heimischen 
Theater bezeichnen); er will Alles einführen, was er im 
Auslande gelernt hat, und wenn man ihn dieserhalb zur 
Rede stellt, so weiss er seine Ansichten unter Berufung 
auf fremdländische bessere Gebräuche gut und schneidig 
zu verteidigen. Er gestikuliert dabei mit so lebhaftem 
Mienenspiel, dass man ihn für einen grossen Held halten 
möchte, wenn man nicht wüsste, dass er nur ein ganz 
kleiner Anfänger sei. Seine Sprache ist dabei bald mit 
fremdsprachigen (italienischen) Brocken durchsetzt, bald 
kann er den rohen Dialekt der Strasse nachahmen. Dies 
scheint mir der innerste Sinn der groben Sarkasmen Nash's 



— 273 — 

zu sein, und diesen können wir, glaube ich, anstandslos 
auf Sh. beziehen. 

Einem von seiner Feder lebenden, mit dem Honorar 
für seine Arbeiten unzufriedenen Manne, wie es Nash 1692 
thatsächlich gewesen ist, wird man nachfühlen können, 
dass er sich durch die Neuerungen, die Shakespeare in 
die Schauspiel-Dichtung und -Kunst einzuführen bemüht 
war, beunruhigt fühlen musste. Man wird auch verstehen 
können, dass Nash und seine Kollegen mit Neid auf die 
grossen Erfolge blickten, die Shakespeare mit diesen 
Neuerungen erzielt zu haben scheint. Es wäre unnatür- 
lich und würde allen menschlichen Gewöhnungen und 
Schwächen widersprechen, wenn Nash, Greene und die 
übrigen zeitgenössischen Dichter und Schriftsteller damals 
schon hätten erkennen sollen, dass sie selbst die Zwerge 
waren, der Mann hingegen, den sie vor sich hatten, der 
heranwachsende Riese. So glaube ich, dass Nash's Artikel 
sich auch gegen Shakespeare richtet und dass die Sprache 
in demselben, je schärfer und vernichtender sie gemeint 
war, für uns nur ein um so helleres Licht wirft auf die 
Bedeutung, die Shakespeare bereits 1592 in seinem Fache 
erlangt hatte. 

Es erübrigt noch einige Worte hinzuzufügen, über die 
schon behandelte Ableugnung jeder Teilnahme an Greene's 
Schrift seitens Nash's und über den Widerruf Chettle's. 

Das Hauptbedenken gegen die Annahme, dass der 
scharfe Artikel „Natur eines Emporkömmlings" auf Shake- 
speare gemünzt sein könne, liegt m. E. darin, dass Nash 
diesen Artikel in der 2. Auflage von „Pierce Pennilesse" 
stehen liess, während er in der Vorrede dazu die bezüg- 
lichen Äusserungen Greene's mit besonderer Schärfe als 
oberflächlich, trivial und lügnerisch bezeichnet. Wenn 
Greene Shakespeare gemeint hatte, so könnte Nash seine 
Vorwürfe gegen denselben Mann nicht stehen gelassen haben. 

So einleuchtend dieses Bedenken auch auf den ersten 
Blick erscheinen mag, so kann es doch m. E. bei näherer 
Erwägimg nicht aufrecht erbalten werden. 

18 



— 274 — 

Nash's Artikel bewegt sich in so allgemeinen Ausdrücken, 
dass er eben so gut auf eine „Spezies von Menschen", als 
auf einen einzelnen Mann bezogen sein kann. Sein Buch 
konnte von der grossen Menge gelesen werden, ohne dass 
es gemerkt wurde, auf wen speziell die Sarkasmen gemünzt 
waren. Nur wer Shakespeare selbst, seine bis dahin ge- 
spielten Stücke und die Lebensgeschichte seines Vaters 
genau kannte, mochte herausfühlen, dass er die als zu 
anmassend geschilderte Persönlichkeit darstellen solle. Dass 
Nash in jener Zeit den emporstrebenden Dichter als an- 
massenden Emporkönmiling angesehen haben mag, wird 
kaum bestritten werden können, und wenn ersterer diese 
Ansicht hatte, so wird er um so weniger Anstand ge- 
nommen haben, seinen Artikel auch in der 2. Auflage 
stehen zu lassen, als in demselben lediglich eine ihm un- 
berechtigt erscheinende Anmassung lächerlich gemacht, 
aber mit keinem Worte die Ehre des Emporkömmlings 
angegriffen wird. Hiegegen, d. h. gegen die Ehrverletzung 
durch Behauptung falscher Thatsachen, scheint sich Nash 
verwahren zu wollen und deshalb seine Beteiligung an 
Greene's Buch so feierlich abzuleugnen. 

Dies brauchte ihn nicht zu veranlassen, seine Sarkasmen 
gegen die für Fehler gehaltenen Neuerungen des Emporkömm- 
lings in der 2. Ausgabe von „Pierce's Penniless^^ zu streichen. 

Meine Mutmassungen in der Angelegenheit fasse ich, 
wie folgt, zusammen: 

Nash hat den Artikel „Natur eines Emporkömmlings" 
einige Wochen früher geschrieben als Greene „Für einen 
Groschen Verstand". 

Beim Abfassen der letzteren Schrift kann Greene das 
Werk seines Freundes Nash bereits gekannt und den 
Ausdruck „Emporkömmling" daraus entlehnt haben, um 
so eher, als er wahrscheinlich auf eine und dieselbe 
Persönlichkeit gemünzt wurde. 

Nach Greene's Tode wurde sein „Für einen Groschen 
Verstand" Nash zugeschrieben. Das Buch scheint in weiten 
Kreisen Anstos» erregt zu haben. 



— 276 — 

Nash verwahrte sich gegen die Verfasserschaft. So 
feierlich es auch geschah — ein Teil des Publikums scheint 
bei der vorgefassten Meinung geblieben zu sein. 

Die Beharrlichkeit, mit welcher sich diese Ansicht 
erhielt, spricht dafür, dass Nash's „Emporkömmlings" als 
auf Shakespeare gemünzt verstanden, und in „Für einen 
Groschen Verstand" lediglich eine Fortsetzung des bezüg- 
lichen Artikels gesehen wurde. 

Dann traten mehrere Adlige, darunter wahrscheinlich 
Earl Southampton und Lady Smith ^), für die Rechtschaffen- 
heit Shakespeare's ein, worauf 

Schliesslich Chettle in der Vorrede zum „Traum des 
(Herrn) Gutherz" eine Klarlegung des Sachverhalts 
übernahm. 

Nash's „upstarf\ Greene's „upstart crow'' und Shake- 
speare's „treble dated crow*^ scheinen in engem inneren 
Zusammenhange zu stehen. 

d) Gabriel Harvey. 

Wenn ich in Übersetzung noch einige Auszüge aus 
den abscheulichen, 1593 im Druck erschienenen Streit- 
schriften dieses Mannes gegen T. Nash u. a. m. bringe, so 
geschieht es, um daran weiter unten noch einige Mut- 
massungen zu knüpfen. Die Stellen sind möglichst nach 
der Zeit geordnet, in welcher sie wahrscheinlich nieder- 
geschrieben wurden, die sich aber nicht deckt mit der 
Zeit ihres Erscheinens im Druck. Das für meine späteren 
Ausführungen Wichtigste ist gesperrt gedruckt. Die voran- 
steheuden römischen Zahlen beziehen sich auf die Bände, 
die arabischen auf die Seiten, in denen der englische 
Text zu finden ist in: „A. Grosart's Neuherausgabe der 
Werke G. Harvey's." (The Ruth Library) 

11,37 Pierce's Supererogation^Ksi]^, 1. Nashe's 8, Fame^ 
geschrieben etwa im Februar oder März 1593: 



*) Vergl. den Schluss dieser und die siebente Studie. 

18* 



— 276 — 

„Tadelt ihnO nicht, oder tadelt ihn milde, dem es 
„schon etwas zuwider ist, von dem alten EseP) auf die 
„Folter gespannt oder von dem jungen Hunde gebissen 
„zu werden." 

11,99/100 ebenda: 

„Wollt Ihr mit Gewalt einen geschriebenen Ver- 
„gnügungspalast oder vielmehr einen gedruckten Ehrenhof? 
„dann leset „der Gräfin von Pembroke Arcadia", 
„eine schöne Legende voll vergnüglicher Vorkommnisse 
„und nützlicher Gespräche." 

11.263 Kap. 3 ohne Überschrift, unterschrieben den 27. 4. 1593: 

„Denn so {Phul-Assar^ berühmter Sohn des Fhul- 
^.Bullochus) hat ihn (Nash ist gemeint, d. Ü.) die Edel- 
„dame (Oentlewooman) an einer oder zwei Stellen 
„genannt, welche versprochen hat, Nash's heiligen Euf zu 
„canonisieren durch gewisse bemerkenswerte Aufsätze, 
„die schon zu meiner Zufriedenheit gefördert und fast 
„schon so weit fertig sind, dass sie auch ihrer Absicht 
„entsprechen." 

11.264 ebenda: 

„Hätte ich nicht kürzlich Assyrische Geschichte mit 
„der genannten (said) tugendhaften Edeldame, einer 
„der glänzendsten Zierden ihres Geschlechts, wieder durch- 
„genommen, so hätte ich möglicher Weise diesen kleinen 
„Teil seiner Ehrungen vergessen." 

11,266 ebenda: 

„Kommt, ihr göttlichen Dichter und hinreissenden 
„Redner, ihr silbern fliessenden Quellen des fliessendsten 
„Witzes und der glänzendsten Kunst, ihr: Chaucer, 
„Spencer, Moore, Checke, Asham, Asteley, Sidney und 
„Dier, komm' teuerste Schwester des teuersten 
„Bruders, mit Ausnahme Einer (geht wahrscheinlich auf 



1) Unter „ihn" spricht hier Harvey von sich selbst. 

2) Nash gemeint, der Harvey mit diesem Ehrentitel be- 
zeichnet hatte, 



99 

99 



99 
99 



I 99 

I 

99 

i 

I 
I 

j 



— 277 — 

die Königin Elisabeth) 

, kommt alle, ihr feinsten Verfeinerer unserer 

Sprache und huldigt diesem kulminierenden Sterne." 
(Ironisch Nash gemeint.) 

11,313 ebenda: 

„Er (d. h. der bereits 1586 gestorbene Dr. Ferne) 
nannte mich einst bei einem politisierenden Gespräch 
(seolde's pollicy) halb im Ernst, halb im Spass „Fuchs" 

„(es war bei der Begräbnisfeier des ehrenwerten 

9,Sir Thomas Smith, bei welcher Gelegenheit er predigte 
und bei der Lady Smith und die Mitvollstrecker 
des Testaments so liebenswürdig waren, mir, der sie 

„darum gebeten hatte, einige seltene Handschriften zu 
schenken)." [Das Begräbnis hatte wahrscheinlich 1577 

stattgefunden, Anm. d. Ü.] 

11,318—323 ebenda: 

„Was den thatsächlichen Inhalt — matter — (nämlich 
„von Nash's Schriften) betrifft, so soll Alles, was fehlt 
„oder hier erwartet werden kann, im Einzelnen und 
„Ganzen behandelt werden, sowol in meinem Kapitel 
„Nash's heiliger Euf"), das schon beendigt ist und der 
„Veröffentlichung entgegengeht, als auch in weiteren Zu- 
„thaten dazu, besonders in denen der oben erwähnten 
„Edeldame, die sich nach einiger Anweisung bereit finden 
„liess, die merkwürdigen Nachrichten des scheltenden 
„Schlingels — Strange News of the railing Villan — zum . 
„Kissen für ihre Nadeln und Stecknadeln zu machen. 
„Wenn auch mein Geschreibsel noch eine Weile fortdauert 
„und dann nach löblicher Sitte seinen Lohn findet (warum 
„sollten Spielereien und Kleinigkeiten in einer Welt voll. 
„Geschäften fortleben?), so wage ich doch mich dafür zu 
„verbürgen, dass, was immer sie schreibt, ein unsterb- 
„liches Werk bleiben muss und auch der thätigen Welt 
„ein ewiges Denkmal für das üble Gewürm hinterlassen 



*) Das 1. Kapitel von „Pierce^s Super erogation". 



— 278 — 

„wird, das sie durch ihre schöne, reizende, ebenso geist- 
„reiche, wie elegante Schreibweise zu ehren würdigt." 

„Was die Art und Weise (manner) anbetrifft, so be- 
„trachte ich es für eine niedliche, aber unbedeutende Ab- 
„sonderlichkeit für meine Person, mich einer minderwertigen 
„Kleinigkeit wegen in Unkosten zu stürzen: ich bin so in 
„den Schatten gestellt von den blühenden Zweigen dieser 
„himmlischen Pflanze, dass ich absichtlich jeden Vergleich 
„(mit ihr) ausgeschlossen wissen will, indem ich ihrem 
„göttlichen Verstände die Würdigung zolle, welche sie von 
„meinen Händen in so reichem Masse verdient hat. Dabei 
„muss ich Verwahrung dagegen einlegen, dass sie etwa 
„durch inständige Bitten bezaubert, durch Überredung 
„bewogen oder durch Bestechung verleitet worden sei; 
„sondern sie Hess sich nur durch ihre eigene Auffassung be- 
„wegen, welche die Gerechtigkeit meiner Sache in ihrer 
„unbefleckten Gewissenhaftigkeit hervorgerufen hatte, nach- 
„dem ich ihr selbige kurz vorgetragen hatte. Diejenigen, 
„die ihre eigene Schmach in den Vordergrund stellen 
„wollen, — ich nehme einen Phönix oder auch vielleicht 
„deren zwei aus — mögen tapfer in die Schranken der 
„Vergleichungen treten und werden dann dabei gewahr 
werden, dass sie ihr durch ihre Missachtung eine so 
hohe Ehre erzeigen, wie sie sie ihr möglicher Weise mit 
„dienstbeflissener Ehrerbietung nicht besser hätten anthun 
„können. Soviel ich weiss, hat sie die beachtungswertesten 
„Geschichten eigenartiger Frauen aller Zeiten in der Bibel, 
„in Homer und in Vergil gelesen — ihren drei Lieblings- 
„büchern, den göttlichen Vorbildern Hebräischer, Griechischer 
„und Römischer Tüchtigkeit — in Plutarch, Polyen, Petrarka, 
„Agrippa und wer weiss in welchen mehr, die es sich 
emsig zur Pflicht gemacht haben, den vortrefflichsten 
Frauen, die in der Welt gelebt haben, Ehre anzuthun. 
Die schlechtesten beurteilt sie milde (comending\ die 
„würdigsten preist sie, den seltensten ahmt sie nach und 
„allen zollt sie je nach ihren Begabungen Beifall; nur 
„personifizierter Kunst und verkörperter Tugend — den 



9? 






— 279 — 

„beiden wertvollsten Wesea, die auf Erden blühten — 
„strebt sie nach.^) Andere Frauen mögen der Penelope 
„nachgeben, Penelope der Sappho, Sappho der Arachme, 
„Arachme der Minerva. Minerva der Juno, Juno keiner 
„ihres Geschlechts. Sie giebt jedem nach, der sie und 
„die ihren gut behandelt, aber Niemandem, welchen Ge- 
„schlechtes er auch sei, der gegen sie oder die ihren 
„schlecht ist. Sie ist weder vom höchsten Adel 
„(noftZesf), noch die schönste, noch die feinste, 
„noch die reichste, aber die liebenswürdigste, geist- 
„reichste und unbesiegbarste Dame, die ich kenne. 
„Es giebt keine Frau in Europa, die ein hübsches Kind 
„so auswickeln oder ein unnützes kleines Hündchen so 
„wickeln (auch prügeln — to swaddLe — ) kann, wie sie. 
„Einige von Euch mögen die Augen auf ihre Persönlich- 
keit richten {aime at): und es ist nicht das erste Mal, 
dass ich ihren Stil das Rauschgold (tinsell) der ge- 
schmackvollsten Musen und der süssesten Grazien genannt 
habe: aber ich darf sie nicht nach meiner Auffassung 
„ihrer hohen Verdienste (heaudesert) beschreiben, ohne 
„ihre besondere Erlaubnis, die nicht mit weiblichem, 
„sondern mit männlichem Massstabe gemessen und mehr 
,4hrem Mute, als ihrem Glücke nach beurteüt werden 
muss. und wie, wenn sie auch in einem Monate mehr 
Werke veröffentlichen kann, als Nash in seinem ganzen 
Leben, oder als es die fruchtbarsten unserer l>egeisterten 
„Helikonbewohner ihr nachmachen können? Könnte ich 
„über ihre Unterhaltungs- und Übungs-Aufsätze verfügen, 
„so würde es (trotz der neugierigsten Neugierde unseres 
„Zeitalters) unzweifelhaft möglich sein, auch in der tief- 
„gewurzelsten Verachtung neue Bewunderung zu erzeugen 
und die vortrefflichsten Bücher in ihren gewohnten Stand, 
eben in mtegrum zurück zu versetzen. Ich will öffenthcb 
der Parteilichkeit und Dummheit geziehen werden, wenn 
sie jetzt (nachdem sie sich herbeigelassen hat, ihre 



9? 

11 



11 



11 

11 

w 



*} „to &Mnf in der Teralteten Bedeutung = „io strive to he equal* 



— 280 — 

„seidene Arbeit fertig zu spinnen) nicht Vortrefflicheres 
„leistet, als ich je früher versprach oder jetzt anzudeuten 
i,scheine. Immerhin ist sie ein Weib und darf ob 
„ihrer Neigungen (^assions) das ihrem Geschlechte 
„allgemein zugebilligte Vorrecht in Anspruch 
„nehmen, besonders in ihrem Verhältnis zu einem 
„verliebten Freunde {challenge . . dispensation 
^^in the cause of an affectionate frend)^ der 
„sich ihren ausgezeichneten Diensten als Diener 
„widmet, den sie herausgefunden hat als ünter- 
„sttitzerin der Kunst, als Dame von Verstand 
„und wahrhaft edler Gesinnung und als die Be- 
„herrscherin wirklicher Tugend. Aber auch diese 
„Launen hat sie so geordnet und geleitet, ihre heftigen 
„aber durchdachten Folgerungen voll Geist, Temparament, 
„gesunden Menschenverstandes und richtigen Urteils so 
„innig zu vereinen gewusst, dass dieselben eher für das 
„Mark der Vernunft, als für das Aufsprudeln von Leiden- 
„schaft gelten können; man kann das Aufwallen ihres 
„Zornes passend vergleichen mit dem Dahinrasen eines 
„von Minerva gezügelten Pegasus. Ihre Feder ist in der 
„That ein wirklicher Pegasus und fliegt dahin, wie ein mit 
„ausgesuchtem Geschick gelenktes geflügeltes ßoss. Sie 
„ist es, die dem mächtig berühmten Werk der Selbst- 
„beräucherung ') Weihe und Würde verleihen muss. — 
„ÄÄe it is that must retume the mighty famous worJce of 
^^Supererogation with Benet and Collect^) 



99 



„Das Beste aber ist, dass sie, wo meine Antwort 
„(weil einem so wilden Stiere gegenüber meist zu zahm) 
„ungenügend ist oder erscheinen mag, seine Kunst 
„mit anschaulicher Analyse, wie ein Anatom, in seine 
„Jacke, seinen Verstand in sein Hemde, den Inhalt 
„und die Manier seiner Abhandlungen in ihre Urbestand- 



1) G. Harvey's Pierce's Supererogation, 

2) Nach Grosart's Erklärung: grace or hlessing? 



— 281 -- 

„teile, seinen Inhalt in Materiam Primam^ seine Manier in 
^^formam primam zerschält (strippeth) und beide zusammen 
„in Priuationem Ultimam^ will sagen in sein letztes Wort, 
„mit dem er so prächtig gedroht hat. Ich verlange keine 
„andere Gunst von der Höflichkeit, als dass Kunst und 
„Verstand ihre Leser sein möchten und Gerechtigkeit 
„mein Eichter sei, an deren unparteiische Ehrlichkeit ich 
„demütig in meinen Voraussetzungen appelliere mit respekt- 
„vollen Empfehlungen von „Nash's heiligem Ruf" eben 
„an den heiligen Ruf selbst, der bald mit höchsteigenen 
„Händen einen Maipfahl (Pfahl zum Herumtanzen von 
„Kindern) aus seinem siegreichen letzten Worte machen 
„wird. Zweifelt nicht, edle Herren, er wird die Standarte 
„seiner Tapferkeit und den Lohn für sein verdienstliches 
„Werk finden. Wenn meine Feder auch nur schwerfällig 
„ist, so merkt auf jene, die an Schnelligkeit mit Queck- 
„silber wetteifert, und habt Mitleid mit dem armen Teufel, 
„der die Entrüstung einer solchen Feder erregt hat und 
„immer ein erbärmlicher Anblick für solche verleumdenden 
„Teufelsbraten sein wird, die sonst ihre Waghalsigkeit 
„dahin treiben würden, den stumpfen Säbel ihrer hirn- 
„verbrannten Narreteien weiter zu versuchen. Die Ver- 
„zögerung der Herausgabe ist meine Schuld, der ich wenig 
„Hoffnung auf Betracht und Beachtung meiner Aufsätze 
„haben könnte, erschiene dieser schöne Körper der süssesten 
„Venus im Druck, da er in Achtung gebietender Weise 
„mit dem vollen Rüstzeug der tapfersten Männer versehen 
„ist. Wenn die notwendige Verteidigung die Unschuld 
„desjenigen, dem hauptsächlich daran liegen rauss, von 
„den Anklagen freizukommen, genügend erwiesen haben 
„wird und sie dann wie ein neuer Stern in der Kassiopäa 
„erscheint, dann wird jedes verständige Auge den grossen 
„Unterschied zwischen ihr und den andern Spiegeln der 
„Beredsamkeit sehen und der bemitleidenswerte Sklave 
„des heiligen Rufes müsste vor unverständigem Eigensinn 
,^blind sein, oder mit beschämendster Scham seine bekannte^ 
„Narretei erkennen. Dann ward, wie in einer klaren 



— 282 — 

„Glasblase zu erkennen sein, wessen Verstand die Gelb- 
„sucht hat; und ich würde es für ein grösseres Wunder, 
„als das des Jahres 1588 halten, wenn die Sache der 
„Persönlichkeit, die gegen einen Arm von solcher Stärke 
„zu kämpfen hat, nicht die Fallsucht bekäme. Herr Stowe! 
„lasst es als eine Merkwürdigkeit oder als ein Wunder 
„der Jetztzeit verzeichnet werden, dass ein Ding, wert- 
„loser als Tarleton's Spielzeug, und eitler als der Verstand 
„eines Schwachmatikus {Shakerleyes coneeit\ das will sagen: 
„ein Nash zum Vorwurf für ein so unschätzbares Werk 
„geworden ist; durch Gegenwärtiges sei der Unverschämt- 
„heit kundgethan, dass ihr erzener Wall in Feilenstaub 
„und ihr eisernes Thor in ein Nichts zerschmettert ist. 
„Die kürzeste ihrer energischen Zeilen wird es leichter 
„thun, als ein feiner Faden eine misstönende Glocke 
„sprengt. Es ist ein hübscher Versuch und nicht unähn- 
„lich ihren merkwürdigen Gedanken und seltenen Ein- 
„fällen, die so mächtig bewegen und so allerliebst ergötzen. 
„Der Erfolg wird das zweifelhafteste Gemüt überzeugen, 
„und es befriedigt mich, die Ungläubigkeit an das sicht- 
„bare und greifbare Zeugnis des beweisenden Schluss- 
„ Wortes (Term Probatory) verweisen zu können. Entweder 
„das Licht der Natur und die Sonne der Kunst müssen 
„sich verfinstern, oder die flammenden Strahlen ihrer 
„einzigartigen Begabung werden sich in ihrer gewohnten 
„Helle zeigen und die niedere Dunkelheit jenes übel- 
„wollenden Planeten aufdecken, der in üblem Ehrgeiz 
„seinen Ruf zu erhöhen sucht, indem er das Guthaben 
„derer zu verringern trachtet, die doch das stolze Licht 
„seiner eigenen Lampe auslöschen können. Ihre seltenen 
„Vollkommenheiten können am Besten für sich selbst 
^,sprechen; und meine Feder ist ein sehr ungenügender 
„Redner, um die himmlischen Schönheiten ihrer Seele 
„auszudrücken; aber ich habe nie, ausser an ihrem vor- 
„treffJichen Selbst gesehen, was für eine unverletzliche 
„Jungfrau die Tugend ist; und der Tag soll noch kommen, 
»,an dem ich ihren Verstand als ein fehlerhaftes oder 



— 288 — 

„verfinsterndes (Ecliptique) Wesen kennen lernen sollte. 
„Sie weiss, dass ich ihrem Glücke nicht schmeichle; und 
„wenn ich ihre Tugend ehre, deren bestätigte Bescheiden- 
„heit ich niemals unter dem Glänze von Lobeserhebungen 
„verhüllt gesehen habe, wer will mich da tadeln, wenn ich 
„dem kleinsten Teile meiner sehr grossen Verpflichtungen 
„nachkomme? Sie hat ihren treugehorsamen Diener aus 
„reiner Grossmut mit Gaben überhäuft, der diese als be- 
„sondere Gunst ihrer übergrossen Höflichkeit betrachtet, 
„aber nicht etwa seinen eigenen Verdiensten zuschreibt; 
„je geringer mein Verdienst, desto grösser ihre Freigebig- 
„keit, für die ich mich nur in soweit erkenntlich zeigen 
„zeigen kann, als mich tiefste Ergebenheit, unwandelbare 
„Dankbarkeit und das Gefühl, eine unendliche Schuld auf 
„mich genommen zu haben, durchdringt. Denn wenn sich 
„die Gelegenheit bietet, zu ihrem Preise einen erträglichen 
„Aufsatz zu schreiben oder eine glänzende Lobrede zu 
„halten, so wird das nur als eine That bürgerlicher {Oiuül) 
„Gerechtigkeit, nicht aber als ein Teil bürgerlicher Höf- 
„lichkeit gelten, da ihre silbernen Abhandlungen den hohen 
„Wert ihrer goldenen Tugenden darthun und ihr gött- 
„liches Werk den Wert seiner Verfasserin aller Welt ver- 
„kündet (decipher). Wer kann sagen, ob man sich nicht 
,^beim ersten Sehen in dasselbe verlieben muss, wie bei dem 
„durchdringenden Blicke einer liebenswürdigen Schönen? 
„oder ob und welchen Stachel eine hineingeworfene witzige 
„Bemerkung in Herz und Leber der Zuneigung zurück- 
„las^en wird? Ich bin immer bereit zu erhoffen, was ich 
,.wünsche, selbst das Beste vom Schlechtesten; und ob- 
„gleich eigensinniges Übelwollen ein schwer zu be- 
„sänftigender, halsstarriger und eigensinniger Gegner ist, 
„so habe ich doch schon grössere Wunder gesehen, als 
„Friedensschlüsse in Federkriegen und Versöhnungen von 
„Tintenfass- Feinden. Dort steht sie, die mit dem Finger 
„der Industrie und der Zunge der Liebenswürdigkeit 
„seltsamere Wunder zu Wege gebracht hat gegen rauhere 
„und harschere Gesellen, als: 



— 284 — 

^Den thörichten Nash, den jeder bramabarsierende Bediente 
„Mit Kneipspässen klein macht, den jeder Trunkene prügelt. 
f,{T/ie noddy N(f8h, whom euery seruing Swash 
„ W'ith pot'jestes dash, and euery whip-dog lash.) 

„(Mein Reim ist noch besser geworden, als beabsichtigt)" 
„und warum sollte sie, der noch bessere Mittel zur Ver- 
„ftigung stehen, nicht direkt und kräftig denselben Erfolg 
„haben? oder was wäre überredender und pathetischer 
„Vernunft und Liebenswürdigkeit unmöglich? Es wäre 
„ein scheusslicher und hündischer Planet, der es über 
„sein Herz bringen könnte, mit Böswilligkeit auf zwei so 
„anrautvoUe Sterne niederzuschauen und solch ein Planet 
„wäre der Leitstern desjenigen, der ihrer süssen Höf- 
„lichkeit eigensinnigen Hass entgegensetzen wollte." 

11,329 ebenda: 

„ — Und doch ist Alles nichts im Vergleich 

„mit dieser geistreichen Edeldame, deren Feder ein 
„Schuss aus der Muskete oder ein Geschoss vom Himmel 
„ist, schneller wie ein Pfeil, mächtiger wie eine Hand- 
„waffe, sobald Höflichkeit ausser Acht gelassen 
„wird und die Feindschaft alle Freundschaft vergewaltigt; 
„sonst aber: wie reizend liebenswürdig und göttlich milde 
„ist sie? Meine Herren, sehen Sie auf den lieblich 
„glänzenden Morgenstern und schauen Sie sich nach einem 
„andern so herrlichen Sterne um, wenn sie erst die hellen 
„Strahlen ihres glänzenden Verstandes und ihrer reinen 
„Güte leuchten lässt." 

n,23 JPrecursor^ B.Barne schreibt an G.Harvey im Juni 1598: 

„ Wir wollen nicht sagen, wie sehr wir uns 

„danach sehnen, die ganzen Lobpreisungen Ihrer zwei 
„bekannten Feinde, des Esels und des Fuchses zu sehen." 

II, 16 Brief G. Harvey's an drei Freunde und an jeden 
geneigten Leser vom 16. 7. 1593: 

„Wie dem auch immer sei — möchte es der süssesten 
„Vermittlerin glücken, die bitterste Galle des Hasses 
„zu versüssen und den rauhesten Sturm der Wut zu be- 



— 285 — 

„ruhigen; ich möchte von Herzen wünschen, dass Nash's 
„heiliger Ruf das Ende meiner Streitschriften {inueetvues) 
„sei; und die vortreffliche Edeldame, meine Be- 
„schtitzerin oder vielmehr meine Mitstreiterin in diesem 
„Streite, ist durch Naturell und Erziehung geeigneter, mit 
„ihrer weissen Feder ein bezaubernder Engel, als mit ihrer 
„schwarzen Dinte eine quälende Furie zu sein. Darüber 
„hat einer zu entscheiden, dem Gott ein gesunderes Urteil 
^^(discretion) verleihen möge." (Geht auf Nash, d. Ü.) 

II, 17 und 18. Drei von einer Frau verfasste Sonette, 
überschrieben: 1. Ihre eigene Vorrede oder ihr Be- 
denken; 2. Ihr Gegensonett oder Berichtigung ihres 
eigenen Vorwortes; 3. Ihr altes Lustspiel mit neuem 
Titel. Alle drei Sonette sind gegen Nash gerichtet; 
der Schluss des letzten lautet: 

„Herr Bombarduccio war sein grausamer Name, 
„Aber Nassharduccio ist das einzige Biest des Rufes. 

Der Bote. 
„Sieh*, wie er schreit und schnaubt über mich armes Weib, 
„Das den fleischerhaften Esel unsterblich machen muss. 

Jßir BomhardMcdo was his cruell name, 
„But Qnasharduccio the sole brüte of Farne, 

L'Ennoy. 
„See how He brayea and fumes at me poor lasse, 
\tThat must immortallise the Killcowe Asse.Y 

1, 267 Ä new letter of notable eontents — ein neuer Brief 
mit wichtigem Inhalt — an den Drucker John Wolfe 
gerichtet, geschrieben am 16. 9. 1593 als Erwiderung 
Harvey's auf die erste Ausgabe von Nash's „Chrisfs 
tears over Jerusalem"^ der eine bereuende Vorrede vom 
Verfasser vorangeschickt war: 

„Welche durch und durch Margueritenperle, oder 
„welcher durch und durch Bernstein ist so erquickend 
„und herzlich, als ihre Perlen-Latwerge (denn obgleich 
„das wütende Trauerspiel Antinous*) eine blutige Staats- 



1) Es handelt sich um Übersetzungen der Lady Pembroke. 



— 286 — 

„leitung — chaire of estate — ist, so ist doch die gött- 
„liche Abhandlung über Leben und Tod*) eine belebende 
„Edelstein-Latwerge — a restoratiue Eleetuuary of Oemmes)^ 
„die ich nicht besonders nenne, nicht, weil ich sie nicht 
„von Herzen verehrte, sondern weil ich ihr mit meiner 
„Feder nicht Unehre anthun möchte, ihr, die ich bewundere 
„und nicht genug beschreiben — blason — kann." 

1,270 ebenda: 

„Was seine augenblicklichen religiösen Anwandlungen 
^^{Eocercises) oder sonstigen Unternehmungen betrifft, so 
„wisst Ihr genug, die Ihr wisset, warum der Esel schläft 
„und der Fuchs die Augen zumacht." 

1,276 ebenda: 

„JRierce's Supererogation — Peter's Selbstberäucherung 
„(in meiner Hand ein Pfeil, in Eurer ein Klotz) begnügt 
„sich schon mit einem Federmesser (is left beholding to a 
^^penknife), Nash^s 8, Farne — Nash's heiliger Ruf — hat 
„schon etwas mehr Anspruch auf eine Lancette, aber die 
„Erwiderung der vortrefflichen Edeldame ist das feine 
„Rasiermesser, das jedes geile Haar seines grossen Mutes 

„und seines geringen Verstandes abrasieren muss. 

Dieses himmlische Wesen (als solches wird 

sie sich erweisen) wird das Maul der Niedertracht in das 
„Maul der Hölle hinunter beschwören, und wenn nicht bald 
„eine mich befriedigende Genugthuung angeboten wird, so 
„wird sie dieses so entschieden thun, wie sie es nach- 
„drücklich zu thun vermag. Es wäre schade, wenn die 
„göttliche Arbeit ihrer Hände nur zu dem Barmherzig- 
„keitsdienste verwendet würde, einen bereuenden Narren 
„zu gewinnen, oder ein schädliches Buch (obstinate body) 
„zu verwerfen. Wenn ihr durch die freiwillige Unter- 
„werfung des Beleidigers zuvorgekommen würde, so würde 
„es überflüssig werden, Gethanes wieder zu thun und 
„mitleidslose Grausamkeit, einen Niedergeworfenen noch 



9? 
1? 



^) Es handelt sich um Übersetzungen der Lady Pembroke. 



19 
11 



11 
^^ 
^^ 
11 
11 



— 287 — 

mehr niederzuwerfen. Das widerspräche der leuchtenden 
Liebenswürdigkeit ihrer milden Veranlagung, wie das 
„bitterste Bittere dem süssesten Süss widerwärtig ist. 
Der bravste Mann, wie ich an andrer Stelle geschrieben 
habe, ist ein Löwe im Felde, ein Lamm in der Stadt, 
ein Jupiteradler im Streite, ein Apolloschwan in Gesell- 
schaft, eine Schlange in Klugheit, eine Taube im Umgang, 
eine Furie in der Ausführung, ein Engel im Menschen- 
verkehr {ccmtiersation). Was hätte der bravste Mann, 
„was sie nicht hat, ausgenommen den Löwen im Schilde 
„des Mars, den sie aber jm Schilde der Minerva führt, 
„in deren Kriegen sie Mut und unbesiegliche Hand mit 
„der Schlauheit des Greises bei Homer verbindet. Dessen 
„Rede war milde, seine Haltung fein und sein Ganzes 
„brav; und so ist das ihre, aber in ausgesuchtem Ver- 
„stande und in göttlichem Menschentum ist sie ein solcher 
„Ausbund, dass sie sich mit den vorzüglichsten Frauen 
„und den geehrtesten Gottheiten Homers messen kann. 
„Sie ist der richtige Vogel an dem geflügelten Wagen 
„Merkurs und lehrt die schärfsten Kampfhähne früh auf- 
„zustehen, laut zu krähen, schön einherzustolzieren, tapfer 
„zu fechten, freundlich miteinander umzugehen und in 
„jeder Beziehung ehrbar zu leben. — Keine Blume 
„blühender als ihr Verstand, keine Frucht reifer als ihr 
„Urteil. Alle ihre Aussprüche verschönt durch die Grazie 
„der Liebenswürdigkeit, alle ihre Schriften gewürzt mit 
„dem Salze feinfühligen Urteils, alle ihre Sätze voll 
„witziger Bemerkungen, durchduftet von Ergötzlichkeit, 
„gemässigt durch Nutzanwendungen (proffit); kein Sauer- 
„teig der Erfahrungen würzender, als ihre Darstellungen 
„und Handlungen, nichts harmonischer, als ihre ganze 
„Lebenslauf bahn. In ihren Meinungen erscheint eine 
„himmlische Logik, in dem, was sie sagt und schreibt 
„eine göttliche Beredsamkeit, in ihrem Verhalten eine 
„verfeinerte Moralphilosophie, in ihrer Handhabung der 
„Dinge eine beherrschende Politik, in jedem Vorgehen eine 
„einzige Gewandheit; und welches Muster von Geschick 



— 288 — 

„oder Praktik ist bewundernswerter, als das Ganze? 
„Dieses — lasst es nicht unglaublich erscheinen — wird 
„mehr erreichen und vollenden, als geplant ist. Die Art, 
„wie sie ihren Zorn oder ihre Verachtung ausdrückt, 
„gleicht einigermassen dem Alt einer beleidigten Sirene 
„(doch ich glaube, sie hat bisher noch Niemand gezürnt, 
„noch ist sie ärgerlich auf Jemand gewesen, bis auf 
„Einen, den allein sie hasst und welcher der erste 
„ist, dem sie mit Missachtung entgegentritt) oder 
„auch dem Wege der leuchtenden Sonne im Sternbild des 
„Skorpions. Ihre Gunst ist eine bessere Stärkung {triaele) 
„für das Herz, als Hippokratischer Wein für den Mund; 
„ihre Ungunst ist wie der Mond, wenn er die erquick- 
„lichen Strahlen seines verschwenderischen Lichtes hinter 
„einer Wolke verbirgt; ihr Hass (wenn sie hassen kann, 
„denn ich glaube wirklich, dass sie bisher Niemand — 
„den Einen ausgenommen — gehasst hat) gleicht der 
„flammenden Waffe der feurigen Luft. Sie ist nicht leicht 
„bewegt, aber ich müsste mich für eine Art Redner er- 
„klären, könnte ich so deutlich darstellen, als sie es 
„mächtig ausspricht, wenn sie einmal in Bewegung geraten 
„ist. Und ich wäre mehr, als der vollkommene Redner 
„des Tullius, könnte ich ihre ausgezeichneten VoUkommen- 
„heiten beschreiben, sie, deren Geist voll reichster Gaben 
„und wertvoller Juwelen, wie ein Neujahrstag ist. Ihr 
„schönster Schmuck und das grösste Wunder ist die süsse 
„Bescheidenheit ihres braven Mutes. Doch indem ich 
„von ihr spreche, vergesse ich meine eigenen Angelegen- 
„heiten; und wie langweilig ist dieser Brief für jemand, 
„der seinen Geschäften nachgehen muss, um die Unkosten 
„für seine Familie zu bestreiten! Ich würde ihn schon 
„früher abgeschickt haben, wenn ich nicht gefunden hätte, 
„dass Sie, als Sie mir den Druck von Pierce^s Supererogation 
„zuschickten, den Wunsch ausgesprochen hatten. Näheres 
„über Nashe's S. Farne und die Antwort der Edeldame 
„zu vernehmen. Doch jetzt müssen Sie sich gedulden, 
),bis ich meine Seele entballastet {dühdlased) habe in Bezug 



— 289 — 

auf ihre Anschuldigung, von der ich Ihnen in Pieree^s 
Supererogaiion bereits eine Probe oder einen Vorgeschmack 
gegeben habe. Sowol in Bezug auf die Harmonie ihrer 
Seele, als auch auf die Melodie ihrer Verse bemerke 
ich selten oder nie einen falschen Ton, und es ist nicht 
das erste Mal, dass ich ihre Prosa das Rauschgold 
(tinsell) feinster Kunst und süssester Natur genannt habe. 
Welchen Hellklang {aboue Eid) in ersteren und welche 
Punkte ausgezeichnetster Arbeit in letzterer ich bewundere, 
das soll anderweitig erscheinen in einer Abhandlung, be- 
titelt: Pandora, oder der Spiegel der Eigenartigkeit -^ 
singularity — . Könnte ich feinste Kunst und süsseste 
Natürlichkeit in Person sehen, so würde ich mich dem 
Urteil ihrer massgebenden Aussprüche unterwerfen — 
den besten Richtern in Sachen ihrer unübertroffenen 
Angelegenheiten. Es entströmt ihrer Feder kein Satz, 
der nicht Saft und Mark hat und jede Periode ihres 
Stils führt Marmelade und Leckerbissen (suckets) in den 
Mütid; jede Beweisführung ihrer Einfälle schmeckt nach 
schmackhafter Vernunft; keine Kette hat so schöne 
GUeder, wie ihre Schlüsse, noch ist Kristall so durch- 
sichtig, wie ihre Methode. Als Ganzes zusammengefasst 
ist eine Schrift von ihrer Hand wie die Sahne der Milch, 
die Wabe des Honigs, der Saft der Traube, das Mark 
der Knochen. Wenn sich ihr Gelegenheit bietet, ihre 
Geistesgaben (perfections) zu verwenden, so bietet sie 
eine sorgfältige Auswahl, ein feines Einführen jeder 
Vorzüglichkeit, immer grade dahin gestellt, wo diese am 
erfolgreichsten wirken, wie die Prunkgewänder der Helena, 
oder der wertvolle Schmuckkasten der Kleopatra, oder 
das schlaue Destillierhaus der Medea, oder die schöne 
Verteilung niedlicher und moderner Möbel in einer reichen 
Haushaltung. Was soll ich noch mehr sagen? Ihr 
Anfang ist wie das reine Öl, das sich oben auf schmel- 
zenden Metallen bildet (on the crowne of the rondolet\ 
ihre Fortsetzung wie der herrlichste Wein, der mitten 

im Pass ist und ihre Beendigung wie der süsseste Honig 

19 



9» 

9r 



-^ 290 — 

„am Boden des Topfes. Ihre Absicht war zu verteidigen, 
„nicht anzugreifen, und wäre in jener nichtsnutzigen und 
„niederträchtigen Schrift') irgend etwas Erträgliches ge- 
„gewesen, so würde sie sicherlich dieselbe lieber tausend- 
„mal entschuldigt haben, als dass sie den Verfasser an- 
„geklagt hätte. Menschlichkeit ist immer mehr bereit zu 
,Jlieben, als zu hassen und so steht es mit ihr, Höflich- 
„keit mehr bereit zu loben, als zu tadeln — so steht es 
„mit ihr, Milde unendlich mehr bereit zu verzeihen, als 
„zu verdammen — so steht es mit ihr, denn sie ist 
Menschlichkeit in Person, reine Höflichkeit und ver- 
körperte Milde. Aber als sie einsah, dass das faule 
„Maulwerk schmachvoll überlief ohne jede Beachtung 
„guter Sitte ^), oder Rücksichtnahme auf Ehrlichkeit, 
„Wahrheit oder Vernunft — da sagte sie: Meine Herren, 
„obgleich mir das fehlt, was Sie haben: die Kunst, wider- 
legen zu können, so verfüge ich doch noch über einige 
Abkochungen (suddes) meines Mutterwitzes, um solch ein 
„Narrengericht mit Tunke zu übergiessen und wenn diese 
„Tunke ihren Zweck verfehlt, so dürfte ich doch noch eine 
„Pincette finden, die so scharf ausgedacht ist, wie die 
„Zange des heiligen Dunstan, der den Teufel selbst damit 
an der Nase treppauf und hinab führen konnte, bis das 
wütende Biest aufbrüllte, wie ein Gespenst zum Ver- 
„gruseln der Kinder {buU - heggar). Und was seine 
„Kanonenpulver-Krach-Ausdrücke betrifft, so glauben Sie 
„nie dem Worte einer Edeldame, wenn ich diese 
„quäkenden Kinder nicht zur alten Mutter Kanonenpuiver 
„mache. Sollte das Eintauchen in Schnaps seiner Gänse- 
„feder Mut machen, so will ich ihn bis über die Ohren 
„in eine so scharfe Salbe stupsen, dass sich das Bild 
„seines Ärgers und seiner Wut in ein Gemälde von 
„heiliger Geduld wandeln soll. Ich habe mein Papier 






1? 



^) Nash's „Strange News" und „Pierce^s Pennüesa". 

2) Kann sich auf Nash's „gelbgesichtige Lady Schweine- 
schnauze*' beziehen. 



— 291 — 

„nicht umsonst verschwendet; wenn ich auch nicht wie 
„Sappho mit meiner Feder malen kann, so kann ich doch 
„wie die neun Musen mit meiner Dinte tünchen und bin 
„auch ziemlich darauf gerüstet, „den heiligen Euf" mit 
„einem hausbackenen Gericht von kleiner Kunst aufzu- 
„nehmen, um mich für das niedliche Gebräu {flaumpaump) 
„von geringem Verstände erkenntlich zu zeigen. Eine 
„arme Küche kann auf den Magen ebenso künstlerisch 
„wirken, wie eine ärmliche Milchwirtschaft (o! dass der 
„heilige Euf je in so trunkener Weise behandelt {whüüed) 
„werden musste) und es müsste schlecht um meine 
„Kochkunst bestellt sein, wenn nicht das Mischmasch? 
^.{dllibub?) seiner üblen Erfindungsgabe mit einer neu- 
„modischen Suppe oder einem anders gebrauten Syrup 
„bewillkommnet würde in comendam seiner verdienstvollen 
„Werke. Obgleich ein tadelsüchtiger Mann (raüer) mehr 
„Gelehrsamkeit hat, als ein verdrehtes Frauenzimmer 
,,{shrew\ so hat doch auch die Erfahrung noch Nasen- 
„stüber für Studenten, massvolles Erwägen {discretim) ein 
„Schwert für Narren, Ehrlichkeit einen Knüppel für 
„Schurken (a K =- Knave ?) und mein Küchenmörser eine 
„Keule für Assafötida. Lasst ihn sein Wesen weiter 
„treiben als ßeimfldler {Falanta down-diddle)^ Prosa- 
„verderber {Eayhohalliday), Schmerzenskind {walladay\ 
„der Schriftsteller, Gurgelabschneider seiner Gegner, 
„Galgenvogel seiner Kollegen, Erzmakler mit Schand- 
„broschüren oder als sonst etwas, das sein schwellendes 
„Herz erfreut — meine Rammmaschine ist entschlossen 
„und hat es gelobt, diese Kreatur mit ihrer Eselsstimrae 
^^{braying) zu Pulver zu zermalmen. Wir müssen wenigstens 
„drei Feccavis von Fierce Penniless haben und drei Misereres 
„von dem widerlegenden *) Trunkenbold {Confutmg Tospot), 
„oder der Herr erbarme sich über dich, du dreitausendmal 
„erbärmlicher Wicht. Ich habe es über, im trüben Tümpel 



1) In seinen „Strange Newa" hatte Nash vier Briefe Harvey's 
„widerleg^**. 

19* 



— 292 — 

„nach Mondschein zu suchen, aber wenn wir schon um 
„Kleinigkeiten streiten, oder um Nichtigkeiten ringen sollen, 
„so kann ich nicht sagen, ob es mir möglich sein wird, 
„ihn wie ein Scheunenthor zuzuschlagen, oder auf ihm wie 
„auf einer Flissinger Trommel herumzupauken, aber ich 
„werde ihn doch wol wie eine Pappenpuppe rütteln, oder 
„ihn wie Kuchenteig kneten oder zu einem Gericht Butter 
„ajerbuttern, oder ihn wie ein überflüssiges Stück Zeug 
„:5erflicken, oder sonst auf irgend eine andere Weise für 
„meinen Pfennig etwas von seinem pfenniglosen Verstand 
„erstehen. Nein, wenn der Hansnarr es unternimmt, auf 
„4enen herumzuspielen, die auf seinem eigenen verdrehten 
„Schädel wie auf einer Bassgeige oder einer Violine herum- 
„streichen können, so mag er sich selbst dafür danken, 
„wenn er dafür gründlich ausgeschmiert wird. Herr! ich 
„will dir eine unbekannte Traube keltern, welche die 
„ipächtige Burgundertraube zu Bett jagt und werde viel- 
„leicht ein neues Fass anstechen mit so starkem Getränk, 
„4ass dessen blosser Schaum deine fünf Sinne (tvits) so 
„einschläfern soll, wie die des betrunkensten Lumpen, 
„wenn sie am Süssesten benebelt sind. Ich vergleiche 
„dich mit einer Ähnlichkeit, die deiner Leistungsfähigkeit 
„entspricht; oder ich werde eine „Gegenwiderlegung" 
„hinausposaunen gegen die langen Zungen der Distille 
^^{Stüliard^still'room?) und der zwanzig Londoner Tavernen. 
„Ich könnte zufrieden sein, wären betrunkene Prosa und 
„verrückte Reime deine tödtlichsten Sünden, aber das sind 
„angenehme Jünglinge, die ihren Verstand durch Hinunter- 
„stürzen von Schurkerei und Liebäugeln mit Atheismus 
„benebeln! Wenn es keine andern Vergnügungen flir's 
„Haus und Bravourstücke für die Fremde giebt, so wäre 
„es ein Glück für jene, die mit solchen Köstlichkeiten in 
„der Gurgel geboren wurden. Wohlbekomme es dem leicht- 
„sinnigen Mute, der mit Gewalt den Turm Babylonischer 
„Verwirrungen (conceites) vorstellen und sich durchaus mit 
„dem mächtigen Bollwerk der Selbstüberhebung identi- 
„ficieren will. 



— 298 — 

„Der Rest ihrer Reden und Schriften soll heraus- 
„gegeben oder hintan gehalten werden, je nachdem es 
,,dem Home dieser scheltenden Störenfriede (pelting sturres) 
„gefällt. 

^^ — Etwelche, die beredte Bücher durchgelesen 

„und bemerkenswerte Schriften durchforscht haben, werden 
„noch nie so schöne Abwechslung gewandter Satzbildungen 
„und glänzender Redewendungen kennen gelernt haben, 
„als in ihrem Stil, der nicht umsonst so herrlich geschmückt 
„und so schön entworfen ist. 

„ Sie liebt es nicht zu widerlegen, was sich 

„selbst widerlegt. Sie hat in der Schule der Höflichkeit 
„gelernt, Besserung mit dem Arm der Höflichkeit zu 
„empfangen. " 

1,295 — 297, dem am 16. 9. 1593 geschriebenen Briefe an 
John Wolfe beigedruckt: 

Sonett. 
Georgone, oder das Jahr voller Wunder. 

Die heilige Fama beschloss, die Welt zu betrügen 

Und erregte ein Erstaunen über das Jahr achtundachtzig; 

Die Erde, fürchtend, dass sie umgestürzt werden würde, 

Sagte: Was nützt mir nun mein Gleichgewicht? 

Der Kreis lächelte ob der Furcht seines Mittelpunkts; 

Das Wunderbare war, dass in jenem Jahre kein Wunder geschah. i) 

Die Macht der Wunder wächst in ungraden Jahren; 

Das verhängnisvolle Jahr unter den Jahren ist dreiundneunzig: 

Parma biss (in's Grab), Dumain ergiebt sich auf Gnade oder Ungnade, 

Der Krieg wundert sich, Frieden und Spanien in Frankreich zu sehen. 

Der brave Eckenberg beschämt den mächtigen Pascha 2); 

Der christliche Neptun zähmt den Türkischen Vulkan 2); 

Navarra wirbt um Rom; Karlemann beweist dem Guise seine 

Verachtung 3), 
Weine London, dein Tamerlan war so gütig, zu sterben. 



1) 1588 fand in England ein Erdbeben statt, das Harvey erlebt 
und beschrieben hat. 

2) Bezieht sich auf Vorfälle in dem für die Türken unglücklichen 
Feldzug 1592 an der Drau (unter der Regierung Sultan Murrad's III.). 

3) Phy = fy? = contempt? 



— 294 — 

Der Bote. 

Als grösstes Wunder bleibt noch übrig, 

Den zweiten sich voreilig brüstenden Nichtsnutz *) zu binden. 

Ein Aufklärungsvers für Liebhaber bewunderns- 
werter Werke. 

Einer selten begabten Edeldame hat es beliebt, 
Mit ihrer Phönixfeder in diamantener Künstlerhand 
Dem gefürchteten Popanz den Maulkorb anzulegen 
Und die RoUe einer thStigen Mitstreiterin zu übernehmen. 
Ob anch Wunder aufhören, so seht doch das Wunderbare, 
Das grösste Wunder des Jahres dreiundneunzig. 

Vi8 conailii eocpers, mole ruit 8ua, 

Des Verfassers Nachschrift oder ein freundschaft- 
liches Caveat an den zweiten voreilig sich 
Brüstenden in London. 

Schliunmernd lag ich in melancholischem Bette, 
Vor Aufdämmerung des blutigfarbenen Morgenlichts, 
Als ein schrilles Echo, oder ein Hausgeist 
Mir eine Grabschrift in den Kopf summte. 

Grossartige Geister aus dem Geschlechte Gargantuas 
Beklagen in grauen Gewändern das Leichenbegängnis desjenigen, 
Dessen Leib über London, dessen Geist überKent^) triumphiert hatten 
Weil er dem Ritter Rodomont nicht im Geringsten nachstehen wollte. 

Ich sann ein Weilchen nach und als ich ein Weilchen nach- 
(Sagte ich): Jesus! ist dieser Gargantua Geist [gesonnen hatte, 
Besiegt? und hinterliess er keinen ScanderbegP^) 
Hatte er nicht London ein zweites Ärgernis feierlich versprochen? 
Ein Ärgernis oder einen offenkundigen Skandal?^) (sagte derselbe 

frühe Geist) 
Hast du den Wicht vergessen, der Scanderbeg*s Art hat?^) 



1) Shakerley Rash-swash. Ich kann „Shakerley" nicht finden, 
deshalb auch nicht sicher übersetzen. 

2) Christoph er Marlowe war in Kent geboren. 

3) „Scanderbeg^^ und „Scanderbegging loight' scheint mir auch 
bedeuten zu können: „ein Wicht, der annimmt, dass er Verse 
skandieren könnte", to scand = skandieren, to beg = Bestrittenes 
als bewilUgt ansehen. 

*) bile or Kibe? wörtlich: „ein nur ärgerlicher Pickel" oder 
„eine offene Frostbeule". ^) Siehe Anm. 2. • 



— 396 — 
Bemerkong. 

Ist es ein Tranm? oder ist der grösste Geist, 
Der je in London hau>te. oder hinter den Winden herjag'te. 
Seines den Himmel übersteig^enden Odems beraubt? 
Jenes Odems, der die Schmäh sucht so anschwellen lehrte? 

Er und die Pest stritten sich um die Beute; [Geltung 

Der hochmütige Mann bringt seine scheusslichen Gedanken zur 
Und triumphiert mit Beleidigungen glänzend über armselige Geister, 
Die sich selbst quälen: denn schwachherzige Menschen quälen sich. 
Oh! wie herrscht doch die tyrannische Krankheit niedrig gesinnter 
In der Feigüngs-Strasse ? [Sklaven 

Solch Übermut klang aus seiner Allarmglocke, 
Obgleich er doch über sovielTrauergeläute sein en Spott ergossen hatte. 

Die grosse Krankheit verachtete seine Kröten- Gedanken 

Und brachte ihm, über seine Tamerlan- Verachtung lächelnd, 

In herbem Ernste den Todesstoss bei.*) 

Er, der weder Gott noch Teufel fürchtete. 

Noch irgend etwas anders bewunderte, als sein bewundernswertes 

Wie der farbenprächtige Vogel der Juno, der stolz [Selbst! 

Auf den glänzenden Fächer seines triumphierenden Schweifes blickt, 

Oder wie der Böse selbst, der sich über den Tod lustig machte 

Und in sich türmendem Spotte Ruhmesberge aufhäufte! 

Ach! aber der Babel-Stolz musste in's Grab beissen. 

Der Bote. 

Der Kirchturm der Paulskirche und ein massigeres Ding ist 

niedergelegt, 
Hütet Euch vor der nächsten Klein-Kinder-Scheuche der Stadt! 

Fata immatura vagantur. 



Das Gedicht ist von 6. Harvey einige Wochen später 
veröffentlicht, als nach meiner Annahme Shakespeare's 
„Phönix und Turteltaube" verfasst worden ist, und bezieht 
sich ebenfalls auf den Tod Marlowe's. Es wird deshalb 
meine englisch sprechenden Leser interessieren, dasselbe 
im Originaltext kennen zu lernen: 



*) Ein Irrtum Harvey's. Marlowe war ermordet und nicht 
von der Pest dahingerafft worden. 



— «6 — 

Oorgon or the Wonderfull yeare. 

St Farne dispos'd to cnnnycatch the world 

Uprear'd a wondermeDt of Eighty-Eight: 

The Earth, addreading to be ouerhurld, 

What now auailes, quoth She, my ballance weight? 

The Oircle smyrd to see the Center feare: [5 

The wonder was, no wonder feil that yeare. 

Wenders enhaunse their powre in numbers odd; 

The fatall yeare of yeares is Ninety Three: 

Parma has kist; De-maine entreates the rodd: 

Warre wondreth, Peace and Spaine in Fraunce to see. [10 

Braue Eckenberg, the dowty Bassa shames: 

The Christian Neptune Turkish Vulcane tames. 

Nanarre wooes Roome: Charlmaine giues Giüse the Phy: 

Weepe Powles, thy Tamberlaine voutsafes to dye. 

L^envoy. [15 

The hugest niiracle remaines behinde, 
The second Shakerley Rash-swash to binde. 

Ä Stama declarative: to the Louers of Admirable Werkes, 

Pleased it has a Gentlewoman rare, 

With Phenix quill in diamont band of Art, [20 

To muzzle the redoubtable Bull-bare, 

And play the galiard Championesses part. 

Though miracles surcease, yet wonder see 

The mightiest miracle of Ninety Three. 

Vis consilii expers, mole mit sua. [25 

The Writer^s Postscript: or a frendly Caveat to the 
Second Shakerley of Powles, 

Slumbring I lay in melancholy bed, 

Before the downing of the sanguin light: 

When Echo shrill, or some Familiär Spright, [30 

Buzzed an Epitaph into my hed. 

Magnifique Mindes, bred of Gargantua's race. 

In grisly weedes His Obsequies waiment. 

Whose Corps on Powles, whose mind triumph'd on Kent, 

Scorning to bäte Sir Bodomont on ace. [35 

I mus'd awhile: and hauing mus*d awhile, 
Jesu, (quoth'l) is that Gargantua minde 



— 297 — 

Conquerd, and left no Scanderbeg behinde? 

Vowed he not to Powles A second bile? 

What bile or Kibe? (quoth that same early Spricht) [40 

HaTe you forgot the Scanderbegging wight? 

Glosse, . 

Is it a Dreame? or is it the Highest minde 

That euer haunted Powles or hunted winde, 

Bereaft of that same sky-surmounting breatb, [45 

That breath, that taught the Tempany to swell? 

He, and Ihe Plague contended for the game: 

The hawty man extolles bis hideous thoughtes, 

And glorionsly insultes upon poor soules, 

That plague themselves: for faint harts plague themselues; [50 

The tyrant Sicknesse of base-minded Slaues, 

O how it dominer's in Coward Lane! 

So Surquidry rang-out bis larum bell, 

When he had gim'd at many a dolefuU knell. 

The graund Dissease disdain'd bis toade Conceit, [55 

And smiling at bis tamberlaine contempt, 

Stemely Struck home the peremptory stroko. 

He that nor feared God, nor dreaded Diu'U, 

Nor ought admired, but his wondrous seife: 

Like Juno*s gawdy Bird, that prowdly stares [60 

On glittering fan of his triumphant taile: 

Or like the ugly Bugg, that scorn'd to dy 

And mountes of Glory rear'd in towring witt: 

Alas: but Babell Pride must Kisse the pitt. 

L'envoy, [öo 

Powles steeple, and a hugyer Ihing is downe: 
Beware the next BuU-beggar of the towne. 

Fata immatura vagantur. 



Harvey's Anspielungen auf Shakespeare. 

„Tafftne Phrasen, seidene Kunstausdrücke, dreifach 
übereinander gethürmte Hyperbeln, prüde Schönthuerei, 
Pedantische Satzbildung!" Wem sollten diese Worte 
Shakespeare's nicht einfallen, wenn er Harvey's Schriften 
liest? Es scheint mir fast unzweifelhaft, dass diese Worte 



— 298 — 

des grossen Dichters sich auf die Schreibweise der Harvey- 
schen Schule beziehen müssen! 

Ich habe viel Zeit und Mühe daran gesetzt, mir 
wenigstens einen Teil des von Harvey geschriebenen 
Zeuges klar verständlich zu machen und habe auch meinen 
verehrten Lesern viel mehr davon vorsetzen müssen, als 
mir lieb war: aber der Übelstand liess sich nicht ver- 
meiden. Ich glaube daraus eine Spur nachweisen zu 
können, die für die Shakespeare -Forschung nicht ohne 
Bedeutung ist. 

Die erste Frage, die uns entgegentritt, ist: Hat denn 
Harvey überhaupt von Shakespeare Notiz genommen? 
A. Grosart in seinen einführenden Vorreden verneint sie. 
Ich würäe mich dem geborenen Engländer und Fachmann 
unbedingt fügen, wenn er nicht auch selbst die Schreibart 
Harvey's als ein „Wunder" bezeichnet hätte. Ich habe 
mir diese „Wunder" zunächst nach der wahrscheinlichen 
Zeit ihrer Abfassung geordnet, dann eingehender betrachtet 
und bin zu der Ansicht gelangt, dass sich doch die Mög- 
lichkeit — an einigen Stellen sogar die Wahrscheinlich- 
keit — eines Münzens auf Shakespeare nachweisen lässt, 
was auch natürlich wäre, denn 1593 muss Harvey schon 
von den Erfolgen der ersten Stücke Shakespeare's gehört 
gehabt haben. 

Aus den angeführten Stellen beginne ich mit dem zu- 
letzt gebrachten Sonett Gorgone (1,295 — 297): 

Nachdem Harvey in den ersten sechs Zeilen des Erd- 
bebens von 1588 Erwähnung gethan und sich dabei als 
hervorragenden Naturwissenschaftler aufspielt, indem er 
sagt, es wäre kein Wunder gewesen (d. h. natürlich für 
ihn selbst, vor dessen Gelehrsamkeit Erdbeben nicht als 
Wunder angesehen werden könnten) und nachdem er in 
den nächsten sieben Zeilen geschichtliche Ereignisse des 
Jahres 1593 aufgezählt — einige, wie der Tod des Herzogs 
von Parma und die Türkenniederlagen fallen wol schon 
in das Jahr 1592, was bei dem langsamen Nachrichten- 
wesen jener Zeit verzeihlich ist — , kommt er in Zeile 14 



— 299 — 

unverkennbar auf den Tod Marlowe's: „Weine Paul (d.h. 
St. PauFs Kathedrale — London), dein Taraerlan war so 
gütig, zu sterben". (Er scheint sich bei Lebzeiten Marlowe's 
nicht recht an ihn herangewagt zu haben. Erst nach des 
letzteren Tode veröffentlicht er Schriften, in denen er 
Marlowe's Atheismus verdammt und von seiner Schreibart 
als minderwertig — als Marlowismus — spricht.) 

Dann folgt (Zeile 15 — 17) eine schwer erklärbare 
Angabe: Der Bote erinnert daran, dass noch der zweite 
„Shakerley Rash-Swash" zu binden ist. Was bedeuten die 
Worte? Shakerley ist in den von mir befragten Wörter- 
büchern nuf als Eigenname erwähnt; dagegen finde ich 
es bei Nash auf einen Freund Harvey's und bei letzterem 
wieder auf Nash münzend in dem Sinne: „eine Person, 
die sich schon mit ihren Werken brüstet, ehe sie noch 
Erfolge damit gehabt hat". Das dürfte auch hier gemeint 
sein, Rash = voreilig, und Swash - Trunkenbold, oder 
„nichtsnutziger Kerl", also das Ganze, wie ich es über- 
setzt habe: „voreilig sich brüstender Nichtsnutz". — Wer 
ist der erste? Nicht Mario we, von dem unmittelbar vor- 
her die Rede ist, sondern Nash, von dem gleich folgend 
gesprochen wird. Ich glaube das, weil Harvey von Mar- 
lowe sonst sehr wenig gesagt, dagegen Nash in ,,Pierce*s 
Supererogation" und anderweitig mit denselben und ähn- 
lichen Ehrentiteln belegt hat. Wer ist nun der zweite? 
Ich glaube bestimmt, dass Shakespeare gemeint ist, einer- 
seits des Anklangs an den Namen wegen, denn sonst hätte 
Harvey wol aus seinem reichen Schatz von Scheltworten 
ein anderes ausgewählt, als gerade „zweiter Shakerley'^ 
andrerseits aus weiter unten zu erörternden Gründen. 

Harvey begründet dann in Zeile 18 — 25, warum er 
schon vom zweiten Shakerley gesprochen, denn er erzählt, 
dass der erste (den er aber nicht als solchen, sondern 
als furchtbaren Popanz — redoubtable Bull-bare — [Nash 
gemeint] einführt, wodurch das Verständnis des Gedichts 
sehr erschwert wird) von einer selten begabten Edeldame 
einen Maulkorb umgebunden erhalten hat, womit er klar 



— 80D — 

erkennbar auf die drei Sonette gegen Nash anspielt, die 
obige Dame ihm in seinen Precursor geliefert hatte. (In 
diesen nennt sie Nash: „Einziges Biest des Rufes" und 
„fleischerhaften Esel". Unter diesen Scheltworten lässt 
sich eine ebenbürtige Erwiderung auf Nash's „Schweine- 
schnauze" vermuten.) 

Die nun folgenden Zeilen 26 — 41 beweisen ra. E., dass 
unter dem zweiten ShaJcerley Nash nicht gemeint sein 
kann. Schon die Überschrift dieses Teils des Gedichts 
spricht dagegen. „Ein freundschaftliches — frendly^^ Caveat 
für den zweiten ShaJcerley. Dies kann nicht auf Nash be- 
zogen werden, denn wo immer Harvey in dieser Zeit von 
ihm schreibt, strömt er über von Selbstüberhebung, Hass, 
Verachtung und bitterer Ironie. Die scharfe Satyre Nash's 
hatte den eitlen Mann gar zu tief verletzt, als dass er 
hier von freundschaftlicher Warnung sprechen könnte. 

In den nächstfolgenden Zeilen schildert Harvey, dass 
er schlummernd daliegt, und was ihm sein Hausgeist über 
Marlowe's Tod zuflüstert. Dann sinnt er ein Weilchen 
nach und dann erst kommt ihm der Gedanke, ob nicht 
doch noch (d. h. also nachdem Marlowe gestorben und 
Nash mundtodt gemacht war) ein Scanderbeg nachgeblieben 
sei. Dies lässt sich m, E. absolut nicht auf Nash beziehen. 
Diesen hielt Harvey für besiegt, weil er in seiner Vorrede 
zur ersten Ausgabe von „Christas tears'^ um Verzeihung 
gebeten hatte. Ausserdem hatte Harvey 1593 bereits vier 
Streitschriften gegen Nash veröffentlicht. Es wäre also 
ein Unsinn, wie man ihn selbst von einem solchen be- 
schränkten Pedanten nicht glauben darf, wollte man ihm 
zunmten, geschrieben zu haben: „Gott! ist nach Mario we's 
Tod nicht noch ein Nash übrig geblieben?" Nein, sein 
Scanderbeg muss ein anderer sein und dieser andere ist 
meiner Überzeugung nach — Shakespeare. Der Vergleich 
mit Scanderbeg ist übrigens geschickt gewählt. Dieser 
Fürst erwehrte sich sein Leben hindurch des Andrangs 
der übermächtigen Türken und erhielt seinem kleinen 
Fürstentum die Unabhängigkeit. Durch Spencer's Über- , 



— SOI — 

Setzung war diese Geschichte wahrscheinlich allen Ge- 
bildeten jener Zeit in England bekannt. Ob aber Harvey 
sich bewusst gewesen ist, diesen Vergleich zu machen, 
erscheint' mir fraglich. Es will mir vielmehr scheinen, als 
ob er das Wort Scanderbeg nur gewählt hat, um seine 
höchsteigene Kenntnis des Spencer'schen Buches kund zu 
thun und nach seiner beliebten Manier zu einem Spiel mit 
den Worten zu benutzen, das dann in diesem Sinne auch 
auf Shakespeare passen würde. To scand to scan 
skandieren, und to heg (in to heg a question) „etwas noch 
unter Beweis zu Stellendes von Vornherein annehmen". 
Träfe dieses zu, so könnte es auf Marlowe's und Shake- 
speare's Blankverse bezogen werden, die Harvey ein Dorn 
im Auge gewesen sind. 

Zeile 39 lautet: Gelobte er der Stadt London nicht 
einen neuen Pickel (hile auch Ärgernis)? Der „er" ist 
dem Sinne nach: Mario we. Hier scheint also eine An- 
spielung auf Marlowe's Nachfolger und Nacheiferer zu 
sein, und wenn man sich auf Harvey's Angaben verlassen 
könnte, was leider nicht der Fall ist, •so wäre daraus zu 
schliessen, was ausserdem sehr wahrscheinlich ist, dass 
Marlowe und Shakespeare im Verkehr miteinander ge- 
standen haben. 

Aus den Zeilen 42—64 sind für uns zwei Momente 
interessant. Harvey wusste nicht oder wollte nicht wissen, 
dass Marlowe ermordet worden war, sondern lässt ihn an 
der Pest sterben, und zweitens spricht er in -Zeile 51 von 
der tyrannischen Krankheit, worunter er entweder den 
um sich greifenden Atheismus, oder die Schreibart zeit- 
genössischer Schriftsteller, die sich nicht nach seinen 
Regeln kehrten, verstanden wissen will. In letzterem 
Falle könnte man eine Beziehung auf Shakespeare's 
Phönix — aut „die Vögel von tyrannischem Fluge" 
mutmassen. 

Die Schlusszeilen 65 — 68 fassen meines Erachtens den 
ganzen uns interessierenden Inhalt des Gedichts zusammen: 
„Der Kirchturm der Paulskirche (Marlowe) und ein 



— 802 — 

massigeres Ding (Nash) sind {is) niedergelegt; Habt Acht 
vor dem nächsten Klein-Kinder-Scheucher der Stadt (d. h. 
dem Nachfolger Marlowe's -= Shakespeare)." Ob das Wort 
„Dvll-beggar — ein Gespenst, mit dem manKinder scheuchte" 
nicht auch doppelsinnig gemeint sein kann, lasse ich dahin- 
gestellt. Bull bedeutet auch: Bulle (des Papstes) und 
davon hergeleitet ironisch (Irish bull): „eine Behauptung, 
die klug klingt, aber im Grunde eine Dummheit verbirgt", 
also möglicher Weise „Bull-begger'^ „Jemand, der solche 
Behauptung im Voraus für sich in Anspruch nimmt". 
Harvey thut der Sprache öfter solche und noch grössere 
Gewalt an. 

Ob ich bei Erklärung des Gedichts das Richtige er- 
raten habe, kann ich natürlich nicht mit Sicherheit ber 
haupten. Es handelt sich ja bei Harvey's Schriften nur 
um Erraten, und zwar von Personen und Zuständen, die 
unserer heutigen Denkweise fern liegen. Habe ich aber 
Glück gehabt und die Anspielungen als auf Shakespeare 
bezüglich recht gedeutet, so erhöht sich die Wahrschein- 
lichkeit, dass auch, in den früheren Schriften Harvey's 
noch mehr solche zu finden sind. Irgend eine Sicherheit 
ist nicht zu erwarten, aber die Möglichkeit muss doch in 
Betracht gezogen werden: 

So möchte ich glauben, dass die oben angeführte 
Stelle (II, 37) „oder von einem jungen Hunde gebissen zu 
werden", sich auf Shakespeare beziehen kann. Freilich 
ist es möglich, dass in dem Satze sowol der darin vorher 
erwähnte alte Esel, als auch der junge Hund auf Nash 
gemünzt sind; den „alten Esel" gab Harvey ihm zurück 
und „jungen Hund" mag er ihn seines Alters wegen 
haben nennen können. Meint Harvey aber an dieser 
Stelle zwei Personen, so dürfte unter dem „jungen Hund" 
entweder Marlowe (der noch lebte), oder Shakespeare, oder 
einer von den jüngeren Dichtern zu suchen sein, die sich 
von den Harvey'schen Dichtungsregeln frei zu machen 
suchten, und von ihm „Gargantuisten", „Gargantua-Club", 
„Gargantuageister" genannt wurden. Unter diesen hätte dann 



— 908 — 

m. E. wieder Shakespeare die erste Anwartschaft auf obigen 
Ehrentitel. Shakespeare ein junger Hund? höre ich meine 
verehrten Leser erstaunt fragen und ich antworte: in der 
Auffassung Harvey's ist es möglich. Das Stück „Verlorene 
Liebesmüh'" ist nach Ansicht von Fachgelehrten') 1592 
geschrieben. Dasselbe enthält den oben, Seite 297 an- 
geführten Ausflug Berowne's (Biron's) auf das Gebiet der 
Literatur und stellt eine so packende Kritik der Schreib- 
weise Harvey's dar, dass man fast auf jeder Seite von 
dessen Schriften einen oder mehrere der aufgezählten 
Fehler nachweisen kann. Dabei sind die Worte so ge- 
schickt in die Rolle des Berowne, in sein Liebeswerben, 
eingepasst, dass sie vollständig unangreifbar erscheinen 
und man nur aus ihrer Wucht erkennen kann, dass hier 
ein Genie mit pedantischer, gelehrt sein wollender Eitel- 
keit in's Gericht geht. Im Februar 1593 etwa schrieb 
Harvey das 1. Kapitel Nash's heiliger Ruf. Da ist es 
möglich, dass er, geärgert über die Anmassung des un- 
gelehrten Theaterdichters, demselben in dessen eigener 
Münze heimzahlte, um ihm zu zeigen, wie tief unter sich 
stehend er ihn betrachtete. Oder traue ich Harvey mit 
dieser Zumutung zu viel zu? Die Antwort muss ich 
schuldig bleiben. Geist zeigt er an verschiedenen 
Stellen seiner Streitschriften, wenn auch meist ver- 
dunkelt durch selbstberäuchernde Eitelkeit. Auf Einzel- 
ausdrücke und Kampfart seiner Gegner geht er gerne 
ein, wobei er häufig, um mich profan auszudrücken, mit 
Retourkutschen fährt. Ein Dr. Ferne hatte ihn einmal Fuchs 
genannt — ein Kapitel handelt von diesem alten Fuchse; 
Nash hatte einen Bekannten Harvey's (Christopher Bird?) 
„Shakerley" und ihn selbst „Esel" gescholten — in den 
Streitschriften wird von Nash sehr oft unter diesen Be- 
zeichnungen geschrieben. So glaube ich in Bezug auf den 
Satz mit dem „jungen Hunde" folgende Mutmassung auf- 



*) Siehe A. Brandr Einleitung zu „Liebes Leid und Lusf 
i. e. L. 1. 1. 



— 304 — 

stellen zu dürfen: Im Begriffe, „Nash's heiligen Ruf" zu 
schreiben und darin den verhassten Mann, der seine Eitel- 
keit schwer gekränkt hatte, recht gründlich abzukanzeln, 
sclieint Harvey noch von andrer Seite angeärgert worden 
zu sein. Der Zeit nach könnte dieses neue Ärgernis an 
Shakespeare's Satz „Tafften Phrasen u. s. w." genommen 
worden sein. Wäre dem so, so konnte Harvey doch nicht 
von dem hohen Kothurn seiner eingebildeten Gelehrsamkeit 
in die Arena der Öffentlichkeit hinabsteigen, um sich als 
Verfasser von Schriften, die solche herbe Kritik hervor- 
gerufen hatten, vorzustellen. Da mag er denn in derselben 
Art sich haben verteidigen wollen, wie er sich angegriffen 
fühlte, d. h. beim Losschlagen auf Nash, versuchte er 
Shakespeare einen Seitenhieb zu erteilen, den die Un- 
beteiligten kaum merken konnten, der aber allen Beteiligten 
offenbarte: Seht, der junge Hund beisst mich, aber ich 
habe viel zu viel Wichtigeres zu thun, als dass ich mich 
um solche Kleinigkeiten kümmern kann. Si non e vero e 
ben trovato — mit den aufgeführten Thatsachen lässt sich 
meine Mutmassung in Einklang bringen. 

Im Precursor (II, 23) spricht ein Herr B. Barne von 
dem Esel und dem Fuchse als zwei bekannten Feinden 
Harvey's. Eigentlich muss man daran denken, dass hier- 
bei von zwei lebenden Personen die Rede ist, in welchem 
Falle der „Fuchs" auf Shakespeare bezogen sein könnte. 
Aber Barne war ein guter Freund Harvey's und kann 
gewusst haben, dass letzterer ein Kapitel über den „alten 
Fuchs", den 1586 verstorbenen Perne neu veröffentlichen 
wollte und darauf Bezug nimmt. So mag allerdings unter 
dem Fuchs auch der todte Doktor gemeint sein. 

Im New Letter (I, 267) liegt die Möglichkeit vor, dass 
die Redensart „warum der Esel schläft und der Fuchs die 
Augen zumacht" bedeuten kann: „warum Nash und Shake- 
speare augenblicklich nichts von sich hören lassen"; aber 
diese Annahme ist höchst unsicher, denn man kann die 
Stelle auch verstehen, wenn jede Bezugnahme auf Persön- 
lichkeiten ausgeschlossen wird. 



— 805 — 

Ob nun Shakespeare unter dem jungen Hunde, oder 
dem Fuchse gemeint worden ist, oder nicht, ist eigentlich 
für den Gang meiner Untersuchungen gleichgültig, nach- 
dem die Wahrscheinlichkeit erwiesen worden ist, dass 
Harvey in seinem Sonett Qorgone Notiz von dem auf- 
strebenden Genius hat nehmen müssen. Wichtiger aber 
und für die Shakespeare - Forschung hochinteressant, 
weil auf merkwürdige, bisher noch nicht beachtete 
Spuren führend, ist Alles, was Harvey 1598 über „eine 
Edeldame — Oentlewooman^ geschrieben hat. Die be- 
treffenden Stellen sind im Vorstehenden nach der Zeit ge- 
ordnet und übersetzt worden; sie bedürfen einer ein- 
gehenden Betrachtung in besonderem Abschnitt. 

Harvey's „Edeldame". 

Durch die drei Streitschriften zieht sich wie ein roter 
Faden die Erwähnung einer Edeldame, welche ihm (Harvey) 
drei gegen Nash gerichtete Sonette (vergl. S. 202 u. 285) 
zur Verfügung gestellt und des Weiteren versprochen habe, 
selbst noch einen Aufsatz gegen den genannten Satyriker 
verfassen zu wollen. Harvey verspricht sich von dieser 
Schrift die vollständigste moralische Vernichtung Nash's 
und jubelt an einigen Stellen so darüber, als ob dieselbe 
bereits eine vollzogene Thatsache sei. Gefunden ist solche 
Schrift bisher nicht, ob sie je gedruckt oder veröffentlicht 
worden ist, weiss man nicht. Es bleibt mithin nichts übrig, 
als aus Harvey's Gemisch von übertriebener Schmeichelei 
und Selbstberäucherung die Thatsachen herauszuschälen, die 
den Lobhudeleien zu Grunde gelegen haben müssen, denn ganz 
aus der Luft gegriffen können sie doch nicht gewesen sein: 

Sie hatte eine für die Frauen jener Zeit ungewöhn- 
wöhnliche wissenschaftliche Bildung. 

Sie war Beschützerin der Kunst {Handmayde ofArt) 
und hatte als solchen einen Künstler oder Dichter 
„gefunden", dessen sie sich zu Harvey's Verdruss 
warm angenommen hatte und der sich mit gleicher 
Wärme in ihre Dienste gestellt hatte. 

20 



— 306 — 

Sie war weder schön, reich oder von besonders hohem 
Adel. Nash hatte sich anscheinend respektwidrig 
gegen sie benommen gehabt, wofür sie ihn hasste. 

Dieser Hass hatte sie bewogen, Mitstreiterin {Champion^ 
esse) Harvey's in des letzteren Federkriege gegen 
Nash zu werden. 

Dies ungefähr sind die springenden Gedanken, welche, 
zum Teil in ermüdenden Wiederholungen, die Schriften 
durchziehen und sich mit den Thatsachen decken müssen, 
falls Harvey nicht ein ganz gewissenloser Lügner war, 
was doph nicht bewiesen werden kann. 

Eine sichere Peststellung der Persönlichkeit lässt sich 
aus dem Geschreibsel nicht herleiten; man ist auch in 
dieser Beziehung auf Erraten und auf Wahrscheinlichkeits- 
gründe angewiesen. 

A. Grosart spricht die Ansicht aus, dass die Gräfin 
Pembroke, Schwester und Mitarbeitein Sir Philipp Sidney's, 
irgend welche Äusserungen gemacht haben könnte, die 
Harvey in seiner Eitelkeit für baare Münze genommen, 
um dann so zu schreiben, dass jeder Leser glauben sollte, 
seine Edeldame wäre die Gräfin, und wenn man der 
letzteren Lebensgeschichte ^) betrachtet, lassen sich ver- 
schiedene Momente finden, die diese Annahme zu bestätigen 
scheinen: Die Gräfin blieb nach ihres Bruders Tode Be- 
schützerin aller Dichter und Schriftsteller, die ihm im 
Leben näher gestanden hatten. Zu diesen hatte auch — 
allerdings nur nach seiner eigenen Angabe — Harvey 
gehört. Die Gräfin war berühmt, weil sie Lateinisch, 
Griechisch und Hebräisch getrieben hatte, was ja Harvey 
auch von seiner Edeldame erzählt. Dieser Umstand ist 
bemerkenswert und beinahe ein Beweis für die Identität 
der beiden, aber doch nur beinahe, denn wenn auch die 
Durchschnittsbildung der Damen jener Zeit an solche 
Studien nicht heranreichte, so wird doch die Gräfin Pem- 
broke nicht grade die einzige gewesen sein, die solche 

1) In Sidney Lee's National Biography, 



— 307 — 

betrieb — man weiss es eben nur noch von ihr, von andern, 
die weniger in der Geschichte hervorgetreten sind, mag es 
in der Nachwelt vergessen worden sein. Ferner soll die 
Gräfin nach A. Grosart gegen Th. Nash einen Groll ge- 
hegt haben, weil dieser an der unberechtigten Herausgabe 
der yjArcadW^ ihres Bruders beteiligt gewesen sein soll. 

Liest man dann ferner Harvey's „A new letter^^ allein, 
so kann man allerdings auf den Gedanken kommen, dass 
unter der Edeldame die Gräfin zu verstehen sein sollte, 
denn erst wird von zwei Übersetzungen der letzteren, 
dann von ihr selbst gesprochen und wenige Seiten später 
wird dieselbe Tonart von Lobeserhebungen von der „vor- 
trefflichen Edeldame" fortgesetzt. Dennoch möchte ich 
dieses als ein Missverständnis bezeichnen, das durch die 
Schreibweise hervorgerufen wird, die Harvey's Schriften 
unleidlich macht, die. Passendes und Unpassendes, Aus- 
sprüche von Lebenden und Todten, Vergleichungen mit 
tausend Dingen und noch etwas u. s. w. u. s. w. neben- 
einander aufzureihen, lediglich zu dem Zweck, seine Leser 
in Erstaunen zu setzen ob der Fülle von Gelehrsamkeit, 
die er „multa non multum^' in seinem Gehirne aufgespeichert 
hatte. In gleich ordnungswidriger Weise scheint er mir 
auch von der Gräfin und von seiner „Edeldame" zu 
schreiben. Hat er hierbei eine Absicht gehabt, so glaube 
ich eher, dass er letzterer hat schmeicheln wollen, indem 
er sie in demselben Atem mit ersterer anführt, als dass 
er den Plan verfolgt hätte, seine Leser im Allgemeinen 
irre zu führen. 

Man kann erkennen, dass er dreimal von der Gräfin 
Pembroke spricht: Zuerst in dem Februar 1593 ge- 
schriebenen Kapitel „Nashe^s 8. Farne" \ d. h. hier spricht 
Harvey nicht von der Gräfin selbst, sondern von dem 
Inhalt des Romans Sir Philipp Sidney's, welchen dieser 
nach seiner Schwester „The countess^ of Pembroke^ s Ar cadia" 
betitelt hatte. Dieser Titel wird voll angeführt und damit 
der Name der Gräfin genannt; sonst bezieht sich an dieser 
Stelle nichts weiter auf die Gräfin oder eine andere Dame. 

20* 



— 808 — 

Ferner in dem am 27. 4. 1593 unterschriebenöö 
3. Kapitel (ohne Überschrift). Hier führt Harvey die 
nach seiner Ansicht feinsten Verfeinerer der englischen 
Sprache auf und darunter „die theuerste Schwester des 
theuersten Bruders", womit kaum jemand anderes, als die 
Gräfin Pembroke gemeint sein kann. 

Schliesslich drittens in dem am 16. 9. 1593 ge- 
schriebenen Briefe an seinen Drucker. Hier werden zwei 
Übersetzungen gelobt, die von der Gräfin herstammten 
und dann hinzugefügt, dass seine (Harvey's) Feder zu 
schwach wäre, um ihr Ehre genug anzuthun. 

An den übrigen bezüglichen Stellen spricht Harvey 
von „der Edeldame", „der genannten (said) Edeldame", 
„der oben erwähnten {above mentioned) Edeldame", „der 
geistreichen Edeldame", „der vortrefflichen Edeldame, 
seiner Beschützerin oder Mitstreiterin {protectoress or 
ChampionesseY , Die erste Einführung dieser Dame in 
seine Schriften befindet sich im 3. Kapitel (II, 263, S. 276), 
aus der man sogleich ersehen kann, dass die Gräfin nicht 
gemeint ist, denn ein so grober Schmeichler, wie Harvey, 
hätte ihr sicherlich nicht das geringere Prädikat „Gentle- 
wooman" beigelegt, sondern er hätte von ihr mit dem ihr 
zustehenden höheren Titel „countess", „gentle or noble 
countess'^ gesprochen. Ferner sagt er im 3. Kapitel aus- 
drücklich, dass sie weder vom höchsten Adel, noch die 
schönste, feinste oder reichste Dame sei. Dieses Alles 
trifft in Bezug auf die Gräfin nicht zu. Als Gattin eines 
Earls gehörte sie zum allerhöchsten Adel, ferner war sie 
sehr reich und galt in jener Zeit für eine sehr schöne 
Frau {National Biography). 

So muss man versuchen, die Persönlichkeit „der 
Edeldame" auf andere Weise festzustellen und, wenn man 
einen andern Schriftsteller, als grade Harvey, vor sich 
hätte, könnte man mit voller Bestimmtheit behaupten, es 
sei. eine Lady Smith gemeint, denn die Erzählung, dass 
diese ihm (Harvey) alte Handschriften gegeben habe 
(s. S. 277), befindet sieh etwa fünf Druckseiten vor der 



— 9W — 

Stelle im 3. Kapitel, an welcher von der „oben erwähnten** 
Edeldame gesprochen wird. Dazwischen ist von keinem 
weiblichen Wesen die Rede. Aber etwa 47 Seiten früher 
befindet sich die Stelle von der „theuersten Schwester" 
und noch weitere zwei Seiten vorher die von der „genannten" 
Edeldame. Auf welche von diesen drei Stellen bezieht 
sich nach Harvey'scher Schreibweise das „above mentioned" ? 
Doch ich thue ihm mit dieser Frage vielleicht Unrecht, 
denn, wenn er Lady Smith mit der Edeldame meint, so 
hat er ganz richtig geschrieben und einige Gründe, dass 
dieses wahrscheinlich ist, lassen sich anführen. Zunächst 
spricht Harvey in den drei Schriften nur dieses eine Mal 
von einer Zeitgenossin mit ihrem Namen. Dann hat er 
sich verwandtschaftlicher Beziehungen zu einer Familie 
Sir Smith in Audley-End gerühmt, und schliesslich stammte 
diese Lady Smith wahrscheinlich aus dem Hause eines 
gelehrten Mannes, eines Sir Thomas Smith, der bei seinem 
Tode eine ansehnliche Bücherei nachgelassen hatte. In 
der National Biography ist nur dieser eine Sir Thomas zu 
finden, der auf Harvey's Erzählung passt. Er war 1513 
in Saffron -Waiden (dem Heimatsorte Harvey's) geboren, 
1545 geadelt, 1549 in den Ritterstand erhoben und den 
12. 8. 1577 in Theydon-Mount gestorben. Obgleich zwei- 
mal verheiratet, hinterliess er keine legitimen Kinder. 
Sein Besitz — also natürlich auch der Rittertitel Sir — 
ging auf einen Bruder und dessen Nachkommenschaft über, 
seine zweite Frau überlebte ihn nur einige Jahre. Harvey's 
Lady Smith war Testamentsvollstreckerin beim Tode des 
Sir Thomas, also 1577 bereits mündig; wenn sie seine 
„Edeldame" ist, so muss sie 1593 mindestens 36 Jahre alt 
oder noch älter gewesen sein. Den Grad ihrer Verwandt- 
schaft mit dem verstorbenen Sir Thomas konnte ich nicht 
feststellen, weil ich von ihr keine andere Notiz habe auf- 
finden können. Wenn sie verheiratet war, wovon nirgend 
etwas verlautet, so mag sie eine Schwägerin des Sir Thomas 
gewesen sein, wenn unverheiratet, eine Schwester desselben 
oder eine Tochter des erbenden Bruders. Da sogar Harvey, 



— 910 — 

trotz seiner Lobhudelei, diese Dame als „nicht eine der 
schönsten" bezeichnet, so scheint sie wenig körperliche 
Beize gehabt zu haben. Ich stelle sie mir vor als eine 
nicht schöne, den lockeren Sitten ihrer Zeit ergebene Frau 
oder alte Jungfer, mit viel Geist und Witz, die vermöge 
ihres Adels und einer selbständigen Lebensstellung nicht 
unbedeutenden Einfluss auf die Literaten ihrer Zeit gehaht 
zu haben scheint. Auch der Ausdruck „nicht vom höchsten 
Adel" würde auf sie passen, wenn sie erst nach dem Tode 
jenes Sir Thomas Smith den Titel „Lady" erhalten hätte. 

Diese Edeldame, wahrscheinlich jene Lady Smith, 
hasste — nach Harvey's Erzählungen — nur Einen, der 
sich respektwidrig gegen sie benommen hatte. Dieser Eine 
muss, wie der Leser sich oben tiberzeugt haben wird, 
Thomas Nash gewesen sein, der seinerseits etwa zehn 
Monate früher in Pierce Penniless seiner Verachtung bezw. 
seinem Hass gegen eine Dame den mehr als satyrischen 
Ausdruck gegeben hatte, sie eine „gelbgesichtige Lady 
Schweineschnauze mit regenzerschlagenem Fächer" zu 
nennen. Nash's Emporkömmling, wahrscheinlich Shake- 
speare, hätte Sonette an diese geschrieben und sich mit 
einer Feder ihres Fächers geschmückt. Shakespeare spricht 
bekanntlich in mehreren Sonetten von einer Frau mit 
brauner (dun) oder übelgefärbter Haut. 

Die Edeldame hatte nach Harvey einen intimen oder 
verliebten (affedionate) Freund gefunden, der sich ihrem 
Dienste mit Eifer hingab. Nach Chettle waren 3—4 Monate 
früher einige Adlige für die Eechtschaffenheit Shake- 
speare's eingetreten. Schon lange wird von Forschern 
vermutet, dass einer dieser Adligen Graf Southampton 
gewesen sein könne. Harvey's Edeldame dürfte auch zu 
diesen Adligen gehört haben, wenn Shakespeare ihr „intimer 
Freund" war. In einigen Sonetten klagt der Dichter, 
dass sein Herz ihn zwänge, seine Dienste einer Frau zu 
weihen, die ihn durch körperliche Schöne nicht zur 
Liebe reize, aber vermöge ihres Geistes und ihrer 
melancholischen Augen einen unwiderstehlichen Einfluss 



-- 811 — 

auf ihn ausübe 0. In Sonett 144 spricht er von zwei 
„Lieben", soll wol bedeuten „literarischen Beschützern", 
einer übelfarbigen Frau und einem schönen Manne 
(vielleicht Lady Smith und Earl South ampton?). 

Harvey jubelt darüber, dass die Edeldame ihm drei 
selbstgefertigte Sonette für seinen Precursor gegeben habe. 
Shakespeare klagt in Sonett 86, dass ein Beschützer (oder 
eine Beschützerin) einem seiner literarischen Gegner Schrift- 
stücke zur Verfügung gestellt hätte (filVd up his line). 

Wenn die Edeldame mit Lady Smith identisch ist, so 
war sie 1593 mindestens 36 Jahre alt. In Sonett 1 des 
Passionate Pilgrim äussert Shakespeare, dass seine darin 
angedichtete Schöne alt, er selbst auch nicht mehr ganz 
jung sei. 

Alle diese Annahmen, soweit sie durch die Sonette 
bestätigt zu werden scheinen, sollen in der nächsten Studie 
eingehender betrachtet werden. Hier sind sie nur als 
Abschluss der vorstehenden zusammengestellt. Sind sie 
Irrlichter, so bin ich in einen der vielen Sümpfe sub- 
jektiver Mutmassungen geraten, an denen die Shakespeare- 
Forschung so reich ist; doch gebe ich mich der Hoffnung 
hin, dass sie sich als Leuchtfeuer ausweisen werden, die 
geeignet sind, ein helles und ziemlich klares Licht auf die 
Geschichte des Aufkommens Shakespeare's zu werfen und 
die Schwierigkeiten zu zeigen, mit denen dieser Riesen- 
geist unter den Pigmäen seiner Zeit zu kämpfen hatte. 
Quien sabe! 



1) Es sind die Sonette der zweiten Thorpe- Serie No. 127—152 
und mehrere andere, von mir in meiner Übersetzung unter 
No. 1 — 31 zusammengestellt. 



Siebente Stndie. 



Proben auf die Exempel. 

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren, wie S. Lee 
in seiner Abhandlung über die Sonette Shakespeare's aus- 
führt, alle diejenigen genötigt, Sonette zu schreiben, die | 
sich ihre Sporen als Dichter verdienen wollten. Niemand 
konnte sich dieser Sitte entziehen und so findet man auch 
in den Werken jener Zeit immer Sonette eingeschaltet, 
bald von den Verfassern selbst gedichtet, bald von be- 
freundeten Personen. Harvey, den ich hierbei natürlich 
besonders im Auge habe, bringt Sonette von sich, von der 
Edeldame, von drei Freunden und von einem Franzosen. 
Eine weitere Eigentümlichkeit der Schreib- und Dichtweise 
jener Zeit bestand darin, dass man fortwährend über- 
schwängliche Redensarten und Bilder gebrauchte, Ver- 
gleiche anstellte und mit gleichklingenden Worten oder 
mit den verschiedenen Bedeutungen eines und desselben 
Wortes spielte. Wie bekannt, hat Shakespeare diesen 
damals modernen Neigungen reichlich gehuldigt. Er hat 
viele, darunter sehr schöne Sonette gedichtet, und seine i 
Wortspiele bilden noch heute die Schmerzenskinder der 
Texterklärer und Übersetzer. Ein weiteres Eingehen auf 
die vielen Sonettenfragen ist hier nicht angebracht; es 
genüge nur die Angabe, dass die sprachlichen Unter- 
suchungen dahin geführt haben, die Abfassungszeit vieler 
Sonette in den Anfang der 1590 er Jahre, in die Zeit zu 
legen, mit der wir uns beschäftigt haben. Wenn also die | 
Ergebnisse der sechsten Studie den Thatsachen entsprechen, 



— 313 — . 

so kann man annehmen, dass sie sich in einigen Sonetten 
wiederspiegeln, und umgekehrt: wenn der Sinn einzelner 
Sonette erst durch Einpassen vorerwähnter Ergebnisse 
klar wird, so spricht es dafür, dass die Thatsachen, die 
ihrer Abfassung zu Grunde lagen, gichtig erraten sind. 
Von diesem Standpunkte aus wollen wir einige Sonette 
betrachten. Da diese Gedichte alle gewissermassen 
Gleichungen mit lauter Unbekannten sind, so muss man 
erst einige Grössen als bekannt annehmen und einsetzen, 
um zu einer Lösung zu gelangen, d. h. ich muss den Leser 
bitten, für diesen Zweck als bewiesen anzunehmen, was 
noch nicht endgültig bewiesen, sondern als wahrscheinlich 
dargestellt worden ist, also folgende Sätze: 

G. Harvey war 1593 derjenige literarische Gegner 
Shakespeare's, dem letzterer am meisten abhold war. 

Shakespeare genoss bereits Ende 1592 den Schutz 
einiger Personen von Adel. In der Mitte dieses Jahres 
hatte er Sonette an eine Dame von Adel gerichtet, näm- 
lich an die „vortreffliche Edeldame" Harvey's, eine Lady 
Smith; im Frühjahr 1593 war diese ins Lager seines 
Gegners Harvey übergegangen. 

Etwas später im Jahre 1593 nahm Graf Southampton 
die Widmung von „Venus und Adonis" entgegen. 

Lady Smith war „gelbgesichtig" und mindestens 36 Jahre 
alt. Graf Southampton war ein schöner junger Mann von 
20 Jahren. Shakespeare gebraucht das Wort Jove ^ Liebe" 
ausser in den bekannten Bedeutungen auch in dem Sinne 
von „lover -= literarischer Beschützer oder Beschützerin"; 
ferner bedeutet es bei ihm „die Liebe zum Dichten", „das 
Dichten selbst" und „die Dichter spräche". 



Das erste Sonett, das hier in Betracht gezogen werden 
muss, ist das 86. (der Thorpe- Ausgabe) oder das 70. in 
meiner Übersetzung von 1894. Ich verdeutsche es noch 
einjnal und zwar in schlichter Prosa, ohne jede Rücksicht 
auf diphterisch,Qn Wohlklang, lediglich um den Sinn der 



— 814 — 

Worte getreu wiederzugeben. Auch mit den später an- 
zuführenden Sonettenstellen soll ebenso verfahren werden : 

Sonett 86. 

War es das stolze, voUe ^^egel seines grossen Verses, 

Welches das gar zu wertvolle „Dich" als Prise zu nehmen strebte? 

Das meine reifen Gedanken in meinem Gehirn einsargte, 

Und so den Leib, in dem sie ausgetragen wurden, zu ihrem Grabe 

machte ? 
War es sein Geist, dem von Geistern gelehrt wurde, zu schreiben 
Über menschlichen Begriff (above a mortal pitch), der mich todt 
Nein, weder er, noch seine nächtlichen Genossen, [schlug? 

Die ihm Hülfe leisteten, erschreckten meinen Vers; 
Weder er, noch jener liebenswürdige Familiengeist, 
Der ihm bei Nacht seine Nachrichten zuträgt. 
Können sich als Sieger über mein Schweigen brüsten; 
Ich erkrankte nicht aus einer Furcht, die von daher kam. 

Aber als seine Schriften durch Deine Unterstützung aufgefüllt 

wurden, 

Da ging mir der Stoff aus; das schwächte meine (Schriften). 

Ich sehe das ungläubige Lächeln auf den Lippen fach- 
wissenschaftlicher Shakespeare- Ausleger. Der Meister der 
Dichtkunst, der Eiesengeist sollte die heute ganz wertlose 
Schreibweise eines Gabriel Harvey „das stolze, volle Segel 
seines grossen Verses" genannt haben? Das erscheint 
doch schier unglaublich; in dem Sonett kann nur auf die 
Dichtungen Marlowe's oder eines andern bedeutenden Zeit- 
genossen angespielt sein! Auch ich habe diesen Anschau- 
ungen lange gehuldigt und erst die Beweiskraft des zweiten 
Verses im Gedicht „Phönix" hat mich zu der Überzeugung 
gebracht, dass Shakespeare in Harvey einen sehr be- 
achtenswerten Gegner erkannt hatte, zu dessen Ansichten 
sich zu bekehren er für unmöglich hielt. Versucht man, 
sich in die Lage jener Zeit zurückzudenken, so ist das 
auch gar nicht unnatürlich. Auf dem Baume der Literatur 
sass Shakespeare als weisse Taube ganz tief unten auf 
kleinem Zweige zwischen Raben und hoch oben auf 
äusserstem Wipfel thronte der Kolkrabe Harvey. Dieser 
hatte 1593 in einer „alle menschlichen Begriffe über- 



— 315 — 

steigenden Weise" der Edeldame geschmeichelt, von welcher 
wir vermuten können, dass sie Shakespeare den ersten 
Patronsdienst geleistet hatte. Die Schmeichelei war ge- 
glückt, drei Sonette und vielleicht noch mehr Schriften, 
die wir allerdings nicht kennen, waren Harvey zur Ver- 
öffentlichung übergeben worden. 

Vergleicht man diese Thatsachen mit Sonett 86, so 
wird beinahe ein objektiver Beweis geliefert, dass unter 
den in dem Gedicht angeredeten Personen Harvey's Edel- 
dame und dieser selbst zu verstehen sein können, sowie 
für die Identität der ersteren mit der „schwarzen Frau" 
der Sonette. 

Der überschwänglichkeit in der dichterischen Aus- 
drucksweise muss natürlich Rechnung getragen werden. 
Sie war eine Gepflogenheit jener Zeit und Shakespeare 
konnte unmöglich frei von ihr sein. 

„Das stolze, volle Segel" u. s. w. kann sich auf die 
Schmeichelei, Lobhudelei und das fortwährende Anführen 
gelehrter Citate beziehen, mit denen Harvey auf die Edel- 
dame „zusegelte, um sie als gute Prise zu nehmen". 

Das „allzu wertvolle Dich" spricht für die Identität 
der Angeredeten mit der „schwarzen Frau", an die Shake- 
speare seine Liebessonette richtet. 

Die „Geister", „nächtlichen Genossen", der „Familien- 
geist" entsprechen dem „Echo" und dem „Hausgeist" im 
Sonett Gorgone (hier /amZiar ghost, dort familiär spright^ 
also beinahe wörtlich). 

„Über menschlichen Begriff — above a mortal pich — 
schreiben" kann ohne Weiteres auf jede Zeile Harvey's 
bezogen werden, ob man sie ironisch oder im Ernst ge- 
meint auffassen mag. Eine drastischere Kritik des Sonetts 
Gorgone, als diese Worte, könnte kaum ausgesprochen 
werden, denn es enthält wirklich: „eine alle menschlichen 
Begriffe übersteigende Schmeichelei und Selbstberäuche- 
rung". „Ich erkrankte nicht aus einer Furcht, die von 
daher kam" auf Harvey bezogen, entspricht genau der 



- sw, — 

Zeile im „Phönix": „komm' Du dieser kleinea Sobaar nicht 
nahe", also hier wie da „weggewiesen" wird. 

Die Idee, dass Dichter sich Gedanken de& Nachts von 
einem Geiste zuflüstern lassen, war in jener Zeit nicht 
ungewöhnlich; sie kann öfter nachgewiesen werden. Allein 
stehend, würde sie der Beweiskraft entbehren; aber im 
Verein mit den anderen Stellen, in deren Mitte dieser 
Ausspruch steht, halte ich dafür, dass hier auf den Geist 
im Sonett Gorgone angespielt sein kann. 

Der Rest des Sonetts kann erklärt werden: Was er 

— Harvey schreibt oder thut, kann mich nicht anfechten-, 
aber dass Du — Lady Smith — ihm Deine Arbeit zur 
Verfügung stellen konntest {your countenanee fiWd up his 
line), das macht mir Kummer und verdirbt mir die Lust 
am Dichten. 

Die Folio druckt „fird up'^ und so habe icii ISM:. 
„gefeilt" übersetzt. Aber „to ße up^' entspricht nicht dem 
englischen Sprachgeist. Die Stelle ist deshalb aiujh in« 
den besseren Ausgaben der Sonette als Druckfehler er- 
kannt und durch „filVd tep" ersetzt werden. 

Es erscheint mir undenkbar, dass sich das ganze 
Sonett 86 vom ersten bis zum letzten Worte so. volli 
ständig in die auf anderen Wegen gewonnenen Ergebni^ia 
der sechsten Studie einpassen liesse, wenn diese nicht den 
Thatsachen entsprächen. Ich möchte es als eine Be- 
stätigung meiner dort geäusserten Mutmassungen in An- 
spruch nehmen. 

Sonett 21 (61 meiner Eeihenfolge) habe ich 1894 noch 
so übersetzt, als wenn das darin vorkommende lovS' 
Freund, Freundschaft bedeutete, wobei kein ganz klarer 
Sinn herauskommt. Passt man aber dafür die Bedeutung.^ 
„Liebe zur Dichtkunst", „Dichtersprache" ein, so wird 
das Sonett zu einer Kritik der Schreibweise Harvey^^ 
die der grosse Britte mit seiner eigenen in Vergleich stellt 

— einer Kritik, die gewissermassen seine frühere „Tafftne. 
Phrasen" u. s. w. ergänzt: 



— 817 — 

Sonett 21. 

So ist es nicht mit mir, wie mit der Muse 

Die durch gemalte Schönheit zu ihrer Dichtung {verse) getrieben 

Die den Himmel selbst als Schmuck gebraucht, [wird, 

Und alles Schöne mit ihrer Schönheit wiederholt. 

Indem sie eine Verbindung von stolzen Vergleichen aufstellt 

Mit Sonne und Mond, mit dem Lande und mit dem reichen Edel- 

gestein der See, 
Mit den ersten Blüten des April und mit allen seltenen Dingen, 
Die des Himmels Luft in diesem gewaltigen Kunde einfasst.^) 
O! lasst mich treu in Liebe (zur Dichtkunst) nur wahr schreiben 
Und dann, glaubt mir, ist meine Dichtung (love) so schön. 
Wie das Kind 2) einer jeden Mutter, wenn auch nicht so glänzend, 
Wie diese goldenen Leuchten, die in der Himmelsluft befestigt sind. 

Lasst die mehr sagen, die eine Vorliebe für Hörensagen 3) haben; 

Ich kann solch Verfahren nicht loben, nicht, um es zu verkaufen. 

So wandelt sich das Gedicht aus einer Schmeichelei 
gegen einen jungen Freund, für das es bisher gehalten 
wurde, in ein literarisches Glaubensbekenntnis, in welchem 
Shakespeare die Schreibart des Mannes verurteilt, dem er 
auch bei der Trauerfeier um Marlowe keinen Platz geben 
wollte. 

Sonett 144 (Passionate Pilgrim 2, meine Reihenfolge 26) 
ist richtig verstanden und erklärt worden, aber zweifelhaft 
ist geblieben, von welchen Persönlichkeiten darin die Rede 
ist. Passt man für den Mann den Graf Southampton ein 
(was schon oft geschehen ist) und für die iibelgefärbte 
Frau Nash's gelbgesichtige Lady Schweineschnauze — 
eben Lady Smith — ein, so kann das Sonett in der Ze^t 
geschrieben sein (Ende 1593), in welcher diese Edeldame 



*) Man vermeint beinahe die SteUe herauszuerkennen, auf die 
angespielt wird. (Vergl. Harvey's Prosaprobe auf Seite 177.) 

2) Die Dichter nannten ihre Werke oft „ihre Kinder", sich 
selbst oder ihre dichterische Begabung „den Vater" und die 
Personen von Stande, die die Widmungen entgegennahmen, 
„Pilen**. (Vgl. Shakespeare*s Widmung von „Venus und Adonis" 
an den Grafen Southampton). 

3) Harvey wirft mit Anführen von alten Schriftstellern und 
mit Citaten aus deren Schriften fast auf jeder Seite um sich. 



— 318 — 

in Harvey's Lager übergegangen war. Man denke sich 
Shakespeare verlassen von der Frau, die ihm bisher Be- 
schützerin gewesen, und deren „verliebter — affectionate^ 
— Freund er war, und fürchtend, dass durch ihren Einfluss 
auch der junge Graf, sein andrer Beschützer, veranlasst 
werden könnte, ihn preiszugeben! Beide Adlige lebten in 
Kreisen, zu denen er wol nur ausnahmsweise Zutritt erhielt. 
Da strömt er seine bangen Gefühle aus: 

Sonett 144. 

Zwei Beschützer (loves) habe ich, zum Trost und zur Verzweiflung, 
Die, wie zwei Geister meine Gedanken immerzu in Anspruch 
Der bessere Engel ist ein sehr schöner Mann, [nehmen (suggest), 
Der schlechtere Geist eine übelgefärbte Frau. 
Um mich bald für die Hölle zu gewinnen, verlockt mein weibliches 
Meinen besseren Engel von meiner Seite [Übel 

Und wiU meinen Heiligen zu einem Teufel verderben, 
Indem es mit seinem faulen Stolze um seine Reinheit wirbt. 
Und ob mein Engel in einen Teufel verwandelt werden wird, 
Das mag ich fürchten; direkt aussprechen kann ich es nicht; 
Aber, da beide fern von mir, beide miteinander befreundet sind, 
So mutmasse ich, dass ein Engel in der Hölle eines andern ist. 
Aber das werde ich nicht wissen, sonder in Zweifel leben. 
Bis mein schlechter Engel meinen guten hinausfeuert. 

Vorstehende drei Sonette scheinen mir der Wiederstrahl 
von Thatsachen und Vorkommnissen zu sein, die sich im 
Wesentlichen mit den Ausführungen meiner sechsten Studie 
decken werden. Es lassen sich noch mehr Sonette finden, 
die in ähnlicher Weise ausgelegt werden können; aber da 
sie nicht so leicht greifbare Anhaltspunkte bieten, wie 
obige drei, so will ich sie hier nicht anführen, denn nichts 
liegt mir ferner, als noch einmal eine Abhandlung über 
die Sonettenfragen zu schreiben. Das überlasse ich jüngeren 
und besser in den Sprachwissenschaften ausgebildeten 
Kräften. Ich werde mich nur freuen,' wenn ihnen meine 
vor acht Jahren veröffentlichte Übersetzung und diese 
Studien bei ihrer Arbeit von Nutzen sein werden. Nur 
eine Stelle möchte ich hier noch anführen, weil sie auch 
durch Beziehung der gebrauchten Bilder auf Harvey und 
seine Edeldame voll und ganz verständlich wird. 



^ 319 — 

Sonett 33 (meine Reihenfolge 108, darin unnötiger 
Weise als dramatisches aufgefasst), Zeile 9 — 14: 

Ebenso schien eines Morgens meine Sonne 

Mit triumphierendstem Glänze auf meine Stirn, 

Aber, o wehl sie (englisch Äe = er) war nur eine Stunde mein, 

Die schwere Wolke hat sie jetzt vor mir maskiert. 

Dennoch verachtet sie meine Liebe keineswegs dafür; 

"Weltsonnen mögen sich beflecken, wenn die Himmelssonne 

sich befleckt. 

Da sun = Sonne männlich ist, so steht nattiriich statt 
„sie" im Englischen he undv his. Jedem Sonettenkenner 
ist bekannt, zu welcher erstaunlichen, den Charakter des 
Dichters verletzenden Erklärung die Missverkennung dieser 
Ausdrucksweise geführt hat. Wenn nun auch das Odium 
jener Auslegung lange abgethan ist, so war man doch 
1894 noch im Zweifel, was man mit der „Stunde" machen 
sollte. Ich fand damals nur den Ausweg, das Sonett 
dramatisch aufzufassen und auf andere Verhältnisse zu 
beziehen. Das scheint mir jetzt verlorene Liebesmühe ge- 
wesen zu sein. Die Sonne kann ebenso gut einen Mann, 
wie eine Frau bedeuten sollen, und wenn der Dichter eine 
Frau darunter verstanden hat, so kann er die „Edeldame" 
Lady Smith (?) gemeint haben, und die „Stunde" wäre 
seine dichterische Bezeichnung für die Zeit, wo sie ihm 
ihren literarischen Schutz angedeihen Hess, ehe sie (um 
1593) an Harvey ihre eigene Arbeit zur „Auffüllung seiner 
Schriften" übergab. Die schwere Wolke (region-cloud) be- 
deutete dann entweder „Harvey" selbst oder die von ihm 
vertretene literarische Richtung oder vielleicht auch den 
Leichtsinn, der die Betreffende einem andern in die Arme 
zu treiben drohte. Das Sonett 33 wird unter dieser Aus- 
legung nicht nur in dichterischer Form, sondern auch in 
Bezug auf die darin enthaltenen Gedanken zu einem der 
schönsten aus der ganzen Sammlung. 



Wir kommen nun zu einer m. E. für die Shakespeare- 
Forschung sehr wichtigen Frage, die ich ebensowenig mit 



r- 820 — 

einem sicheren Ja oder Nein beantworten kann, als die 
früheren. Hier, wie dort fehlen wichtige Glieder in der 
Kette der Indicienbeweise, aber die Wahrscheinlichkeit, die 
aus einem Zusammenpassen der vorhandenen erwächst, ist 
doch so gross, dass ich meine Studien nicht schliessen 
kann, ohne meine diesbezüglichen Mutmassungen im Zu- 
sammenhang zu wiederholen. Die von mir aufgeworfene 
Frage lautet: 

Haben wir in Nash's „gelbgesichtiger Lady Schweine- 
schnauze mit regenzerschlagenem Fächer", in Harvey's 
„Edeldame liiit ihrem intimen (oder auch verliebten — 
affectionate) Freunde" und in Shakespeare's sogenannter 
„schwarzen Frau" eine und dieselbe Persönlichkeit vor uns? 

Jede sichere Antwortest schon dadurch ausgeschlossen, 
dass man nicht bestimmen kann, ob Shakespeare in den 
Sonetten, in denen er ein weibliches Wesen anklagt, immer 
von einer und derselben Persönlichkeit spricht, oder ob 
deren mehrere gemeint sein können. Er scheint in litera- 
rischer Beziehung im Stich gelassen zu sein, wie wir dies 
oben gesehen haben; er ist in einer ungesetzmässigen 
Liebschaft getäuscht worden von einer leichten Person, 
von der er zu spät erkannte, dass sie sich Jedem hingab, 
der ihr gefiel. In Sonett 137 (meine Übers. 25), Zeilen 5 
und 6 sagt er: „Wenn Augen, die durch überparteiisches 
Ansehen verdorben, in der Bucht ankern, in der alle 
Männer vor Anker liegen?" und Zeilen 9 und 10: „Warum 
sollte mein Herz das für ein ganz besonderes Plätzchen 
halten, was, wie es weiss, ein gewöhnlicher Marktplatz 
für alle Welt ist?" 

Es steht also zur Frage: Handeln die Sonette von 
verschiedenen Frauen, oder hat eine einzelne dem Dichter 
zwiefachen Kummer bereitet? Ich möchte letzteres glauben 
und zwar aus folgenden Gründen: 

Die von der „schwarzen Frau" handelnden Sonette 
unterscheiden sich in ihrer Schreibart von den andern 
Gedichten der Sammlung. Ich weiss nicht recht, wie ich 
diese Schreibart bezeichnen soll; ich möchte sagen: sie 



— 821 — 

atmen alle eine Art wollüstiger Selbstunterschätznng. 
Danach kann man sich dieselben ungefähr zusammenstellen, 
wie ich dies ja auch in meiner Übersetzung (No. 1 — 31) 
s. Z. versucht habe; indessen ein sicheres Ergebnis kann 
man nicht erzielen, weil man bei dem Worte lot^e zu oft 
auf das Erraten angewiesen ist, indem sich nicht bestimmen 
lässt, in welcher Bedeutung es gebraucht ist. Unter den 
so geordneten Sonetten kann man dann noch weiter eine 
Anzahl aussondern, in denen der angeredeten Frau Vor- 
würfe gemacht werden. Der Dichter schildert, wie das 
Verhalten dieses weiblichen Wesens eine ganze Stufen- 
leiter von Gefühlen in ihm erregt hat, vom entschuldigenden 
Kummer bis zum heftigsten Seelenschmerz mit den ge- 
hässigsten Anschuldigungen. Die Annahme ist wol gerecht- 
fertigt, dass diese Gedichte eine und dieselbe Persönlich- 
keit ansprechen. Sie hat sich durch übermenschliche 
Schmeicheleien eines seiner Gegner (Harvey?) bewegen 
lassen, diesem ihren literarischen Beistand zu leihen und 
dem Dichter zu entziehen; sie hat ferner letzteren belogen 
und betrogen, seine Liebe getäuscht, mit andern Ver- 
heirateten die Ehe gebrochen und ihm schliesslich einen 
jungen Freund (Southampton?) verführt. Ob sie selbst 
verheiratet gewesen ist, wird nicht gesagt, die betreffende 
Stelle (Thorpe No. 142, m. Ü. 18), Zeile 8, ist zu allgemein 
gehalten: „Die andrer Leute Betteinkünfte ihrer Renten 
beraubt hat." 

Doch ganz und gar auf das Baten und Mutmassen 
sind wir nicht angewiesen. In den freilich unsicheren 
Personalbeschreibungen, die uns der Dichter giebt, ist 
doch ein anscheinend unbedeutender, aber m. E. wichtiger 
Anhalt dafür zu finden, dass die Frau, die den Dichter 
literarisch im Stich gelassen hatte, dieselbe sein kann, wie 
die, die ihn als seine Liebhaberin betrog. Erstere wird, 
wie wir oben gesehen, als „übelgefärbt" bezeichnet und 
von letzterer finden wir in Sonett (Thorpe 130, m. Ü. 20), 
eine Personalbeschreibung, deren dritte Zeile lautet: „Wenn 

Schnee weiss ist, so ist ihre Büste braun." Dass beide 

21 



— 322 — 

Stellen sich auf dieselbe Persönlichkeii beziehen köniren, 
scheint mir unzweifelhaft, und so werden unsere Bücke 
auch wieder auf Nash's „gelbgesichtige" Lady gelenkt. 
Wenn diese mit der schwarzen Frau identisch ist, so ist 
die grobe Ausdrucksweise Nash's gerechtfertigt. Die 
„Schweineschnauze" und der „regenzerschlagene" Fächer 
dürften dann die Bilder sein, mit denen er nicht nur seinen 
persönlichen Hass, sondern auch seine Verachtung des 
liederlichen Lebens dieser „alten Schachtel" ausdrücken 
wollte. 

Um den Kreis meiner Betrachtungen zu schliessen, 
bedarf es noch eines Versuchs, auch Harvey's Edeldame' 
(Lady Smith?) mit der „schwarzen Frau" zu identiflcieren, 
denn die Angabe, dass sie einen verliebten Freund gehabt! 
habe, für welche Schwäche Harvey sie damit entschuldigt, 
dass sie ein Weib sei, genügt zwar, um einen Schatten 
auf die Moral dieser „nicht grade schönsten" Frau zu 
werfen, aber nicht um zu beweisen, dass Sliakespeare der 
verliebte Freund gewesen sein kann. Dies lässt sich zu- 
nächst nur daraus mutmassen, dass die Zeit, in welcher 
sie den verliebten Freund als Beschützerin der Kunst 
gefunden hatte und in welcher Harvey schrieb, mit der 
Zeit übereinstimmt, in der Shakespeare in seiner Kunst 
hervortrat und das Verhältnis mit der „schwarzen Frau" 
gehabt haben kann. 

Einen ferneren Anhalt für diese Annahme finden wir 
in dem Lebensalter der beiden. Shakespeare war 29 Jahre, 
die Edeldame (Lady Smith) mindestens 36 Jahre. Und 
nun lese man Sonett (Thorpe 138, m. Ü. II), aber nicht 
in dem Wortlaute, wie es 1609 in die Sonettsammlung 
aufgenommen wurde, sondern so, wie es 10 Jahre früher 
im Passionate Pilgrim No, 1 stand: 

Sonett 1 im Passionate Pilgrim. 

Wenn meine Liebe schwört, dass sie aus Wahrheil gemacht ist, 
So glaube ich ihr, obgleich ich weiss, dass sie lügt. 
Damit sie mich für irgend einen thörichten Jüngling halte, 
Der noch unerfahren in den falschen Betrügereien der Welt ist. 



— 923 — 

So voll Eitelkeit glaujjend, dass sie mich für jung hält, 
, Obgleich ich weiss, dass meine Jahre den besten vorbei sind, 
Glaube ich lächelnd ihrer falsch sprechenden Zunge, 
Den Fehlern der Liebe mit der Unruhe der Liebe trotzig in*8 Gesicht 
Aber warum sagt meine Liebe, dass sie jung ist? [sehend. 

Und warum sage ich nicht, dass ich alt bin? 
O! die beste Gewohnheit der Liebe ist eine schmeichelnde Sprache, 
Und Alter, in Liebe, liebt nicht, die Jahre gezählt zu haben. 

Darum will ich mit der Liebe lügen, und die Liebe mit mir, 
Da unsere Fehler so in der Liebe vernichtet werden. 

Die Wichtigkeit dieses Sonetts für die Peststellung der 
schwarzen Frau kann nicht abgewiesen werden, weil eine 
ganz bestimmte Angabe über ihr Alter darin enthalten ist: 
sie muss älter gewesen sein als Shakespeare. Das würde 
in Bezug auf Lady Smith stimmen. Wenn das Sonett 1592 
geschrieben wäre, so könnte es auf den Tag gedichtet sein, 
an welchem Shakespeare sich in die Arme der alten Kokette 
mit melancholischen dunkeln Augen voll Geist und Klug- 
heit halb gegen sein besseres Verständnis geworfen hat. 
Mit guter Schulbildung, selbst schrif t st eller nd, und als Adlige 
wird sie viel Einfluss auf die Literaten geübt haben und 
so könnte auch die Wahrnehmung eigener literarischer 
Interessen mit Veranlassung für den Dichter geworden 
sein, die Rolle eines „affecHonate friend" bei ihr zu über- 
nehmen. 

Auch von anderer Seite scheint ein schwacher, aber 
allerdings sehr unsicherer Lichtstrahl auf dies Verhältnis 
zu fallen, der immerhin erwähnt werden mag: 

Vielfach ist die Frage aufgeworfen worden, wo der 
arme Schauspieler die in seiner Zeit teuern und seltenen 
Bücher her bekommen habe, deren Kenntnis man schon 
aus den Texten seiner frühesten Stücke nachweisen will. 
Natürlich lässt sich diese Frage nur mit Mutmassungen 
beantworten und eine solche sei mir gestattet. Wenn 
Lady Smith den gewiss stattlichen jungen angehenden 
Dichter „gefunden" und ?!;u ihrem „verliebten Freund" 
gemacht hatte, so scheint es möglich, dass _sie Jbm von 
ihren Büchern geliehen hat, soviel er ,beaötigt war. Sie 



— 884 — 

muss das Yerfügungsrecht über die ansehnliche Bficherei 
gehabt haben, die Sir Thomas Smith hinterliess (National 
Biography), denn sie hatte daraus an G. Harvey einige 
seltene Handschriften verschenkt. Dann wäre es immerhin 
auch möglich, dass sie — nicht wie bisher angenommen 
Graf Southampton — die in Sonett 78 angeredete Person 
wäre, in welchem Falle die Zeile 7: „Und fügtest Federn 
dem Flügel des Gelehrten (Harvey?) hinzu", sowie Zeilen 
13 und 14: „Du bist meine ganze Kunst; Du hebst meine 
rohe Unwissenheit hoch bis zur Gelehrsamkeit empor", 
ihre volle Erklärung finden würden*), denn „rohe Un- 
wissenheit" ist wol nur als überschwängliche dichterische 
Bescheidenheit aufzufassen. Jedenfalls spricht dieser Aus- 
druck dafür, dass in dem Sonett die Persönlichkeit ange- 
sprochen wird, die Shakespeare den allerersten literarischen 
Schutz angedeihen liess, und das könnte seine „schwarze 
Frau", eben „Lady Smith" gewesen sein. 

Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Eine un- 
antastbar sichere Beweisführung ist ausgeschlossen, weil 
man die Abfassungszeit der Sonette nicht nachweisen 
kann. Man ist eben immer nur auf das Raten und Ver- 
gleichen angewiesen. Sonst aber schliesst sich der Ejreis 
meiner Wahrscheinlichkeitsbeweise so gut zusanmien, dass, 
wie ich hoffe, die weitere Shakespeare-Forschung ihn be- 
achten wird. 

Die springenden Punkte seien hier kurz wiederholt: 

In Sonett 86 scheinen lauter Anspielungen auf Harvey's 
Schreibweise und dessen Sonett „Gorgone" zu sein. Trifft 
dies zu, so bezieht sich das „AuffüUeji seiner Schriften^^ 
auf die drei Sonette der „Edeldame", die dann wahrschein- 
lich Lady Smith hiess. 

Von dieser spricht Shakespeare in diesem Sonett als 
von einem „gar zu wertvollen Du". 

Sie scheint also auch identisch zu sein mit Shake- 
speare's „übelgefärbter Liebe" in Sonett 144, mit 



1) YergL Seite 8. 



— 828 — 

seiner „Frau mit brauner BOste^^ in Sonett 130 und mit 
der „gelbgesichtigen Lady" in Nash's Artikel „Natur 
eines Emporkömmlings". 

Dann wäre last not least Shakespeare identisch mit 
des letzteren „Emporkömmling" und mit Harvey's 
„verliebtem Freunde" der Edeldame. 



Die ungezählten „Wenn's" und „Aber's" der Sonetten- 
fragen kann ich natürlich nicht aus der Welt schaffen; 
Proben auf die Mutmassungen der vorigen Studien aus 
den Sonetten sind eben nur in Bedingungssätzen möglich; 
dann aber fallen die Ergebnisse, wie wir gesehen haben, 
überraschend genug aus. 



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Nachwort. 



■ 

Die erste Anregung zu vorstehenden Studien erhielt 
ich vor Jahren in einer heraldischen Gesellschaft. Mir 
wurde die Frage gestellt, ob denn die „Heraldik bei 
Shakespeare" schon behandelt worden sei? Ich musste 
dies für Deutschland verneinen.') Zögernd ging ich an 
die Arbeit, um wenigstens den Anfang einer entsprechenden 
Untersuchung zu machen. Ein Vergleich von A. Schmidt's 
Shakespeare -Wörterbuch mit dem Englisch - Deutschen, 
heraldischen Wörterbuch von Elvin ergab eine solche 
Menge gemeinsam gebrauchter Worte, dass ich ein neues 
Wörterbuch mit sprach- und heraldisch-wissenschaftlichen 
Erörterungen hätte schreiben müssen, um sie alle her- 
zählen zu können. Dazu fühlte ich mich weder berufen, 
noch vorbereitet genug. So habe ich mich in der fünften 
Studie damit begnügt, die am meisten in's Auge springenden 
heraldischen Eedewendungen und Worte aufzuführen, die 
zu Shakespeare's Zeit sicher oder mit hoher Wahrschein- 
lichkeit schon als solche betrachtet wurden. Deren grosse . 
Anzahl . stärkte in mir die Überzeugung, dass die Heraldik 
bei den Gebildeten jener Zeit eine viel grössere Rolle 
gespielt haben müsste, als in der Jetztzeit, und dass 
Shakespeare selbst viel Heraldik betrieben haben dürfte. 

Es entstand die Frage in mir, ob dieser Wissenszweig 
nicht der Forschung zu Gute kommen könne? Ich glaube 
diese Frage in vorstehenden Studien bejaht zu haben. 



*) In England war das Thema schon berührt worden, z. B. in 
„Shakeapeareana Genealogica" hy George Rüssel French. . • ' 



— 928 — 

Dass die in den Akten des Londoner Wappenamts 
lagernden Entwürfe nicht, wie es in der That geschehen 
ist, kurzer Hand als „lächerliche Behauptungen'' oder als 
„absichtliche Fälschungen der Herolde" zu betrachten sbd, 
war mir von dem ersten Augenblicke an klar, als ich ihre 
Facsimiles zu Gesichte bekam. Sie müssen bei der Suche 
nach Shakespeare's Abstammung beachtet werden und in 
der vierten Studie ist nachgewiesen worden, dass sich die 
darin enthaltenen Angaben sehr gut mit sonst ermittelten 
Thatsachen in Einklang bringen lassen. 

Überrascht wurde ich durch die in den Aktenvermerken 
von 1596 aufgejführte Thatsache, dass des Dichtes Vater 
John bereits 1576 ein Wappen, also eine heraldische Rang- 
erhöhung erhalten hatte. Die Wichtigkeit dieser Thatsache 
für die Forschung erhellt daraus, dass nunmehr Nash's 
j^qier of low degree*^ in seinem 1592 geschriebenen Artikel 
,yNaiure of an upstart" auch auf Shakespeare Vater be- 
zogen werden kann. So lässt sich jetzt schon mit einiger 
Sicherheit schliessen, dass unter Nash's „Emporkönmiling^' 
William Shakespeare gemeint ist, und dass wir in diesem 
Aufsatz die erste Erwähnung der Person des grossen 
Britten seitens eines zeitgenössischen Schriftstellers vor 
uns haben. Entkleidet man diese Satyre ihrer bissigen 
und galligen Vergleiche, so können wir folgende Schlosse 
daraus ziehen: 

Shakespeare hatte vor 1592 eine Beise gemacht, keine 
sehr weite, aber doch von so langer Zeitdauer, dass er 
reichlich fremdländische Eindrücke in sich anfinehmeii 
konnte. 

Er brachte diese Eindrücke als Neuerungen in Londoft 
sur Geltung, wusste sie geschickt gegen alle Angriffe m 
verteidigen und erregte mit den Erfolgen, die er halte, 
den Brodneid von Nash und Greene. 

Das Verhältnis mit der „schwanen Frau^ seiner 
Sonette bestand bereits um die Mitte des Jahres 
1682. — 



— 329 — 

Mein Versuch, die Vogelnamen in „TAe Phönix and 
Turtle'^ heraldisch zu betrachten, führte zu einer weiteren 
Überraschung. Zwei der angeredeten Vögel bilden die 
Schildzeichen in Wappen von Personen, die gemeint sein 
konnten. Der Spur folgend, gelangte ich zu einer Er- 
klärung dieses Gedichts, welches länger als drei Jahr- 
hunderte unverstanden in den Werken Shakespeare's ein 
bescheidenes Plätzchen' eingenommen hatte. In der sechsten 
Studie ist erwähnt, dass meine Enträtselungsweise in der 
Hauptsache bereits die Unterstützung des Professors der 
Anglistik Herrn Dr. A. Brandl gefunden hat. 

Ein für die Forschung wichtiges Ergebnis meiner 
Gedichtserklärung ist, dass Shakespeare im Jahre 1593 
einen Mann, wie Gabriel Harvey, als literarischen 
Gegner von sich abzuweisen genötigt war. Dieser gross- 
sprecherische Pedant hat also in der Literatur seiner 
Zeit eine Bedeutung gehabt, die ihm nach heutigen Urteil 
nicht zu Teil werden könnte. 

Vergleicht man Harvey's Schriften mit einzelnen 
Sonetten Shakespeare's, so stösst man, wie in der 
siebenten Studie ausgeführt, auf neue Überraschungen. 
Man kann ziemlich sicher schliessen, dass die von Harvey 
oft erwähnte Frau identisch ist mit der „schwarzen Frau" 
der Sonette Shakespeare's, dass diese nicht nur seine Ge- 
liebte, sondern auch seine erste literarische Beschützerin 
gewesen zu sein scheint, und dass an sie auch einige 
Sonette gerichtet sein dürften, die man bisher als Freund- 
schafts-Sonette oder als an einen Mann gerichtet zu er- 
klären versucht hat. — 

Vorstehende Studien sind in langen Zeitabständen 
von einander niedergeschrieben werden und zwar in den 
Jahren, in denen die neue deutsche Rechtschreibung 
Boden gewann. Unwillkürlich bin ich davon beeinflusst 
worden und habe erst zu spät gemerkt, dass verschiedene 
Worte nicht durchweg einheitlich geschrieben sind. Der 
Druck des Buches war leider schon zu weit vorgeschritten, 
um dem Übelstande noch abhelfen zu können. 



— 330 — 

Ich werde mich freuen, wenn die verehrten Leser, 
die mir bis hieher gefolgt sind, zugeben, dass ich mein 
im Vorwort gegebenes Versprechen eingelöst habe. Hoffent- 
lich wird der Laie einen interessanten Einblick in die 
Schwierigkeiten der Shakespeare-Forschung gethan haben 
und der Fachmann wird nicht umhin können, bei seinen 
weiteren Arbeiten der Heraldik einen grösseren Wert 
beizulegen, als dieses bisher geschehen ist. 

Charlottenburg, im Dezember 1902. 

Der Verfasser. 



— 331 — 



28, 


„ 2 V. u. sUtt: 


35, 


„ 10 v.u. statt: 


59, 


, 2 V. u. statt : 


66, 


^ 10 v.u. statt: 


99, 


„ 8 V. u. statt: 



Berichtigungen. 



Seite 11, Anm. 1, Zeile 2 v. n. statt: „mehere*' lies: «mehrere^ 
^ 26, Zeile 4 v. u. statt: „Warwickschire" Ües: „Warwickshire* 

„emd" ües: „dem" 
„wurde" ües: „wurden" 
„geschriebene" lies: „Oeschriebene" 
„Cptou" lies: „üpton'^ 
„der" Ües: „des" 
112, zwischen den Zeilen 12 u. 13 v. u. ist einzuschalten: 
„Diesen lautlosen Krieg zwischen Lilien und Rosen, 
„Den Tarquin auf dem Felde ihres schönen Antlitzes 

beobachtete" 
145, Zeile 4 v. o. statt: „sprang** lies: „sprung'* 
156, „ 11 V. o. hinter: „warf" einschalten: „den" 
207, „ 13 V. u. statt: „gesmamten" lies: „gesamten" 
223, „ 12 V. u. statt: „con"^ lies: „can'* 
258, „ 2 V. u. statt: „greaf* lies: „groat*^ 

305, „ 4 V. o. statt: „solchen" lies: „solche" 

306, „ 17 V. o. statt: „Mitarbeitein" lies: „Mitarbeiterin" 
316, „ 2 V. o.: vor „also" fehlt „der" 



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Drnck von Carl Salewald, Berlin C.